Ausgabe Juni 2008

Die neue Lust an der Masse

Ob Fußball-Europameisterschaft oder Olympiade, auf eines ist Verlass: die Lust an der Masse. Spätestens dann, wenn in Wien, Berlin oder anderen Städten Europas zu den Finalpartien Ende Juni zum sogenannten public viewing wieder große Fanmeilen errichtet werden, dürften Hunderttausende auf den Beinen sein und sich Fähnchen schwenkend dem Bad in der Menschenmenge hingeben.

Nur der Intellektuelle steht regelmäßig abseits und stellt sich die alte Frage: Was soll daran lustvoll sein? Noch immer löst die anonyme, ziellose Masse bei ihm eher Abwehr und Ängste aus. Der zu Empfindliche meidet öffentliche Verkehrsmittel, könnte er doch auf allzu viele, undisziplinierte Leute stoßen, die vielleicht, über die körperliche Berührung hinaus, auch noch riechen, schwitzen und viel zu laut sind. Aufgrund zu großer Menschendichte auch nur versehentlich angeschubst zu werden, empfinden manche schon als Übergriff und erwarten eine Entschuldigung.

Der Mensch des Geistes, der etwa einen massenpsychologischen Essay liest, liebt das einsame und ruhige Vergnügen, will sich hineinvertiefen, von niemandem stören lassen. Er sucht Erkenntniszuwachs, schätzt geistige Autonomie. Die Masse liebt er nur unter dem Vorbehalt, dass sie diszipliniert ist und sich an zivilisatorische Spielregeln hält. Berechenbarer und deshalb verlässlicher erscheint die Elite. Sie gilt als rational und kultiviert. Die Masse hingegen als dumpf und irrational.

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In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

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