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Apartheid global

Der neue Imperialismus und der globale Süden

von Samir Amin

Die Globalisierungsdebatte provoziert zunehmende Ängste in den nördlichen Industriestaaten. Dagegen kommen die Auswirkungen der Globalisierung auf den Süden kaum zur Sprache – und das, obwohl eine Mehrheit von 85 Prozent der Weltbevölkerung im Süden lebt. Dabei lässt sich unschwer feststellen – und ich sage es gleich zu Beginn –, dass das als neoliberal bezeichnete Globalisierungsmodell mit Blick auf die Mehrheit der Menschheit schlichtweg kriminell ist, und dass dieses Globalisierungsmodell zwangsläufig auf eine militärische Ordnung hinausläuft, da es sich einzig und allein durch den zunehmenden Einsatz von Gewalt fortführen lässt. Dies beinhaltet auch eine verstärkte Aufrüstung und den jederzeit möglichen Einsatz von Massenvernichtungswaffen – darunter Atomwaffen, die als logische Folge des Versuchs, dieses Globalisierungsmodell fortzuführen, auf der Tagesordnung stehen.

Bevor ich näher auf diesen zentralen Punkt eingehe, scheinen mir jedoch einige Bemerkungen über die verschiedenen Modelle der Globalisierung im Verlauf der Geschichte und insbesondere über die beiden unterschiedlichen Globalisierungsmodelle vom Zweiten Weltkrieg bis heute angebracht. Das eine herrschte während der ersten 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Mitte der 70er Jahre vor, und mit dem anderen, dem heute dominierenden, haben wir es seit 25 oder 30 Jahren zu tun.

Globalisierung und Kolonialismus

Globalisierung ist wahrlich nichts Neues. Die Welt war schon immer globalisiert. Doch interessanterweise hatte die Globalisierung in alter Zeit, das heißt vor Beginn der Neuzeit bzw. des Kapitalismus, zwar viele negative, aber auch viele positive Aspekte – mehr vielleicht als die gegenwärtige moderne Globalisierung. Natürlich ist es im Verlauf der Geschichte stets zu Tötungen in großem Maßstab gekommen, doch die Globalisierung in ihrer damaligen Form bot den weniger weit entwickelten Völkern die Chance aufzuholen. So bot die Globalisierung beispielsweise den Europäern die Chance, zum Mittleren Osten, zu den Arabern, aufzuschließen, die ihnen damals in ihrer Entwicklung voraus waren.

Dieses vor-neuzeitliche Modell der Globalisierung, oder genauer: der zahlreichen regionalen Globalisierungen, unterscheidet sich sehr von jenem, mit dem wir es während der gesamten Neuzeit bzw. während des Kapitalismus, also während der letzten 500 Jahre, zu tun haben. Auch dabei handelt es sich nicht um einen einzigen Vorgang, sondern um zahlreiche regionale Globalisierungen, also um viele aufeinander folgende Modelle, die aber unablässig zu Ungleichheit und Polarisierung auf globaler Ebene geführt und diese ständig vertieft haben. Von daher könnte man sie mehr oder weniger als Synonym für Imperialismus verstehen, und so würde ich sie auch verstehen wollen. Denn sie haben keineswegs Bedingungen geschaffen, die den weniger weit entwickelten Völkern die Chance zum Aufholen geboten hätten, sondern vielmehr solche, die ein Aufholen geradezu unmöglich machen und die deshalb zum größten Skandal in der Geschichte der Menschheit geführt haben.

Natürlich hatten diese Modelle – und ich spreche bewusst von Modellen und nicht von geschichtlichen Zwangsläufigkeiten – ihre jeweiligen Besonderheiten. Wir können vom Modell des frühen Imperialismus sprechen, des Merkantilismus, samt der zeitgleichen Entwicklung von Nord- und Lateinamerika mit der damit verbundenen Sklaverei, dem Völkermord an den Indianern usw. Es war ein Globalisierungsmodell, doch für Indianer und Schwarze war es das denkbar destruktivste, ein geradezu verbrecherisches Globalisierungsmodell.

