Failure to protect - versagter Schutz | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Failure to protect - versagter Schutz

Gewalt gegen Minderheiten im Kosovo, März 2004. Ein Bericht von Human Rights Watch (Auszüge)

Ende März dieses Jahres kam es im gesamten Kosovo zu gewalttätigen Ausschreitungen der albanischen Bevölkerungsmehrheit. Die mit dem Schutz der ethnischen Minderheiten betrauten internationalen Sicherheitsorgane - die KFOR wie die internationale Polizei der UNMIK - kamen ihrer Aufgabe nicht nach und den Verfolgten nicht zu Hilfe.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch untersuchte anschließend den genauen Ablauf der Ausschreitungen. Wir dokumentieren im Folgenden in eigener Übersetzung die Zusammenfassung des Berichts "Failure to Protect: Anti-Minority Violence in Kosovo" sowie jenes Kapitel, das sich mit den Vorgängen im deutschen Sektor des Kosovo beschäftigt. Auf die lediglich Zitate belegenden Anmerkungen wurde verzichtet. - D. Red.
Zusammenfassung (Wortlaut)

"Im Laufe der letzten fünf Jahre sind so viele Vertreter internationaler Organisationen gekommen, um unsere Probleme zu studieren, dass ich sie überhaupt nicht mehr zählen kann; und sie haben Tonnen von Berichten und Empfehlungen produziert. Was dabei schließlich herauskam, war, dass ich alles verlor, was ich in 40 Jahren aufgebaut hatte, während die internationale Gemeinschaft aus einer Entfernung von wenigen hundert Metern zuschaute. Jetzt sagen sie mir, ich solle zurückkehren und mein Leben wieder aufbauen - aber wie kann ich ihnen trauen?" (Ein vertriebener serbischer Einwohner von Svinjare)

"Wir haben immer gewusst, dass es keine Invasion des Kosovo geben würde. Die KFOR ist im Kosovo, um Schutz vor Bürgerkrieg [civil violence], Störungen und ethnischer Gewalt zu bieten. Sie braucht keine Panzer, sondern Schilde und andere Antiaufstandsausrüstung sowie Soldaten, die dafür ausgebildet sind, mit öffentlicher Unordnung umzugehen. Wenn die KFOR nicht darauf vorbereitet war, mit so etwas umzugehen - verdammt, warum denn nicht? Was glaubte sie denn, wozu sie im Kosovo steht?" (Ein hoher UNMIK-Beamter)

Am 17. und 18. März 2004 kam es im gesamten Gebiet des Kosovo zu gewaltsamen Ausschreitungen ethnischer Albaner, angestachelt durch letztlich unzutreffende Berichte, Serben hätten das Ertrinken von drei kleinen albanischen Kindern verschuldet. Fast 48 Stunden lang verloren die Sicherheitseinrichtungen im Kosovo - die NATO-geführte Kosovo Force (KFOR), die internationale Polizei der Vereinten Nationen (UNMIK) und der vor Ort rekrutierte Kosovo-Polizeidienst (KPS) - fast vollständig die Kontrolle, als mindestens 33 gewalttätige Unruhen im Gesamtgebiet des Kosovo ausbrachen, an denen schätzungsweise 51000 Personen teilnahmen.

Dieser flächendeckende Gewaltausbruch im Kosovo stellt den schwersten Rückschlag seit 1999 für die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft dar, ein multiethnisches Kosovo zu schaffen, in dem sowohl die Regierung als auch die Zivilgesellschaft die Menschenrechte achten. Von der Hauptstadt Priština/Prishtine1 über Städte wie Prizren und Djakovica/Gjakove bis hin zu kleinen Dörfern wie Slatina/Sllatine und Belo Polje/Bellopoje - überall versammelten sich große Massen ethnischer Albaner, um mit grausamer Gründlichkeit alle verbliebenen Spuren serbischer Präsenz in ihren Gebieten zu beseitigen. Ins Visier genommen wurden auch anderen Minderheiten wie die Roma, einschließlich der Ashkali, die albanisch sprechende Roma sind. In vielen der von dem Gewaltausbruch betroffenen Gemeinden wurde bei spontanen ebenso wie organisierten Angriffen buchstäblich jedes einzelne Haus, in dem Serben, Roma oder Ashkali wohnten, niedergebrannt. In dem Dorf Svinjare/Frasher wurden alle 137 serbischen Wohnstätten niedergebrannt, während die Wohnungen der ethnischen Albaner unangetastet blieben. Im nahe gelegenen Vucitrn/Vushtrii griff die ethnisch-albanische Menge die Bevölkerungsgruppe der Ashkali an und brannte 69 ihrer Wohnungen nieder. In Kosovo Polje/Fushe Kosove wurde ein Serbe totgeschlagen. Dort brannten über 100 Häuser von Serben und Roma aus, ebenso das Postamt, die serbischorthodoxe Kirche, die serbische Schule und das serbische Krankenhaus. Noch die kleinsten Spuren serbischer Präsenz gerieten ins Visier feindseliger Menschenmengen: So attackierten sie die serbisch-orthodoxe Kirche in Djakovica stundenlang, um schließlich fünf alte serbische Frauen hinauszutreiben, die letzten Vertreterinnen der serbischen Volksgruppe in Djakovica, die vor dem Krieg über 3000 Einwohner stellte.

