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Holubs Welt

Über Böhmacken, Sozis und den bösen Herrn Masaryk

von Conrad Taler

"Bei der Schriftstellerei tut jeder nicht das, was er will, sondern das, was er kann, und zwar, insoweit es ihm gelingt.

"Bei der Schriftstellerei tut jeder nicht das, was er will, sondern das, was er kann, und zwar, insoweit es ihm gelingt. Die Kritik darf strenge Gewissenhaftigkeit in jedem einzelnen Punkt von dem Autor verlangen." (Ivan Turgenjew, Väter und Söhne)

 

Er sei in dieses Buch wie in eine Landschaft hineingewandert, die für ihn Kindheit bedeute, schwärmt Peter Härtling in seinem Vorwort zu Josef Holubs Roman "Der rote Nepomuk", erstmals erschienen 1993 im Beltz Verlag Weinheim und Basel. Gerührt spricht Härtling vom "Bubenparadies" der beiden Hauptfiguren Josef und Jirschi, das Holubs Buch "für uns aufbewahrt" habe. Könnte es sein, dass ihm das Heimweh nach der eigenen Kindheit ein wenig den Blick verstellt hat? Nicht die Knabenabenteuer von Josef und Jirschi bestimmen nämlich den Inhalt, sondern das dramatische Geschehen kurz vor der Besetzung des Sudetenlandes durch die Truppen Adolf Hitlers. Dass Holub ungeniert alte Klischees aus der Rumpelkammer deutsch-völkischer Propaganda benutzt, dass er die Tschechen abschätzig als "Böhmacken" bezeichnet – ist das dem liebenswerten Peter Härtling nicht aufgefallen?

"Der rote Nepomuk" ist eines von drei Büchern, die Josef Holub nach der Wende im Osten für Kinder und Jugendliche geschrieben hat. Der zweite Band mit dem Titel "Lausige Zeiten", erstmals 1997 im Beltz Verlag erschienen, handelt vom Aufenthalt Josefs in einer "Lehrerbildungsanstalt" unter dem Hakenkreuz. Im dritten Band, der 2001 im Beltz Verlag herauskam, geht es um Josefs Erlebnisse in der alten Heimat nach Kriegsende.

Die autobiographisch geprägte Romantrilogie umfasst die Jahre 1938 bis 1946, also jenen Zeitabschnitt, der die Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen bis in die Gegenwart hinein belastet. Wer über diese Zeit redet und wem es dabei um Versöhnung geht, darf nicht einseitig das Geschichtsbild sudetendeutscher Volkstumskämpfer zugrunde legen, er darf es erst recht nicht, wenn er für Kinder und Jugendliche schreibt. Natürlich wollen junge Menschen beim Lesen Spaß haben, aber sie wollen auch richtig informiert werden. Gerade sie haben einen besonderen Anspruch auf Wahrheit; ihr Bild von der deutsch-tschechischen Nachbarschaft, um die es hier geht, wird schließlich ein Leben lang von den Eindrücken bestimmt werden, die ihnen bei der ersten Begegnung mit diesem hochkomplexen Thema vermittelt worden sind.

Holubs "Roter Nepomuk" ist eingebettet in die politische Hochspannung nach dem Wahlsieg der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins im Mai 1938. Neunzig Prozent der Deutschen gaben damals ihre Stimme den Wegbereitern Hitlers. In der kleinen Stadt Neuern am Fuße des Böhmerwaldes, Schauplatz des Geschehens und Geburtsort Holubs, lebten in den 30er Jahren nur wenige Tschechen; ihr Anteil an der Bevölkerung betrug etwa zehn Prozent. Dennoch fühlten die Deutschen sich unterdrückt. Holub illustriert das mit den Worten, die tschechischen Beamten wollten "überhaupt nicht Deutsch reden und verstehen, obwohl sie es alle können. Das kommt davon, weil der Masaryk die Deutschen in Böhmen überhaupt nicht mögen hat."