Nun zum zweiten Modell, das man vielleicht als das klassische bezeichnen kann und das mit der Industrialisierung des Westens, also der Zentren – das heißt hauptsächlich Westeuropas, aber auch der Vereinigten Staaten bzw. Nordamerikas und später Japans – einherging. Dieses Modell war bis zu einem gewissen Grad, aber nicht zwangsläufig, von Kolonialisierung begleitet. Und auch dieser Kolonialismus ist ein Globalisierungsmodell. Die Behauptung, Afrika sei nicht in das globale System integriert, ist deshalb eine Verhöhnung. Zunächst wurde es durch den Sklavenhandel integriert, dann durch den Kolonialismus, der zudem eine der hässlichsten Formen der Globalisierung ist. Zu diesem Zeitpunkt war Globalisierung – oder, in meiner Terminologie, der Gegensatz zwischen Zentren und Peripherien – mehr oder weniger gleichbedeutend mit dem Gegensatz zwischen industrialisierten und nicht-industrialisierten Gebieten.

Zwei Modelle der Globalisierung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben wir es mit anderen Globalisierungsmodellen zu tun. Das eine war – trotz all seiner inneren Widersprüche, seiner Grenzen usw., und obwohl es natürlich alles andere als vollkommen war – nicht ganz so verbrecherisch und gefährlich wie jenes, durch das es später abgelöst wurde. Von einem afro-asiatischen Blickwinkel aus kann man das weniger gefährliche als das Bandung-Modell bezeichnen. Die Ideen der Konferenz von Bandung, auf der im Jahre 1955 die „Dritte Welt“ als Synonym der Blockfreienbewegung ins Leben gerufen wurde, dominierten bis in die Mitte der 70er Jahre, nämlich bis zur Durchsetzung der von den Entwicklungsländern geforderten so genannten Neuen Weltwirtschaftsordnung in der UNVollversammlung Ende 1974 und der anschließenden Ablehnung dieser neuen Ordnung durch die imperialistischen Mächte, allen voran die Vereinigten Staaten und ihre westeuropäischen Verbündeten. Dieses Modell von Bandung war die Folge eines doppelten Sieges (bzw. einer doppelten Niederlage): des Sieges der Demokratie über den Faschismus und des Sieges der Völker Asiens und Afrikas über den alten Kolonialismus – also jenen der Periode davor. Dieser doppelte Sieg weckte natürlich zahlreiche Illusionen; er führte aber auch dazu, dass man die Möglichkeit des Aufholens wieder für realistisch hielt – ein Aufholen mit all seinen Widersprüchen und negativen Aspekten, versteht sich. Doch durch staatliche Intervention mit ihren positiven und weniger positiven Aspekten konnten in der Tat einige der negativsten Erscheinungen des Kapitalismus abgefedert werden – beispielsweise durch Protektionismus, was so viel wie ausgehandelte Globalisierung bedeutet, also keine Globalisierung zum alleinigen Wohle des Stärkeren, sondern eine Globalisierung, die die Schaffung von Chancen für die anderen, die Schwächeren, bedeutet und mit mehr oder minder radikalen sozialen Reformen einhergeht. Auch wenn also die Politik staatlicher Intervention gewöhnlich nicht unbedingt von einem Demokratisierungsprozess begleitet wurde, war sie doch immerhin mit sozialem Fortschritt verbunden.

Deshalb kam es in diesem Rahmen zu hohen Wachstumsraten – den höchsten Wachstumsraten auf globaler Ebene, die in der Geschichte des Kapitalismus und in der Geschichte der Menschheit je erzielt wurden. Man kann sagen, dass wir mehr oder weniger Vollbeschäftigung hatten, verbunden mit sehr schnellem und umfangreichem sozialen Aufstieg für die meisten Menschen. In vielen Fällen fand ein Abbau von Ungleichheit statt, zumindest wurde Ungleichheit nicht gefördert.

Heute erzählt man uns, dieses Globalisierungsmodell sei irrational gewesen. Und es wurde durch dasjenige ersetzt, das wir heute haben – mit weit niedrigeren Wachstumsraten. Über denselben Zeitraum von 30 Jahren sind diese nur noch halb so hoch wie die des früheren Modells. Die Vollbeschäftigung mit sozialer Mobilität nach oben wich massiver und wachsender Arbeitslosigkeit, Unsicherheit, Informalisierung und Prekarisierung – kurz: allen denkbaren Formen der Verarmung und zunehmender Ungleichheit.