Die Märzunruhen vertrieben aus dutzenden von Orten - auch aus der Hauptstadt Priština - die gesamte serbische Bevölkerung. Roma und Ashkali waren ebenfalls betroffen. Im Ergebnis des zweitägigen Aufruhrs lagen 550 Häuser sowie 27 orthodoxe Kirchen und Klöster in Schutt und Asche. 4100 Serben, Roma, Ashkali und Angehörige anderer Minderheiten wurden dadurch heimatlos. Monate später gilt dies immer noch für rund 2000 Personen, die in überfüllten und ungesunden Quartieren leben müssen - in Rohbauten ohne Heizung, überfüllten Schulen, Zeltlagern auf KFOR-Militärbasen und sogar in Stahlcontainern. Nie sah die Zukunft der Minderheiten im Kosovo düsterer aus.

Die Sicherheitsorgane im Kosovo - die KFOR, die internationale Polizei der UNMIK und die KPS - haben während der gewalttätigen Unruhen im März 2004 bei der Erfüllung ihres Mandates, die Minderheiten zu schützen, katastrophal versagt. In zahlreichen Fällen blieben angegriffene Minderheiten ohne jeden Schutz und der Gnade der Aufrührer ausgeliefert. In Svinjare kamen die französischen KFOR-Truppen, obwohl ihr Hauptstützpunkt nur einige hundert Meter entfernt lag, den belagerten Serben nicht zu Hilfe - dabei war die ethnischalbanische Menge, die sich auf den Weg gemacht hatte, das Dorf niederzubrennen, unmittelbar an diesem Stützpunkt vorbeimarschiert. Auf die Gewaltakte in Vucitrn, welches zwischen zwei großen französischen Stützpunkten liegt, reagierten die französischen KFOR-Truppen ebenso wenig. In Prizren unterließen es die deutschen KFOR-Truppen, zum Schutz der serbischen Bevölkerung und der vielen historischen serbisch-orthodoxen Kirchen einzugreifen, obwohl die dortige internationale Polizei der UNMIK sie wiederholt um Hilfe gebeten hatte. Die örtliche UNMIK-Polizei beschuldigte später deutsche KFOR-Kommandeure der Feigheit. In Kosovo Polje ließen sich weder UNMIK noch KFOR blicken, als große Gruppen von Albanern serbische Häuser systematisch niederbrannten. Das am Rande von Pec zur Unterbringung heimkehrender Serben wieder aufgebaute Dorf Belo Polje wurde in Schutt und Asche gelegt, obwohl es fast unmittelbar neben dem wichtigsten italienischen KFOR-Stützpunkt liegt. Italienische KFOR-Soldaten weigerten sich, den belagerten Serben entgegenzukommen, was diese dazu zwang, einige hundert Meter weit mitten durch eine feindselige albanische Menschenmenge zu laufen, bevor die KFOR sie evakuierte. Dabei wurden mehrere Serben verletzt. Selbst in der Hauptstadt Priština sahen Serben sich gezwungen, sich in ihren Wohnungen zu verbarrikadieren, während an den Ausschreitungen beteiligte Albaner auf sie schossen und die Wohnungen unter ihnen sowie um sie herum in Brand steckten. Es dauerte bis zu sechs Stunden, bis KFOR und UNMIK ihnen zur Hilfe kamen.

