Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust vom 28. Januar 2000 (Wortlaut) | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Stockholmer Erklärung des Internationalen Forums über den Holocaust vom 28. Januar 2000 (Wortlaut)

 

Vom 26. bis 28. Januar 2000 fand in Stockholm auf Initiative des schwedischen Ministerpräsidenten Persson eine internationale Holocaust-Konferenz (The Stockholm International Forum on the Holocaust) statt, an der neben Überlebenden und Wissenschaftlern Delegationen aus knapp 50 Ländern teilnahmen. In ihrer Schlußerklärung, die wir im Wortlaut dokumentieren, verpflichten sich die Teilnehmer unter anderem, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten und gegen Völkermord, ethnische Säuberungen, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit anzukämpfen. – D. Red.

Wir, Hohe Repräsentanten von Regierungen beim Stockholmer Internationalen Forum über den Holocaust, erklären: 1. Der Holocaust (Shoah) hat die Fundamente der Zivilisation grundlegend in Frage gestellt. Der beispiellose Charakter des Holocaust wird immer universelle Bedeutung behalten. Nach einem halben Jahrhundert liegt das Ereignis zeitlich noch so nahe, dass Überlebende Zeugnis ablegen können über den Schrecken, der das jüdische Volk verschlungen hat. Das schreckliche Leid der vielen Millionen anderer Opfer der Nazis hat ebenfalls eine unauslöschliche Narbe auf dem europäischen Kontinent hinterlassen. 2. Das Ausmaß des Holocaust, geplant und ausgeführt von den Nazis, muss in unserem kollektiven Gedächtnis für immer eingebrannt sein. Die selbstlose Opferbereitschaft derjenigen, die sich den Nazis widersetzt und manchmal ihr eigenes Leben gegeben haben, um die Opfer des Holocaust zu schützen oder zu retten, muss ebenso in unseren Herzen festgeschrieben sein. Die Tiefen dieses Schreckens und die Größe ihres Heldenmuts können Eckpunkte unseres Verständnisses der menschlichen Fähigkeiten zu Bösem und zu Gutem sein. 3. Da die Menschlichkeit noch immer von Völkermord, ethnischen Säuberungen, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verletzt wird, teilt die internationale Gemeinschaft eine feierliche Verpflichtung, gegen diese Übel anzukämpfen. Gemeinsam müssen wir die schreckliche Wahrheit des Holocausts gegen diejenigen verteidigen, die ihn leugnen. Wir müssen die moralische Verpflichtung unserer Völker und die politische Verpflichtung unserer Regierungen stärken, um sicher zu stellen, dass künftige Generationen die Ursachen des Holocaust verstehen und über seine Folgen nachdenken können. 4. Wir geloben, unsere Bemühungen zur Förderung von Unterricht, Erinnerung und Forschung über den Holocaust zu verstärken, sowohl in denjenigen unserer Länder, die bereits viel dafür getan haben als auch in denjenigen Ländern, die sich diesem Bemühen anschließen möchten. 5. Wir teilen eine Verpflichtung, die Erforschung des Holocaust in all seinen Dimensionen anzuregen. Wir werden den Unterricht über den Holocaust an unseren Schulen und Universitäten, in unseren Gemeinden ebenso wie an anderen Einrichtungen fördern. 6. Wir teilen eine Verpflichtung, der Opfer des Holocaust zu gedenken und diejenigen zu ehren, die sich ihm entgegenstellten. Wir werden angemessene Formen des Holocaust-Gedenkens fördern, darunter einen jährlichen Holocaust-Gedenktag in unseren Ländern. 7. Wir teilen eine Verpflichtung, Licht in die noch immer finsteren Schatten des Holocaust zu bringen. Wir werden alle notwendigen Schritte unternehmen, die Öffnung von Archiven zu erleichtern um sicher zu stellen, dass alle Dokumente mit Bezug zum Holocaust Forschern zugänglich sind. 8. Es ist angemessen, dass diese erste wichtige internationale Konferenz des neuen Jahrtausends ihre Verpflichtung bekundet, die Saat einer besseren Zukunft auf den Boden einer bitteren Vergangenheit zu pflanzen. Wir fühlen mit dem Leid der Opfer und ziehen Inspiration aus ihrem Kampf. Unsere Verpflichtung muss sein, uns an die umgekommenen Opfer zu erinnern, die unter uns lebenden Überlebenden zu respektieren und das gemeinsame Streben der Menschheit nach gegenseitigem Verständnis und Gerechtigkeit zu bekräftigen.

 

 

(aus: »Blätter« 3/2000, Seite 375-374)

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