Ausgabe Oktober 2008

Kosovo im Kaukasus: Völkerrecht im Handgemenge

Knapp zwei Monate sind seit dem Beginn des jüngsten Kaukasus-Krieges vergangen. Der Pulverdampf hat sich verzogen, die Lage wird klarer. Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um hinter dem militärischen Abenteuer des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili die Vereinigten Staaten zu vermuten – schließlich haben die USA das Land jahrelang militärisch aufgerüstet, politisch unterstützt und als künftigen Stützpunkt an der Südgrenze Russlands aufgebaut. Ob mit oder ohne NATO: Die Einkreisung Russlands ist, neben der Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens, weiterhin das zentrale Projekt der US-Außenpolitik. Ihre eigene absolute militärische Überlegenheit hat die US-Regierung dabei offenbar für die Sicherheitsbedürfnisse anderer Staaten – insbesondere des Iran oder Russlands – desensibilisiert. Selbst die zaghaften Vorbehalte von NATO-Verbündeten scheinen die Administration kaum zu beeindrucken. Dabei wissen alle Beteiligten, dass Regierung und Militär in Moskau die US-Strategie als Bedrohung ansehen. Insofern hätte man auch wissen können, dass Russland dieser Einkreisung auf Dauer nicht tatenlos zusehen würde. Und so kam es, wie es kommen musste: Der russische Einmarsch in Georgien ist offensichtlich die erste militärische Reaktion der russischen Führung auf US-Strategie und NATO-Ausweitung.

Sie haben etwa 8% des Textes gelesen. Um die verbleibenden 92% zu lesen, haben Sie die folgenden Möglichkeiten:

Artikel kaufen (1€)
Digitalausgabe kaufen (10€)
Anmelden

Aktuelle Ausgabe Juni 2026

In der Juni-Ausgabe deutet Andreas Püttmann den Aufstieg der Rechten als Ausdruck einer tiefgreifenden kulturellen Krise und eines entgrenzten Narzissmus. Meron Mendel plädiert für eine Pluralisierung der Erinnerungskultur, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet. Angesichts des gegenwärtigen autoritären Umbruchs entwirft Franziska Brantner einen neuen Liberalismus, der Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zusammendenkt. Nina Kolleck erklärt, warum die Nutzung von Social Media kein Privatproblem ist und die Verantwortung für deren gravierende Folgen zuvorderst bei den Plattformbetreibern liegt. Carola Lentz würdigt die Geschichte des Goethe-Instituts und die demokratische Qualität seiner Kulturarbeit, die heute zunehmend in das Fahrwasser rauer Machtpolitik gerate. Wolfgang Zellner lotet in einer von Ordnungszerfall und Großmachtkonkurrenz geprägten Welt die Handlungsspielräume Europas aus, während Wolfgang Kaleck fragt, wie sich das Völkerrecht gegen Trump verteidigen – und weiterentwickeln – lässt.

Zur Ausgabe Probeabo

Weitere Artikel zum Thema

Am Rande des Abgrunds: Britische Demokratie in der Krise

von Annette Dittert

Es war sicher kein Zufall, dass Banksy seine erste große Skulptur genau eine Woche vor den wichtigen britischen Regionalwahlen am 7. Mai mitten im Herzen von Westminster aufgestellt hatte. Als hätte er das Wahlergebnis vorhergesehen, zeigt Banksy einen Mann auf einer hohen Säule, in der rechten Hand eine riesige schwarze Flagge.

»10-Millionen-Schweiz«: Mauern gegen die Polykrise

von Cédric Wermuth

Am 14. Juni stimmt die Schweiz per Referendum über eine Initiative ab, die europaweit Schule machen könnte. Unter dem Titel »Keine 10-Millionen-Schweiz« verlangt die rechtsnationalistische Schweizerische Volkspartei die Einführung eines Bevölkerungsdeckels in der Verfassung.