Die Bombe | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die Bombe

Ein Rückblick auf den Beginn des Atomzeitalters

von Frank Unger

Seit nunmehr 60 Jahren streben alle Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika nach der militärischen Fähigkeit, jederzeit auf Freund und Feind – bildlich und buchstäblich – von oben hinunterschießen zu können, um somit stets im sicheren Gefühl strategischer Überlegenheit ihre diplomatischen Beziehungen pflegen bzw. nach Bedarf "begrenzte" Kriege führen zu können. Auch die jüngsten Pläne der US-Regierung und ihrer Missile Defense Agency, satellitengestützte Abwehrwaffen zu entwickeln, um sich damit endlich gegen die letzte noch denkbare Bedrohung ihres Territoriums, nämlich die durch Interkontinentalraketen, unverwundbar zu machen, sind keine Auswüchse eines neuen Unilateralismus der Bush-Regierung, sondern folgen Vorgaben, die unter Ronald Reagan eingeleitet und unter George Bush Senior und Bill Clinton fortgeführt wurden. In letzter Instanz jedoch sind sie – wie die kürzlich erfolgte Verkündung einer atomaren Erstschlagsdoktrin – die jüngste Implementierung einer "strategischen Kultur", deren Geburt in den Köpfen amerikanischer Politiker auf ein genau zu bestimmendes historisches Ausgangsdatum zurückgeführt werden kann: den 16. Juli 1945.

In Deutschland wurden die letzten Vorbereitungen für die Potsdamer Siegerkonferenz der "Großen Drei" getroffen, als an diesem Tag eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang über der Alamogordo-Wüste in New Mexico "ein Licht von mehreren Sonnen um die Mittagszeit"1 angezündet wurde, mit einer Explosionskraft, die alles bisher Dagewesene weit übertraf. Die Wissenschaftler des Manhattan Engineer District Projects, wie der volle Tarnname ihres streng geheimen Arbeitsauftrags lautete, hatten – zweieinhalb Jahre nach Beginn ihrer Klausur in Los Alamos und nur sieben Jahre nach der ersten Spaltung eines Uraniumkerns – erfolgreich die erste Atombombe gezündet und damit eine neue Ära nicht nur in der Waffentechnik, sondern auch im modernen Verständnis vom Krieg eingeleitet. Der beteiligte Physiker Isaac I. Rabi, Augenzeuge von Alamogordo, fasste seine damaligen Empfindungen in den Worten zusammen: "Plötzlich war der morgige Tag der Tag des jüngsten Gerichts, und so ist es geblieben."2

Ähnliches empfanden die meisten der am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschaftler. Sie waren – ob des sensationellen Eindrucks, den der erste Test einer atomaren Waffe machte – im wahrsten Sinne des Wortes betroffen. Denn die Idee, überhaupt eine Atombombe zu bauen, war nicht den Hirnen zerstörungswütiger Militärs entsprungen, sondern kam aus ihrer Mitte. Die Atomphysiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren eine internationale Gemeinschaft von Hochleistungsdenkern, die aus purer Freude und im durchaus elitären Bewusstsein, die Grenzen des Wissens immer weiter zu verschieben, über ihre Forschungsergebnisse in Fachzeitschriften kommunizierten und sich regelmäßig bei Niels Bohr in Kopenhagen zum Gedankenaustausch trafen. Der harte Kern der Truppe bestand aus begabten Söhnen der jüdischen Bourgeoisie Ungarns, die alle zur gleichen Altersgruppe eines bestimmten Budapester Gymnasiums gehörten. Der älteste von ihnen, der Physiker Leo Szilard (geb. 1893), las als junger Mann den Zukunftsroman von H. G. Wells "The World Set Free" (1914), in der dieser – ausgehend von den Implikationen der Einsteinschen Relativitätstheorie, dass Energie nur eine Form der Materie sei und umgekehrt – die umfassende friedliche wie kriegerische Nutzung der Atomkraft für die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts voraussagte. Seitdem dachte Szilard, der viele Jahre an der Berliner Universität zusammen mit Albert Einstein mit der Entwicklung von Kühltechnik beschäftigt war, sozusagen hobbymäßig über die theoretische Möglichkeit einer Atombombe nach.

