Die Vernunft des Papstes | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die Vernunft des Papstes

Strategisch glauben

von Clemens Knobloch

Die Rede des Papstes an der Universität Regensburg vom 12. September d.J. (dokumentiert in „Blätter“ 10/2006, S. 1273 ff.), in der Benedikt XVI. eine gegen den Islam gerichtete Äußerung des byzantinischen Kaisers Manuel II. zitierte, hatte Proteststürme in weiten Teilen der islamischen Welt zur Folge; es kam zu Demonstrationen und gewalttätigen Übergriffen. Die folgende Auseinandersetzung um das Verhältnis von Islam und Gewalt wurde zudem durch die Diskussion um die (zeitweilige) Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ an der Deutschen Oper in Berlin verschärft. Diese Debatte überlagerte auch den anschließenden ersten deutschen „Islamgipfel“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Vertreter der verschiedenen islamischen Gruppierungen und unabhängige islamische Intellektuelle geladen hatte. Angesichts der anhaltenden Kontroverse um den Islam wurde weit weniger wahrgenommen, dass der eigentliche Inhalt der Papstrede das Verhältnis von Glauben und Vernunft im Allgemeinen betrifft – und, in Abgrenzung gegenüber anderen Glaubensrichtungen, im Besonderen das Verhältnis von Katholizismus und Vernunft. Die beiden folgenden Beiträge beschäftigen sich deshalb sowohl mit der strategischen Ausrichtung der Papst-Rede als auch damit, was Benedikt XVI. tatsächlich unter Vernunft und Aufklärung versteht. – D. Red.

Natürlich weiß auch der Papst, wie aus einer theologischen Vorlesung eine Schlagzeile in der Weltpresse wird. Dass sich der – durch doppeltes Zitieren gebrochene – Satz: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst Du nur Schlechtes und Inhumanes finden“ für solche Zwecke vorzüglich eignet, dürfte keinem Berater entgangen sein.1 Insofern war die Überraschung angesichts der bekannten Reflexe in den islamischen Organisationen und Ländern gewiss Teil des Spiels. Wer jedoch den Sinn des kleinen Scharmützels nach der Regensburger Rede verstehen möchte, der sollte sich nicht auf automatisierte Reaktionsmuster verlassen, sondern lieber einen Schritt zurücktreten, damit die strategischen Elemente dieses Zuges sichtbar werden.

In den islamischen Ländern ist die Religion politisches „Zentralgebiet“. Das bedeutet, dass die Religion unter allen öffentlichen Themen die höchste Intensität von Ein- und Ausschließung trägt; es bedeutet, dass alle anderen Themen von der Religion aus gesehen zweitrangig und relativ sind; es bedeutet, dass Kriege im Namen der Religion geführt werden und dass die Hegemonie religiöser Setzungen das Leben der Menschen in einem Maße durchdringt, das den säkularisierten christlichen Religionen des Westens längst abhanden gekommen ist. Hierzulande ist die Religion Privatsache, und aus dem einstigen Hegemon ist eine Moralagentur unter anderen geworden, für die jedenfalls keiner in den Krieg zu ziehen gewillt ist.

Was die katholische Kirche zusätzlich in Bedrängnis bringt, ist die unabweisbare Erfahrung, dass kapitalistische Konsum- und Massenkultur, wo sie Einzug hält, ihre öffentliche Position auch da, wo es sie noch gibt, in kürzester Zeit nachhaltig unterminiert. Beispiele sind Irland und Polen. Dass man dem Katholizismus gleichwohl politisch wieder mehr zutraut, liegt an der aktiven Rolle, die der letzte Papst beim Ende des Kommunismus in Osteuropa gespielt hat. Dass die eifrigsten Befürworter einer Revolution zugleich ihre ersten Opfer sind, ist allerdings keine ganz neue Erfahrung. Jedenfalls drängt die katholische Kirche mit Macht zurück auf die öffentliche politische Bühne – und findet sich dabei in allerhand Widersprüche und Paradoxien verstrickt.

Gegen wissenschaftliche Rationalität lässt sich öffentliche Religionsmacht im Westen sicherlich nicht restaurieren. Der Neo-Kreationismus, eher in protestantischen Sekten verbreitet, bringt zwar Schlagzeilen, aber unerwünschte, erinnert er doch fatal daran, dass die Kirche sich auch mit der Anerkennung anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse jahrhundertelang schwer getan (und dadurch um Kopf und Kragen gebracht) hat. Noch deutlicher träte der einigermaßen peinliche Umstand zu Tage, dass der Islam, auch und gerade in seiner fundamentalistischen Spielart, durch Moderne und Technologie offenbar spirituell nicht zu irritieren ist.

