„Donc, je crois qu’ils ont manqué une bonne occasion de se taire“ – sie hätten eine gute Gelegenheit verpasst zu schweigen, haben sich die Regierungen Estlands, Lettlands und Litauens vom französischen Präsidenten Chirac bescheinigen lassen müssen. Die Erklärung vom 5. Februar, in der die Regierungen der so genannten Vilnius-Gruppe – Albanien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Rumänien, Slowakei und Slowenien – ihre Solidarität mit der Irak-Politik der US-Regierung und implizit ihre Kritik an der Europäischen Union formulierten, kommt nicht überraschend. Eine Erklärung des litauischen Außenministeriums vom 30. Januar, eine Erklärung der lettischen Außenministerin vom 31. Januar und die estnische Unterstützung der im Aufruf acht europäischer Staats- und Regierungschefs vom 30. Januar angesprochenen Ideen und Werte erlauben keinen Zweifel daran, dass den baltischen Regierungen auch nach der Einladung in NATO und EU die Allianz und die bilateralen Beziehungen mit den USA wichtiger sind als die Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik.
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.