50 Jahre Blätter: Aus Sorge um Deutschland: West-östliche Wegstrecken | Blätter für deutsche und internationale Politik

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50 Jahre Blätter: Aus Sorge um Deutschland: West-östliche Wegstrecken

von Karl D. Bredthauer

„Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ – so heißt ein Bestseller über die Verhunzung der deutschen Sprache. Keine Angst, ich verkneife mir heute Abend jeden Kommentar, auch zur Recht-Schreibe, wie zu anderen Reformwundern unserer Tage. Doch erlauben Sie mir ein paar Takte zu einem möglicherweise noch politischeren Phänomen: zum Deutschen Dativ, wie ich ihn nennen möchte. Denn der hat nun unbestreitbar mit Demokratie zu schaffen, dem Thema aller Themen dieser Zeitschrift.

Er wird uns nämlich, seit unser Bundestag im Reichstag sitzt, allabendlich eingeschärft, dieser deutsche Dativ. Kein Parlamentsbericht ohne den obligatorischen Schwenk über die Eingangssäulen: „Dem Deutschen Volke“ steht da, frisch restauriert, in güldenen Lettern. Und es steht da so, wie Wilhelm Zwo es 1916 – als Kaiserliche Hoheit kriegsbedingt keine Parteien mehr kannten, sondern nur noch Deutsche – huldvoll zu montieren gestattete. Übrigens – nicht zu vergessen – aus dem Metall französischer Beutekanonen gegossen, von einer jüdischen Fachwerkstatt, den Hoflieferanten Albert und Siegfried Loevy, deren Familien dann während des nächsten Krieges umgebracht wurden, in Plötzensee, Theresienstadt und Auschwitz. Wirklich, was gäbe es da, guten Gewissens, zu restaurieren und zu vergolden?

Der Deutsche Dativ

Zurück zum Dativ: das Parlament also nicht der Palast „des Volkes“? Vielmehr ein Geschenk „von oben“? Der Hohenzollern an die Bundesrepublikaner? – Dass die Demokratie, in der wir heute leben dürfen, tatsächlich erst zwei Weltkriege später zustande kam, und tatsächlich als „Geschenk“ von Siegermächten, die den Deutschen gegenüber großzügiger handelten als diese, als sie sich ihrerseits auf der Siegerstraße gewähnt hatten, das ist eine historische Tatsache und als solche unabänderlich, deutschem Einfluss so oder so entzogen. Ganz an uns hingegen liegt es, ob und wie wir uns dieses Geschenk zu eigen machen, die Demokratie ernst nehmen – nicht etwa als „Staatsform“, wie Allensbach nach wie vor treudeutsch-staatsfixiert abzufragen beliebt, sondern, beim Wort genommen, als praktizierte Volkssouveränität. Herrschaft des Volkes, Genitiv also, nicht Herrschaft noch so guter Könige (von den Hohenzollern zu schweigen) oder sonstiger Obrigkeiten oder „Eliten“, die schon wissen werden, gegebenenfalls „von Gottes Gnaden“, was dem Volke, Dativ, frommt...

Was das alles mit den „Blättern“ zu tun hat? Nun, zum Beispiel folgendes: Lange Jahre hindurch las man in jeder „Blätter“-Ausgabe als Motto „entschieden demokratisch“. Bis der RCDS, die Studentenvereinigung der Unionsparteien, unseren Slogan usurpierte und der „Blätter“-Redaktion damit vergällte. Der Entschiedenheit allerdings, mit der in den „Blättern“ die Demokratie, als Volkssouveränität, verfochten wurde – ich nenne hier nur Helmut Ridder und seine „Schülerin“ Ingeborg Maus, seit 1998 Mitherausgeberin – , dieser Entschiedenheit tat das gewiss keinen Abbruch.

Nun sind sie also tatsächlich 50 geworden, die „Blätter“. Kein bisschen „alt“ sieht sie aus, die Jubilarin, finde ich. Und das nicht nur wegen des neuen Layouts seit Jahresbeginn. Vor allem dem jungen Team, das die „Blätter“ heute hier, in der Berliner Torstraße, macht, verdanken wir das – das Layout, das heutige Fest, und die Perspektive einer dynamischen Weiterentwicklung dieser Zeitschrift mit Tradition und Zukunft.

