Kulturbruch mit der alten Linken | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Kulturbruch mit der alten Linken

von Benjamin Mikfeld

"89er", "Generation Berlin", "Generation Flex" oder gar "Generation Golf" - an Etikettierungen herrscht kein Mangel. Ungeachtet der unterschiedlichen Akzentuierungen zieht sich die These von einer postideologischen Generation "unternehmerischer Einzelner" (Heinz Bude) durch alle Bestandsaufnahmen. Und ein oberflächlicher Blick ins Alltagsleben bestätigt diesen Befund: Sich speziell an junge Erwachsene richtende Karrierezeitschriften sprießen wie Pilze aus dem Boden, und neuerdings sind die Aktienkurse auf dem Neuen Markt genauso Diskussionsthema auf Schulhöfen wie die Musikcharts oder die Bundesligaergebnisse. Auch die Ergebnisse der Landtagswahl in Schleswig-Holstein scheinen auf einen solchen Trend hinzuweisen: SPD und Grüne sind bei den Erstwählern und Erstwählerinnen eingebrochen. Die relative Stärke der FDP und sogar der vermeintlich diskreditierten CDU sind aber nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere lautet: Ein großer Teil vor allem der eher sozialdemokratischen Klientel wandert ins Lager der Nichtwähler und droht, sich vollends aus der politischen Beteiligung zu verabschieden.

Hinter der Glitzerfassade der jungen Ich-Unternehmer und Sandkasten-Spekulanten liegt die eigentliche Welt der jungen Generation. Sie ist - wie immer - komplizierter. Jugendliche und junge Erwachsene wachsen heute in einen Kapitalismus hinein, in dem viele Gewissheiten der "stabilen Vergangenheit" (Richard Sennett) nicht mehr gelten. Da keine neuen Gewissheiten zur Verfügung stehen, bleibt ihnen keine andere Wahl, als sich selbst auf dem Markt der Möglichkeiten so optimal wie möglich zu platzieren. Der Zerfall des alten "Modells Deutschland" mit seinen nationalen Regulations- und Aushandlungsmustern, seiner ökonomischen Basis, seiner Sozialstruktur und seiner geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist wohl die prägende Generationserfahrung. Mehr als älteren Generationen ist ihnen klar, dass eine neue Epoche des Kapitalismus anbricht. Das was Michel Aglietta als "neues Akkumulationsregime" 1) analysiert, wird auch subjektiv als Bruch mit alten fordistischen Zeiten verarbeitet. Wer heute einen Beruf erlernt und in das Erwerbsleben einsteigt, kann sich immer weniger sicher sein, diesen das ganze Leben lang auszuüben. Vielfach wechseln sich unterschiedliche Formen von abhängiger und (schein-)selbständiger Arbeit ab. Die Anforderungen an "unternehmerische" Eigenverantwortlichkeit, an zeitliche und räumliche Flexibilität und kontinuierliche Weiterentwicklung der beruflichen Kompetenzen steigen. Zwar gilt dies längst nicht für alle jungen Erwerbstätigen. Dennoch wird der Umbruch als historisch neue Situation wahrgenommen, die sich tendenziell verallgemeinert. Diese neuen Formen der Erwerbsarbeit werden subjektiv nicht ausschließlich als Problem, sondern auch als Steigerung der individuellen Flexibilitätsspielräume, Herauslösung aus tradierten Zwängen und damit als qualitativ neue Stufe der gesellschaftlichen Organisation von Arbeit angesehen. Die Biographien und Lebensweisen der Elterngeneration taugen immer weniger als Vorbild für die eigene Lebensplanung.

Auch die neue Shell-Jugendstudie kommt zu diesem Resümee: "Jugendliche wachsen hinein in eine Erwachsenenwelt, in der biografisch improvisiert werden muß (und kann) wie nie zuvor" 2). Die neue flexible, vor allem durch die Dienstleistungsbranchen geprägte "Arbeitsverfassung" spiegelt sich in der beruflichen Wunschliste wider, in der die Branchen Medien (19%), Computer (15%) und Bildung (13%) ganz oben stehen. Die zukünftige Arbeitsgesellschaft wird geprägt durch die massenhafte Verbreiterung der neuen Informationstechnologien. Neue Wertschöpfungsstrukturen und Arbeitsrealitäten werden von der jungen Generation unmittelbar aufgebaut und gestaltet. Hier verfügt sie über Kompetenzen, durch die sie sich gravierend von ihren Vätern und Müttern unterscheidet. Die schnelle boomende Softwareschmiede und die freiberuflich heimarbeitende Webdesignerin sind generationenprägende Phänomene der 90er. Aber auch Alltagsrealität und Lebensweisen werden beeinflusst durch Internet & Co. Es entstehen neue Formen der Informationsbeschaffung, der Kommunikation und der politischen Artikulation. Die Jungen zwischen 16 und 30 haben durch PC und Internet in der Regel eine größere Veränderung oder sogar Bereicherung ihres Lebens erfahren als durch irgendein Gesetz oder eine politische Massenbewegung. Der laut Shell-Studie ausgeprägte Zukunftsoptimismus bei den Gewinnern der Modernisierungsentwicklung zeigt, dass sich gerade diese Teile der jungen Generation als Aufbaugeneration des flexiblen Kapitalismus verstehen.