Als schließlich den Deutschen Otto Hahn und Fritz Straßmann im Dezember 1938 im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut zum ersten Mal die Spaltung eines Uraniumkerns gelang, war der inzwischen über England in die USA emigrierte Szilard besorgt darüber, dies könnte von den Deutschen zur Entwicklung einer Atombombe benutzt werden, mit der dann der Rest der Welt für die Ziele der Nazis erpressbar gewesen wäre. Unterstützt von dem einflussreichen Bankier Lewis Strauss, überredete er im Sommer 1939 gemeinsam mit seinem alten Schulfreund Eugen Wigner, der in Princeton Physik lehrte, seinen berühmten, ebenfalls in Princeton lehrenden ehemaligen Kollegen Albert Einstein dazu, einen persönlichen Brief an Präsident Roosevelt zu schreiben, um ihn auf diese Möglichkeit aufmerksam zu machen. Der Pazifist und Humanist Einstein hatte bis dahin selbst nie an eine derartige Anwendung seiner Theorie gedacht.

Als schließlich nach dem Überfall der Japaner auf Pearl Harbor und der unmittelbar darauf folgenden Kriegserklärung Hitlers an die USA die amerikanische Führung sich nach einigem Hin und Her (und gegen den Widerstand großer Teile der militärischen Führung) entschloss, den Bau einer solchen Bombe in Angriff zu nehmen – wobei sie mit Erlaubnis der Briten auf die theoretischen Überlegungen von zwei deutschen Emigranten, den nach England an die Universität Birmingham geflohenen Physikern Otto Frisch und Rudolf Peierls, zurückgreifen durften –, war es keine Schwierigkeit, in kürzester Zeit die besten Naturwissenschaftler der USA und Großbritanniens zu hochmotivierter Arbeit unter paramilitärischen Bedingungen in ein abgelegenes Barackenlager in der Wüste von New Mexico zu locken. Schließlich ging es um nicht mehr und nicht weniger als die Verteidigung der westlichen Zivilisation gegen die Nazi-Barbarei. Auch wenn zu diesem Zeitpunkt die Gasöfen von Auschwitz noch nicht bekannt waren, war der zivilisationsfeindliche, inhumane Charakter des Naziregimes nicht nur den sich persönlich gefährdet fühlenden jüdischen Wissenschaftlern bewusst. Jene allerdings waren doppelt motiviert: Sie verstanden die Mitarbeit an einer Atomwaffe nicht nur als einen Beitrag zur Rettung der Menschheit vor der Barbarei, sondern auch als einen Akt der Selbstverteidigung.

Kosmopolitische Wissenschaftler für internationale Kontrolle

Die politische Führung der Vereinigten Staaten konnte ihre Besorgnis über eine mögliche deutsche Waffe schon im November 1944 vergessen, nachdem eine geheime wissenschaftliche Erkundungsmission herausgefunden hatte, dass es ein deutsches Bombenprogramm gar nicht gab.3 Und spätestens nachdem das Deutsche Reich am 8. Mai 1945 bedingungslos kapituliert hatte, begannen einige der am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschaftler an der moralischen und politischen Berechtigung von dem, was sie taten, zu zweifeln. Entsprechend reagierten sie: Wollten sie bis dahin die westliche Zivilisation vor den deutschen Barbaren retten, so ging es ihnen nun darum, die menschliche Zivilisation vor der Atombombe zu retten. Der Physiker Glenn T. Seaborg, einer der Entdecker des Plutoniums, startete im Juni 1945 eine Initiative, im Namen der am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschaftler die Truman-Regierung darum zu bitten, die Bombe gegen den verbleibenden Kriegsgegner Japan nicht ohne Vorwarnung einzusetzen. Stattdessen solle ihre Wirkung auf "irgendeiner unbewohnten Insel" unter Anwesenheit von eingeladenen Vertretern aller führenden Nationen der Welt, einschließlich Japans, demonstriert werden. Japan solle dann ein Ultimatum zur Kapitulation gestellt werden. Danach aber müsse die Atomkraft schleunigst unter internationale Kontrolle gestellt werden.4 Schließlich – so die Überzeugung von Seaborg und seinen Mitstreitern – sei die freigesetzte Kraft der Atomspaltung ihr "Baby", nämlich das der kosmopolitischen Wissenschaftlergemeinde, und keine einzelne Nation dürfe sich damit Vorteile verschaffen. Mit ähnlicher Intention versuchten Leo Szilard und seine Chicagoer Physiker-Kollegen zu intervenieren. In einer Petition an den Präsidenten forderten sie, die Bombe nicht gegen Japan einzusetzen, ohne vorher den Stand der Kapitulationsverhandlungen öffentlich bekannt zu machen. Szilard ging es dabei nicht nur um die nichts ahnenden Opfer in Japan, sondern auch um den Vertrauensverlust und den moralischen Schaden, den die Vereinigten Staaten in den Augen der Welt nehmen würden, sollten sie als Erste eine derartige Waffe ohne Warnung einsetzen.