Was meine Wenigkeit betrifft, verehrte Festgemeinde, haben Sie Nachsicht, wenn ich noch ein wenig blinzle und zumindest die Augen noch leicht gerötet sind: Ich habe nämlich den größten Teil dieses Jahres 2006, bildlich gesprochen, im Keller verbracht und den Kopf noch ganz voll davon – im „Blätter“- Keller, im Archiv, und dort vor allem in den Gründerjahren. Sie können sich die Begegnung jetzt leichter machen, ganz staubfrei und unvergilbt – dank DVD, ich komme darauf zurück.

Zurück in die 50er Jahre?

Also pünktlich zum 50. „zurück in die 50er Jahre“? Im Ernst? – Klaus Staeck hat mal Wahlkampf mit dieser Schreckensparole gemacht. Er traf die Zeitstimmung exakt, damals. Doch es blieb nicht dabei. In den 80er und 90er Jahren fanden jüngere „Blätter“-Macher, ich darunter, retrospektiv an jener Bundesrepublik „vor unserer Zeit“, vor 68 ff., so viele gute Haare, dass manchem Weggenossen die Suppe nicht mehr recht schmeckte, während wir uns, mit anderen, als „Adenauersche Linke“ rubriziert fanden. Nach dieser, mit den sukzessiven Umzügen von Bonn nach Berlin keineswegs obsolet gewordenen Aneignung der Bonner Republik, insofern sie als Neugründung im Westen, als Ankommen im Westen, also als Bruch mit dem „deutschen Sonderweg“ oder „Sonderbewusstsein“ zu begreifen ist und eben nicht auf dessen „Restauration“ hinausläuft – nach alledem hat mich der neuerliche Gang in den Keller und der Griff „zum Regal gegenüber“, zu den erbittertsten Kritikern Adenauers, wieder einmal nachdenklich gestimmt und wiederum auch die andere Seite der Medaille ins Blickfeld gerückt.

50 Jahre „Blätter“ erweisen sich so im Rückblick, wohl nicht nur für Redakteure, als Lernprozess in Permanenz, gegen, manchmal auch mit Moden und Modalitäten des bundesrepublikanischen Zeitgeists, seiner und manchmal auch unserer Lebenslügen; ein Prozess, in dem wir uns durchaus im Trial-and- Error-Verfahren dorthin entwickelt haben, wo wir heute stehen. Heinrich August Winkler hat die deutsche Geschichte als „langen Weg nach Westen“ beschrieben. Nun ja. Sein Wort in Gottes Ohr. „Die Ideen von 1789“ stehen hierzulande, soweit ich sehe, immer noch oder wiederum nicht hoch im Kurs, und das Fremdeln mit „welschen“ Vorbildern, ob gallisch oder angelsächsisch inspiriert, steckt dem Kulturvolk der Deutschen noch immer tief in den Knochen. Die „Blätter“ ihrerseits haben den „langen Weg“ politisch auf ihre Weise absolviert. „Ankommen“ im Westen, darunter verstehen wir die deutsche Integration in die politische Zivilisation der Moderne, Anschluss an das Erbe der – in unterschiedlichen Graden auch dort unvollendeten – „bürgerlichen“ Revolutionen Englands, Amerikas und des Frankreichs von 1789. Und die erstrebte Integration erschöpft sich für die „Blätter“ nicht in NATO-Ein- oder Austritten. (Die Rolle der institutionellen „Einbindung“ verspäteter Nationen – ich riskiere, nach 1989, den Plural – wäre ein abendfüllendes Thema für sich.)