Alternativ? Nein danke!

Jedoch sind die Chancen, den eigenen Lebensentwurf zu realisieren, selbstverständlich ungleich verteilt. In den 60ern und 70ern hieß es: "Unsere Kinder sollen es einmal besser haben." Wohlfahrtsstaat und Bildungsreform haben den sozialen Raum geöffnet und den Kindern der alten Aufbaugeneration neue Aufstiegschancen ermöglicht. Während in den 80ern noch die Chance für progressive Politik gesehen wurde, an den Resultaten der Bildungsreform, der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensstile anzuknüpfen, hat im gleichen Zeitraum die konservative Politik zu einer Schließung des sozialen Raums, das heißt zu einer Verschärfung sozialer Ungleichheit und einer Blockierung gesellschaftlicher Aufstiegschancen geführt. Wer heute 16 Jahre alt ist, kennt keine andere Situation, als dass der monatliche Arbeitsmarktbericht der Bundesanstalt für Arbeit einen Pegelstand von mindestens zwei Millionen Arbeitslosen angibt. Armut wird zu einem wachsenden Problem, das gerade Kinder und Jugendliche betrifft und die persönlichen Entwicklungschancen entscheidend prägt. Jugendliche sind früh konfrontiert mit der Konkurrenz um Bildungszugänge, Arbeitsplätze und individuelle Zukunftschancen. Damit ergeben sich neue Spaltungen bereits im Kinder- und Jugendalter: "Unterhalb der säkularen Tendenz der Individualisierung und der Pluralisierung der Lebensformen ist die ungebrochene Kraft ökonomischer Ungleichheit heute wieder deutlicher zu 'spüren'" 3). Diese Spaltungen werden während der Ausbildung zementiert. Jüngste Expertengutachten sprechen von einer "'Konservierung der Bildungsarmut' für nahezu ein Fünftel der Jugendlichen, die aus dem System der beruflichen Bildung verdrängt werden." 4) Die Notwendigkeit zur Selbstorganisation verschärft bestehende Chancenungleichheiten. Um so problematischer ist es vor diesem Hintergrund, dass eine Reihe von jungen Meinungsmachern in Medien und Politik sich fast ausschließlich auf die Gerechtigkeit zwischen den Generationen konzentrieren und eigentlich die Aufkündigung des Generationenvertrages meinen. Die Gerechtigkeit innerhalb der jungen Generation scheint ihnen egal zu sein. Dass gerade die "relativen Gewinner" der Modernisierungsentwicklung an individuellen Strategien arbeiten, sich im flexiblen Kapitalismus einzurichten, das wirft für die politische Linke einige Fragen auf. Auch die Shell-Studie demonstriert den Bruch der jungen Generation mit der alten Linken: "Der Wertehimmel der Nachkriegszeit und Wachstumswunder hat sich ebenso in Wohlgefallen aufgelöst wie der Wertehimmel der Alt-68er." 5)