Was für ein Unsinn, ausgerechnet den ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik als Deutschenhasser hinzustellen, ausgerechnet ihn, dessen Toleranz und humanistische Gesinnung selbst seine Gegner nie bezweifelt haben. Nicht von ungefähr nennt ihn Peter Härtling im Vorwort einen "großen Staatsmann". Wem sollen die jungen Leser denn glauben? Nun, vielleicht fällt ihnen ja auf, dass der Verfasser dieses Buches öfter dummes Zeug redet, selbst bei ganz unwichtigen Dingen wie etwa der Frage, wann in Böhmen die Steinpilze reifen. Jeder halbwegs Kundige weiß, dass Steinpilze im Herbst wachsen, auch in Böhmen. Nicht so bei Holub. Bei ihm wachsen sie im Frühjahr, wenn "die Maiblumen weiße Kugeln geworden" (sind) und "die Linden duften".

Auch wenn es um tschechische Wörter geht schwadroniert er einfach drauf los. So schreibt er zum Beispiel: "Zu mir sagt der Tschech podschgej, und das heißt ja bekanntlich komm mit". Podschgej heißt aber nicht komm mit, sondern warte. Wenn Holub sagen will, dass etwas gestohlen worden ist, spricht er von kralovaty. Es gibt aber nur das ähnlich geschriebene Wort kralovati, doch das heißt: wie ein König herrschen. Und wenn Holub Jirschi sagen lässt "Tu es nicht, Pepitschek", dann ist auch das falsch; richtig muss es in diesem Fall heißen: "Tu es nicht, Pepitschku". In keinem seiner drei Bücher bringt er es fertig, das tschechische Wort für Deutsche richtig zu verwenden.

Diese offen zur Schau getragene Unkenntnis und Gleichgültigkeit im Umgang mit der tschechischen Sprache ist Ausdruck der Arroganz gegenüber dem tschechischen "Dienstbotenvolk" und gegenüber den Menschen, deren Muttersprache Tschechisch ist. Abwertend nennt Holub sie immer wieder "Böhmacken". Selbst Josefs Freund Jirschi bleibt nicht verschont. "Der Böhmack freut sich, wie er mich sieht", heißt es über ihn. Josefs Vater legt er die Worte in den Mund: "Es wird zum Krieg kommen, wenn die Böhmacken nicht gutwillig nachgeben". Über eine Wirtshausschlägerei schreibt er: "Die letzten herumsitzenden Böhmacken werden hinausgeschmissen."

Von den Ängsten der Tschechen angesichts zunehmender Drohgebärden des übermächtigen deutschen Nachbarn keine Zeile. Dafür immer wieder das von Hitler missbrauchte Wort "Tschechei" und immer wieder Henleinparolen. "Es wird langsam unerträglich mit diesen Tschechen und höchste Zeit, dass der Hitler kommt." "[...] es wird höchste Zeit, dass Hitler Ordnung macht in dem böhmischen Saustall". "Die Stadt wartet auf den Hitler und die Leute wissen auch, wie dann alles besser wird."

Dass es unter den Deutschen auch Gegner Hitlers gab, verschweigt Holub nicht. Für ihn sind das die "Sozi". Auch der Vater der deutschen Hauptfigur ist ein "Sozi". Gleichwohl schildert er die "Sozi"als Charakterlumpen. "Es gibt keine Sorgen mit der Nahrung. Sorgen machen sich nur die letzten paar Sozi und die Halbtschechen. Sie überlegen, wie sie es anstellen, dass sie noch schnell Henlein werden. Die drei Kommunisten sind schon weg, denn sie wissen, dass sie eingesperrt werden. Weil der Hitler kommt." Ein paar Seiten weiter heißt es: "Plötzlich sind an allen Häusern Fahnen. Ein paar davon sind frühere Sozifahnen, auf die man den Kreis mit dem Hakenkreuz genäht hat." Und weiter: "Die ganze Stadt schreit Heil, auch die Sozi."

