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Sonntagsplage

von Daniel Leisegang

Man weiß nicht, ob man lachen oder sich die Haare raufen soll: Sabine Christiansen erhält für „ihre Verdienste um den politischen Journalismus und ihren journalistischen Werdegang“ den Deutschen Fachjournalisten-Preis.

Nach der Goldenen Kamera, dem Bambi, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bundesverdienstkreuz nun auch das noch.

Im Gegensatz zur über alle Maßen unkritischen Fragepraxis der so geehrten Spitzenjournalistin möchte man verdutzt fragen: Warum diese Auszeichnung?

Dass Sabine Christiansens Eigenproduktion angesichts der seit Jahren kontinuierlich voranschreitenden Ausdünnung politischer und kultureller Sendeformate zu den stabilen Quotenbringern der ARD gehört, sei der erfolgreichen Geschäftsfrau unbenommen. Die Journalistin aber nun für ihre „kompetente Vermittlung von komplexen Themen und besondere Verdienste um den Qualitätsjournalismus in Deutschland“ auszuzeichnen, lässt allerdings Zweifel am Sachverstand der Juroren wie Laudatoren aufkommen.

Ironischerweise veröffentlichte der Verein Lobby Control, just zum Zeitpunkt der Ehrung, eine umfassende Studie über die Inhalte und Gäste ihrer „Talkshow“. Demnach wählt die „Medienfrau des Jahres 2003“ ihre vorwiegend männlichen Gäste stets sorgfältig aus: So waren zwischen Januar 2005 und Juni 2006 Vertreter der Arbeitgeberseite 50mal in der Runde vertreten; Gewerkschaftler kamen gerade einmal auf 16 Auftritte. Bürgerinitiativen und Verbraucherorganisationen erhalten das Wort – wenn überhaupt – meist ohnehin nur als Zaungäste, die im Publikum sitzen.

Auch die Themenauswahl der Sendung zeigt sich auffallend unausgewogen. Insbesondere im Wahljahr 2005 lud die Moderatorin vor allem Vertreter marktliberaler Positionen ein. Darunter finden sich regelmäßig auch Entsandte des Konvents für Deutschland oder der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft – ohne das sie als solche vorgestellt würden. Gerade die von Gesamtmetall ins Leben gerufene „Initiative“ fördert mit ihren Medienkampagnen ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Journalismus und politischer Werbung. Indem ihre Botschafter quasi inkognito auftreten, versuchen sie so den Anschein von Überparteilichkeit zu erwecken.

Dank dieser Methode fiel es den „Experten“ leicht, Zuschauerinnen und Zuschauer mit alarmistischen Weckrufen vom unmittelbar bevorstehenden Absturz der Republik zu umfassender wirtschaftspolitischer Deregulierung anzuhalten. Es überrascht somit wenig, wenn die Studie zu dem Schluss kommt, dass das ARD-Format „als Plattform für einen neoliberal geprägten Reformdiskurs“ diene.

Angesichts des bislang Erreichten, von Hartz IV bis Mehrwertsteuererhöhung, können die betreffenden Lobbyisten und Politiker mit dem Think-Tank-Lautsprecher Christiansen fürwahr zufrieden sein. Dass aber ihr allwöchentlicher Werbe-Beitrag zur „Reformnotwendigkeit“ dieses Landes nun auch noch als „Qualitätsjournalismus“ geadelt wird, ist dann doch des Guten zuviel.

Angesichts derartiger Prämierung bleibt nur eine Frage unbeantwortet: Warum verlässt uns Sabine Christiansen just auf dem Höhepunkt ihres Ruhms? Klare Auskünfte bleibt sie bis heute schuldig. Das wiederum sind wir von ihr ja gewohnt. Als Begründung gibt die Moderatorin lediglich an, sie wolle sich fortan auf das von ihr mitproduzierte englischsprachige Format „Global Players“ des Börsensenders CNBC konzentrieren.

Machen wir uns also nichts vor: Deutschland verliert mit Christiansen seine Top- Quotenfrau. Und da Standortverlagerung regelmäßiges Thema ihrer Sendung war, bleibt am Ende festzuhalten, dass diese Standortverlagerung nachdrücklich zu begrüßen ist: Sollen sich nun Andere mit ihr plagen. Wir aber bleiben Exportweltmeister.

(aus: »Blätter« 11/2006, Seite 1318-1318)

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