Ausgabe August 2005

Welches Wachstum hat Vorfahrt?

Im Zentrum des Bundestagswahlkampfes steht die dramatische Arbeitslosigkeit. Bundespräsident Horst Köhler hat für diese Debatte den Takt vorgegeben: Nötig sei "eine politische Vorfahrtsregel für Arbeit". Politisches Handeln, das dem Ziel der Schaffung von Arbeitsplätzen widerspricht – oder doch in Widerspruch dazu geraten könnte –, muss demzufolge unterlassen werden.

Diese bedingungslose "Vorfahrt für Arbeit" heißt aber auch bedingungsloses Wirtschaftswachstum, das, nach gängiger Lesart, die Arbeitsplätze schaffen soll. Gleichzeitig werden andere bedeutende und langfristige gesellschaftliche Ziele, etwa die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen, zur Makulatur. "Wirtschaftliches Wachstum" wird damit endgültig zum überragenden Leitbild unserer Gesellschaft, dem sich alle anderen Werte und Ziele unterordnen müssen. Aber welches Wachstum eigentlich das richtige ist und welches wir uns leisten können – danach wird nicht mehr gefragt.

Wer demgegenüber wirtschaftliches Wachstum in Frage stellt oder kritisiert, gilt gemeinhin als reif für die Irrenanstalt. Das war nicht immer so. Vor über 30 Jahren prognostizierte der Amerikaner Dennis Meadows "Die Grenzen des Wachstums". Er sagte voraus, dass den Menschen sehr bald die Rohstoffe ausgehen würden. Mit dieser Prognose lag er vorerst falsch.

Sie haben etwa 5% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 95% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (3.00€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Die Kunst der Bricolage

von Frank Adloff

Der Ausweg aus der dramatischen Doppelkrise aus fortschreitender Klimaerwärmung und schwindender Biodiversität muss ein schrittweises Handeln sein, das ökologische Modernisierung und radikalen Systemwandel gleichzeitig verfolgt.