Welche Infamie angesichts der Tatsache, dass etwa 6 000 sudetendeutsche Sozialdemokraten von den Nazis verhaftet und in Konzentrationslager gesperrt wurden! Auch über das Schicksal anderer Opfer der Nazis geht Holub salbadernd hinweg. "Warum die Juden fortgehen, weiß kein Mensch. Nicht einmal mein Vater weiß es, und der kennt sich in der Welt und in der Politik gut aus". Hätte es nicht nahe gelegen, den jungen Lesern an dieser Stelle zumindest ein wenig den Blick für die Tragödie der Judenverfolgung zu öffnen? Aber der "Sozi"-Vater hat inzwischen das politische Hemd gewechselt. "Er hat einen Rausch gehabt und sich in den Hof gestellt und alle Welt angeschrien, dass die Henlein eventuell schon richtig sind und dass die Sozi eventuell auch ein paar Haderlumpen sind [...]. Die Sozi wird schon der Teufel holen und das ist kein großes Malör, denn es gibt sowieso keine Sozi mehr [...]. Da haben alle Nachbarn sofort gewusst [...] dass wir Henlein geworden sind." Josef selbst hat damit keine Probleme. "Am Sonntag ziehe ich wie alle Henleinbuben weiße Kniestrümpfe an und der Willibald Traxler und ein Haufen anderer Henleinbuben sind jetzt meine Freunde". Eines Tages wollen die Henleinbuben auf der böhmischen Gendarmeriestation eine Hakenkreuzfahne hissen. Josef macht sofort mit. "Das ist nicht einfach [...]. Dann habe ich gesagt, dass ich die Fahne hinaushänge." Über den Anführer Walter Steiner schreibt Holub: "Die Henleinbuben täten sich für ihn einsperren lassen. Sie mögen ihn. Dabei ist er nur ein ganz gewöhnlicher Strawanzer", ein Herumtreiber also. Die Mutter rät Josef: "Bub, bleib von dem Taugenichts weg. [...] Hinterher meint die dann immer noch, der Steiner bringt es noch zu etwas [...]. Und der Steiner ist [...] sogar noch Minister geworden."

Tatsächlich wurde der "Taugenichts" im wirklichen Leben noch Minister, nicht in Hitlers Großdeutschem Reich, was nahe gelegen hätte, sondern nach dem Krieg im demokratischen Bayern. Sein richtiger Name: Walter Stain. Wie Josef Holub wuchs der Vertriebenenpolitiker Stain in Neuern im Bayerischen Wald auf. Er war Mitglied der Sudetendeutschen Partei, setzte sich aus politischen Gründen nach Bayern ab und schloss sich dem von der NS-Führung gegründeten "Sudetendeutschen Freikorps" an. Standort seiner Einheit war Furth im Walde. Den Einmarsch des paramilitärischen Verbandes in Neuern beschreibt Holub mit den Worten: "Dann tut sich was. Unsere sind es, die vom Freikorps. Das sind die Männer, die über die Grenze nach Bayern desertiert sind, wie der Onkel Kuno und der Nouschel und der Walter Steiner."

Neben Walter Steiner alias Walter Stain lässt Holub im "Roten Nepomuk" ein Mann namens Konrad Zogelmann auftreten. "Der Konrad Zogelmann nimmt einen Stuhl, haut ihn auf den Boden, dass er kein Stuhl mehr ist, und schreit, so macht er es mit allen Böhmacken und Sozi." "Der Zogelmann wird aus der Beneschstraße eine Steinerstraße machen, wenn der Hitler erst einmal da ist." "Der Zogelmann ist dem Hitler seine rechte Hand in der Stadt".

Alles nur Zufall? Wenige Kilometer von Neuern entfernt, in Neumark, kam 1913 der spätere Altnazi Siegfried Zoglmann zur Welt, nach eigenen Angaben seit 1928 "Mitglied der nationalsozialistischen Bewegung", später "Chef der Befehlsstelle Prag der Reichsjugendführung" und SS-Untersturmführer. So wie Stain machte auch Zoglmann nach Kriegsende im Westen Deutschlands Karriere, war Bundestagsabgeordneter der FDP und der CSU, gehörte zeitweilig dem Bundesvorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft an und wurde im Jahr 1973 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Schon in Holubs Welt war der Mann zu Höherem berufen: "Ich gehe zum Oberhenlein Zogelmann", erzählt Josef Böhm, "aber der gibt sich mit so einem kleinen Hosenscheißer nicht ab. Er sagt, er hat Wichtigeres zu tun."

"Der rote Nepomuk" wurde mit dem Peter-Härtling-Preis für Kinderliteratur und dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg ausgezeichnet und kam auf die Auswahlliste Deutscher Jugendliteraturpreis.1

Über "Judenknoblauch" und eine seltsame Lehranstalt

In dem Buch "Lausige Zeiten", dem zweiten Band seiner autobiographisch geprägten Romantrilogie, schildert Josef Holub den Aufenthalt seines Helden Josef Böhm in einer Schule der besonderen Art. Seit dem "Anschluss" des Sudetenlandes an das Großdeutsche Reich sind zwei Jahre vergangen. Hitler hat inzwischen halb Europa besetzt und der "kleine Hosenscheißer" ist 14 Jahre alt geworden. Da entscheidet der Vater: "Wer gescheiter werden will, braucht eine bessere Schule"; Josef muss "in die Fremde ziehen".