Da die internationale Polizei der UNMIK und die KFOR es versäumten, der Gewalt wirksam entgegenzutreten, blieb es hauptsächlich dem Kosovo-Polizeidienst (KPS) überlassen, Sicherheit zu schaffen. Diese Polizeitruppe rekrutiert sich aus Einheimischen, von denen viele gerade erst ihre Ausbildung beendet hatten, und verfügte nicht über die erforderliche Ausrüstung, um mit der Gewalt fertig zu werden. Einige KPS-Beamte handelten professionell und mutig. In vielen Städten und Dörfern mussten sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um belagerte Serben und Angehörige anderer Minderheiten zu retten. Viele andere KPS-Beamte standen jedoch untätig herum, als ethnisch-albanische Menschenmengen Häuser niederbrannten und Serben sowie Angehörige anderer Minderheiten angriffen, selbst wenn diese Angriffe nur wenige Meter entfernt stattfanden. Einige KPS-Beamte erwiesen sich als eindeutig voreingenommen, indem sie nur Serben und Angehörige anderer Minderheiten, die ihre Wohnungen verteidigten, festnahmen, während sie das kriminelle Verhalten ignorierten, das ethnische Albaner unter ihren Augen an den Tag legten. In einigen wenigen Fällen wurden KPS-Beamte beschuldigt, sich aktiv am Niederbrennen der Wohnungen von Minderheiten beteiligt zu haben.

Wie es aussieht, streitet die internationale Gemeinschaft ihre eigenen Fehler und Versäumnisse im Kosovo rundum ab. Während Fehlverhalten und Versäumnisse der albanischen Führung im Kosovo während und nach der Krise von den internationalen Akteuren allgemein - und zutreffend - kritisiert wurden, ist das bedrückende Versagen der internationalen Gemeinschaft von einer vergleichbar kritischen Überprüfung verschont geblieben. Die KFOR- und UNMIK-Führung gefällt sich vielmehr darin, am "business as usual" festzuhalten, statt die erforderlichen Reformen durchzuführen, mit denen einer Wiederkehr massenhafter Gewalttätigkeit vorzubeugen wäre - und einem neuerlichen Zusammenbruch der Sicherheitsinstitutionen in der Zukunft.

Eine umfassende und nachvollziehbare Überprüfung der Sicherheitsinstitutionen des Kosovo, die zu einem drastischen Umbau ihrer ineffizienten Strukturen führt, ist dringend erforderlich. Die Sicherheitseinrichtungen des Kosovo müssen angemessen mit Personal ausgestattet werden, das für den Umgang mit Unruhen ausgebildet und entsprechend ausgerüstet ist. Zwischen KFOR, UNMIK und KPS ist ein koordiniertes Sicherheitssystem zu schaffen, das den Spannungen und Rivalitäten zwischen diesen Institutionen ein Ende setzt. Insbesondere die KFOR muss eine vereinheitlichte Befehlsstruktur und ein gemeinsames System dafür entwickeln, wie auf Gewalttätigkeiten im Kosovo zu reagieren ist; sie muss die dezentralisierten Strukturen und das Durcheinander nationaler Doktrinen überwinden, die zu dem Chaos vom 17. und 18. März beitrugen. Letztlich wird die Sicherheit der Minderheiten in den Händen vor Ort geschaffener Einrichtungen wie des KPS liegen - wie vielerorts schon in diesem März. Die Zukunft der Minderheiten im Kosovo hängt daher entscheidend davon ab, dass aus dem KPS ein wirklich professioneller, unparteiischer und gut ausgebildeter Polizeidienst wird, der den Schutz von Minderheiten als eine seiner Schlüsselaufgaben betrachtet.

Die internationale Gemeinschaft hat im Ergebnis der Märzunruhen im Kosovo enorm an Boden verloren: Die Extremisten unter den ethnischen Albanern wissen jetzt, dass sie die internationalen Sicherheitsstrukturen wirkungsvoll in Frage stellen können, nachdem sie die Vorstellung, KFOR und UNMIK seien unbesiegbar, nachhaltig zerstört haben; und den ethnischen Minderheiten ist der Rest an Vertrauen, den sie noch in die internationale Gemeinschaft gesetzt hatten, fast völlig verloren gegangen. Sowohl der internationalen Gemeinschaft wie den Minoritäten im Kosovo läuft die Zeit davon: Hier und heute muss entschlossen und auf transparente Weise gehandelt werden, um die nur zu offensichtlichen Mängel in den Sicherheitsstrukturen der internationalen Gemeinschaft im Kosovo zu korrigieren.

