Der Report des Generals | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Der Report des Generals

Wie Antonio Taguba, der den Abu-Ghraib-Skandal untersuchte, eines seines Opfer wurde

von Seymour M. Hersh

Am Nachmittag des 6. Mai 2004 war Antonio M. Taguba, Generalmajor der U.S. Army, erstmals zu Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bestellt, zu einem Treffen in dessen Besprechungszimmer. Rumsfeld und seine leitenden Mitarbeiter sollten tags darauf vor den Streitkräfteausschüssen von Senat und Repräsentantenhaus über Misshandlungen im Gefängnis von Abu Ghraib, Irak, aussagen, und die Hearings würden vom Fernsehen übertragen werden. In der Vorwoche hatten CBS und der „New Yorker“ Enthüllungen über Abu Ghraib gebracht, darunter Fotos entkleideter, misshandelter und sexuell erniedrigter Häftlinge. Regierungsvertreter hatten darauf mit der Behauptung reagiert, dass nur eine Handvoll Soldaten unterer Dienstgrade in die Sache verwickelt seien – Amerika foltere keine Häftlinge. Besonderen Wert legte man auf die Feststellung, dass die Army selbst den Skandal offen gelegt habe.

Wenn es an der Affäre etwas Tröstliches gab, so die gründliche und engagierte Art, in der die Army ihre erste Untersuchung durchführte. Diese war im Januar 2004 unter der Leitung des seinerzeit in Kuwait stationierten Generals aufgenommen worden, und im März hatte Taguba seinen Bericht vorgelegt. Darin hieß es: „Bei zahlreichen Vorkommnissen wurden etliche Häftlinge Opfer sadistischer, himmelschreiender und mutwillig zugefügter Misshandlungen krimineller Art [...], systematischer und illegaler Misshandlungen.“

Die Anfänge

An der Tür des Besprechungsraums stieß Taguba auf einen alten Freund, Generalleutnant Bantz J. Craddock, Rumsfelds obersten militärischen Mitarbeiter. Craddocks Tochter hatte Tagubas Kinder als Babysitterin betreut, als die beiden Offiziere Jahre vorher in Fort Stewart/Georgia Dienst taten. Aber an jenem Nachmittag im Pentagon, erinnert Taguba sich, „sagte Craddock nur kalt: ‚Warte hier.‘“

Anfang 2007 sagte Taguba mir während einer Gesprächsserie – der ersten Interviews, die er je gab –, ihm sei schon, als er die Untersuchung aufnahm, klar gewesen, dass sie ihm die Karriere verderben könnte. Schon frühzeitig hatte ein hoher General im Irak ihm bedeutet, die misshandelten Häftlinge seien ja „bloß Iraker“. Aber trotz allem war er auf den Empfang in Rumsfelds Büro, als er endlich hineingebeten wurde, nicht vorbereitet. „Hier ... kommt ... dieser berühmte General Taguba – der vom Taguba-Report“, verkündete Rumsfeld spöttisch. Teilnehmer des Treffens waren Paul Wolfowitz, Rumsfelds Stellvertreter; Stephen Cambone, Under-Secretary of Defence für Geheimdienstangelegenheiten; General Richard Myers, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs (JCS), und General Peter Schoomaker, der Stabschef des Heeres, sowie Craddock und andere Vertreter des Hauses. Als er mir fast drei Jahre später die Situation beschrieb, sagte Taguba betrübt: „Ich dachte, sie wollten Bescheid wissen. Ich setzte voraus, dass sie die Wahrheit wissen wollten. Ich hatte ja keine Ahnung, wie die Dinge wirklich lagen.“

Während des Treffens gestanden die Pentagon-Vertreter, dass sie über Abu Ghraib nichts wüssten. „Könnten Sie uns sagen, was da passiert ist?“, fragte Wolfowitz. Ein anderer fragte: „War es Misshandlung oder Folter?“ Da beschrieb ich, erinnert Taguba sich, „einen nackten Gefangenen, der auf dem nassen Boden lag, in Handschellen, während jemand, der ihn verhörte, ihm Gegenstände in den After zwängte. ‚Das ist keine Misshandlung‘, sagte ich, ‚das ist Folter.‘ Die Reaktion meiner Zuhörer war Schweigen.“

