Erst kam der Krieg, dann die Vertreibung | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Erst kam der Krieg, dann die Vertreibung

Den Vergesslichen ins Stammbuch

von Kurt Nelhiebel

In der Einleitung zu einem Funkessay über die komplizierten Abläufe des europäischen Agrarmarktes habe ich einst gesagt, mit der europäischen Agrarpolitik verhalte es sich wie mit der Relativitätstheorie: Jeder habe schon von ihr gehört, aber keiner verstehe sie. In gewisser Weise gilt das auch für die Vertreibung und den heutigen Umgang mit ihr - fast 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Als einer, der Vertreibung am eigenen Leibe erlebt hat, fühle ich mich allen verbunden, die ihre Heimat - aus welchen Gründen auch immer - verlassen mussten. Vertriebene waren auch jene Menschen, die während der NS-Zeit aus politischen oder rassischen Gründen in anderen Ländern Zuflucht suchen mussten. Meine Kritik an der politischen Instrumentalisierung von Millionen Vertriebenenschicksalen resultiert letzten Endes aus dem Schmerz, der mir mit der Vertreibung aus meinem Geburtsland, der Tschechoslowakei, zugefügt worden ist. Noch heute schrecke ich nachts aus quälenden Träumen hoch, bis ein leiser Zuruf meiner Frau mich in die Gegenwart zurückholt.

Ich war neunzehn, als ich meine Heimat im Nordosten von Böhmen am Fuße des Riesengebirges verlassen musste. Am 20. September 1946 schrieb ich in mein Tagebuch: "Es ist so weit. Zum letzten Mal sitze ich an diesem Fenster. In mir ist ein so starker Schmerz, dass ich ihn körperlich spüre. Noch zwei Tage bin ich daheim. Noch 48 Stunden höre ich unsere alte Uhr ticken. Noch zweimal werde ich hier den Tag kommen und gehen sehen - dann werde ich gehen."

Am 1. Oktober 1946 hatte unser Aussiedlungstransport nach mehrtägiger Fahrt Neu-Ulm erreicht. Dort notierte ich während eines Zwischenaufenthaltes: "Noch immer kann ich nicht fassen, dass ich von daheim fort musste. Ein Wahnsinn ist das Ganze, ein zum Himmel schreiendes Verbrechen."

Der erzwungene Weggang hatte mich, der ich nach gefahrvoller Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft ungeachtet aller Warnungen nach Kriegsende in die Heimat zurückgekehrt war, in mehrfacher Weise getroffen; ich wurde nicht nur aus der vertrauten Umgebung herausgerissen, sondern musste mich auch von einem Teil der Familie trennen. Immerhin konnte ich damals noch hoffen, dass meine Mutter, meine Großmutter und meine Schwester mit einem der nächsten Transporte nachkommen; doch aus der vermeintlich befristeten Trennung wurde eine Trennung für immer.

Hinzu kam, dass mein Vater, mit dem ich vorausgefahren war, als Sozialdemokrat zu den sudetendeutschen Hitlergegnern gehörte. Er war nach dem deutschen Einmarsch seiner Gesinnung treu geblieben und hatte zusammen mit tschechischen Antifaschisten Widerstand gegen das NS-Regime geleistet. Ihm war die tschechische Sprache fast so geläufig wie die deutsche Muttersprache. Ich selbst empfinde sie noch heute als ein Stück Heimat. Dass auch die sudetendeutschen Antifaschisten ihre angestammte Heimat verlassen mussten, lässt sich nicht anders denn als grausame Ironie der Geschichte bezeichnen. Nie werde ich vergessen, wie mein Vater, den ich noch nie weinen gesehen hatte, beim Verlassen des Hauses mit knirschenden Zähnen vergeblich versuchte, seine Tränen zurück zu halten. 60 Jahre später räumte der Präsident des tschechischen Senats, Petr Pithart, ein, die deutschen Gegner des Nazismus hätten "als unschuldige tschechische Deutsche durch die Vertreibung am meisten verloren."1