[Ende der Zusammenfassung]

Prizren (Wortlaut des Kapitels über die Vorgänge im deutschen Sektor des Kosovo)

Wie viele andere Städte und Gemeinden erlebte auch Prizren am 16. März massive Proteste von KLA-Anhängern [KLA = Kosovo Liberation Army, d. Übs.], besonders deshalb, weil einige in Prizren tätige frühere KLA-Kommandeure im Februar 2004 verhaftet worden waren.

Die Gewalttätigkeiten brachen in Prizren am 17. März gegen drei oder vier Uhr nachmittags aus. In der Innenstadt tauchten zwei Busse auf, die vor einem zentral gelegenen Hotel anhielten. Den Bussen entstiegen ethnische Albaner mit Transparenten und albanischen Fahnen, die Sprechchöre in albanischer Sprache anstimmten. Schnell bildete sich eine Menschenmenge. Nach Zeugenaussagen erschien die Menge anfänglich unsicher, wogegen sie sich wenden sollte, und griff zunächst das UNMIK-Gebäude auf der anderen Seite der Straße an, wobei einige UNMIK-Fahrzeuge in Flammen aufgingen. Bald jedoch schlug die Menschenmenge eine andere Richtung ein und überquerte den Fluss, um sich auf den Weg zu dem höher gelegenen serbischen Quartier zu machen.

Während des Angriffs auf die serbische Bevölkerungsgruppe von Prizren, die größtenteils in dem historischen serbischen Seminar und benachbarten Gebäuden lebte, schien die deutsche KFOR sich in Luft aufzulösen. Keiner der von Human Rights Watch befragten Serben sah während des Angriffs einen einzigen deutschen KFOR-Soldaten in der Gegend. Ljubisa Pleskonjic, ein Serbe, der mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern im Seminar wohnte, sagte aus: "Die ganze Zeit über ließ sich niemand von UNMIK, KPS oder KFOR blicken. Normalerweise hätte man sie zu Tausenden durch die Straßen fahren sehen. Erst als das Seminar und andere Häuser schon brannten, erschien eine Gruppe von UNMIK- und KPS-Leuten, aber die Menge war so groß, dass sie wegliefen."

Dass die deutsche KFOR es versäumte einzugreifen, schuf ein Sicherheitsvakuum, wodurch die meisten Serben in Prizren sich der Gnade der Menge ausgeliefert sahen. Ljubisa Pleskonjic saß mit seiner schwangeren Frau und ihren beiden kleinen Kindern in der brennenden Wohnung im serbischen Seminar in der Falle:

"Sie kamen zu unserer Tür und versuchten, sie aufzubrechen. Ich schob eine Bank gegen die Tür und drückte zurück. Dann versuchten sie, die Tür mit einer Axt zu öffnen. Als sie sahen, dass sie die Tür nicht aufbrechen konnten, gossen sie Benzin darüber und setzten es in Brand. Bald stand alles in Flammen.

Im Badezimmer gab es ein Fenster, 30 mal 30 cm groß. Es gelang mir, meine Frau und die Kinder durch dieses Fenster aufs Dach zu schieben, aber ich selbst schaffte es nicht [meiner Körpergröße wegen]. Ich gab meiner Frau und den Kindern Abschiedsküsse - ich glaubte, ich müsste sterben.

Dann ging ich zurück in die brennende Küche. Ich schmetterte den Kühlschrank gegen die Wand, wodurch ein Loch entstand, durch das ich hinauskam. Ich fand meine Familie... Die Menge begann mit dem Angriff [auf eine Gruppe von UNMIK- und KPS-Polizisten, die mittlerweile gekommen war], woraufhin die Polizisten in panischer Angst die Straße hinabliefen und uns zurückließen.

Es gab da einen kleinen Laden mit Mülltonnen, in dem wir uns bis gegen fünf Uhr früh versteckten, ohne Schuhe oder sonst etwas. Ich musste die Kinder ruhig halten, sie hörten nicht auf zu weinen. Um fünf Uhr morgens ging ich auf die Straße hinaus und sah einen Polizeiwagen der albanischen KPS. Ich sprach sie auf albanisch an, und sie brachten uns in den deutschen Stützpunkt."