Doch diese Initiativen hatten keine Chance. Vor allem in den Reihen der hohen Militärs wurde die prospektive Wunderwaffe von Beginn an als zukünftiges Druckmittel gegenüber der Sowjetunion imaginiert. Sie hatten die Sowjetunion nie als echten Verbündeten empfunden, und sie sahen immer sich selbst, nicht die Rote Armee als den primären Sieger über den deutschen Faschismus. Und nun saß die Sowjetunion auf Augenhöhe mit den USA und Großbritannien am Potsdamer Verhandlungstisch der Sieger. Präsident Harry Truman hatte den Beginn der Potsdamer Konferenz bewusst verschleppt, bis er das Resultat des Tests in New Mexico erfahren würde. Die Alamagordo-Explosion gab dem außenpolitisch unerfahrenen und entsprechend unsicheren Truman – der aus kleinen Verhältnissen stammte und sich wochenlang die Einflüsterungen der antisowjetischen Hardliner-Fraktion um Botschafter Averell Harriman, den Sowjetexperten Charles Bohlen und den Marineminister James Forrestal anhören musste, andererseits aber auch mit einem gehörigen Respekt vor Stalin nach Potsdam gekommen war – einen gewaltigen Schub Selbstbewusstsein, der nun jede objektiv durchaus vorhandene Chance einer kooperativ mit den Russen organisierten Nachkriegsordnung gleichsam im Keim erstickte. Auch Churchill staunte: Der Novize Truman trat gegenüber Stalin mit der selbstgerechten Chuzpe (und den Manieren) eines Pferdehändlers aus dem Mittleren Westen auf, von dem ein Konkurrent gerade für ein schon klapperiges Tier einen weit überhöhten Preis gefordert hat.5 Dessen Land hatte aber gerade über 20 Millionen Menschen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind verloren und erwartete ein gewisses Entgegenkommen.

Nachträgliche Rechtfertigungspropaganda

Im Frühjahr 1945 war von der politischen und militärischen Führung der USA endgültig Japan und nicht Deutschland als Einsatzziel der Nuklearwaffe bestimmt worden; unter anderem weil sich die deutsche Niederlage bereits klar abzeichnete, und weil mit einem Einsatz auf dem pazifischen Kriegsschauplatz die amerikanische Chefrolle und damit auch der Anspruch Amerikas am angloamerikanischen Gemeinschaftsprojekt dieser Waffe – wie der Atomkraft überhaupt – symbolisch demonstriert würde.6

Nun wurde klar, dass die Zeit langsam knapp werden könnte. Die Fernost- Spezialisten des State Department, die schon lange den diplomatischen Code der Japaner geknackt hatten, wussten bereits im Frühsommer 1945, dass die Kapitulationsbefürworter im kaiserlichen Kabinett in der Mehrheit waren und ernsthafte Angebote der amerikanischen Seite, die Kampfhandlungen zu beenden, erfolgreich sein würden – vorausgesetzt, die Japaner dürften ihren Tenno und ihr dynastisches System behalten, die Kapitulation also nicht, wie noch in Potsdam deklariert, bedingungslos zu sein habe.

