Ausgabe Juni 2007

Backlash am Bosporus

Nach fast fünf Jahren relativer Stabilität und jährlichen Wachstumsraten der Wirtschaft von über sechs Prozent ist die Türkei plötzlich wieder in der Krise. Was viele auswärtige Beobachter überraschte, hatte sich allerdings schon über Monate angekündigt. Manifest wurde die Krise mit dem „virtuellen Putsch“ der Militärs, die am 27. April kurz vor Mitternacht eine Erklärung auf ihrer Website veröffentlichten, die in der Türkei einen Schock auslöste. Kaum verklausuliert wurde da mit Putsch gedroht, falls die regierende moderat-islamische „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (AKP) weiterhin versuchen sollte, Außenminister Abdullah Gül zum neuen Präsidenten zu wählen. „Wir sehen einen elementaren Grundsatz des Staates, den Laizismus, gefährdet“, erklärten die Generäle und drohten damit, gegen die angeblichen Versuche einer Re-Islamisierung der Republik eindeutig Position zu beziehen.

Das Scheitern des EU-Beitritts

Auf den ersten Blick scheint die zeitliche Koinzidenz der Krise in der Türkei und der Wahl von Nicolas Sarkozy zum neuen französischen Präsidenten reiner Zufall zu sein. Bis zu einem gewissen Grad ist sie das auch. Die türkischen Generäle haben in der Tat nicht mit einem Putsch gedroht, weil sie annehmen mussten, dass zehn Tage später die Rechte in Frankreich die Wahlen gewinnen würde.

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Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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