In den 50er und 60er Jahren betrug der Anteil der stabilen Arbeitsverhältnisse im Westen zwischen 80 und 90 Prozent, in den Ländern des Südens etwa 50 Prozent. Bezieht man diese Zahlen auf alle damaligen Arbeitsverhältnisse, so lebten ungefähr drei Viertel der Menschen in stabilen Arbeitsverhältnissen. Heute sind es im Westen noch 60 Prozent und im Süden ganze 20 Prozent. Insgesamt haben global also drei Viertel der Menschen weder einen sicheren Arbeitsplatz noch Zugang zu einem geregelten Einkommen und zu sozialen Rechten. Und diese Tendenz zur Verelendung auf globalem Niveau setzt sich unverändert weiter fort. Zunehmend existieren zwei Welten nebeneinander: In der einen Welt leben diejenigen, die von der Steigerung der Produktivität, von verbesserter Technologie und potenzierter Kapitalakkumulation profitieren, und in der anderen Welt lebt die ständig wachsende Anzahl der Verelendeten und Ausgeschlossenen. Und dennoch macht man uns weis, dass diese Erscheinungen vollkommen rational und geschichtlich unabwendbar seien.

Der entscheidende Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Globalisierungsmodell besteht in der Höhe der Kapitalverzinsung: Beim ersten Modell lag sie zwischen 4 und 8 Prozent, beim zweiten liegt sie zwischen 8 und 16 Prozent – sie ist also doppelt so hoch. Ob ein Modell als vernünftig gilt, entscheidet sich also danach, wer davon profitiert: Profitiert das Kapital, auch wenn dies auf Kosten aller Völker geht, so ist es vernünftig. Profitieren die Völker und weniger das Kapital, so gilt das Modell als unvernünftig.

Nun weist das Modell, das ich als Bandung-Modell bezeichnet habe, eine Vielzahl von Dimensionen auf, positive wie negative, auf die ich hier nicht näher eingehen kann. Doch dieses Kapitel ist abgeschlossen. Und was heute vorherrscht, ist ebendieses neue Globalisierungsmodell, das weniger Wachstum, zunehmende Verarmung und zunehmende Ungleichheit bedeutet – und natürlich als ausgesprochen rational gilt. Dabei ist dieses Modell das vielleicht verbrecherischste Globalisierungsmodell der Geschichte, da es die Bedingungen für permanenten Krieg schafft. Dazu gehören, neben vielen anderen hässlichen Dingen, auch permanenter Terrorismus, permanenter Rassismus, permanente (Bürger-)Kriege und permanente Dummheit. Aber vor allem schafft es die Basis für permanenten Krieg.

Der neue Imperialismus und sein Scheitern

Ich bezeichne dieses neue Modell als „imperialistische Globalisierung“ – nicht als postimperiale oder postimperialistische. Es ist nämlich noch imperialistischer als das vorhergehende Globalisierungsmodell, weist aber eine Reihe von besonderen Merkmalen auf. Zunächst konnte man in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg vom Imperialismus nur im Plural sprechen – den Imperialismus als Einzelerscheinung gab es nicht, sondern es gab vielmehr imperialistische Staaten, die einander beinahe unablässig bekämpften. Dieses Modell wurde durch das ersetzt, was ich der Einfachheit halber den kollektiven Imperialismus der Triade Vereinigte Staaten, Westeuropa und Japan nenne. Aber mit welcher Begründung?

Auch ohne dass ich an dieser Stelle eine detailliertere Analyse der Veränderungen innerhalb des Kapitalismus vornehmen kann, die zu dem neuen Modell geführt haben, ist offenkundig, dass die kollektiven Wirtschaftsinstrumente zum Management dieses globalen kapitalistischen Systems – die Welthandelsorganisation (WTO), die das bedeutendste dieser Instrumente ist, der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und andere mehr – wichtige Akteure sind. Und das gilt auch für die politischen Instrumente, allen voran für die NATO, die zunehmend die UNO ersetzt. Dabei ist die NATO in erster Linie ein militärisches Instrument, und das keineswegs zufällig. Die NATO ist zugleich auch ein Projekt der Europäer, betrieben vor allem seitens der USA, aber auch mit Hilfe der europäischen Staaten. Sie ist ein Projekt, das Europa auf die militärische Dimension des atlantischen Projekts reduzieren soll. Geplant ist gewissermaßen ein Europa mit einer Hauptstadt in Washington, D.C. Ich bezeichne diesen kollektiven Imperialismus angesichts seiner Folgen für Asien, Afrika und Lateinamerika als „Apartheid auf globaler Ebene“. Er ist zwangsläufig mit dem wahnwitzigen und deshalb kriminellen Vorhaben verknüpft, den Planeten militärisch zu kontrollieren.

