50 Jahre Blätter | Blätter für deutsche und internationale Politik

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50 Jahre Blätter

von Blätter-Redaktion

Vor 50 Jahren, am 25. November 1956, erschien die erste Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik. Ins Leben gerufen wurde die Zeitschrift von drei Mitgliedern des Adenauer-kritischen „Deutschen Klubs 1954“: Karl Graf von Westphalen, Hermann Etzel und Paul Neuhöffer. Graf Westphalen kam ursprünglich aus der württembergischen CDU, Etzel aus der Bayernpartei (MdB 1949-53) und Neuhöffer, der spätere Leiter des Kölner Pahl-Rugenstein-Verlags, stand den Kommunisten nahe. Das Projekt, gegründet im Geiste der Ost-West-Verständigung und des Dialogs zwischen Christen und Marxisten, fand die Unterstützung namhafter Theologen aus der Bekennenden Kirche wie Hans Iwand und Ernst Wolf, später auch von Martin Niemöller, Walter Kreck und politischen Köpfen wie etwa Hermann Rauschning, Günther Anders und Robert Scholl, Vater von Hans und Sophie Scholl.

„Wahrhaft unabhängig, an keine Parteiideologie und kein Geschäftsinteresse gebunden“, wollten die Blätter, dem „Aus Sorge um Deutschland“ überschriebenen Editorial der Erstausgabe zufolge, sein, denn „kluge politische Entscheidungen sind nur möglich in einer umfassenden Zusammenschau gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und staatlicher Realitäten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Sie sind undenkbar oder zum Scheitern verurteilt bei jedem Versuch, irgendwelchen Interessengruppierungen Vorteile gewähren zu wollen, die dem Gemeinwohl entgegenwirken.“ Die zentralen Themen waren daher die „großen Menschheitsfragen“: Atomzeitalter und friedliche Koexistenz, Bandung-Konferenz, „deutsches Schicksal“ und Wiederbewaffnung der Bundesrepublik sowie die Verantwortung der Christenheit. Welch große Bedeutung religiösen Impulsen beigemessen wurde, illustriert auch das erste Sonderheft der Blätter vom Dezember 1956 „Die Stimme des Papstes“.

In dem halben Jahrhundert, das seitdem ins Land gegangen ist, haben sich die Blätter in ihrem Anspruch, Politik und Zeitgeschichte der Bundesrepublik kritisch und intervenierend zu begleiten, immer wieder gewandelt – wie sich auch die Gesellschaft und insbesondere die demokratischen Bewegungen in dieser Zeit wandelten: Neben die Schwerpunkte Atomzeitalter, deutsche Frage, Blockfreiheit und Entspannung traten in den 60er Jahren Themen wie „Formierte Gesellschaft“, Erosion des „CDU-Staates“ und Bildungsreform („Wider die Untertanenfabrik“); die Blätter verbanden sich konsequenterweise mit der aufkommenden Außerparlamentarischen Opposition (der „Bayernkurier“ bezeichnete sie gar als „Zentralorgan der APO“) und später dann, der Entwicklung der Studentenbewegung folgend, zeitweise auch mit dem „Krebsgang“ der APO, dem dogmatisierten Marxismus. Aber schon seit den 70er Jahren begleitete die Zeitschrift auch die aufkommende Alternativ-, Umwelt- und insbesondere die Friedensbewegung.

Die im Rückblick wohl wichtigste Zäsur in der Geschichte der Blätter stellen die Jahre 1989/90 dar. Bereits 1988 hatten Herausgeber und Redakteure der Zeitschrift sich zur „Wahrung ihrer Unabhängigkeit“ in einer eigenen GbR zusammengeschlossen.