Nur widerstrebend fasste ich Fuß in der neuen Heimat am Rande der Schwäbischen Alb. Krank vor Heimweh entschloss ich mich nach einem Dreivierteljahr zur Rückkehr in die Tschechoslowakei. Ich löste eine Fahrkarte nach Furth im Walde, von wo aus ich an einer abgelegenen Stelle gegen alle Vernunft die "grüne Grenze" überqueren wollte. Dort saß ich an einem regnerischen Tag lange unter dem Vordach einer einsamen Kapelle, blickte auf die wolkenverhangenen Berge des Böhmerwaldes jenseits der Grenze und ließ meinen Tränen freien Lauf. Dann fuhr ich niedergeschlagen wieder zurück.

Vertriebener ohne Verband

An mangelnder Liebe zur Heimat lag es wahrlich nicht, dass ich auf Distanz blieb zum organisierten Flüchtlingsbetrieb. Ich sah die Wortführer der Vertriebenenverbände auf einem Weg, dem ich nicht folgen wollte. Für mich waren nicht in erster Linie die Tschechen schuld an der Vertreibung, sondern die Urheber des Zweiten Weltkriegs. Ich bekämpfte die deutsche Wiederbewaffnung und die damit verbundene Reaktivierung der Förderer und Nutznießer des Naziregimes, ich verteidigte Willy Brandts Politik der Verständigung mit den Ländern im Osten und musste Jahrzehnte später bestürzt hinnehmen, dass Deutschland - ausgerechnet unter einem sozialdemokratischen Kanzler - gegen alle geschichtlichen Erfahrungen und unter Bruch des Völkerrechts mit den Luftangriffen auf Jugoslawien Krieg und militärische Gewalt wieder als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele akzeptierte.

Hätte es den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, wäre ich heute noch zu Hause. Der tschechische Staatspräsident Eduard BeneÓ wäre niemals mit seinem Plan durchgedrungen, die Sudetendeutschen als unverbesserliche Störenfriede abzuschieben, wenn ihm Hitler mit seinem Krieg nicht den Weg geebnet hätte. Von dieser Kausalität zwischen Vertreibung und Krieg wollten freilich schon 1945 die meisten nichts hören, insbesondere jene nicht, die Hitler in seinem Machtrausch bestärkt und als Retter bejubelt haben, als er mit der Besetzung des Sudetenlandes das Vorspiel zur Germanisierung Europas inszenierte.

Welche Rolle die sudetendeutschen Volkstumspolitiker als fünfte Kolonne Hitlers gespielt haben, enthüllte ihr Anführer, der Gauleiter von Hitlers Gnaden, Konrad Henlein am 5. März 1941, immer noch siegestrunken, unverblümt mit den Worten: "Um uns vor tschechischer Einmischung zu schützen, waren wir gezwungen zu lügen und unsere Ergebenheit für die Sache des Nationalsozialismus zu leugnen. Lieber hätten wir uns offen zum Nationalsozialismus bekannt. Es ist jedoch eine Frage, ob wir dann imstande gewesen wären, unsere Aufgabe zu erfüllen - die Tschechoslowakei zu vernichten."2

Diesem Manne haben, ein halbes Jahr vor Hitlers Einmarsch, 90 Prozent der wahlberechtigten Sudetendeutschen bei der Kommunalwahl im Mai 1938 ihre Stimme gegeben. Nicht alle machten sich damit auch die Ziele der Nazis zu eigen; manch einer reagierte nur seinen Ärger über tschechische Bevormundung ab. Es gab ja genügend nationalistisch verblendete Tschechen, die im Widerspruch zum Toleranzgebot des Staatsgründers Masaryk den Deutschen heimzahlen wollten, was sie selbst als unterdrückte Minderheit in der Vergangenheit an Demütigungen hatten hinnehmen müssen.