Jedes wahnsinnige Vorhaben – Hitlers Vorhaben war wahnsinnig, es war kriminell, und weil es wahnsinnig war, schlug es natürlich fehl – jedes wahnsinnige Vorhaben muss fehlschlagen, aber zu welchem Preis? Dieses Vorhaben der NATO ist nun die Folge des Strebens nach militärischer Kontrolle über den Planeten. Im Kampf gegen dieses Globalisierungsmodell ist die Forderung nach einem Verbot von Atomwaffen von grundlegender Bedeutung. Es geht, um das gleich zu sagen, nicht um das heuchlerische Predigen gegen die Verbreitung von Atomwaffen da und dort, die natürlich verwerflich ist, sondern darum, diejenigen anzugreifen, die die wahre Bedrohung für die Menschheit darstellen und die im Grunde die Mächtigsten sind – vor allem die USA mit ihrer arroganten und zynischen Erklärung, dass sie diese Waffe einsetzen werden, wenn es ihnen von ihrem Standpunkt aus nützlich erscheint. Dieses Modell versucht nun etwas, das, ich wiederhole es, völlig wahnwitzig und unvernünftig ist, weshalb es diese – von einem humanistischen Standpunkt aus betrachtet – irrationalen Folgen zeitigt. Das Prinzip, das ich dagegen verfechte, habe ich als „de-linking“ bezeichnet, also als „Abkoppeln“ oder „Loslösen“, aber vielleicht ist der Begriff nicht gut gewählt, da man meinen könnte, er bedeute Autarkie oder gar ein Verlassen dieses Planeten, um sich auf einem anderen Planeten niederzulassen. Ich verstehe unter „de-linking“ jedoch die Unterordnung des Stellenwerts der Teilnahme an der Globalisierung unter die Prioritäten eines fortschreitenden sozialen Wandels.

Das ist das genaue Gegenteil dessen, was heute den Lauf der Welt bestimmt, nämlich die so genannte „Anpassung“. Anpassung wird im herrschenden Modell der Globalisierung als Anpassung der schwächsten Nationen an die Erfordernisse der Entwicklung des globalen kapitalistischen Systems in seiner derzeitigen Form verstanden. Es ist im Grunde die Anpassung des Südens an die Bedürfnisse des Nordens, der sein eigenes Entwicklungsmodell auf Kosten der anderen vorantreibt. Es ist aber auch die Anpassung Europas an die Bedürfnisse der USA, die ihr eigenes Projekt globaler Herrschaft verfolgen. Anpassung wird nie als Anpassung des Nordens an die Erfordernisse eines anderen Modells globaler Entwicklung verstanden – eines, von dem auch der Süden profitieren würde –, und nicht einmal als Anpassung der USA an die Bedürfnisse anderer, etwa Europas. Niemand verlangt von den USA, sich anzupassen und beispielsweise ihr riesiges Handelsbilanzdefizit zu verringern.

Just diese Anpassung der Schwächsten an die Bedingungen, die die Starken erst stark gemacht haben, zerstört deren Chance zum „Aufholen“. Damit meine ich gerade nicht die bloße nachholende Kapitalisierung, sondern die Chance der Schwachen, sich mit positivem sozialen Inhalt zum Wohle ihrer eigenen Bevölkerung zu entwickeln. Deshalb schlage ich vor, die Prioritäten umzudrehen. Dies lässt sich mit einem Beispiel aus der Landwirtschaft bzw. aus bäuerlichen Gesellschaften illustrieren. Denn vergessen wir nicht: Drei Milliarden Menschen leben in bäuerlichen Gesellschaften – das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Spricht man jedoch von Sonderrechten zur Verteidigung dieser Menschen, so bekommt man nur zu hören: „Aber die Prinzipien und Werte, die in den Menschenrechten verankert sind, verbieten jede Sonderbehandlung, sondern gelten doch für alle Menschen und somit auch für die Bauern.“ Ich pflege darauf zu antworten: „Dann sollten wir wohl auch nicht eigens über die Rechte von Frauen diskutieren, denn schließlich stellen auch sie ,nur' die Hälfte der Menschheit, und da sie Menschen sind, braucht man nicht eigens über sie zu reden!“ Nein, dieser Ansicht bin ich nicht.

