50 Jahre Blätter: Der Beliebigkeit zum Trotz | Blätter für deutsche und internationale Politik

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50 Jahre Blätter: Der Beliebigkeit zum Trotz

von Bettina Gaus

Erlauben Sie mir zunächst eine ganz persönliche Bemerkung: Die Einladung, zum 50jährigen Geburtstag der „Blätter“ ein paar Worte zu sagen, hat mich gefreut und berührt. Wie viele von Ihnen wissen, ist mein Vater Günter Gaus bis zu seinem Tod im Mai 2004 lange Jahre einer der Herausgeber der „Blätter“ gewesen. Es wäre schön, wenn er heute hier stehen könnte. Er hat sich den Prinzipien der kritischen Publizistik und dem Kampf gegen Gefälligkeitsjournalismus zeitlebens verpflichtet gefühlt. Dafür stehen ja auch die „Blätter“, und deshalb hat er die Herausgeberschaft gerne übernommen. Es wäre ihm eine Freude gewesen, heute hier sein zu dürfen.

Es gibt allerdings noch einen weiteren Grund dafür, dass mich diese Einladung berührt hat. Die „Blätter“ sind fast genau so alt wie ich – ich werde im nächsten Monat 50 Jahre alt. Nun ist das zwar für niemanden hier im Saal wichtig außer für mich selbst, aber es trifft sich natürlich ganz gut, ausgerechnet dann über ein Thema zu sprechen, das einen zeitlebens begleitet hat, wenn man ohnehin gerade aus persönlichen Gründen zur Rückschau neigt. Vorsicht ist jedoch geboten: Gerade bei dem Thema kritische Publizistik und Widerstand gegen – um es neudeutsch zu sagen – den Mainstream der veröffentlichten Meinung ist die Gefahr einer Verklärung der Vergangenheit groß.

Was war es früher doch schön! Es war einmal selbstverständlich, dass alle – jedenfalls alle politisch Interessierten – „Panorama“ gesehen oder den „Spiegel“ gelesen hatten (die Jüngeren hier werden sich nicht erinnern, aber es gab eine Zeit, in der dieses Magazin tatsächlich noch nicht Mainstream war!) oder das neue Buch von Heinrich Böll zur Kenntnis nahmen. Selbst ein namenloser Student aus Göttingen konnte unter dem Pseudonym „Mescalero“ in der ganzen Republik erbitterte Diskussionen hervorrufen, weil er von „einer klammheimlichen Freude“ nach der Ermordung eines RAF-Opfers schrieb.

Die Gesellschaft mochte noch so gespalten sein, verschiedene Positionen noch so weit voneinander entfernt liegen: Die politisch Interessierten schöpften aus denselben Quellen und wussten wenigstens, welche Informationen sie bei ihrem Gegenüber voraussetzen konnten. Das ist für jeden Dialog hilfreich.

Was für Westdeutschland galt, galt – in völlig anderer Weise – auch für die DDR. Es war möglich, mit dem Wort Wirkung zu erzielen. Die Herrschenden verfolgten bekanntlich sehr genau, was gesagt und geschrieben wurde. Es war von Bedeutung. Die Tatsache, dass viele Bücher allenfalls unter dem Ladentisch als „Bückware“ zu bekommen waren, ist der beste Beweis dafür. Was müsste in einem Buch, in einer Monatszeitschrift oder in einer Tageszeitung heute stehen, um hierzulande als subversiv zu gelten? Das ist schwer zu sagen. Leicht zu erkennen ist jedoch, dass diese Entwicklung nichts mit gewachsener Liberalität zu tun hat. Sondern mit gestiegener Gleichgültigkeit. Und dem allmählichen Dahinschwinden dessen, was früher Öffentlichkeit bedeutete.