Gegenüber den 80ern hat sich ein noch nicht verarbeiteter Bruch vollzogen: Waren es damals noch wichtige "linke" Meinungsmacher der Jugend, die ein skeptisches Zukunftsbild hatten, hat sich der Zukunftspessimismus nun vollends ins Lager der benachteiligten Jugendlichen verlagert. Eine Ursache ist darin zu sehen, dass in beiden alten linken "Welten" der Nachkriegszeit keine hinreichende Antwort auf die Umbruchprozesse gefunden wurde. Eng verbunden mit dem Modell Deutschland ist eine "sozialdemokratisch" geprägte Politikwelt, die inhaltlich heterogen ist und mehrere politische Strömungen - vom Sozialpartnerschaftsgedanken der CDA bis zur sozialistischen Gewerkschaftslinken - trotz heftiger ideologischer Auseinandersetzungen integriert. Diese "Modell-Deutschland-Welt" basiert im wesentlichen auf den ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen der Ära des Fordismus. Dazu passt ein fortschrittsgläubiges Technikverständnis, die Orientierung am männlichen Lebensentwurf und die Fixierung auf den Nationalstaat. Die Reproduktion jener Welt erfolgte über die recht stabilen Arbeitnehmermilieus, die Einbindung im Betrieb, in der Gewerkschaft, in der Nachbarschaft etc. Sie läuft mittelfristig in die Sackgasse, weil neue Arbeits- und Lebensrealitäten zunehmend in Widerspruch zu dieser Welt geraten. "Gewerkschaftliche Vorstellungen von einem anzustrebenden Zustand der Vollbeschäftigung sind häufig noch von der kurzen fordistischen 'Erfolgsgeschichte' geprägt und reflektieren zu wenig, dass es heute angesichts der neuen Dimension von Massenarbeitslosigkeit und der Erosion des 'Normalarbeitsverhältnisses' um die grundsätzliche Neubestimmung des Verhältnisses von (Erwerbs-) Arbeit und gesellschaftlicher Integration geht." 6) Die Zunahme von auf die Entwicklung der eigenen Erwerbsbiographie bezogenen Ansprüchen führt dazu, dass die Identifikation mit kollektiven Interessenvertretungen abnimmt und einer "Versicherungsmentalität" weicht. Auch der alte Wohlfahrtsstaatskonsens wird zunehmend als "okkulte Solidarität" 7) wahrgenommen. In Abgrenzung zu dieser Welt ist als Fortsetzung des 68er-Impulses in den 70er und frühen 80er Jahren eine linksalternative Gegenwelt entstanden. Kritisiert wurde die patriarchale, militaristische und wachstumsfixierte Ausrichtung des Modell Deutschland. Die sozialdemokratische Suche nach der verlorenen Jugend konnte Anfang der 80er schnell beendet werden. Man fand einen großen Teil der Jugend bei den "Grünen", die die Themen der Neuen Sozialen Bewegungen (Frieden, Ökologie, Frauen) in eine parteipolitische Formation integrieren konnten und schnell zu einer Kraft im parlamentarischen Raum aufstiegen.

Orientierungslos

Im Jahr 2000 aber sieht die Sache anders aus. Viel mehr noch als die Sozialdemokratie taumeln Bündnis 90/Die Grünen auf der Suche nach einem Jungbrunnen orientierungslos herum. Während die ökoliberalen Realos versuchen, mit Guido Westerwelle um die jungen Eliten zu konkurrieren, stützen sich andere nach wie vor auf die linksalternative Gegenwelt und entsprechende Protestmilieus, die jedoch in den 90ern einen rapiden Bedeutungsverlust hinnehmen mußten und unter den 20- bis 30-Jährigen Sympathisanten finden. Zum einen haben Frauen- oder Ökologiebewegung durchaus Erfolge gehabt und sich durch eine Professionalisierung die Zustimmung der jungen Generation erarbeitet (wie etwa Greenpeace) - oder sie leben "unsichtbar" in der jungen Generation weiter: "wenn junge Frauen heute die Frauenbewegung für überholt halten, so sind doch ihr Handeln und ihre Lebensweise von dem geprägt, was die Frauenbewegung erreicht hat." 8) Zum anderen hat sich aber auch gegenüber den Protestmilieus ein Kulturbruch vollzogen. Die WG während des Studiums ist längst kein Gegenentwurf menschlichen Zusammenlebens mehr, sondern ein soziales und ökonomisches Zweckbündnis auf Zeit. Auch sind der Technikskeptizismus und der elitäre Kulturpessimismus der Linksalternativen einer deutlich offeneren bzw. ironischen Haltung gegenüber technischen Innovationen und Massenkultur gewichen. Sicherlich gibt es nach wie vor eine breite Ablehnung der Atomenergie, zumal die älteren Jugendlichen Tschernobyl in ihrer Kinderzeit erlebt haben. Aber zur Lebensidentität (man erinnere sich an die frühen 80er, als sich der rotgelbe "Atomkraft? Nein Danke!"Aufkleber auf jedem zweiten R4 oder Käfer fand) wird die Kritik längst nicht mehr erhoben. Sowohl die das "Modell Deutschland" tragende Linke als auch die Linke, die sich in Abgrenzung zu diesem Modell herausgebildet hat, haben sich historisch erschöpft. "Die kulturelle und politische Regression eines Teils der Linken" 9) vertieft die Kluft zwischen den Generationen. Insofern ist es durchaus nachvollziehbar, wenn Jugendliche nicht am Gestern kleben, sondern sich in die Zukunft einschreiben wollen - wenn nicht kollektiv, so doch zumindest individuell.