Was Rumsfeld besonders beschäftigte, war die Frage, wie der Geheimreport an die Öffentlichkeit geraten konnte. „General“, fragte er, „wer hat Ihrer Meinung nach den Bericht durchsickern lassen?“ Taguba antwortete, vielleicht sei es ein hoher Militärführer gewesen, der von der Untersuchung wusste. „Das war nur eine Spekulation von mir“, erinnert er sich. „Rumsfeld sagte überhaupt nichts dazu.“ (Ich selbst traf Taguba erstmals Mitte 2006 und hatte seinen Report anderswoher bekommen – S.H.) Rumsfeld beklagte sich auch, er sei nicht angemessen informiert worden. „Hier sitze ich“, sagte er, wie Taguba sich erinnert, „bloß der Verteidigungsminister, und hier haben wir kein einziges Exemplar Ihres Reports zu Gesicht bekommen. Ich habe die Fotografien nicht gesehen, und morgen soll ich vor dem Kongress aussagen und über diese Sache sprechen.“ Während er das sagte, erinnert Taguba sich, „sah er mich an. Es handelte sich um eine Erklärung.“

Doch im besten Fall, sagte Taguba, war es ein Dementi des Ministers. Der General hatte dem Pentagon und dem Hauptquartier des Central Command in Tampa/Florida, das für den Krieg im Irak zuständig war, durch verschiedene Kanäle mehr als ein Dutzend Exemplare seines Reports zukommen lassen. Zu dem Zeitpunkt, als er Rumsfelds Besprechungsraum betrat, hatte er wochenlang führende Militärs über den Report gebrieft, aber keinerlei Anzeichen dafür gefunden, dass irgendeiner von ihnen, mit Ausnahme von General Schoomaker, den Bericht tatsächlich gelesen hatte. (Schoomaker schickte Taguba später eine Kurzmitteilung, in der er dessen Ehrlichkeit und Führungsstil lobte.) Ein Generalleutnant, den Taguba drängte, sich die Fotografien anzuschauen, wies ihn mit der Bemerkung ab: „Ich möchte nicht dadurch, dass ich hinschaue, in die Sache hineingezogen werden. Denn wenn man erst einmal weiß, was auf den Bildern zu sehen ist – was macht man dann mit der Information?“

Taguba war auch bekannt, dass leitende Beamte in Rumsfelds Büro und anderswo im Pentagon eine anschauliche Zusammenfassung der Bilder aus Abu Ghraib erhalten hatten und über ihre strategische Bedeutung informiert worden waren, und zwar binnen weniger Tage nach der ersten Beschwerde. Am 13. Januar 2004 hatte ein Militärpolizist namens Joseph Garby der Criminal Investigations Division der Army (CID) eine CD mit Bildern von Misshandlungen übergeben. Zwei Tage später erhielten General Craddock und Vizeadmiral Timothy Keating, letzterer Direktor des gemeinsamen Stabs der Vereinigten Stabschefs (JCS), per E-Mail eine zusammenfassende Darstellung der Misshandlungsfälle, die auf der CD zu sehen waren. Diese Zusammenfassung besagte, dass ungefähr zehn Soldaten abgebildet seien, die sich unter anderem an folgenden Handlungen beteiligten:

Männliche Gefangene nackt posieren zu lassen, während weibliche Wachpersonen auf deren Genitalien zeigten; weibliche Gefangene sich selbst vor den Aufsehern entblößen zu lassen; Gefangene unanständige Handlungen miteinander begehen zu lassen; ferner körperliche Übergriffe von Aufsehern, die Gefangene schlagen und mit Würgeketten herumziehen.“

Es war gar nicht nötig, etwas zu ‚sehen‘“, sagt Taguba – es genügte, den geschützten E-Mail-Verkehr wörtlich zu nehmen.

Von Taguba erfuhr ich, dass zu der ersten Welle bekannt gewordenen Materials auch Beschreibungen der sexuellen Demütigung eines Vaters und seines Sohns gehörten, die beide Gefangene waren. Einige dieser ersten Bilder, darunter eines, auf dem eine irakische Gefangene ihre Brüste entblößt, sind seitdem aufgetaucht; andere nicht. (In seinem Report hält Taguba fest, dass die CID Fotos und Videos zurückhielt und dies mit den noch laufenden Untersuchungen und ihrer „extrem heiklen Beschaffenheit“ begründete.) Er selbst, sagt Taguba, sah „ein Video, auf dem ein amerikanischer Soldat in Uniform eine Gefangene anal missbraucht.“ Dieses Video wurde in keinem der nachfolgenden Gerichtsverfahren publik; ebenso wenig gibt es irgendeine öffentliche Erwähnung seitens der Regierung. Solche Bilder hätten die Empörung über Abu Ghraib noch weiter angeheizt. Es ist schlimm genug, dass Fotografien arabischer Männer in Damenschlüpfern zu sehen waren, sagt Taguba.