Im Seminar wurden mehrere ältere Serben verprügelt. Der 61 Jahre alte Serbe Dragan Nedeljkovic kam zu Tode, als das Seminar niedergebrannt wurde. Mitbewohner des Seminars behaupteten, sie hätten gehört, wie er während des Angriffs geschlagen wurde.

Das Verhalten der deutschen KFOR in Prizren zählt zu den schlimmsten sicherheitspolitischen Fehlleistungen während der Unruhen im März 2004. Obwohl einer der größten deutschen KFOR-Stützpunkte sich in der unmittelbaren Umgebung von Prizren befindet, weigerten die deutschen KFOR-Befehlshaber sich, ihre Truppen während der schlimmsten Angriffe wirksam zu mobilisieren. Wiederholt ignorierten sie Hilfsersuchen ihrer deutschen Kollegen von der UNMIK-Polizei. Kommandeure der UNMIK-Polizei in Prizren sind überzeugt, dass eine stärkere Reaktion der KFOR das vollständige Niederbrennen von 56 serbischen Häusern und fünf historisch bedeutenden serbisch-orthodoxen Kirchen ebenso hätte verhindern können wie den Terror, den eine von der internationalen Gemeinschaft ihrem Schicksal überlassene serbische Bevölkerung erleiden musste. Ein UNMIK-Vertreter, der bat, seinen Namen nicht zu erwähnen, erklärte Human Rights Watch gegenüber, die Kommandeure der UNMIK-Polizei in Prizren hätten während der schlimmsten Übergriffe wiederholt um den Einsatz deutscher KFOR-Truppen gebeten. Wäre zu Beginn der Unruhen nur ein einziger Panzer aufgefahren, hätten sich seiner festen Überzeugung nach "die Demonstranten zurückgezogen". Diesem UNMIK-Vertreter zufolge hatten sich etwa 400 deutsche KFOR-Soldaten darauf vorbereitet, ihren Stützpunkt zu verlassen und einzugreifen, aber niemals Einsatzbefehle erhalten. Die Verantwortung für das Versagen der deutschen KFOR tragen seiner Meinung nach "Kommandeure, die keine Fehler machen wollen, um ihrer Karriere nicht zu schaden."

Da die deutschen KFOR-Truppen es versäumten einzugreifen, blieb die Sicherheitslage ganz in den Händen von ungefähr 350 schlecht ausgerüsteten KPS-Polizisten - von denen

die meisten nur ein paar Jahre Diensterfahrung hatten - und einigen Dutzend UNMIK-Polizisten. Die in Prizren stationierte argentinische Spezialeinheit der UNMIK-Polizei war abgerufen wurden, um anderswo im Kosovo Massenaufläufe in Schach zu halten. "Wir haben nicht die erforderliche Ausrüstung. Kein Tränengas, keine Gummigeschosse, keinen NATODraht, keinen Wasserwerfer. Wir waren auf so etwas ganz einfach nicht vorbereitet", sagte ein Kommandeur der UNMIK-Polizei Human Rights Watch.

Obwohl die massive Gewalttätigkeit, der sie sich in Prizren gegenübersahen, ihre Kräfte zweifellos überstieg, verhielten sich viele Beamte der KPS und der UNMIK professionell. Der 80jährige Mladen Gligorijevic, der mit seiner 70jährigen Ehefrau, seiner 69jährigen Schwester und seiner Tochter in einem Privathaus in Prizren wohnte, erklärte, viermal während des Aufstandes seien KPS-Beamte gekommen, um nach seiner Familie zu sehen, hätten sie beruhigt und dringend aufgefordert, in ihrem Haus zu bleiben. Bei der vierten Runde, gegen fünf Uhr nachmittags, erschien der gleiche KPS-Beamte erneut und sagte ihm: "Mach dich fertig, Alter. Wir gehen in ein paar Minuten." Dann brachte er die Familie in ihrem Wagen fort. "Die ganze Zeit über war es nur die KPS, jedes Mal kam die gleiche Gruppe von KPSLeuten. UNMIK und KFOR sind nie gekommen", erinnerte sich Gligorijevic.