Die Vernunft ist katholisch

Die päpstliche Vorlesung macht sehr ausgiebig von den Möglichkeiten der Geistesgeschichte Gebrauch, die wirkliche Geschichte selektiv auszublenden. Wer den Text liest, der findet sich in einer Welt, in der „Kirche“, „Logos“, „Antike“, „Vernunft“ und „Aufklärung“ zwar gelegentlich angefochten, aber im Kern ein und dieselbe Sache sind – in einer Welt, in der Kreuzzüge, Scheiterhaufen, Reformationskriege und kriegerische Missionierung ganzer Erdteile ebenso wenig vorkommen wie die jahrhundertelange Frontstellung des Katholizismus gegen die neuzeitlichen Wissenschaften. Die Frequenz des Wortes „Vernunft“ in der päpstlichen Rede wirkt nachgerade unvernünftig und beschwörend. Nimmt man den „Logos“ hinzu, dann sind es nicht weniger als 45 Mal, dass uns die „Vernunft“ entgegentritt. Die Nachricht lautet: Der Katholizismus ist von seinen antik-hellenistischen Anfängen her ein Vernunft- Unternehmen. Verkehrt scheint dagegen die gegenwärtige Realität mit ihrer „vernunftwidrigen“ (oder ins Subjektiv-Folgenlose individualisierten) Religion und ihrer religionslosen wissenschaftlichen Teilrationalität. Und beinahe von selbst ergibt sich das Gegenbild des außervernünftigen und kriegerischen Islam, das gezeichnet zu haben man immer abstreiten kann.

Liest man den Text zur Abwechslung einmal nicht historisch, sondern programmatisch, dann offenbart er noch ganz andere Feindlinien als nur den Islam, auch innerwestliche und innerkirchliche. Es ist ja nicht der Islam, der die christlichen Religionen daran hindert, wieder als verbindlich bindende Kraft in das politische Zentralgebiet vorzudringen. Im Gegenteil, in dieser Hinsicht ist der Islam das beneidete Vorbild, das man nur leider nicht einfach imitieren kann.

Die „Feinde im eigenen Land“ erscheinen im Text als Kräfte der „Enthellenisierung“ des Katholizismus, als Reformation und als liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Kein Zweifel, dass gerade auch der Liberalismus den menschheitsbedrohenden „Pathologien der Religion und der Vernunft“ zugerechnet wird, von denen die Rede ist. Liberalismus und Individualismus werden verantwortlich gemacht für die subjektiven Schwundformen der Religion, die aus der Kirche eine Moralagentur neben anderen gemacht haben: „Das Subjekt entscheidet mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive ‚Gewissen‘ wird zur letztlich einzigen ethischen Instanz. So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich.“ Neu ist an diesem Säkularisierungslamento nicht einmal der alarmistische Unterton.

Aber auch der zweifellos positiv konnotierten und viel beschworenen Vernunft wird eine moderne Pathologie attestiert. Dass sie nämlich in ihrer empirisch- mathematischen Form verkürzt sei, Ethik und Religion aus sich ausschließe und in dieser Schwundform in Frage gestellt werden müsse.

Tagespolitische Kommentatoren mögen Recht haben mit der Vermutung, die politische „Stoßrichtung“ der Vorlesung, ihre Situierung im osmanisch belagerten Byzantinischen Reich wenige Jahrzehnte vor dessen Überwältigung, sei gegen einen EU-Beitritt der Türkei. (Die pathetische Engführung von Antike, Christentum und Europa deutet in diese Richtung.) Oder auch damit, dass die demonstrative Bezugnahme auf Byzanz und die hellenischen Quellen als handfeste Avance gegenüber der griechisch-orthodoxen Kirche zu werten sei. Ob die katholische „Weltkirche“ eine so exklusiv europäische Darstellung ihrer Fundamente wirklich goutieren wird, ist allerdings noch die Frage.

Nun ist es eher unwahrscheinlich, dass sich eine neue politische Gemeinschaft der Vernunftfreunde ausgerechnet hinter der katholischen Fahne sammeln wird. Das Signal an die Kirche lautet wohl eher: Rückzug aus der liberalen Beziehungsfalle, keine pluralisierte und individualisierte Gewissensreligion, keine katholische Moralagentur, Rückzug aus sozialpolitisch-humanitären Positionen der Gegenwart und stattdessen: Theologisierung ethischreligiöser Verbindlichkeiten und Vorschriften im Einklang mit der nunmehr entschlossen vereinnahmten Vernunft-Tradition. Von der beneidenswerten politischen Vitalität des Islam könnte vielleicht dann etwas auf die katholische Kirche abfärben, wenn sie die mit den Zumutungen der Globalisierung wachsende Nachfrage nach „vernünftiger“ Transzendenz so zu bedienen vermöchte, dass auch aufgeklärte Eliten ihr wieder öffentlich Beifall spenden könnten. Schließlich schafft es auch der Islam, in den sozial noch stärker polarisierten Ländern seiner Kultur die Kluft zwischen den Habenichtsen und den Reichen „gemeinschaftsbildend“ zu überbrücken.