Doch ich greife vor. Die Sprache der neuen „Blätter“, aus deren Charakterisierung in der – 1996 von Jürgen Habermas und Kurt Sontheimer mit angestoßenen – Erklärung „Unentbehrlich in dieser Republik“ ich eben sinngemäß zitierte, ist eine andere als die der „ursprünglichen“ Gründer. Diese betitelten 1956 das Editorial der allerersten Ausgabe „Aus Sorge um Deutschland“ und verschrieben sich der Aufgabe, zur „Einigung unseres Volkes“ beizutragen und dazu, „die geistigen und sittlichen Energien der Besten in allen Völkern freizumachen“. – Wenden wir also den Blick zunächst noch einmal ganz zurück, auf die ersten Anfänge dieser Zeitschrift.

Nie war die Gelegenheit so günstig, auch für Zeitgenossinnen, die aus unerfindlichen Gründen nicht einige Meter „Blätter“ im Regal stehen haben, denn seit heute liegen – davon war schon die Rede – auch die Jahrgänge 1956-89, die wir mittlerweile, nach der Neubegründung von 1989/90, die „alten Blätter“ nennen, in digitalisierter Form vor, als DVD. (Die „neuen Blätter“ gibt es ja schon seit einigen Jahren, und jährlich aktualisiert, auf CD.) Jeder kann sich jetzt also jederzeit in jeden Moment des Entwicklungsprozesses versetzen und damit in höchst unterschiedliche Blickwinkel auf Höhe- und Tiefpunkte der „deutschen und internationalen“ Geschichte seit den 50er Jahren, gespiegelt in der Entwicklung dieser Zeitschrift mit ihren eigenen Kontinuitäten und Brüchen. Jeder hat jetzt die Möglichkeit, „Blätter“-Klischees, mehr oder weniger verbreitete Vorstellungen über diese nicht ganz unbekannte Zeitschrift, zu überprüfen, Klischees zu verifizieren oder auch in Frage zu stellen – ob, wie für die einen, im Kalten Krieg, zu kommunistenfreundlich, moskauhörig, aus „Pankow“ gesteuert; oder ob für andere, wie schon in den 80er Jahren man- cherseits zu hören, zu atlantisch, zu liberal oder zu rotgrün. – Ich kann hier nur einladen: Schieben Sie unsere DVD in Ihren Rechner und machen Sie sich, ganz Springer-frei, Ihr eigenes Bild.

Das erste Jahrzehnt der „Blätter“ kenne ich selbst nur vom Hörensagen, allerdings noch aus dem Mund der Beteiligten. Mancher Beitrag ist heute, wie könnte es anders sein, tatsächlich vergilbt, und nicht nur auf dem Papier; dennoch hat der Griff ins Archiv sich über alles Erwarten gelohnt. Gerade die ersten Jahre sind, jedenfalls für mich, die eigentliche Entdeckung. Wenn man im Kopf hat, was etwa Norbert Frei in seiner wegweisenden Studie „Vergangenheitspolitik“ über das geistige Klima der frühen Bundesrepublik schreibt, und vor diesem Hintergrund den Köpfen, Themen, Ansichten der „Blätter“ 1956 ff. begegnet oder wiederbegegnet, dann verliert das seinerzeitige Diktum Karl Barths, diese Zeitschrift sei „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“, etwa anmaßend klingende Untertöne.

Restauration?

Gewiss, die Geschichte hat Adenauer Recht gegeben, nicht den Klagen, oft genug Kassandra-Rufen derer, die in der Weststaatsgründung und Westeinbindung nur nationale Pflichtvergessenheit, „Restauration“ oder Schlimmeres zu erkennen vermochten.