Die globale Apartheid und ihre Alternative

Was steht nun beim derzeitigen Globalisierungsmodell auf der Tagesordnung? Gegenwärtig wird überall und flächendeckend vormaliges Gemeineigentum privatisiert. Man könnte diesen Prozess enclosures auf globaler Ebene nennen. Solche „Einhegungen“, bei denen historisch Gemeindeland durch Zäune abgegrenzt und in private Nutzung überführt wurde, gab es zuerst im entstehenden Kapitalismus in England, dann in Westeuropa, bis sie schließlich mehr oder weniger den ganzen europäischen Kontinent erfassten. Die Einhegungen zerstörten die bäuerlichen Gesellschaften. Nun könnte man geltend machen, dieses Vorgehen habe im entwickelten Westen einen effizienten Prozess der Verstädterung in Gang gesetzt. Es ist jedoch offensichtlich, dass es heute im Süden nicht das gleiche Resultat zeitigen kann, da man, um wettbewerbsfähig zu sein – und Wettbewerbsfähigkeit wird unbedingt verlangt –, moderne Technologien entwickeln muss. Dadurch werden permanent Menschen freigesetzt, denen die Länder des Südens (und zunehmend auch jene des Nordens) keine Lebensgrundlage mehr zu bieten vermögen. Die Zerstörung bäuerlicher Gesellschaften führt heute zu einem anderen Modell der Urbanisierung – nämlich zur Entstehung von Slums und nichts als Slums. Es ist ein Genozid auf globaler Ebene. Deshalb habe ich diesen Zustand als Apartheid auf globaler Ebene bezeichnet.1

Deshalb, und dies ist meine Schlussfolgerung, müssen wir über eine Alternative nachdenken oder vielmehr über verschiedene Alternativen mit all ihren Nuancen. Keine Blaupause, nicht das gleiche Rezept für alle, wie Weltbank und Wirtschaftsliberalismus es propagieren. Wir brauchen vielmehr ein anderes Globalisierungsmodell, das unter neuen Bedingungen erneut auszuhandeln wäre. Vier Dinge sind dafür von zentraler Bedeutung: Erstens ist fraglos ein anderes Europa vonnöten, ein Europa, das sich vom Liberalismus und Atlantizismus abkoppelt. Dies wird sicher nicht in den nächsten Monaten und Jahren geschehen, aber es ist notwendig. Zweitens sollten bedeutende, sich entwickelnde Länder wie China einen Weg zu einem anderen Gesellschaftsmodell beschreiten und nicht nur dem ausgetretenen Pfad folgen, der zum so genannten normalen Kapitalismus führt. Drittens ist die Wiederherstellung der Solidarität unter den Völkern des Südens dringend geboten. Hierbei kann es sich nicht um eine einfache Neuauflage von Bandung handeln, schon weil es in der Geschichte keine Neuauflagen gibt. Dennoch gilt es, die Grundsätze von damals erneut zu bekräftigen. Und viertens brauchen wir eine Vielzahl von Reformen und Veränderungen hin zu einer Demokratisierung der institutionellen Strukturen internationalen Lebens, der UNO und anderer Organisationen. Diese Reformen müssten ganz anders aussehen als die karikaturesken Projekte, die Kofi Annan bisweilen vorschlägt. Vor allem müssten sie die Wiedereinsetzung der UNO – und nicht der NATO – als das politische Werkzeug der Realisierung eines akzeptablen, menschlichen Globalisierungsmodells beinhalten.

* Der Beitrag beruht auf einem Vortrag, den der Verfasser im Rahmen der internationalen Konferenz „Einstein weiterdenken“ am 14. Oktober 2005 in Berlin in englischer Sprache gehalten hat.
1 Vgl. Samir Amin, Der kapitalistische Genozid, in: „Blätter“, 7/2004, S. 817-824.

(aus: »Blätter« 2/2006, Seite 163-169)
Themen: Globalisierung, Rassismus, Armut und Reichtum, Entwicklungspolitik, Kapitalismus und Neoliberalismus

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