Damit leiteten sie immer wieder Wasser auf die Mühlen der Scharfmacher im Lager der Deutschen, die ohnehin am liebsten den Ausgang des Ersten Weltkriegs und die Gründung der Tschechoslowakei rückgängig gemacht hätten. Ihrer Meinung nach hatten die Siegermächte als Taufpaten des neuen Staates den Deutschen das Selbstbestimmungsrecht vorenthalten. Aber das Rad der Geschichte lässt sich bekanntlich nicht zurück drehen. Ob die Tschechen je mit einem eigenen Staat beschenkt worden wären, wenn es den Ersten Weltkrieg und den Zerfall des österreichischen Vielvölkerstaates nicht gegeben hätte, kann niemand mit Sicherheit sagen. Jedenfalls hätte die Idee einer Tschechoslowakei ohne Deutsche ohne den Zweiten Weltkrieg nie in die Tat umgesetzt werden können. Erst der Krieg ebnete dem Undenkbaren den Weg.

Herrenmenschen-Denken

Die Wurzeln der deutschen Ressentiments gegenüber den Tschechen reichen tief. In einem Artikel aus dem Jahr 1880 über die "Deutschen in Böhmen" heißt es, die Tschechen sollten endlich einsehen, dass es ihnen zum Heile gereiche, "willig die Überlegenheit der Deutschen anzuerkennen."3 Von dieser Herrenmenschen-Mentalität waren auch die Parteigrundsätze der "Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei" geprägt, deren programmatische Einleitung die angeblich "überragenden Vorzüge des deutschen Volkes" und sein vermeintliches Interesse "an der Erweiterung des Lebensraumes" hervorhob.4 Daraus wurde später das Schlagwort vom "Volk ohne Raum", die ideologische Begleitmusik für den Raubkrieg der Nazis gegen die Länder Europas.

Dass diese Parole - in welcher Form auch immer - je wiederbelebt werden könnte, hat nach der bedingungslosen Kapitulation Hitlerdeutschlands niemand für möglich gehalten. Aber es kam anders. "Wir brauchen mehr Land", verkündete Anfang August 1954 - seit Kriegsende waren erst neun Jahre vergangen - der Vertriebenenpolitiker Walter Stain. Die Vertriebenen würden ihren "Rechtsanspruch auf die Heimat" nie aufgeben. "Wir müssen die Zuversicht haben, eines Tages diese Gebiete Mitteleuropas wieder besiedeln zu können."5 Sechs Jahre später forderte er abermals "mehr Lebensraum"; und er sagte auch gleich, wo er zu finden sei, nämlich "bei Nachbarn, die diesen Raum nicht brauchen"6.

Walter Stain, ehemals Mitglied der Sudetendeutschen Partei und der NSDAP, gehörte damals als Minister der bayerischen Staatsregierung an. Die Sudetendeutsche Partei war Nachfolgerin der Sudetendeutschen Heimatfront. Die wiederum war 1933 nach dem Verbot der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei ins Leben gerufen worden, um nationalistisch gesinnten Sudetendeutschen eine politische Heimat zu bieten.

Demselben deutsch-völkischen Milieu entstammte auch der Vertriebenenfunktionär Frank Seiboth, der ungeachtet seiner Nazivergangenheit als Gauamtsleiter der NSDAP nach dem Krieg Karriere als Staatssekretär in der hessischen Landesregierung machte. Von ihm ist der Satz überliefert, der deutsche Osten müsse "wieder die Kornkammer des Reiches" werden, "damit wir in der Enge des halben Deutschland nicht ersticken"7. Die Sudetendeutschen würden allerdings, wie Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm 1963 erklärte, niemals "in einen Raum zurückkehren, der in beneschistischer oder bolschewistischer Form" gestaltet sei.8