Mit der Bahn verlässt er am 5. September 1940 seine Heimatstadt Neuern. Nicht weniger als zehn Orte passiert der Zug und haarklein führt Holub all ihre Namen auf. Nur das Ziel der Reise behält er für sich. Die Leser erfahren lediglich, dass Josef am späten Nachmittag "in der Schulstadt" ankommt. Bei der "besseren Schule" handelt es sich nach Darstellung des Autors um eine Lehrerbildungsanstalt. Die Schüler dieser Anstalt tragen eine braune Uniform, werden "Jungmannen" genannt und wohnen in dem Schulgebäude. Vom Direktor erfahren sie: "Der künftige deutsche Lehrer ist in erster Linie ein Führer und der hat zu befehlen. Und wer einmal befehlen will, muss erst gehorchen lernen." Also heißt es jeden Tag: "Zum Morgenappell im Schulhof angetreten! Marsch, marsch!", "Antreten zum Mittagessen!", "Zum Abendessen angetreten, Marsch, marsch!"

Wäre da nicht noch Florian, wüsste Josef nicht, wie er es aushalten sollte, lässt der Verlag im Klappentext potenzielle Leser wissen. Florian ist so etwas wie der Jirschi aus dem "Roten Nepomuk". Die Bubenfreundschaft ist freilich auch diesmal nur Staffage. Im Vordergund steht das Geschehen in der "besseren Schule". Nach Holubs Schilderung sind die "Jungmannen" immer im Dienst. Vormittags haben sie Unterricht, am Nachmittag stehen Kleinkaliberschießen, Handgranatenwerfen oder ein Gewaltmarsch auf dem Programm. Auch die Teilnahme am Leseabend ist Pflicht. Vorgelesen wird aus Joseph Goebbels’ "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei", und gesungen wird: "Ein junges Volk steht auf, zum Sturm bereit, reisst die Fahne höher, Kameraden [...]", "Es zittern die morschen Knochen, der Welt vor dem großen Krieg" und "Kein schön’rer Tod ist auf der Welt, als wer vom Feind erschlagen."

"Jüdische Schnulzen [...] wie zum Beispiel ‘Stille Nacht, Heilige Nacht’" sind unerwünscht. Das findet der "Jungmann" Josef "zum Kotzen", aber ganz fremd scheint ihm rassistisches Denken nicht zu sein. Bei einem Mitschüler sucht er schon mal nach den "richtigen arischen Maßen", und den Satz "Hier stinkt einer nach Judenknoblauch" empfindet er nicht als anstößig. Dass die Tschechen als Slawen gegenüber den Germanen "minderartig" seien, hält er für "Stuss", aber er selbst nennt sie "Menschen zweiter Wahl". Begeistert registriert er die Unterwerfung anderer Völker durch Hitler: "Am Karsamstag haben wir Belgrad eingenommen. Ruckzuck, wie immer." Als die Deutschen sich wenig später "auch Griechenland unter den Nagel gerissen" haben, entlockt ihm das ein triumphierendes "Warum nicht!"

Hat Josef das Gehabe eines Herrenmenschen wirklich in einer Lehrerbildungsanstalt gelernt? Dann hätte er ein Stück weiter bis Budweis fahren müssen, dort gab es tatsächlich eine Lehrerbildungsanstalt. Er ist aber, wie die Beschreibung der Umgebung verrät, in Prachatitz ausgestiegen. Prachatitz ist die geheimnisvolle "Schulstadt". Im südlichen Böhmerwald gelegen war Prachatitz Hauptort des Goldenen Steigs, über den Salz und Getreide von Bayern nach Böhmen transportiert wurden. Eine berühmte Lateinschule gab es dort, zu deren Schülern auch der tschechische Reformator Jan Hus gehörte, und ab 1938 gab es dort auch ein Gymnasium.