Stimmt das? Hat Adenauer Recht behalten? Tun wir gut daran, uns im Nachhinein der höheren Einsicht des „Kanzler der Alliierten“ Gescholtenen zu beugen? Nun – der Preis, die politisch-moralischen Kosten seiner Politik, soweit sie die „Spaltung“ der Deutschen und Europas verfestigte, sind seit 1989, seit Ostdeutsche und Osteuropäer den westlichen Diskurs unmittelbar mitbestimmen, wieder stärker in den Vordergrund gerückt als in den Jahren davor, als alle Welt – jedenfalls London, Paris, Rom oder Warschau – unausgesprochen oder auch ganz explizit (wie die damaligen Redakteure der „Blätter“) davon ausging, dass zwei deutsche Staaten bekömmlicher, umweltverträglicher seien als einer, auf jeden Fall für den Frieden Europas, unserer Meinung nach gleichermaßen auch für die Deutschen selbst. Gut, wir saßen im Westen, auf der postnationalen „Sonnenseite“, und kannten, wie der Rest der Welt, als deutschen Einheitsstaat nur jenes 1945, in globaler Notwehr unter unvorstellbaren menschlichen und materiellen „Kosten“ durch die nachmaligen Vereinten Nationen gewaltsam beendete Bismarck-Experiment namens „Deutsches Reich“. Und auch wir wussten ebenso wenig wie andere, dass die jahrzehntelang belächelte „Magnettheorie“, mit der ein Jakob Kaiser sich in den 50er Jahren den Sieg der Adenauerschen Weststaatskonzeption über seine eher reichsdeutschen Vorstellungen versüßte, am Ende realitätsnäher war – am Ende! – als alle anderen deutschlandpolitischen Theorien jedenfalls der 80er Jahre, „realpolitische“ wie „idealpolitische“ gleichermaßen.

Wir teilten die Adenauersche Einschätzung, Ostdeutschland – damals Mitteldeutschland – gehöre bis auf weiteres zur Einflusssphäre der Sowjetunion und sei somit der Gestaltung von Bonn oder Brüssel aus entzogen. Wir teilten allerdings, auch wenn wir wie er in der Jalta-Konstellation mehr die Chancen als eine deutsche oder europäische Tragödie sahen, nicht Adenauers Bewertung. Wir befanden die Präsenz der Sowjetunion und die Staatsgründung der Kommunisten auf deutschem Boden, nach allem, was zuvor von diesem Boden ausgegangen war, für durchaus nicht weniger legitimiert als die unverhoffte zweite Chance des bürgerlichen Deutschland im Westen. Ohne uns die Verhältnisse dort allzu schönzugucken, hofften wir doch, dass aus der DDR etwas werden könne, vielleicht sogar, in entspannteren Zeiten, wenn schon kein „Magnet“, so doch ein alternatives Modell deutscher Staatlichkeit und Gesellschaftsorganisation, mit Impulsen auch für unsere Suche nach Alternativen im Westen; und dass im Osten, könne er sich erst wirtschaftlich unbehindert entwickeln, befreit von Rüstungswettlauf, Nichtanerkennungspolitik und westlicher Irredenta („Wieder“-Vereinigung, „Dreigeteilt – niemals!“ usw.), dort ebenso wie zuvor im Westen mehr Wohlstand zu mehr Demokratie führen könne.

Ob also am Ende Adenauer Recht behalten hat – und Kritiker wie die „Blätter“- Begründer Unrecht? Die historische Wahrheit, soweit sie sich uns heute erschließt, scheint doch etwas komplizierter. Wo Adenauer Recht hatte, hat er Recht behalten, und das, finde ich, sollten seine Kritiker, ob von rechts – oh ja! rechts sitzen die nachtragendsten! – oder von links, nicht länger nutzlos bestreiten. Im Interesse der eigenen Realitätstauglichkeit. Doch der Blick in die alten „Blätter“-Jahrgänge beweist auch (worüber man sich durchaus nicht ungetrübt freuen kann): In zentralen Fragen haben die „Blätter“-Gründer von 1956, haben Iwand oder Weismantel, Gollwitzer, Scholl, auch Rauschning, weitsichtig Fehlentwicklungen benannt, an denen das Land bis zum heutigen Tage – oder seit der triumphalistischen Phase bundesrepublikanischer Selbstdarstellung im Gefolge der DDR-Übernahme aufs Neue – zu leiden hat.

