Grippe im Anflug | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Grippe im Anflug

von Mike Davis

Die tödliche Vogelgrippe breitet sich aus. Die ersten Streifengänse haben ihre Überwinterungsplätze nahe dem Kaweri, einem Fluss im südindischen Bundesstaat Karnataka, schon erreicht. Und 100000 weitere Gänse, Möwen und Kormorane werden ihre westchinesischen Sommerquartiere in Richtung Indien, Bangladesch, Myanmar und schließlich Australien verlassen.

Eine unbekannte Anzahl dieser prächtigen Zugvögel wird H5N1 mit sich bringen, jene Variante der Vogelgrippe, die in Südostasien bereits 61 Menschen getötet hat und, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fürchtet, die Ausmaße einer Pandemie annehmen könnte, ähnlich der „Spanischen Grippe“, der im Herbst 1918 mindestens 40 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Die „Asiatische Grippe“ von 1957/58 konnte erheblich früher unter Kontrolle gebracht werden, forderte aber dennoch mindestens eine Million Menschenleben, desgleichen die „Hongkong-Grippe“ von 1968. Wenn die Vögel in den Feuchtgebieten Südasiens eintreffen, werden sie den Virus ins Wasser ausscheiden, wo er auf Wasservögel aus Europa ebenso überzugreifen droht wie auf einheimisches Geflügel. Im schlimmsten Fall wird die Vogelgrippe auf diesem Wege die Schwelle zu den überfüllten Slums von Dhaka, Kolkata, Karatschi und Mumbai überschreiten.

Der Ausbruch der Vogelgrippe am Qinghai-See wurde erstmals Ende April von Vertretern der chinesischen Naturschutzbehörden entdeckt. Ursprünglich war die Krankheit auf eine kleine Insel in dem riesigen Salzsee der gleichnamigen Provinz beschränkt, wo die Vögel plötzlich in Krämpfe verfielen, dann zusammenbrachen und starben. Bis Mitte Mai hatte die Epidemie bereits die gesamte Vogelpopulation des Sees erfasst und Tausende der Tiere getötet. Ein Ornithologe bezeichnete sie als „den größten und tödlichsten Fall von Vogelgrippe, der jemals in freier Wildbahn beobachtet wurde“.(1)

Chinesische Wissenschaftler zeigten sich entsetzt über die Wirksamkeit des neuen Erregers. Mit ihm infizierte Mäuse starben noch schneller als bei einer Injektion des „Genotyp Z“, der schrecklichen H5N1-Variante, die derzeit in Vietnam Bauern und ihre Kinder tötet.

Yi Guan, der Leiter eines berühmten Teams von Vogelgrippe-Forschern, die die Pandemiegefahr seit ihrem ersten Ausbruch 1997 in Hongkong bekämpfen, beklagte im Juli dem britischen „Guardian“ gegenüber die lasche Reaktion der chinesischen Behörden auf die beispiellose Katastrophe am Qinghai- See.(2) „Sie haben fast nichts dafür getan, diesen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen. Sie hätten um internationale Unterstützung bitten sollen. Diese Vögel werden nach Indien und Bangladesch ziehen und dort mit Vögeln aus Europa zusammenkommen.“ Yi Guan forderte die Schaffung einer internationalen Einsatzgruppe zur Überwachung der Wildvögel-Pandemie sowie eine Abmilderung der Vorschriften, die den freien Zugang ausländischer Wissenschaftler zu den befallenen Gebieten in China verhindern.

In einer vom britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichten Stellungnahme enthüllten Yi Guan und seine Kollegen, dass es Zusammenhänge zwischen dem Qinghai-See-Erreger und offiziell nicht berichteten Vorfällen gibt, bei denen Vögel in Südchina von H5N1 befallen wurden.(3) Es ist nicht das erste Mal, dass den chinesischen Behörden vorgeworfen wird, den Ausbruch einer Epidemie zu verheimlichen. Sie haben auch über den Charakter und das Ausmaß der SARS-Epidemie gelogen, die 2003 in Guangdong begann, aber rasch auf 25 andere Länder übergriff. Genau wie im Fall der whistleblowers, die seinerzeit auf SARS aufmerksam machten, versucht die chinesische Bürokratie heute Vogelgrippeexperten mundtot zu machen, etwa durch die Schließung eines der Laboratorien von Yi Guan an der Shantou Universität oder die Übertragung neuer Vollmachten zur Forschungskontrolle an das konservative Landwirtschaftsministerium.

Unaufhaltsame Ausbreitung

Während besorgte indische Forscher Vogelschutzgebiete auf dem Subkontinent kontrollieren, hat H5N1 die Außenbezirke der tibetischen Hauptstadt Lhasa und die westliche Mongolei erreicht. Für besondere Beunruhigung sorgt die Ausweitung auf Hühner und Wildgeflügel in der Umgebung der sibirischen Metropole Nowosibirsk.