Vom rein militärischen Gesichtspunkt wäre also ein Einsatz der Bombe gegen Japan auch vom Blickwinkel des Sommers 1945 aus durchaus zu vermeiden gewesen. Ein zwei Jahre später von Kriegsminister Stimson veröffentlichter Artikel, der den Einsatz der Bombe damit begründete, durch ihn sei "400 000 amerikanischen Soldaten" das Leben gerettet worden, die sonst bei einer Invasion Japans gefallen wären, kann getrost als nachträgliche Rechtfertigungspropaganda angesehen werden, die Kritik am Bombeneinsatz zum Verstummen bringen sollte.7

Historiker sehen heute im Wesentlichen drei Motive, die schließlich den Ausschlag dafür gaben, die Bombe gegen Japan ohne Vorwarnung und ohne ernsthafte Prüfung der japanischen Kapitulationsbereitschaft einzusetzen. Erstens waren die politische und militärische Führung wie auch ein maßgeblicher Teil der Mitarbeiter des Manhattan-Projekts, darunter sein wissenschaftlicher Leiter J. Robert Oppenheimer, nicht gewillt, nach all der intensiven Arbeit an der neuen Waffe nun darauf zu verzichten, ihre Wirkung in vivo zu erproben. Den Wissenschaftlern wurde auch verschiedentlich bedeutet, unter anderem von Außenminister James F. Byrnes, dass nur eine erfolgreiche Demonstration der Atomwaffe unter Kriegsbedingungen den Kongress später davon überzeugen würde, auch in Friedenszeiten weiterhin Mittel für die Atomforschung zur Verfügung zu stellen.8

Zweitens waren Teile der politischen Führung (wie die Unter-Staatssekretäre Dean Acheson und Archibald MacLeish) strikt dagegen, den Japanern die Beibehaltung der Institution des Tenno zu gestatten und plädierten für die bedingungslose Kapitulation als Kriegsziel. Hinzu kam, dass sowohl in der politischen Führung als auch in großen Teilen der Bevölkerung der Hass auf den japanischen Kriegsgegner weitaus größer war als auf die Deutschen. Dies spiegelte sich auch in der offiziellen Kriegspropaganda wider, in der der japanische Feind stets im Gegensatz zum deutschen als emotionales Hassobjekt mit eindeutig rassistisch abwertenden Zügen gezeichnet wurde.9

Und drittens waren die Beziehungen zur Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt – nicht zuletzt durch den Verlauf der Potsdamer Konferenz – bereits so feindselig aufgeladen, dass eine Demonstration der Waffe unter Ernstfallbedingungen nun als notwendig gesehen wurde, um die amerikanische Position bei den anstehenden Auseinandersetzungen über die Gestaltung der Nachkriegsordnung zu stärken und gleichzeitig den zu Beginn der Potsdamer Konferenz bekräftigten Kriegseintritt der Roten Armee gegen Japan gegenstandslos zu machen. Eine solche Waffe ohne Information des Hauptverbündeten einzusetzen, nachdem man ihn noch kurz zuvor dazu gedrängt hatte, unter ungeheuren Anstrengungen einen Teil seiner Truppen über den ganzen eurasischen Kontinent zu verschieben, um damit in den Pazifikkrieg einzugreifen, musste wie eine gezielte Düpierung erscheinen. Der Einsatz der Bombe gegen das schon geschlagene Japan war auch die Erklärung des Kalten Krieges an die Sowjetunion.10

"Größtmöglicher psychologischer Effekt gegen Japan"

Nachdem der Einsatz beschlossen worden war, wurde einem "Zielkomitee" aus Manhattan-Projekt-Wissenschaftlern und Militärs die Aufgabe übertragen, einen Abwurfort zu bestimmen. Die Mitglieder des Komitees, darunter auch Oppenheimer, befanden in ihrer ersten Sitzung, dass "psychologische Faktoren bei der Zielortbestimmung von vorrangiger Bedeutung" seien. Zwei Ziele seien anzustreben: "Erstens, den größtmöglichen psychologischen Effekt gegen Japan zu erzielen, und, zweitens, den Ersteinsatz so spektakulär zu machen, dass die Bedeutung der Waffe augenblicklich international erkannt wird, wenn die Berichte über ihren Einsatz in der Welt die Runde machen."11