Wie fatal diese Äußerung an Hitlers Beschwerde gegenüber dem tschechischen Außenminister Chvalkovsky bei dessen Besuch 1939 in Berlin erinnerte, die tschechoslowakische Öffentlichkeit sei immer noch "von Juden, Bolschewisten und Beneschisten beherrscht"9, war dem Minister vermutlich nicht bewusst. Aber 30 Jahre später bediente sich auch der sudetendeutsche Vertriebenenpolitiker Dr. Walter Becher dieser Wortwahl, als er Ende der 90er Jahre die deutsch-tschechische Versöhnungserklärung als eine "groß angelegte Täuschungsaktion der Prager Beneschisten" bezeichnete.10 Eine bemerkenswerte Kontinuität.

Welchen Reim soll man sich darauf machen? Niemand käme heute auf die Idee, die Deutschen pauschal als Hitleristen zu bezeichnen. Warum werden dann die Tschechen in Kollektivhaftung genommen und Beneschisten genannt? Niemand bestreitet, dass Benes nach Hitlers Überfall auf die Tschechoslowakei die Sudetendeutschen los sein wollte. Aber die Vertreibung war nicht sein Werk allein, sie entsprach dem gemeinsamen Willen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs.

Die Alliierten betrachteten die Vertreibung der Sudetendeutschen "als eine Form kollektiver Bestrafung",11 als "eine Sanktionsform, die vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft und dem Leiden der Kriegsjahre verständlich wird"12, wie Marion Frantzioch in ihrem Buch "Die Vertriebenen" anmerkt. Welchen verheerenden Schaden die tschechische Volkswirtschaft mit der Vertreibung eines Drittels der Bewohner von Böhmen und Mähren erlitt und wie nachhaltig sich diese Selbstverstümmelung ausgewirkt hat, offenbaren noch 50 Jahre später verödete Städte und Dörfer in den Randgebieten des Landes.

Wer jedoch die Aufhebung der so genannten Benes-Dekrete verlangt, mit denen die Vertreibung und die damit verbundenen Verbrechen nachträglich sanktioniert wurden, der verlangt die Annullierung von Entscheidungen, die die USA, Großbritannien und die Sowjetunion nach der Niederwerfung des deutschen Faschismus gemeinsam gefällt haben. Aber niemand kann doch allen Ernstes erwarten, die Siegermächte würden, nachdem sie die Mörder von Lidice, Oradour, Babi Jar, Belzec, Treblinka, Maidanek, Sobibor und Auschwitz geschlagen haben, ein halbes Jahrhundert später ihr Urteil korrigieren und am Ende gar einer Aufrechnung der Vertreibungsopfer gegen die Gaskammeropfer zustimmen.

Schlimm genug, dass ein bekannter sudetendeutscher Kinder- und Jugendbuchautor die Tatsache, dass die Deutschen nach 1945 nicht mit der Eisenbahn fahren durften, mit den Worten kommentiert: "Wie früher die Juden. Hitler ließ sie auch nicht mit der Eisenbahn fahren. Außer nach Auschwitz."13 Doch solche unsäglichen Äußerungen haben die Sudetendeutsche Landsmannschaft nicht davon abgehalten, dem Verfasser 2003 ihren Kulturpreis für Literatur zu verleihen. Ganz offensichtlich haben allzu viele schon ganz vergessen, dass von den am 1. Oktober 1939 in Böhmen und Mähren gemeldeten 90147 Juden bereits Mitte 1943 nur noch 8695 übrig waren.14

Das bessere Los

Im Gegensatz zur Forderung des Vorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Jörg Kudlich, die Sudetendeutschen wollten friedlich zurückkehren und ihr altes "Heimatland tatsächlich besitzen"15, waren die Vertriebenen selbst nie sonderlich darauf erpicht, ihr mühsam aufgebautes neues Zuhause im Westen gegen eine ungewisse Zukunft mit niedrigerem Lebensstandard in der alten Heimat einzutauschen. Bei einer Emnid-Umfrage erklärten sich 1985 zwar 48 Prozent der befragten Sudetendeutschen bereit, in die alte Heimat zurückzukehren - aber nur unter der Voraussetzung, dass dort die gleichen Lebensbedingungen herrschen wie im Westen.