Aber Holubs Beschreibung passt weder auf ein Gymnasium noch auf eine Lehrerbildungsanstalt, wohl aber passt sie auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, abgekürzt Napola. Diese Anstalten dienten den Machthabern des Dritten Reiches als Instrument zur Auslese von geeignetem Nachwuchs für NS-Führungspositionen. Wer als "Jungmann" aufgenommen werden wollte, musste sich schriftlich verpflichten, "als politischer Soldat des Führers ein rücksichtsloser Verfechter der nationalsozialistischen Weltanschauung" zu sein. Der Schulalltag war – wie in dem Buch "Das Erbe der Napola"2 (Hamburger Edition) weiter nachzulesen ist – bis ins Kleinste durchorganisiert; Unterricht am Vormittag, nachmittags Wehrsportübungen. Ziel sei es gewesen, "die Besten der deutschen Jugend zu fanatischen Nationalsozialisten zu erziehen." Von ähnlichem Zuschnitt waren die Adolf-Hitler-Schulen. In ihnen sollte der Führungsnachwuchs für parteiamtliche Laufbahnen sowie für die nationalsozialistischen Massenorganisationen herangezogen werden.

Niemand hat sich bislang daran gestoßen, dass Kindern und Jugendlichen in "Lausige Zeiten" ein Bild der Lehrerausbildung vorgegaukelt wird, das mit der Wahrheit nichts zu tun hat, und es hat sich auch niemand daran gestoßen, dass das Buch im Jargon der NS-Zeit geschrieben ist. Unbemerkt blieb auch Holubs Vorliebe für die Namen "alter Kameraden" Mitschüler Josefs heißen zum Beispiel Aschenbrenner, Blaschek und Franek. Alle drei verbindet ein gemeinsames Band mit Walter Stain und Siegfried Zoglmann aus dem "Roten Nepomuk": die Zugehörigkeit zum Witikobund, einem Sammelbecken sudetendeutscher Volkstumskämpfer. Von den 600 Mitgliedern des Witikobundes waren 1959 nur etwa 30 keine ehemaligen Mitglieder der Sudetendeutschen Partei oder der NSDAP.

Für "Lausige Zeiten" wurde Josef Holub mit dem Zürcher Kinder- und Jugendbuchpreis "La vache qui lit" ausgezeichnet.

Über ein Schmuggel-Bubenstück der besonderen Art

In dem Buch "Schmuggler im Glück", dem dritten Band der Romantrilogie, kehrt Holubs Held Josef Böhm als entlassener Kriegsgefangener in seine Heimatstadt Neuern zurück. Dort haben sich die Verhältnisse nach der Kapitulation Deutschlands von Grund auf verändert. Die Sudetendeutschen müssen für Hitlers Verbrechen büßen und werden aus ihrer Heimat vertrieben. Viele sterben. Ein "heißes Pflaster" für alle, die in Uniform für Hitler gekämpft haben. Wer den Schritt über die Grenze wagt, setzt sein Leben aufs Spiel. Bestenfalls landet er in einem tschechischen Gefangenenlager. Wenn er das Glück hat, unversehrt entlassen zu werden, muss er sich um Arbeit bemühen. Ohne Arbeitsnachweis bekommt er keine Lebensmittelmarken. Und er muss sich bei der örtlichen Behörde anmelden, denn nur wer polizeilich gemeldet ist bekommt logischerweise einen Ausweis.

So war das damals, wirklich und wahrhaftig, so war es. Gleichwohl tischt Holub seinen jungen Lesern eine Schmonzette auf, die mit der bitteren Wahrheit nichts zu tun hat. Weil sein Held keinen Ausweis besitzt, versteckt er sich bei den Eltern und lässt sich ein Jahr lang durchfüttern; dabei bekam damals jeder gerade nur so viele Nahrungsmittel zugeteilt, dass er nicht verhungerte. Wer keinen Ausweis hat, besorgt sich normalerweise einen. Aber Josef meldet sich nicht bei der örtlichen Behörde, angeblich weil er keinen Ausweis besitzt. Und weil Josef sich nicht meldet, bekommt er natürlich auch nicht die behördlich abgestempelte weiße Armbinde, die ihn als Deutschen kenntlich machen soll, aber das macht nichts, er bastelt sich eben selbst eine. Auch einen Ausweis macht er sich selbst. Trotz alledem flaniert er jeden Abend durch die Stadt und hält Ausschau nach Mädchen. "Meine falsche Armbinde fällt nicht auf. Sie ist zu gut gemacht."