Das Komitee kam zu dem Schluss, dass die Stadt Kyoto, die alte Hauptstadt Japans und Zentrum seiner Kultur seit über 1000 Jahren, diese Kriterien am besten erfülle. "Kyoto hat den Vorteil einer besonders intelligenten Einwohnerschaft, die von daher besser in der Lage sein wird, die Bedeutung der Waffe einzuschätzen",12 begründete das Komitee mit nicht ganz nachvollziehbarer Logik seine Wahl. Ein intern weitaus wichtigerer Grund für die Wahl Kyotos war die Tatsache, dass die Stadt bislang als eine der ganz wenigen japanischen Städte von den vernichtenden Flächenbombardierungen mit Brandbomben vollkommen verschont geblieben war und daher als Versuchsfeld für einen Praxis-Test der neuen Waffe perfekt geeignet schien.13

Gegen diese Wahl legte aber Kriegsminister Stimson sein Veto ein. Er kannte die Stadt persönlich und wollte sie wegen ihrer Schätze und Bedeutung für die kulturelle Identität der Japaner – auch in Hinblick auf die Nachkriegsbeziehungen mit Japan – vor der Zerstörung bewahren. Schließlich wurden nach einigem Hin und Her die bislang ebenfalls weitgehend verschont gebliebenen Städte Hiroshima, Kokura, Niigata und Nagasaki als Ziele in die engere Wahl gezogen. Hiroshima wurde schließlich als erstes Ziel vor allem wegen seines flachen Terrains gewählt, auf dem die Kraft der Bombe ungehindert "ausrollen" konnte, wie es Wissenschaftler des Manhattan- Projekts später zu Protokoll gaben.

Am frühen Morgen des 6. August 1945 näherten sich drei ungefährlich aussehende Flugzeuge in relativ großer Höhe der Stadt Hiroshima. Als sie schon wieder abgedreht waren, bemerkte möglicherweise der eine oder andere Einwohner einen langsam zur Erde schwebenden Fallschirm. Als dieser 300 Meter über dem Boden war, gab er seine wahre Identität preis – die Atombombe wurde durch eine kleine konventionelle Sprengladung ausgelöst.

Hiroshima wurde auf einen Schlag total zerstört. Ungefähr 100 000 Menschen im Epizentrum wurden auf der Stelle getötet, Zehntausende aus dem näheren und weiteren Umkreis starben nach kurzer Zeit an Strahlenvergiftung, darunter auch zwölf amerikanische Piloten, die im Stadtgefängnis in einem Vorort gefangen gehalten wurden. "Das ist das größte Ereignis der Geschichte!", gab Präsident Truman enthusiastisch zu Protokoll, als er die Neuigkeit an Bord des Kreuzers Augusta auf dem Weg nach Hause von der Potsdamer Konferenz erfuhr. Drei Tage später, am Morgen des 9. August 1945, überschritten Truppen der Roten Armee verabredungsgemäß die Grenze zur Mandschurei und begannen, die einst so mächtige und erfolgreiche Kwantung-Armee vor sich her zu treiben.

Für die japanische Führung war nun endgültig klar, dass der Krieg verloren war. Es war nun höchstens noch eine Frage der Gesichtswahrungs-Frist, bis sich die wenigen verbliebenen Hardliner der kapitulationsbereiten Mehrheit angeschlossen hätten. Doch statt den total geschockten Japanern diese Frist zu gewähren, schlugen die Amerikaner schon drei Tage später ein zweites Mal zu. Die Zahl der Opfer in Nagasaki war nicht ganz so groß wie in Hiroshima, da das Stadtzentrum wegen schlechter Sicht verfehlt wurde.

Am 10. August bot die japanische Regierung ihre Kapitulation an – unter der Bedingung, dass die "Rechte Seiner Majestät, des Kaisers, als souveräner Herrscher" nicht in Frage gestellt würden. Die Amerikaner akzeptierten diese Bedingungen, schränkten aber ein, dass die Souveränität des Kaisers der Macht des Oberbefehlshabers der U.S.-Streitkräfte untergeordnet sein müsse. Die Japaner akzeptierten.