Als fünf Jahre später der Eiserne Vorhang verschwand, strömten die Vertriebenen zwar in Scharen über die Grenze, aber kaum jemand hatte das Bedürfnis, in der alten Heimat zu bleiben. Auch mir ging es so. Ein Besuch bei meiner Schwester, die zusammen mit unserer Mutter und der Großmutter in der Tschechoslowakei geblieben war, führte mir eindringlich vor Augen, wer von uns beiden trotz allem das bessere Los gezogen hat. Wie die verstaubte Kulisse eines abgesetzten Bühnenstücks wirkte die alte Heimat auf mich. In einem Rundfunkbeitrag sagte ich später: "Wenn jetzt ein neuer Anlauf unternommen wird, das Verhältnis zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland dauerhaft zu regeln, sollte sich die Landsmannschaft zurückhalten."16

Doch deren Störfeuer hörte nicht auf. Als der Beitritt der Tschechischen Republik zur Europäischen Union bevorstand, wurden abermals die BeneÓ- Dekrete strapaziert und als Beweis dafür ausgelegt, dass die Tschechen für Europa nicht reif seien. Und vielleicht wird eines Tages die deutsche Zustimmung zu diesem Beitritt ebenso als "Versagen der deutschen Diplomatie"17 angeprangert werden, wie das beim Abschluss der deutsch-tschechischen Versöhnungserklärung der Fall war.

Meine Kritik an dieser intransigenten Politik rührt aus der Erkenntnis, dass die Nachfahren der nationalistischen Scharfmacher, die das Elend des Krieges und der Vertreibung mit heraufbeschworen haben, mit ihrer ewigen Nörgelei und Rechthaberei einer Aussöhnung im Wege stehen. Nur weil der Kalte Krieg das Unterste nach oben kehrte, weil antikommunistische Gesinnung als ausreichender Nachweis demokratischer Zuverlässigkeit angesehen wurde, konnten die sudetendeutschen Wegbereiter Hitlers überhaupt politisch wieder eine Rolle spielen. Als Mitstreiter im Kampf gegen den Kommunismus waren sie ebenso willkommen wie die Generäle Hitlers bei der deutschen Wiederbewaffnung.

Welche Schlange die deutsche Gesellschaft an ihrem Busen genährt hat, bekamen Politiker fast aller demokratischen Parteien zu spüren, als ihnen wegen der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze der blanke Hass der organisierten Vertriebenen entgegenschlug. Schon 1961 hatte sich die "Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland" in scharfer Form gegen das Auftreten mancher Vertriebener und ihrer Exponenten gewandt. "Da werden Töne laut", schrieb das Blatt, "die in jedem aufmerksamen Beobachter die berechtigte Befürchtung aufkommen lassen, dass sich hier ein Nährboden für Radikalismus und Militarismus bildet."18 Aber damals wurden gern beide Augen zugedrückt.

Über Jahrzehnte hinweg gab es zwischen den Vertriebenenverbänden und der offiziellen Politik eine Art Rollenverteilung. Nach den Worten des Sprechers der Sudetendeutschen, Walter Becher, lief das Zusammenspiel so ab: "Die Bundesregierung hat ihre Aufgabe, der Bund der Vertriebenen seine. Aber der Bund der Vertriebenen muss zwei Lautstärken lauter sein, als die Bundesregierung, damit die Bundesregierung einen Ton stärker werden kann."19 Auf diese Weise wurde bewusst ein Klima der Spannung geschaffen und aufrecht erhalten. Noch 1986 beschwerte sich der Bundesverband der Vertriebenen beispielsweise darüber, dass die Wetterkarten von ARD und ZDF die Grenzen Deutschlands von 1937 nicht kenntlich machten,20 und der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß behauptete, die Ostverträge enthielten "keine rechtlichen oder politischen Bindungswirkungen".21 Einen Höhepunkt erreichte dieses Zusammenspiel am 9. April 2003, als alle von der CSU ins Europäische Parlament entsandten Abgeordneten in Übereinstimmung mit den Wünschen der Sudetendeutschen Landsmannschaft gegen die Aufnahme der Tschechischen Republik in die Europäische Union stimmten. Sie stellten sich damit gegen die Europäische Kommission, die am 17. Oktober 2003 die Benes-Dekrete als mit europäischen Recht für vereinbar erklärte.