Neue Netze sozialer Aktivität

Damit ist die junge Generation aber keine Ansammlung egoistischer "unternehmerischer Einzelner" geworden. Solidarität wird reflexiver und ist Gegenstand individueller Entscheidungen. Es entstehen neue Netze sozialer Aktivität und ehrenamtlichen Engagements, die nicht in die bisherigen politisch-kulturellen Schablonen passen. Wir haben es zwar mit einem kulturellen Bruch gegenüber beiden linken Welten sowie ihren Themen und Aktionsformen zu tun, aber Guido Westerwelle sollte sich nicht zu früh freuen. Gerade die modernen Arbeitnehmermilieus sind progressiver, als viele denken. 10) Neoliberale sind auch unter Jugendlichen eine radikale Minderheit und die Frage, wo sich die "neue Mitte von morgen" politischideologisch verortet, ist noch nicht beantwortet. Der Alltagspragmatismus Jugendlicher bedeutet nicht, dass sie von politischen Leitbildern nichts mehr wissen wollen; sie erwarten jedoch Antworten auf die konkrete Realität. Das Zocken mit Aktien und die gleichzeitige Skepsis gegenüber dem globalen ShareholderValue-Kapitalismus ist symptomatischer Widerspruch unserer Zeit, dem die Linke sich stellen muss.

Allerdings trägt die rot-grüne "Regierungslinke" mit dem Neuaufguss des Thatcher'schen TINAPrinzips ("There Is No Alternative") nicht unbedingt dazu bei, Jugendliche für eine linke Alternative zu gewinnen. Will die Linke die junge Generation zurückgewinnen, muß sie zwei Strategien miteinander verzahnen. Zum einen müssen Jugendliche, die zu den Modernisierungsverlierern im flexiblen Kapitalismus gehören, überhaupt wieder vom Sinn demokratisch legitimierter Politik überzeugt werden. Ihre Interessen materiell und symbolisch zu vertreten, ist daher das Gebot der Stunde. Zum anderen muss sich die Linke auf "postfordistische" Arbeits- und Lebensweisen einlassen. Es geht nicht um die Verhinderung von Individualität, Flexibilität und Leistung, sondern darum, diese Potenziale erst vollständig zur Entfaltung zu bringen. "Lebenspolitik" 11) bedeutet demnach, selbstgewählte Lebensentwürfe zu ermöglichen. Politik muss die gesetzlichen Rahmenbedingungen und materiellen Ressourcen für Eigeninitiative und Selbstorganisation bereitstellen. Die Schlüsseffrage ist die der "Beschäftigungsfähigkeit": der Möglichkeit, die eigene Erwerbsbiographie organisieren zu können. Dies hat erhebliche Konsequenzen für Bildungssystem und Sozialstaat. Wer nicht will, dass beide von der jungen Generation schleichend privatisiert werden, muss die Reformdebatte jetzt führen.

1) Michel Aglietta, Ein neues Akkumulationsregime. Die Regulationstheorie auf dem Prüfstand, Hamburg 2000. 2) Deutsche Shell (Hg.), Jugend 2000, 13. Shell-Jugendstudie, Opladen 2000, S. 156. 3) Andreas Klocke, Soziale Disparitäten in der jungen Generation. Risiko für den Generationenvertrag? In: "Gewerkschaftliche Monatshefte", 11/1999, S. 708. 4) Berliner Memorandum zur Modernisierung der Beruflichen Bildung, hg. von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen, Berlin, 1999, S. 16. 5) Deutsche Shell, a.a.O., S. 93. 6) Rolf Schmucker, Wachsende Entfremdung. Zur Distanz zwischen Jugendlichen und Gewerkschaften, in: "Z - Zeitschrift Marxistische Erneuerung": 3/1998, S. 22. 7) Bruno Trentin, Die Befreiung der Arbeit. Die Gewerkschaften, die Linke und die Krise des Fordismus. Hamburg 1999. S. 52. 8) Birgit Geissler, Zum Zusammenhang von Generationen- und Geschlechterkonflikt, in: "Gewerkschaftliche Monatshefte", 11/1998, S. 722. 9) Trentin, a.a.O., S. 55. 10) Vgl. Michael Vester, Gibt es eine "neue Mitte"? Die gesellschaftliche Basis für eine sozialdemokratische Reformpolitik, in: "argumente", 23/1999, Juso-Bundesverband, Berlin, S. 38-55. 11) Vgl. dazu Bettina Kohlrausch, Benjamin Mikfeld und Jessika Wischmeier, Neue Zeiten denken, in: "argumente", 2-3/1999, JusoBundesverband, S. 2-37.

(aus: »Blätter« 5/2000, Seite 523-526)
Themen: Neoliberalismus, Arbeit und Kultur

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