Es gehört sich vielleicht nicht, derlei auf einer Festveranstaltung zu sagen, aber dann werde ich eben jetzt gegen den Mainstream der guten Umgangsformen verstoßen: Viele von uns, die wir heute abend hier anwesend sind, leiden doch seit Jahren unter dem Gefühl des Bedeutungsverlusts. Damit meine ich jetzt nicht persönliche Kränkungen oder Eitelkeiten, sondern die kaum zu leugnende Tatsache, dass es immer schwieriger wird, sich mit einer Minderheitsmeinung überhaupt Gehör zu verschaffen. Leute, die solche Meinungen vertreten, müssen hierzulande ja gottlob nicht mit Repressionen rechnen. Aber sie haben gelernt, dass sie im Hinblick auf die öffentliche Wirkung allen Anlass haben, eine ganz harmlos erscheinende Reaktion zu fürchten: das Achselzucken.

Die Geste ist zu einem Merkmal unserer Zeit geworden. War was? Franz- Josef Strauß musste seinerzeit als Minister zurücktreten, weil er das Parlament belogen hatte. Dem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl wurde im September 2005 die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt Ludwigshafen verliehen. Die Parteispendenaffäre ist ja schließlich auch schon ein paar Jahre her.

Es gibt kaum noch Informationen, die geeignet sind, die müde Öffentlichkeit länger als eine Schrecksekunde zu alarmieren – sieht man von der Steuerund Sozialpolitik einmal ab. Informationen aus anderen Bereichen des politischen Lebens werden hingenommen. Achselzuckend eben. Mit gelassener Abgeklärtheit und der Einsicht in die Zwänge einer sogenannten Realpolitik wird verwechselt, was meiner Ansicht nach nichts anderes ist als ein Mangel an jenem Fleiß, der zu jeder Form von Engagement gehört.

Das hat sich auf eine, wie ich finde, dramatische Weise gerade in den letzten Wochen wieder einmal gezeigt: Da wurde bekannt, dass der Bundestag falsch über die genauen Bedingungen des Bundeswehreinsatzes vor der libanesischen Küste informiert worden war, als er seine Zustimmung zu dem Mandat erteilte. Nur wenige Tage später wurde bekannt, dass im Rahmen des angeblichen Anti-Terror-Mandats „Enduring Freedom“ deutsche Fregatten britischen und US-Kriegsschiffen unmittelbar vor und auch während des Irakkriegs Geleitschutz boten. Zu einem Zeitpunkt also, zu dem sich die damalige Bundesregierung wegen ihrer vermeintlich konsequenten Ablehnung dieses Krieges selbst auf die Schulter klopfte.

Und was war die öffentliche Reaktion auf diese beiden Vorgänge, die ich – jeden für sich genommen – für skandalös halte? Es gab keine Reaktion. Die Republik musste nicht einmal zur Tagesordnung übergehen. Sie hat die Tagesordnung gar nicht erst unterbrochen. Wenn es eines Beweises bedürfte – ich glaube nicht, dass es dessen bedarf –, dass Publikationen, die sich dem Mainstream entgegenstellen, nach wie vor dringend gebraucht werden: Hier wäre er wieder einmal erbracht worden. Gäbe es solche Medien nicht, dann hätten interessierte Laien kaum eine Möglichkeit, sich selbst ein Urteil zu bilden.

Allerdings lässt sich eben nicht bestreiten, dass es heute schwerer ist als früher, sich Gehör zu verschaffen. Es ist ein schwacher Trost, dass selbst die Sendungen und Publikationen mit der größten Reichweite an Einfluss verloren haben. Nicht einmal die „Bild“-Zeitung kann heute noch alleine eine Kampagne erfolgreich steuern. Sie braucht Verbündete. Einen Alleinvertretungsanspruch für Informationen besitzt niemand mehr. Früher galt es als unhöflich, während der „Tagesschau“ anzurufen. Das ist lange her.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Der Bedeutungszuwachs der elektronischen Privatmedien und die Konzentrationsprozesse der letzten Jahre, die gigantische Medienkonzerne haben entstehen lassen, spielen eine Rolle. Aber ich denke, dass nichts anderem in diesem Zusammenhang eine vergleichbar große Bedeutung zukommt wie dem Internet. Diese revolutionäre Erfindung stellt all diejenigen, denen der kritische öffentliche Diskurs am Herzen liegt, vor völlig neue Herausforderungen.