Mit der Forderung nach einem Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin setzte die Dachorganisation der Landsmannschaften, der Bund der Vertriebenen, in Gestalt seiner Präsidentin, der CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach, den osteuropäischen Nachbarn einen neuen Stachel ins Fleisch. Wie wenig Erika Steinbach, die 1942 als Kind eines deutschen Besatzungssoldaten in Polen zur Welt kam, sich in die Seelenwelt der von den Nazis gedemütigten Völker versetzen kann, offenbarte ihre Äußerung, sie habe kein Problem mit der ersten Strophe des Deutschlandliedes, auch wenn sie öffentlich gesungen werde.22 Dass 1949 alle demokratischen Parteien das von den Nationalsozialisten so fatal missbrauchte "Deutschland, Deutschland über alles" den europäischen Völkern nicht zumuten wollten, weil es die Erinnerung an den Machtrausch Hitlers herauf beschwört, ficht die CDU-Politikerin offensichtlich nicht an. Viele Polen und Tschechen, aber auch nicht wenige Deutsche, sehen in der geplanten Einrichtung einen Versuch, die deutsche Schuld an dem millionenfachen Leid, das der Zweite Weltkrieg über die Völker Europas gebracht hat, zu relativieren und der jüngsten Geschichte eine neue Deutung zu geben. Sie argwöhnen, das Kriegs- und Nachkriegsgeschehen solle einseitig aus der Sicht der deutschen Vertriebenen geschildert und als eine Art Mahnmal für die Opfer der Vertreibung dem Mahnmal für die Opfer des Holocaust gegenüber gestellt werden.

In der Tat wurde aus den Reihen einer Vertriebenenorganisation zur Durchsetzung von Rückerstattungsansprüchen, und zwar der in Düsseldorf ansässigen "Preußischen Treuhand", schon die Behauptung laut, Polen sei am Krieg "genauso schuld". Die Polen hätten sich aber nach Kriegsende stets "die Rolle des Opfers zugeschrieben" und könnten bis heute nicht damit umgehen, im Zusammenhang mit der Vertreibung der Deutschen selbst zu Tätern geworden zu sein.23 Die Dreistigkeit dieser Äußerung ließ der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen keine andere Wahl, als sich umgehend von der "Preußischen Treuhand" zu distanzieren.

Verband ohne Vertriebene

Wieviel Vertriebene Erika Steinbach überhaupt hinter sich hat, kann niemand verbindlich sagen. Angeblich hat der Bund der Vertriebenen zwei Millionen Mitglieder. Tatsächlich tappen aber selbst amtliche Stellen seit langem völlig im Dunkeln. 1985 regte das Statistische Bundesamt deshalb beim Bundesinnenministerium einen Forschungsauftrag an, der Klarheit über die Zahl der Vertriebenen und ihren Anteil an der Gesamtbevölkerung bringen sollte; er gelangte jedoch nach Darstellung von offizieller Seite "wegen Undurchführbarkeit nicht zur Ausführung".24 Bis auf den heutigen Tag sehen staatlichen Stellen sich außerstande, die Zahl der Vertriebenen zu beziffern. Das Bundesinnenministerium teilte dem Verfasser zu Beginn des Jahres 2004 auf Anfrage mit, "dass keine Statistik existiert, aus der sich die Zahl der in Deutschland lebenden Vertriebenen herleiten" lasse.25 Das Statistische Bundesamt seinerseits wusste ebenfalls keinen Rat und verwies an den Bund der Vertriebenen. 26 Der jedoch konnte die Zahl seiner Mitglieder selbst schriftlich auch nicht benennen, sondern verwies lediglich auf Literatur aus den Jahren 1989 und 1991.27