Die Frage, warum denn unbedingt auch eine zweite Bombe abgeworfen werden musste, ohne dem Feind die Möglichkeit zu geben, angemessen auf die erste zu reagieren, ist bis heute nicht überzeugend beantwortet. Vielleicht spielte ja auch hier die wissenschaftliche Neugier eine Rolle. Die Hiroshima- Waffe (Little Boy) war eine Uranium-Bombe, in Nagasaki kam eine Plutonium- Bombe (Fat Man) zum Einsatz.14

Oppenheimer: Ohne Weltgemeinschaft kein dauerhafter Frieden

Mit den Angriffen auf Hiroshima und Nagasaki erfuhr nun auch die amerikanische Öffentlichkeit von der Existenz der neuen Wunderwaffe. Gerade wegen ihrer ungeheuren Wirkung erhoben sich im unvermeidlichen Triumphgeschrei sofort Stimmen, die – im Interesse der eigenen Sicherheit – eine internationale Kontrolle der Atomkraft forderten. Insbesondere befürchtete man, dass eine solche Waffe wegen ihrer handlichen Größe praktisch unbemerkt ins Land geschmuggelt werden und dann an strategisch ausgewählter Stelle zur Explosion gebracht werden könnte. Man erkannte auch sofort den "gleichmachenden" Charakter der Waffe. Wer sie besaß, könnte damit einen ansonsten militärisch weit überlegenen Gegner in Schach halten. Für den ersten professionellen "Nuklearstrategen", den das Atomzeitalter hervorbrachte, den Politikwissenschaftler Bernard Brodie, änderte sich mit der Bombe der Sinn des Kriegführens grundlegend: Habe bis vor kurzem das oberste Ziel militärischer Einrichtungen darin bestanden, Kriege zu gewinnen, so müsse es von nun an ihr oberstes Ziel sein, solche zu verhindern.15

Einer derjenigen, die nun vehement eine internationale Kontrolle der Atomkraft forderten, war der wissenschaftliche Leiter des Manhattan- Projekts, J. Robert Oppenheimer. Er forderte die Einrichtung einer internationalen Behörde im Rahmen der Vereinten Nationen, die sämtliche Aspekte der Atomenergie monopolisieren und die Resultate der Nuklearforschung nach bestimmten Kriterien an die Mitgliedsländer freigeben solle. Diese Überlegungen Oppenheimers glichen auf verblüffende Weise denen, die einige Jahre später der Franzose Jean Monnet anstellte, als er den Westeuropäern, die sich allein auf der Basis von theoretischen Debatten und politischen Palavern niemals zusammengeschlossen hätten, einfach den Vorschlag machte, ihre Stahl- und Kohleproduktion einer transnationalen Behörde zu unterstellen. Monnet legte mit dieser praktischen Idee das reale Fundament für die Europäische Gemeinschaft, Oppenheimer hatte bereits so etwas wie eine Weltgemeinschaft im Sinn. Ohne diese und eine entsprechende "Weltregierung", so meinte Oppenheimer, könne es keinen dauerhaften Frieden geben, und ohne Frieden würde es früher oder später einen Atomkrieg geben.

Oppenheimer und andere Veteranen des Manhattan-Projekts drängten mit medialer Unterstützung den Präsidenten dazu, eine Kommission einzusetzen, die einen konkreten Vorschlag für die internationale Kontrolle der Atomenergie durch die Vereinten Nationen erarbeiten solle. Die Kommission erstellte den so genannten Acheson-Lilienthal-Report, der weitgehend mit den Ideen Oppenheimers identisch war. Als der Außenminister Byrnes den Report sah, zeigt er sich entsetzt über die weit gehenden Vorstellungen zur internationalen Kooperation. Einen Tag später überredete er den Präsidenten, seinen Geschäftspartner und Freund, den Wall-Street-Spekulanten Bernard Baruch, zu beauftragen, die Kommissionsvorschläge noch einmal im Sinne der Regierung für die UNO zu "übersetzen".16 Byrnes und Baruch waren beide Vorstandsmitglieder und Teilhaber der Newmont Mining Corporation, einer Firma, der eine Reihe von Uranbergwerken gehörte. Der Acheson- Lilienthal-Report sah auch vor, die Uranvorkommen der Erde unter die Aufsicht der internationalen Atombehörde zu stellen.