Der 75jährige Milos Necic, der in einem einzeln stehenden serbischen Haus allein wohnte, berichtete Ähnliches vom mutigen Einsatz der KPS. Als eine albanische Menschenmenge dabei war, seine Haustür aufzubrechen, kletterten vier oder fünf KPS-Beamte über seine Mauer und sagten ihm, sie müssten ihn evakuieren. Weil sie ihn wegen der großen Menschenmenge nicht durch die Vordertür herausbringen konnten, mussten die KPS-Beamten mit Necic über die Dächer zweier benachbarter albanischer Häuser klettern, wobei sie ihn mit ihren Schilden vor Steinwürfen schützten. Weil die Menge auch KPS-Fahrzeuge angriff, sahen sich die Beamten genötigt, für die Rückfahrt zum Revier ein Taxi zu rufen. Kein Serbe in Prizren bezichtigte die KPS, sie sei in die Gewalttätigkeiten verwickelt gewesen. Allerdings scheinen viele KPSBeamte während der Vorgänge nicht zum Dienst erschienen zu sein.

Zusätzlich zu der Zerstörung serbischer Wohnhäuser und Kirchen in der Innenstadt von Prizren griffen ethnisch-albanische Aufrührer auch das Kloster der Heiligen Erzengel aus dem 14. Jahrhundert an, dass einige Kilometer außerhalb von Prizren bei Bistrica/Lumbardhi in einem Flusstal liegt. Dabei handelte es sich um das einzige überlebende serbisch- orthodoxe Kloster im deutschen Sektor. Zu diesem Kloster gibt es nur einen Zugang, eine schmale Straße durch die Schlucht des Flusses; es hätte deshalb leicht zu verteidigen sein sollen. Als gegen 20:45 Uhr eine Gruppe von etwa 200 ethnischen Albanern eintraf, waren nur 15 deutsche KFOR-Soldaten zugegen, um das historische Kloster zu bewachen. Den serbischen Mönchen zufolge blieben die deutschen Soldaten, als die ethnisch-albanische Menschenmenge näher kam, einfach auf der Brücke stehen, ohne zu versuchen, die Menge aufzuhalten. Diese rückte langsam vorwärts, umging die Soldaten auf der Brücke, indem sie den Fluss durchwatete, und begann das Kloster mit Molotow-Cocktails zu bewerfen. "Die Deutschen setzten weder ihre Gummiküppel noch Tränengas ein, ja sie schossen noch nicht einmal in die Luft", erinnert sich einer der Mönche. Sobald die Menge begann, das Kloster anzugreifen, befahlen die deutschen Soldaten den Mönchen, gepanzerte Fahrzeuge der KFOR zu besteigen, in denen sie sie wegfuhren, während sie das Kloster der ethnisch-albanischen Menschenmenge überließen, die sich anschickte, es niederzubrennen.

In der Gegend von Prizren zerstörten die Aufrührer praktisch jedes serbisch-orthodoxe Monument von Bedeutung, darunter eine Anzahl von Kirchen aus dem 14. Jahrhundert. Unter den serbisch-orthodoxen Einrichtungen in Prizren, die zerstört oder schwer beschädigt wurden, befindet sich das moderne Seminar des St.Kyrill- und St.Method-Kollegs; die St. Georgskathedrale aus dem 19. Jahrhundert mit dem angrenzenden Bischofspalast; die Erlöserkirche aus dem 14. Jahrhundert; die St. Nikolauskirche aus dem 14. Jahrhundert; die Kirche der Heiligen Jungfrau Ljeviska aus dem 14. Jahrhundert sowie das oben erwähnte Kloster der Heiligen Erzengel. In den alten Kirchen von Prizren befanden sich einige der bedeutendsten Fresken des Kosovo, deren Zerstörung für die serbisch-orthodoxe Kirche einen schweren Verlust darstellt.

[Ende des Prizren-Kapitels]

1 Im Interesse der Klarheit und Einheitlichkeit verwendet Human Rights Watch, wenn ein Ort erstmals genannt wird, sowohl seinen serbischen wie seinen albanischen Namen. Weitere Erwähnungen erfolgen ausschließlich in serbischer Sprache, wie es im Englischen üblich ist (beispielsweise Pristina, nicht Prishtine).

(aus: »Blätter« 10/2004, Seite 1274-1278)
Themen: Europa, Krieg und Frieden und Religion

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