"Überraschung", "Linksruck" und "Instabilität" lauten die Schlagworte, mit denen die Kommentatoren den Ausgang der kanadischen Wahlen vom 28. Juni 2004 beschreiben. In der Tat ist das Wahlergebnis eine faustdicke Überraschung vor allem für jene Demoskopen, die noch bis zum Wahltag ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der regierenden Liberal Party unter Premierminister Paul Martin und der oppositionellen Conservative Party of Canada vorausgesagt hatten. Stattdessen werden die Liberalen mit 36,7 Prozent der Stimmen (135 Abgeordnete) vermutlich eine Minderheitsregierung stellen können und damit die Konservativen, die lediglich 29,6 Prozent (99 Sitze) erlangten, klar auf Platz 2 verweisen. Die sozialdemokratische New Democratic Party (NDP) verdoppelte ihren Anteil auf 15,7 Prozent (19 Sitze). Die Grünen errangen einen Achtungserfolg mit 4,3 Prozent, blieben aber aufgrund des Mehrheitswahlrechts ohne Abgeordnete. Überrascht hat auch das gute Abschneiden des nur in der frankophonen Provinz Québec angetreten Bloc Québécois mit landesweit 12,4 Prozent (54 Abgeordnete).
In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.