Vor allen Dingen aber plädierte der Report für die Offenlegung sämtlicher Atomgeheimnisse, die bis zu diesem Zeitpunkt allein in angloamerikanischem Besitz waren. Baruch gelang es, den Report so zu "ergänzen", dass er für die Sowjetunion unannehmbar sein musste. Das Ergebnis war kein Vorschlag mehr zu einer kooperativen Kontrolle über die Gewinnung und Anwendung von Atomenergie, sondern der kalkulierte Versuch, nach dem "bedauerlichen" Scheitern der amerikanischen Kontrollvorschläge das angloamerikanische Atom-Monopol zu erhalten, ohne selbst als Schuldiger am Scheitern der Kooperation zu erscheinen.17 Baruch sah die Bombe als "Siegerwaffe" der USA und machte intern auch kaum einen Hehl daraus, dass er mit einer sowjetischen Ablehnung seines Vorschlags rechnete. Intern rechneten sowohl Truman als auch das US-Militär damit, dass die Sowjetunion mindestens 15, wenn nicht gar 50 Jahre benötigen würde, um selbst so weit hinter das Geheimnis der Atomkraft zu kommen, dass sie eine Bombe bauen könnte.18 Andere Mächte wurden überhaupt nicht erst ins Kalkül genommen.

Streben nach Eskalationsdominanz

Nach dem voraussehbaren Scheitern des Baruch-Plans, der von der Sowjetunion vor allem als Versuch angesehen wurde, ihr uneingeschränktes Veto- Recht im Sicherheitsrat auszuhebeln, konnte die amerikanische Führung nun mit demonstrativ gutem Gewissen daran gehen, ihre Stellung im Kalten Krieg auf der Basis des Nuklearmonopols und der militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit systematisch auszubauen.

Das Atomwaffenmonopol, gepaart mit einer ungeheuren Luftüberlegenheit, wurde zur materiellen und ideellen Basis einer "überparteilichen Außenpolitik", die nicht auf Verständigung und Vereinbarungen beruhen sollte, sondern auf peace and freedom through strength, das heißt auf atomwaffengestützter amerikanischer Vorherrschaft. Linke Kritiker beklagten die vertane Chance zu einem Ausgleich mit der Sowjetunion, Konservative wie beispielsweise der Publizist Walter Lippmann sahen in dieser neuen Doktrin die Gefahren "eines perfekten militärischen Wunschdenkens". Lippman führte sarkastisch hinzu: "Endlich würden Kriege ganz ohne nationale Anstrengung, ohne Mobilmachung, ohne Ausbildung von Wehrpflichtigen, ohne Disziplin geführt werden können; nur mit Geld und Ingenieurwissen, und von beidem haben wir ja genug." 19 Das Atomwaffenmonopol schien die Möglichkeit politischer Vorherrschaft im Discountpack zu bieten, der Krieg seine Schrecken für künftige Generationen von Amerikanern zu verlieren.

Als es der Sowjetunion – wie übrigens die meisten Experten erwartet hatten – zur größten Überraschung der politischen und militärischen Führung Amerikas bereits 1949 gelang, eine Atomwaffe zu zünden, reagierte die politische Rechte mit hysterischer Verfolgung linker oder vermeintlich linker Kräfte im Lande selbst und initiierte eine Hexenjagd gegen die "Verräter des Atomgeheimnisses". An der "überparteilichen" Außenpolitik und ihrer Doktrin des peace and freedom through strength wurden keine Abstriche gemacht. Das verloren gegangene Monopol an Atomwaffen wurde kompensiert durch die Entwicklung der noch hundertmal stärkeren Wasserstoffbombe, und als die Russen auch darin gleichzogen, durch das Streben nach "Eskalationsdominanz", das heißt durch die Initiierung einer Rüstungsspirale, deren ständig verschobenes Ziel darin bestand, in einer atomaren Auseinandersetzung mit einem ebenfalls atomar bestückten Gegner jeweils in der Lage zu sein, nach totaler Vernichtung des Feindes theoretisch noch genügend Menschen, Waffen und Ressourcen zum Überleben übrig zu haben.20 Niemals haben die USA seitdem ihr kompromissloses Streben nach einer Position der Stärke und der daraus resultierenden unabhängigen Handlungsfähigkeit, die sie vor 60 Jahren aus dem temporären Atomwaffenmonopol abgeleitet hatten, auch nur andeutungsweise zu Gunsten einer multilateralen Politik der Kooperationsund Ausgleichsbereitschaft mit anderen Mächten aufgegeben, seien sie Freund oder Feind. Daran hat sich auch nach der politischen und militärischen Selbstaufgabe der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges nichts Grundsätzliches geändert.