Trotz hektischer Bemühungen, die betroffenen Geflügelbestände vor Ort auszumerzen, äußerten Experten des russischen Gesundheitsministeriums sich skeptisch über die Aussichten, die Epidemie auf der asiatischen Seite des Ural aufhalten zu können. In jedem Herbst wandern sibirische Wildvögel zum Schwarzen Meer und nach Südeuropa; eine andere Flugroute führt von Sibirien nach Alaska und Kanada. Schon Ende August wurde in mehreren kasachischen Dörfern H5N1 entdeckt.

Im Vorgriff auf dieses nächste, vielleicht unvermeidliche Stadium der Weltreise, zu der die Vogelgrippe aufgebrochen ist, werden in Moskau ganze Geflügelpopulationen gemustert, während in Alaska Forscher die Vogelwanderung über die Beringstraße studieren und selbst die Schweizer die aus Eurasien bei ihnen eintreffenden Tafelenten und andere reisende Wasservögel argwöhnisch beäugen.

Auch das menschliche Epizentrum von H5N1 weitet sich aus: Mitte Juli bestätigten die indonesischen Behörden, dass in einem wohlhabenden Vorort Jakartas ein Vater und seine beiden kleinen Töchter an der Vogelgrippe gestorben sind. Beunruhigenderweise hatte die Familie, so weit man weiß, keinerlei Kontakt mit Geflügel, und als die Presse über eine mögliche Menschzu- Mensch-Übertragung spekulierte, geriet das betroffene Wohngebiet an den Rand einer Panik.

Zugleich wurde aus Thailand über fünf neue Fälle von infiziertem Geflügel berichtet – ein schrecklicher Rückschlag für die groß angelegte und mit viel Publicity organisierte Kampagne dieses Landes zur Ausrottung der Krankheit. Und während vietnamesische Regierungsvertreter erneut um mehr internationale Hilfe baten, forderte H5N1 in ihrem Land, weiterhin Sorgenkind Nummer 1 der WHO, neue Opfer.

Festzuhalten bleibt, dass die Vogelgrippe in Südostasien bei Geflügel endemisch und wahrscheinlich unausrottbar ist und sich jetzt unter Zugvögeln mit der Geschwindigkeit einer Pandemie auszubreiten scheint, die im nächsten Jahr den größten Teil der Erde erobern könnte.

Jeder neue H5N1-Vorposten – sei es unter Enten in Sibirien, Schweinen in Indonesien oder in Vietnam unter Menschen – eröffnet dem in rapider Entwicklung befindlichen Virus neue Möglichkeiten, die Gene oder ganz einfach die Proteinmutation zu erlangen, die es braucht, um auch Menschen massenhaft zu töten. Die exponentielle Vermehrung sowohl von Brennpunkten als auch von stillen Reservoiren der Epidemie (etwa unter infizierten, aber asymptomatischen Enten) erklärt, warum der Chor warnender Wissenschaftler, Gesundheitsfunktionäre und schließlich Regierungsvertreter in den letzten Monaten so schrill geworden ist.

Anfang August erklärte der neue USGesundheitsminister Mike Leavitt gegenüber „Associated Press“, man habe jetzt „absolute Gewissheit“, dass eine Grippe-Pandemie kommt, wobei er sich wiederholte Warnungen der WHO zu eigen machte, die Pandemie sei „unvermeidlich“. Auch die Zeitschrift „Science“ berichtete, Experten schätzten die Wahrscheinlichkeit , dass es zu einem weltweiten Ausbruch kommt, auf „100 Prozent“.

Ähnlich düster gestimmt enthüllte die britische Presse, Regierungsvertreter durchkämmten das Land nach passenden Plätzen für Massengräber; amtliche Schätzungen liefen auf die Befürchtung hinaus, die Vogelgrippe könnte bis zu 700 000 Briten töten. Die Regierung Blair führt bereits Notstands- Simulationen für den Fall einer Pandemie durch („Operation Arctic Sea“) und soll, Berichten zufolge, „Cobra“ – eine Arbeitsgruppe auf Kabinettsebene, die das Regierungshandeln bei nationalen Notständen wie den jüngsten Bombenanschlägen in London von einem geheimen Raum in Whitehall aus koordiniert – zur Bewältigung einer Vogelgrippenkrise in Bereitschaft versetzt haben.

Von solcher Entschlossenheit im Stile Churchills ist in Washington wenig zu spüren. Im Nationalen Gesundheitsinstitut herrscht zwar unverkennbar ein Bewusstsein extremer Dringlichkeit – der Zar der Pandemie-Planung, Dr. Anthony Fauci, warnt dort vor der „Mutter aller kommenden Infektionen“ –, aber das Weiße Haus scheint sich an wandernden Seuchen bisher sogar noch weniger zu stören als an dem mutwilligen Blutbad im Irak.