Was waren das für Leute, diese „Blätter“-Gründer vom November 1956? Neben Hermann Etzel, Paul Neuhöffer und Karl Graf von Westphalen, die das Editorial des „Jubiläumsheftes“ (der aktuellen Novemberausgabe 2006) in Erinnerung ruft – zwei „Bürgerliche“ (einer davon Graf) und ein „Roter“ –, zählen Hermann Rauschning, der große Romanist Hans Rheinfelder und Robert Scholl, der Vater von Hans und Sophie, zu den „Männern der ersten Stunde“. Oder auch Leo Weismantel, der „in einer universalen Tradition des Katholizismus [dachte], in der Überlieferung religiös begründeter Gleichheitsrechte aller Menschen“, wie Arno Klönne 1988 in den „Blättern“ schrieb (zu Weismantels Hundertstem im Juni: „Erinnerung an einen unbequemen Konservativen“). Aber kommen wir auf Hermann Rauschning zurück. Eine schillernde Gestalt, wird mancher sagen. Im Sommer 1933 mit den Stimmen der Nazis zum Senatspräsidenten, also zum Regierungschef, der damaligen Freien Stadt Danzig gewählt, brach er ein Jahr später radikal mit diesen und machte in der Emigration dann mit dem, seinerseits umstrittenen, Buch „Gespräche mit Hitler“ international Furore. Unermüdlich bekämpfte er aus dem amerikanischen Exil Nazideutschland, und nach dem Kriege versuchte er, von seiner Farm in Oregon aus publizistisch gegen die aus seiner Sicht fatale Politik des „Adenauer-Regimes“ zu mobilisieren. Man denke, im Blick auf eine derartige Biographie, an die heutigen Feuilleton-Stürme um „Schuld“ und „Verstrickung“ damals 14-, 15jähriger, deren ganze Respekt heischende Lebensleistung in dieser Republik steckt (die ohne sie für Selbstdenker unbewohnbar geworden wäre)! In Rauschning begegnen wir einem, der sich tatsächlich an exponierter Stelle verstrickt hat, früh den Bruch vollzog, Lehren zog und sich, gegen alle Anfeindungen, für ein wirklich neues Deutschland die Finger wund schrieb. Das sah er durchaus an der Seite der Vereinigten Staaten, gewiss nicht antiamerikanisch. Rauschning hat, anders als Adenauer, enorme Hoffnungen in John F. Kennedy gesetzt und dessen Politik mehr als einen Beitrag in den „Blättern“ gewidmet, 1963 dann einen erschütterterschütternden Nachruf auf den Ermordeten.

Beachtung verdient auch die große Rolle, die bedeutende Theologen in der Tradition der Bekennenden Kirche, darunter Schüler von Karl Barth wie Hans- Joachim Iwand oder, später, Walter Kreck, und beispielsweise der Göttinger Kirchenkampf-Historiker Ernst Wolf für die „Blätter“ gespielt haben. „Es kommt nicht von ungefähr“, konstatierte vor 20 Jahren Ulrich Albrecht anlässlich des Dreißigsten, „dass die ‚Blätter‘ unter anderem eine deutliche Nähe zum linken politischen Protestantismus in der Bundesrepublik aufweisen, dass Namen wie Niemöller und Barth in ihrem Werdegang hell aufleuchten. Dieser von Teilen der Bekennenden Kirche im Dritten Reich geprägte politische Protestantismus, mit einer seiner Wurzeln im religiösen Sozialismus der Weimarer Zeit, musste sich im Nachkriegsdeutschland rasch wieder geschlagen geben – sowohl innerhalb der Evangelischen Kirche, wo die Staatskirchentradition die Oberhand bekam [vgl. dazu Helmut Gollwitzers exemplarische Kritik an Eugen Gerstenmaier in den „Blättern“ 1/1961, mit dem zornigen Titel „Was denkt sich eigentlich diese unsere Führung?“], wie politisch in Adenauers Bundesrepublik. Der gemeinsame Grund, von dem her [... ] [diese] Protestanten mit ähnlich Denkenden gegen die Restauration in der Bundesrepublik fochten, bleibt der Wille zur Aufklärung, der Wunsch, unterdrückte Nachrichten und Kritik zu verbreiten. [...] Die Zusammenarbeit von Linksprotestanten in den ‚Blättern‘ annonciert weit mehr als eine Koalition der Vernunft. Unter den Gliedern dieser Koalition finden sich auch Kommunisten. Die Haltung, auch einem Kommunisten kluge Sätze zuzutrauen, sein Argument zu prüfen, anstatt bei seinem Anblick nach dem Staatsanwalt zu rufen, bleibt ein wichtiger Beitrag dieser Protestanten in der politischen Nachkriegskultur der Bundesrepublik, insbesondere weil diese Kultur nicht die herrschende war.“ (Soweit Ulrich Albrecht in den „Blättern“ 4/1987.)