Bei der letzten statistischen Erhebung im Jahr 1974, also vor 30 Jahren, wurden in der Bundesrepublik von Amts wegen 9,4 Millionen Vertriebene gezählt. Lediglich ein Prozent der Vertriebenen gehörte Mitte der 80er Jahre nach einer Allensbach-Umfrage einer Landsmannschaft an.28 Somit betrug die Zahl der organisierten Vertriebenen vor 20 Jahren etwa rund 94000. Ungeachtet dessen will allein die Sudetendeutsche Landsmannschaft zu Beginn des Jahres 2004 nach eigenen Angaben über rund 250000 Mitglieder verfügt haben.29 Eine kühne Behauptung, selbst wenn man einen gewissen Zustrom aus den neuen Bundesländern unterstellt.

Die Vertriebenen sollten sich nicht damit abfinden, immer wieder als imaginäre Hilfstruppe für politische Zwecke herhalten zu müssen und mit ihren Landsmannschaften in einen Topf geworfen zu werden - etwa als die Tagesschau 1997 nach dem Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft behauptete, "die Sudetendeutschen" lehnten die deutsch-tschechische Versöhnungserklärung ab, obwohl sich in Wirklichkeit nur die Landsmannschaft in diesem Sinne geäußert hatte. Angesprochen auf journalistisch unsaubere Arbeit, versprach der Chefredakteur von ARD-aktuell: "Wir werden uns Mühe geben, dass wir den Fehler nicht wiederholen", doch zwei Jahre später ging es im alten Trott weiter.30

Letztlich rührt das mangelnde Unterscheidungsvermögen wohl auch daher, dass die Mehrheit der Bevölkerung und selbst der Vertriebenen den Aktivitäten der Vertriebenenverbände gleichgültig gegenüber steht. Als nach der Wende im Osten die vormals utopisch klingende Forderung, die Sudetendeutschen wollten ihre Heimat "tatsächlich besitzen", eine neue Qualität bekam, berührte das die meisten Vertriebenen nur wenig. In den Chefetagen deutscher Unternehmen hingegen verschlug es wahrscheinlich manchem vor Freude fast den Atem, wie leicht und geräuschlos nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ganze Wirtschaftsbereiche in Ost- und Mitteleuropa unter westliche Kontrolle gebracht werden konnten. Eine große deutsche Zeitung schrieb mit Blick auf die Tschechische Republik: "Ausländische Unternehmen lieben das Land. Die Direktinvestitionen erreichten 2002 den Rekordwert von knapp neun Milliarden Euro."31 Im Jahr darauf beliefen sich allein die deutschen Exporte in die Tschechische Republik nach Angaben der Bundesregierung auf 16,7 Milliarden Euro.32

Von der Rückkehr der deutschen Vertriebenen in die alte Heimat ist dagegen nicht mehr die Rede. Das hat sich erledigt; daraus lässt sich nicht länger Kapital schlagen. Jetzt gilt das Interesse den Kindern und Enkeln der angeblichen "Vertreibungsverursacher" - als potentiellen Arbeitskräften. Es wäre jedoch höchst fatal, wenn die Tschechen den Eindruck gewinnen würden, mit dem Geld aus dem Westen sei eine neue Fremdherrschaft über ihr Land gekommen. Noch fügen sich die Betroffenen, hin und her gerissen zwischen Bewunderung für deutsche Tüchtigkeit und Angst vor dem furor teutonicus - wie in der Hoffnung auf ein besseres Leben im vermeintlich unabänderlichen kapitalistischen Schicksal. Auf ewig werden sie den fremden Lackschuh jedoch so wenig küssen wollen wie einst den genagelten Stiefel der Besatzer.