Das Internet hat die Zugangsmöglichkeiten zu Informationen aller Art demokratisiert – einerseits. Andererseits hat es die Kanalisierung von Diskussionen erschwert. Von zahlreichen, detaillierten Informationen über selbst das ausgefallenste Spezialinteresse ist niemand mehr weiter als zwei oder drei Mausklicks entfernt. Das ist wunderbar, im Sinne der Aufklärung: Zensur und andere Formen der Unterdrückung missliebiger Meinungen sind erheblich schwieriger geworden als früher.

Aber es ist auch entsetzlich, im Sinne der Aufklärung: Es gibt keinerlei Notwendigkeit mehr, sich mit Thesen, Meinungen oder auch nur Informationen auseinanderzusetzen, die einen nicht so brennend interessieren oder die einem nicht passen. Das Angebot ist ja groß genug. Und es gibt auch fast keine Veröffentlichung mehr, die ich bei einem politisch interessierten Gegenüber ganz selbstverständlich als bekannt voraussetzen kann. Die Öffentlichkeit im herkömmlichen Sinne ist zersplittert. In viele kleine Teilöffentlichkeiten.

Was ist die Folge dessen? Immer wieder ist den traditionellen Printmedien, sogar dem Buch, der Tod als Folge des Internets vorhergesagt worden. Ich denke, dass dies ganz und gar falsch ist. Das Gegenteil ist richtig: Ihre Bedeutung wächst umgekehrt proportional zum dem oben erwähnten „gefühlten“ Bedeutungsverlust. Und ganz besonders wächst die Bedeutung von Publikationen wie den „Blättern“.

Das Internet kann vieles anbieten, was keine personell und materiell noch so gut ausgestattete Redaktion anzubieten vermag. Etwas aber kann es nicht: Orientierungshilfe liefern. Diese klassische Aufgabe der Medien wird immer wichtiger, je unübersichtlicher die Flut von Informationen wird und je schwerer ihr Wahrheitsgehalt zu überprüfen ist.

In dieser Hinsicht leistet gerade eine Monatspublikation wie die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ Unschätzbares. Ihr Autorenregister liest sich wie das „Who is Who“ der kritischen Publizistik, die lange Liste der Herausgeber ist eindrucksvoll angesichts der Kompetenz und der Integrität, die in diesem Gremium versammelt ist. All das würde aber wenig nutzen, gäbe es nicht die unbeirrte, zähe Bereitschaft der Redaktion, Monat für Monat unter schwierigen Bedingungen eine Zeitschrift herauszugeben, für die Verbindlichkeit und Verlässlichkeit die Schlüsselbegriffe sind.

Verbindlichkeit bedeutet, dass man sich schon gut überlegen muss, was man in einem Medium äußert, das sich viele Leute in den Bücherschrank stellen. Da lässt sich nicht, wie bei Wikipedia, ein Fehleintrag mal eben korrigieren. Einschätzungen und Thesen, die in den „Blättern“ veröffentlicht sind, lassen sich auch nach Jahren noch auf ihre Gültigkeit hin überprüfen.

Verlässlichkeit bedeutet, dass die Leser der „Blätter“ darauf vertrauen dürfen, dass die wichtigen Themen der Zeit in dieser Publikation behandelt werden – gründlich, mit jener unaufgeregten Distanz zur atemlosen Tagespolitik, die vermutlich nur eine Monatszeitschrift regelmäßig leisten kann, die aber eben auch nicht mit jener langen Vorlaufzeit zu kämpfen hat, die bei einem Buch unvermeidlich ist.

Diese Verbindung von Verbindlichkeit und Verlässlichkeit ist es, was die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ aus meiner Sicht unverzichtbar sein lässt. Ich gratuliere zum 50. Und wünsche für die nächsten Jahrzehnte unverändert viel Kraft.

* Die hier versammelten Beiträge basieren auf den Reden, die auf der „Blätter“-Jubiläumsfeier am 24. November 2006 im Palais der Berliner Kulturbrauerei gehalten wurden.

(aus: »Blätter« 12/2006, Seite 1457-1460)

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