1 Major General L. R. Groves, memorandum to the Secretary of War. Subject: The Test, July 18, 1945, zit. n. Martin J. Sherwin, A World Destroyed. Hiroshima and the Origins of the Arms Race, New York 1987, S. xiii.
2 Zit. n. Alice Kimball Smith, A Peril and a Hope: The Scientists’ Movement in America, 1945-1947, Chicago, S. ii.
3 Vgl. Samuel A. Goudsmith, Alsos, New York 1947.
4 Vgl. Glenn T. Seaborg an Ernest O. Lawrence, 13.6.1945, in: Philip L.Cantelon, Richard G. Hewlett und Robert C. Williams (Hg.), The American Atom. A Documentary History of Nuclear Politics from the Discovery of Fission to the Present, Philadelphia 1984, S. 44-46.
5 Stimson Diaries, 22.7.1945; vgl. Sherwin, a.a.O., S. 224.
6 Bereits im Frühjahr 1943 hatte das Military Policy Committee empfohlen, die Atomwaffe zuerst gegen Japan, nicht gegen Deutschland einzusetzen, u.a. deswegen, weil nach Meinung der Experten im Falle einer Fehlzündung die Deutschen eher als die Japaner etwas mit einem geborgenen Blindgänger hätten anfangen können.
7 Henry L. Stimson, The Decision to Use the Atomic Bomb, in "Harper’s", 2/1927. Vgl. Richard G. Hewlett und Oscar E. Anderson Jr., The New World, 1939-1945: A History of the United States Energy Commission, University Park 1962, S. 252-253.
8 Sherwin, a.a.O., S. 202

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9 Vgl. John W. Dower, War Without Mercy: Race and Power in the Pacific War, New York 1986.
10 Vgl. D. F. Fleming, The Cold War and Its Origins, 1917-1960, Vol. 1, London 1961, S. 304 f.
11 Sherwin, a.a.O., S. 229.
12 Ebd., S. 230.
13 So wurde am 9. und 10. März 1945 gut ein Viertel der Stadt Tokio von Bombergeschwadern der U.S. Army Air Force zerstört. Über 80 000 Menschen wurden bei lebendigem Leibe verbrannt, ca. 40000 wurden schwer verletzt. Es ist bis heute der opferreichste konventionelle Luftangriff der Kriegsgeschichte.
14 Eine andere, banale Erklärung ist bürokratische Trägheit. Truman hatte den Einsatz der beiden Atomwaffen verfügt, und das militärische Oberkommando auf Tinian, wo die Bomben für den Einsatz fertig gestellt wurden, hat einfach diesen Befehl ausgeführt. Vgl. Robert J. C: Butow, Japan’s Decision to Surrender, Stanford 1954, S. 153 f.
15 Bernard Brodie, The Absolute Weapon. Atomic Power and World Order, New York 1946, S. 76.
16 Vgl. Kai Bird und Martin Sherwin, Bin Laden’s Nuclear Connection, in: "The Nation", 25.4.2005, S. 20.
17 Die Sowjetunion sollte in allen Atomfragen ihr Veto im Sicherheitsrat verlieren, jede Nation, die das Abkommen verletzte, sollte "automatisch" mit UN-Atomwaffen beschossen werden, und bevor der Sowjetunion etwas über die Geheimnisse der friedlichen Nutzung der Atomenergie mitgeteilt würde, hätte sie eine genaue Bestandsaufnahme ihrer Uranvorkommen über sich ergehen lassen müssen.
18 Bird/Sherwin, a.a.O., S. 21.
19 Walter Lippmann, Why are we disarming ourselves? In: "Redbrook Magazine", 9/1946, S. 106.
20 Vgl. Frank Unger, Vom Manhattan-Projekt zur Rand Corporation: Das Weltbild der amerikanischen "strategy intellectuals", in: Hans Joas und Helmut Steiner (Hg.), Machtpolitischer Realismus und pazifistische Utopie. Krieg und Frieden in der Geschichte der Sozialwissenschaften, Frankfurt a. M. 1989, S. 211-260.

(aus: »Blätter« 8/2005, Seite 999-1008)
Themen: Atom, Asien und Krieg und Frieden

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