Am Übergang von der alten zur neuen Bundesrepublik stand dann die von den damaligen Redakteuren, Karl D. Bredthauer, Arthur Heinrich und Klaus Naumann, ins Werk gesetzte Überführung der Zeitschrift in die verlegerische Selbstständigkeit der Blätter Verlagsgesellschaft mbH. Diese Neukonstituierung führte auch zu einer Erweiterung der Herausgeberkreises und fand ihren pointiertesten Ausdruck in der „Unentbehrlichkeitserklärung“ von 1996 (vgl. Blätter 6/1996, S. 645). Namhafte Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik unterstützten darin das Eintreten der Zeitschrift „für die Gründungsratio der Bundesrepublik, für die noch unvollendete und stets revisionsgefährdete deutsche Integration in die politische Zivilisation der Moderne.“

Den jüngsten Einschnitt der Blätter-Geschichte markiert der Umzug der Redaktion vom Rhein an die Spree im Dezember 2003 und der damit verbundene Generationswechsel. In Berlin zeichnen Albrecht von Lucke, Albert Scharenberg und Annett Mängel, letztere seit 2005 auch als Geschäftsführerin der GmbH, sowie seit anderthalb Jahren Daniel Leisegang für die Redaktions- und Verlagsarbeit verantwortlich. Unverändert bleibt der Anspruch der Blätter: eine politisch-wissenschaftliche Zeitschrift für Analyse, Kritik und alternatives Denken zu sein, die sich entschieden demokratischen Grundsätzen und politischer Intervention verpflichtet weiß. Die Blätter werden weiterhin ein Forum sein für das Zusammenwirken von „alten“ und neuen sozialen Bewegungen sowie der verschiedenen, nicht herrschaftlich in Dienst genommenen Stimmen aus Wissenschaft und Politik.

Anlässlich des Jubiläums haben wir uns einiges vorgenommen. Bereits seit Jahresbeginn erscheinen die Blätter im neuen Layout. Im September haben wir den Globalisierungs-Reader „Der Sound des Sachzwangs“ vorgelegt, der bereits vor der zweiten Auflage steht. Und für den 24. November laden wir zum großen Jubiläumsfest in Berlin ein (vgl. die Einladungskarte in diesem Heft), auf dem wir mit Freunden, Leserinnen und Lesern, die das kontinuierliche Erscheinen der Zeitschrift überhaupt erst ermöglichen, feiern wollen.

Auf diesem Fest wollen wir auch unser neuestes Produkt vorstellen: ein Gesamt- Archiv der 50 Blätter-Jahre – rund 60 000 Druckseiten – auf zwei kleinen Scheiben. Nachdem es die „neuen Blätter“ schon seit einigen Jahren, alljährlich fortgeschrieben, auf unserer Archiv-CD gibt (demnächst 1990-2006), kommen jetzt die dreieinhalb Jahrzehnte von 1956-1989 auf einer DVD hinzu. Damit kann sich endlich jeder und jede Interessierte selbst ein Bild vom Weg dieser Zeitschrift machen: ein halbes Jahrhundert deutsche und internationale Politik im Spiegel der Blätter.

Die Blätter leben ausschließlich von ihren Leserinnen und Lesern. Die redaktionelle Unabhängigkeit von Parteien, Verbänden, Kirchen und anderen Großsponsoren hat jedoch ihren Preis: Auch wenn wir seit gut einem Jahr die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten stabilisieren konnten und die Tendenz erfreulicherweise nach oben zeigt – was angesichts der aktuellen Marktbedingungen keine Kleinigkeit ist –, sehen wir uns erstmals seit 1999 (bei der Euroeinführung haben wir, ganz gegen den Trend, die Preise abgerundet) zu einer moderaten Preiserhöhung von 40 Cent pro Heft (ermäßigt 30 Cent) gezwungen. Ab Januar 2007 kostet das Jahresabo dann 75,60 Euro bzw. ermäßigt 58,20 Euro. Wir hoffen, dass die Existenz der Blätter allen Abonnentinnen und Abonnenten diese Groschen wert ist. All denen, die die Blätter gerade in der heutigen Zeit für „unentbehrlich in dieser Republik“ halten, möchten wir darüber hinaus die Mitgliedschaft in der Blätter-Gesellschaft nahelegen, bzw. die Möglichkeit einer Spende an diese (siehe die Anzeige auf S. 1334).

In den Blättern geht es, anders als vielerorts, nicht um die Moderation von Beliebigkeiten, sondern um kritische Analyse und klärenden Streit. Wir hoffen auf Ihre weitere tatkrätige Unterstützung und versprechen im Gegenzug, die Blätter als unentbehrliche Stimme in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit weiter zu stärken.

Bonn und Berlin, Oktober 2006

(aus: »Blätter« 11/2006, Seite 1285-1286)

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