Ausgabe Juni 2001

Mehr Ungleichheit wagen?

Zum anhaltenden Boom der Egalitarismuskritik

Auf Gerechtigkeit berufen sich nicht nur Kritiker der realen Ungleichheit in der Gesellschaft, sondern auch die Gegner des Gleichheitsideals, des so genannten Egalitarismus. Besorgt verweisen Egalitarismuskritiker aller Länder darauf, daß selbst ein Jahrzehnt nach der Implosion des größten Gleichheitsexperiments immer noch Restbestände der Gleichheitsideologie, vor allem in Westeuropa, schweren Schaden anrichten. Moderne Reformer aller Parteien müssten daher weiter gegen jenen zählebigen linken Traditionalismus kämpfen und der realistischen Einsicht zum Sieg verhelfen: Nicht Gleichheit diene dem Gemeinwohl, sondern "Gerechtigkeit" also Ungleichheit. Denn die unterschiedliche persönliche Leistungsfähigkeit der Menschen führt zu ungleichen Ergebnissen. Diese durch sozialstaatliche Umverteilung wieder ausgleichen zu wollen, würde sowohl gegen die Gerechtigkeit verstoßen als auch die gesellschaftliche Dynamik lähmen. "Gesellschaften mit mehr Ungleichheit sind dynamischer", predigt unter anderen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller.

Auch die Diskurse über Grundsatzfragen unserer Gesellschaft vermitteln den Eindruck: Teile der intellektuellen Eliten aller Richtungen empören sich mehr über Gleichheit als über Ungleichheit.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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