Und er verdient sich eine goldene Nase als Schmuggler. Ein weitläufiger tschechischer Verwandter namens Frantischek hat sich – folgt man der Schil-derung des Autors – ausgerechnet den polizeilich nicht gemeldeten ehemaligen Wehrmachtssoldaten Josef als Partner für seine Schmuggelgänge ausgesucht. "Natürlich mache ich mit. Siebenhundertfünfzig Kronen gibt mir der Frantischek für jeden Gang", lässt der Dampfplauderer Holub seinen Helden erzählen. 750 Kronen! Dafür mussten andere damals zwei Wochen Schwerstarbeit verrichten, verängstigt und geplagt von der Sorge um die Zukunft, immer nur hoffend, die schwere Zeit überhaupt lebend zu überstehen. Nichts hatten sie weniger im Sinn denn als "Schmuggler im Glück" den "Böhmacken" auf der Nase herumzutanzen.

Das Elend der Deutschen lässt Holub keineswegs links liegen, Gott bewahre! Um deren Lage zu verdeutlichen stellt er das Verhalten der Tschechen gegenüber den Deutschen auf eine Stufe mit den Untaten der Nazis. Das liest sich so: "Du sollst nicht stehlen. Falsch! Wer hält sich heute noch an solche Gebote? Der Hitler hat die Länder und Menschen eines ganzen Erdteils zusammengestohlen. Millionen hat er sogar das Leben gestohlen. Das hat die Welt durcheinander gebracht. Und nun stehlen die anderen weiter."

Dass die Deutschen damals nicht mit dem Zug fahren durften kommentiert Holub mit den Worten: "Wie früher die Juden. Hitler ließ sie auch nicht mit der Eisenbahn fahren. Außer nach Auschwitz." Was will Holub mit dieser obszönen Anmerkung sagen? Dass die Tschechen grausamer waren als Hitler, der die Juden immerhin nach Auschwitz fahren ließ, als sei Auschwitz schon immer das Ziel ihrer Sehnsucht gewesen und nicht der Ort eines beispiellosen Verbrechens?

Auch an anderer Stelle verrechnet Holub das Nachkriegsgeschehen mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten und umgekehrt. Die Deutschen, so schreibt er, hätten nur so viel Geld für ihre Arbeit bekommen, "dass sie gerade die Lebensmittel kaufen können, die sie vor dem Verhungern bewahren. Man nimmt da immer Maß am Hitler, wie der mit den Juden umgegangen ist." Immerhin räumt er ein: "Die Deutschen werden nicht alle umgebracht, nur weil sie Deutsche sind, so wie die Juden umgebracht worden, nur weil sie Juden waren."

Josef Holub ist Träger des Sudetendeutschen Kulturpreises für Literatur 2003.

Nach Kriegsende hat Bundespräsident Theodor Heuss den unbelehrbaren Aufrechnern klar zu machen versucht, dass Gewalttätigkeit und Unrecht sich nicht für eine "wechselseitige Kompensation" eignen. Dies sei "das Verfahren der moralischen Anspruchslosen", eine "verderbliche und banale Angelegenheit".3 Gut 50 Jahre später schmuggelt einer dieser moralisch Anspruchslosen just diese verderbliche Angelegenheit als Bubenabenteuer getarnt unters Volk, als sei nichts gewesen.

1 Inzwischen hat Peter Härtling sein Urteil korrigiert. "Ihre Rezension führt mir wieder einmal vor," schrieb er dem Verfasser, "wie ein erstes, spontanes Urteil zum Vorurteil wird und keine Einsicht mehr zulässt. Ich habe den ,Roten Nepomuk’ gleichsam gegen mein Gedächtnis und mein Gewissen gelesen: Der Ton machte mir die Musik."
2 Christian Schneider, Cordelila Stillke und Bernd Leineweber, Das Erbe der Napola, Hamburg 1996.
3 Die Rede von Theodor Heuss ist nachzulesen in dem 1979 bei Carl Hanser in München erschienenen Buch "Reden deutscher Bundespräsidenten".

(aus: »Blätter« 6/2004, Seite 752-758)
Themen: Nationalsozialismus, Europa und Krieg und Frieden

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