Was die „Blätter“-Gründer bei aller Verschiedenheit damals einte – übrigens auch mit vielen Persönlichkeiten, die ihre Position nicht so offen zu artikulieren wagten – war die Sorge, dass Adenauers Politik die Deutschen erneut in die Sackgasse, in einen neuen Krieg, ja womöglich – und nicht nur die Deutschen – ins atomare Inferno führen würde.

Im Rückblick erscheint die Kritik nicht selten überzogen, gelegentlich hysterisch, auch der Vorwurf der „Restauration“ – angesichts des freundlicheren, zivileren Gesichts, das die Bundesrepublik, an dem Deutschland gemessen, das da angeblich restauriert wurde, im Laufe der Jahrzehnte annahm. Doch im Nachhinein dünkt man sich bekanntlich immer klüger. Wer von uns weiß denn wirklich, wie dicht wir an der kriegerischen Entladung des Konfliktpotentials, der Blockkonfrontation mit ihrer – sinnigerweise M.A.D., mad, abgekürzten – Mutual Assured Destruction vorbeigeschrammt sein mögen?

Licht und Schatten

So fällt der Rückblick auf die „alten Blätter“, wie könnte es anders sein, auch auf viel Zeitbedingtes, auf andere Irrtümer und andere Illusionen einer anderen Zeit, auf Licht und Schatten. In einer Jubiläumsrede hält man es gern mit der sprichwörtlichen Sonnenuhr: „Zählt die heitern Stunden nur“. Doch tatsächlich bietet der Rückblick eben auch erstaunliche Funde, Wiederentdeckungen, Denkanstöße. Helmut Ridder hat in seinem Nachruf auf Hermann Rauschning eine Lanze für die „Blätter“-Köpfe der 50er und frühen 60er Jahre gebrochen und bei dieser Gelegenheit den Nachfolgenden, 68ern wie mir beispielsweise, deutliche Worte ins Stammbuch geschrieben: Sie „haben gar nicht zueinander kommen wollen“, klagt Ridder (im März 1982), „die bürgerlich- republikanischen Alten und die mit ihren akademischen Marxismen später auf den Plan der politischen Praxis getretenen Jungen.“ Die „Blätter“, so der große Staatsrechtler und Demokrat weiter, 1956 „als ein Organ gegründet, das der Praxis die Fähigkeit vermitteln sollte, zwischen Schein und Sein der Legitimation des auf die Weisung der Besatzungsmächte zurückgehenden westdeutschen politischen Systems zu unterscheiden, sind von dem Auseinanderklaffen nicht unberührt geblieben. Sie haben auch die Zeit der Retorten- Revolutionen nicht unverarmt und unbeschädigt überstanden. Wer es noch nicht weiß, mag sich das durch nachdenkliches Rückblättern vor Augen führen. Gerade weil Geschichte sich nicht wiederholt, muss aus der Geschichte gelernt werden.“ Den „bürgerlich-republikanischen Alten“ – so Ridder 1982 auf Rauschning gemünzt – „schulden wir noch die Durcharbeitung einer großen lehrreichen Lektion.“ Das mache ich mir, gerade auch im Blick auf Helmut Ridder selbst, gern zu eigen: als Einladung. An uns alle! Die neuen „Blätter“ grüßen die „alten“. Beide haben jetzt ihre Türen weit geöffnet, digital, aber auch ganz wörtlich: hier in Berlin in der Torstraße und heute Abend zu guten Gesprächen, zum Blick nach vorn, zum Feiern.

Vielen Dank.

(aus: »Blätter« 12/2006, Seite 1460-1469)
Themen: Medien und Geschichte

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