Während der Präsident für seine langen Ferien in Texas packte, warnte der Trust for America’s Health, in den USA hinkten die Vorbereitungen für eine Pandemie weit hinter den energischen Maßnahmen Großbritanniens und Kanadas her; die Regierung habe es versäumt, „eine zusammenhängende, schnelle und transparente US-Pandemiestrategie zu entwickeln“. Viele Tageszeitungen und Zeitschriften hacken auf der Tatsache herum, das Washington es nicht geschafft hat, die knappen Präparate gegen das Virus in hinreichender Menge einzulagern – gegen- wärtig reichen die Bestände für weniger als ein Prozent der US-Bevölkerung – und die Impfstoffproduktion zu modernisieren. (4) Deshalb „gibt es den Impfstoff“, wie ein Forscher gegenüber „Science“ bemerkte, nur „für einige wenige Glückliche“.

Die Bundesrepublik ist, wie Europa insgesamt, etwas weniger als andere Regionen von den Zugvögeln bedroht, da diese überwiegend eher in nordsüdlicher als in ostwestlicher Richtung wandern. Eine ernsthafte Bedrohung stellt jedoch der Schmuggel mit infiziertem Wildgeflügel dar. Schon im Oktober 2004 wurden auf dem Brüsseler Flughafen zwei H5N1-infizierte Greifvögel beschlagnahmt. Eine einzige Feder würde ausreichen, um das Virus zu übertragen.

Wo immer das Virus auftritt, muss jedermann so schnell wie möglich medizinisch versorgt werden. In der Bundesrepublik gibt es dafür Notfallplanungen, aber wie Reinhard Koch, der Präsident des Robert-Koch-Instituts, betont, nicht genug Vorräte. „Die Länder haben sich noch nicht ausreichend vorbereitet. Die Gefahr wird unterschätzt“. Bislang können nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung vorbeugend behandelt werden. Wenn es nach dem Koch-Institut geht, müsste diese Zahl mindestens 20 Prozent betragen.5

Gefahr für arme Länder

Die Mehrheit der Weltbevölkerung – darunter die Menschen in den armen Ländern Südasiens und Afrikas, wo sich, wie die Geschichte lehrt, Pandemien besonders hart auswirken – wird allerdings gar keinen Zugang zu teuren Antiviruspräparaten oder knappen Impfstoffen haben. Es wird sogar bezweifelt, dass die WHO wenigstens über das Minimum an Pharmazeutika ver- fügt, um gegen die ersten Anzeichen einer Epidemie vorgehen zu können.

Mathematische Studien von Epidemieforschern in Atlanta und London haben jüngst die Hoffnung geweckt, eine Pandemie ließe sich frühzeitig stoppen, wenn Oseltamilvir (Tamiflu) für ein bis drei Millionen Gaben zur Verfügung stünde, um den Ausbruch in einer Sicherheitszone im Umkreis der ersten Fälle zu bekämpfen. Doch trotz jahrelanger Bemühungen hat die WHO es bisher lediglich geschafft, etwa 123000 Gaben Tamiflu einzulagern. Obwohl der Roche-Konzern versprochen hat, mehr zu spenden, wird der verzweifelte Ansturm der reichen Länder auf Tamiflu die Bestände der WHO zweifellos beeinträchtigen.

Der Wunsch nach einem allgemein verfügbaren „Weltimpfstoff“ bleibt reine Illusion, wenn die reichen Länder nicht zusätzliche Dollar-Milliarden dafür bereitstellen. Doch selbst wenn sie dies täten, käme die Anstrengung wahrscheinlich zu spät.

„Die Leute kapieren es einfach nicht“, sagt Dr. Michael Osterholm, Direktor des Zentrums für Infektionskrankheiten an der University of Minnesota, unverblümt. „Selbst wenn wir heute Abend noch eine Art Manhattan-Projekt zur Ausweitung der Produktion von Impfstoffen und anderen Medikamenten starteten, hätte das noch mindestens einige Jahre lang keinen messbaren Einfluss darauf, dass diese für die Bekämpfung einer weltweiten Pandemie ausschlaggebenden Produkte in hinreichenden Mengen verfügbar sind.“

„Einige Jahre“ – so viel Zeit zu haben, wäre ein Luxus, den nicht nur Washington schon verspielt hat. Jetzt, wo die Gänse nach Westen und Süden aufgebrochen sind, lässt sich bestenfalls sagen: Es ist 5 vor 12. Wie Shigeru Omi, der WHO-Chef für den Westpazifik, auf einer UN-Konferenz in Kuala Lumpur bereits Anfang Juni erklärte: „Die Sache steht auf der Kippe.“


(1) Vgl. ausführlich Mike Davis, The Monster at Our Door. The Global Threat of Avian Flu, New York und London 2005.

(2) Vgl. „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ), 22.7.2005.

(3) „Nature“, 7.7.2005, S. 6 f.

(4) „New York Times“, 17.7.2005; „Nature“, Sonderausgabe vom 26.5.2005; „Foreign Affairs“, 4/2005.

(aus: »Blätter« 10/2005, Seite 1172-1175)

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