Bin ich ein schlechter Deutscher, weil ich mich in die Lage der anderen zu versetzen versuche? Fehlt es mir vielleicht an Nationalgefühl? Es gibt in Klaus Manns Roman "Mephisto" eine Stelle, die - bei aller Unvergleichbarkeit der äußeren Umstände - meine innere Verfassung sehr schön beschreibt. Ein von Hitler Vertriebener sagt dort: "Es ist so bitter und auf die Dauer so lächerlich, den Don Quichote zu spielen".33 Oder sollte ich mich doch lieber an Helmut Qualtingers Satz halten: "Nationalgefühl hat man, wenn man sich für seine Nation schämt"?

1 "Süddeutsche Zeitung" (SZ), 15./16.5.2004
2 "Der Neue Tag", 5.3.1941
3 "Die Gartenlaube", Nr. 51, 1880, S. 836.
4 Herausgegeben im Januar 1919 von der nationalsozialistischen Parteikanzlei, Wien. S. 1, 5.
5 Kurt Nelhiebel, Die Henleins gestern und heute, Frankfurt a. M., 1962, S. 13.
6 "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), 12.5.1960.
7 Joachim Reimann, Wir missionieren bis an die Memel, in: Die Vertriebenen, Reinbek 1995, S. 76.
8 "Neue Zürcher Zeitung", 5.6.1963.
9 Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Informationen für politische Bildung, Februar 1969, S. 27.
10 "Sudetendeutsche Zeitung", 10.1.1997.
11 Vgl. Bundesministerium für Vertriebene, Dokumentation der Vertreibung, Bd. I/1, S. 23 E.
12 Marion Frantzioch, Die Vertriebenen, Berlin 1987, S. 51.
13 Josef Holub, Schmuggler im Glück, Weinheim und Basel 2001, S. 81; vgl. Conrad Taler, Holubs Welt. Über "Böhmacken", Sozis und den bösen Herrn Masaryk in: "Blätter", 6/2004, S. 752-758.
14 Die Juden in Böhmen und Mähren, München 1986, S. 338.
15 Ausspruch des Vorsitzenden der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Jörg Kudlich, laut SZ vom 5.3.1985.
16 Verstaubte Kulisse Heimat, Radio-Bremen-Sendung, 4.11.1991
17 "Sudetendeutsche Zeitung", 10.1.1997.
18 Zit. n. FAZ, 20.5.1961.
19 Heinz Brüdigam, Der Schoß ist fruchtbar noch, Frankfurt a. M. 1965, S. 106.
20 Deutsche Presse-Agentur, 29.4.1986.
21 "Frankfurter Rundschau" (FR), 20.5.1986.
22 FR, 26.6.2000
23 FR, 2.4.2004.
24 Schreiben vom 22.6.1988 (Text beim Verfasser).
25 Schreiben vom 26.1.2004 (Text beim Verfasser).
26 Schreiben vom 23.1.2004 (Text beim Verfasser).
27 Schreiben vom 5.2.2004 (Text beim Verfasser).
28 "Die Zeit", 25.1.1985.
29 Schreiben vom 19.1.2004 (Text beim Verfasser).
30 Schreiben des Chefredakteurs ARD-aktuell vom 22.7.1997 und 11.8.1999.
31 FR, 30.4.2004.
32 "Der Spiegel", 26.4.2004. Inzwischen haben deutsche Unternehmer allerdings Bulgarien und Rumänien als ihr neues Eldorado entdeckt, weil dort die Arbeitskräfte noch billiger sind.
33 Klaus Mann, Mephisto, Reinbek 1986, S. 267.

(aus: »Blätter« 12/2004, Seite 1504-1512)
Themen: Migration, Krieg und Frieden und Nationalsozialismus

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