Schon das erste Telefonat zwischen dem israelischen Wahlsieger Ariel Scharon und Palästinenserführer Yassir Arafat machte deutlich, daß beide noch keine gemeinsame Sprache gefunden haben. Arafat verwies auf die dramatische Versorgungslage in den autonomen Gebieten, Scharon insistierte auf der Beendigung der "palästinensischen Gewalt" als Vorbedingung für die Aufnahme von Verhandlungen. Die zentrale Rolle der Sicherheitsfrage für israelische Politiker ist kein Novum. Für Scharon allerdings scheint sie - im Unterschied zu Ehud Barak - eine konkurrenzlos dominante, alle anderen Aspekte beiseite drückende Position einzunehmen. Zwar lassen sich Scharons Vorstellungen hinsichtlich des Palästinenserkonflikts noch nicht in Gänze überblicken, doch deutet alles darauf hin, daß sich auch unter der großen Koalition (Likud-Block, Arbeitspartei und kleinere Parteien) der Beginn von Gesprächen über den Endstatus der Autonomiegebiete weiter verzögern wird. Sollte der neue Außenminister Shimon Peres das von Ehud Barak im Vorjahr in Camp David unterbreitete Angebot in vollem Umfang wiederholen, könnte die neue Koalition auseinanderbrechen.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.