Und was ist das Signal nach außen? Von Hannah Arendt stammt der Satz: Wer als Jude angegriffen wird, muss sich auch als Jude wehren. Vielleicht ist es der katholischen Kirche gar nicht so Unrecht, wenn sie der politische Islam in sein Feindbild ausdrücklich einschließt, weil er sie damit nolens volens auch zusammenschließt. Es stärkt die Gruppenidentität, wenn man als Gruppe angefeindet wird – ist doch der Islam selbst das beste Beispiel dafür, dass eine Gruppierung, die als Religion politisch angegriffen wird, gar nicht anders kann als zusammenzurücken und sich zu politisieren. Und im Gegenzug gilt: Die vorauseilende Rücksicht des Westens auf islamistische Empfindlichkeiten trifft und schwächt ironischerweise die säkularen und „vernünftigen“ Kräfte in den islamischen Ländern. Sie hat damit den gleichen Effekt wie der imperiale „Krieg gegen den Terror“.

Die politische Theologie der Religionen

Die Stärkung der „Vernunft“-Tradition nach innen, das sogenannte Gesprächsangebot, die „Dialogbereitschaft“ so vorgetragen, dass die Kirche am Ende als „angegriffene Vernunft“ posieren könnte – nach innen ein Angebot, das man nicht ablehnen kann, und nach außen ein Angebot, das andere Religionen nicht ohne weiteres annehmen können: In dieser Lage würde sich die katholische Kirche wohl nicht unwohl fühlen im „Kampf der Kulturen“. Semantisch markiert der Vernunft-Anspruch der Kirche den Abschied von „subjektiver Beliebigkeit“ des Gewissens und von bloß „individueller Moral“ – und zugleich den Wiedergewinn der spirituellen Souveränität, für die man den Islam heimlich bewundert. Beides natürlich als Programm, nicht als Realität. Gegen den mit einigem Recht als vormodern und „mittelalterlich“ kodierten fundamentalistischen Islam dient der Vernunftanspruch als Schutzschild. Dahinter lässt sich gut verbergen, dass auch der Katholizismus in das Feld drängt, in dem der Islam so erfolgreich ist – und in dem die Gläubigen ihre „Vernunft“ nicht so sehr üben als vielmehr der jeweiligen Geistlichkeit überantworten.

Wer sich auf eine Betrachtung wie diese einlässt, der akzeptiert freilich immer schon die grundfalsche Voraussetzung, es gehe beim Verhältnis zwischen den Religionen in der Hauptsache um Theologie. Tatsächlich geht es auf beiden Seiten um politische Theologie, um die Orientierung in Gemengelagen, in denen religiöse Elemente auf ganz unterschiedliche Weise in die politische Identität der Konfliktparteien eingelassen sind. Auch der politische Islam lebt nicht vom Koran allein, er bezieht seine „spirituelle“ Kraft eben auch aus der Frontstellung gegen den – nicht nur im Irak und in Afghanistan – imperial auftretenden Westen. Hätte diese Frontstellung eine reale machtpolitische Vertretung in den islamischen Ländern, dann sähe auch die Religion anders aus. So liefert sie eine politische Stellvertreteridentität. Es sind auch die hysterischen Reaktionen des Westens, die faktisch anerkennen, dass „der Islam“ weit mehr ist als bloß eine Religion.

„Vernunft“-Rhetorik wirkt das Unternehmen der päpstlichen Vorlesung alles andere als aufklärerisch. Es erinnert von Ferne an die kraftmeierische Pose, mit der von neokonservativen Feuilletonisten vor der heimlich bewunderten „sakralen Potenz“ des Islam gewarnt wird, um das – wie immer untergehende – westlich-christliche Abendland aufzurütteln und moralisch aufzurüsten. Militärisch freilich ist das gleiche westlich-christliche Abendland so wohl gerüstet, dass es in einigen Ländern des Islam Krieg führt, andere mit Krieg bedroht und in wieder anderen durch seine militärische Präsenz genehme Despotien im Amt hält – nicht um 1400, sondern jetzt.

1 In wesentlichen Auszügen dokumentiert in: „Blätter“ 10/2006, S. 1273-1276; ungekürzt unter www. vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2006/september/documents/hf_ben-xvi_spe_2006 0912_university-regensburg_ge.html.

Bei aller

(aus: »Blätter« 11/2006, Seite 1389-1393)
Themen: Religion und Konservatismus

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