Am 20. Januar 2004 schickte der Stabschef des Central Command eine weitere E-Mail an Admiral Keating, mit Kopien an General Craddock und Generalleutnant Ricardo Sanchez, den Oberbefehlshaber des Heeres im Irak. Der Stabschef schrieb: „Sir: Update zur angeblichen Misshandlung von Gefangenen, wie besprochen. IST ES WIRKLICH PASSIERT? Ja. Habe gegenwärtig vier Geständnisse, vielleicht zehn Soldaten betroffen. GIBT ES FOTOS? Ja, eine CD mit annähernd 100 Fotos und ein Video – beides im Besitz der CID.“

General Myers, der JCS-Vorsitzende, räumte in einer anschließenden Aussage, ohne die E-Mails zu erwähnen, ein, dass im Januar „mir und dem Minister auf dem Dienstweg Informationen über die Fotografien zugeflossen sind [...]. Und der allgemeine Charakter der Fotos wurde beschrieben; dass es um Nacktheit, um einige vorgetäuschte Sexualakte und andere Arten von Missbrauch ging.“

Trotzdem behauptete Rumsfeld, als er am 7. Mai vor den Streitkräfteausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses erschien, er habe vom Ausmaß der Misshandlungen keine Vorstellung gehabt. „Es bricht uns das Herz, dass tatsächlich keiner da war, der gesagt hat: ‚Halt! Das ist doch schrecklich. Wir müssen etwas unternehmen‘“, sagte Rumsfeld den Kongressmitgliedern. „Ich wünschte, wir hätten mehr gewusst, und früher, und wären frühzeitiger in der Lage gewesen, Ihnen mehr zu berichten. Aber so war es nicht.“ Rumsfeld sagte den Parlamentariern: Als die Berichte über den Taguba-Report erschienen, „war dieser, soviel ich weiß, noch nicht im Pentagon“. Hinsichtlich der Fotografien erzählte Rumsfeld den Senatoren: „Ich sage Ihnen, niemand im Pentagon hatte sie gesehen“; und bei der Anhörung im Repräsentantenhaus erklärte er: „Ich habe sie gestern abend um 19.30 Uhr zum ersten Mal gesehen.“ Auf die ausdrückliche Nachfrage, wann genau er zuerst auf die Fotografien aufmerksam gemacht worden sei, antwortete Rumsfeld: „Im Rahmen einer Serie von Strafverfolgungen gab es irgendwann nach dem 13. Januar Gerüchte über Fotografien [...]. Ich erinnere mich nicht genau zu welchem Zeitpunkt, aber irgendwann in diesem Zeitraum Januar, Februar, März [...]. Die rechtliche Seite der Sache lief gut. Was nicht gut lief, war, dass der Präsident nicht Bescheid wusste und Sie nicht Bescheid wussten und ich nicht Bescheid wusste.“ „Im Ergebnis schickte einfach irgend jemand einen geheimen Report an die Presse, und jetzt sind sie [die Fotos] da“, sagte Rumsfeld.

Taguba, der die Anhörungen verfolgte, war entsetzt. Seiner Meinung nach entsprach Rumsfelds Aussage einfach nicht der Wahrheit. „Die Fotografien standen zu seiner Verfügung – wenn er sie nur sehen wollte“, sagte der General. Es fiele schwer, Rumsfeld seine Unkenntnis abzunehmen. Später habe er sich gefragt, ob vielleicht Cambone die Fotografien hatte und sie Rumsfeld vorenthielt, weil er sich scheute, seinem bekanntermaßen schwierigen Boss schlechte Nachrichten zu übermitteln. Taguba erinnerte sich aber auch daran, gedacht zu haben: „Rumsfeld ist äußerst scharfsinnig und sein Gehirn arbeitet wie eine stählerne Falle. Kein Zweifel, er leidet an C.R.S. – Can’t Remember Shit. Er versucht sich reinzuwaschen, und eine Menge Leute lügen, um sich selbst zu schützen.“ Es machte Taguba zu schaffen, dass Rumsfeld bei seinen Auftritten in beiden Häusern des Kongresses von hohen Offizieren begleitet worden war, die seine Dementis gedeckt hatten.

„Diese Vorstellung, die Rumsfeld da verbreitet – ‚Wir sind hier, um die Nation vor dem Terrorismus zu schützen‘ –, ist doch ein Widerspruch in sich“, sagte Taguba. „Er und seine Gehilfen haben ihre Ämter missbraucht; sie haben keine Vorstellung von den Werten und Maßstäben, deren Beachtung man von ihnen erwartet. Und sie haben eine Menge Offiziere mit hineingezogen.“

Auf detaillierte Nachfragen zu dem vorliegenden Artikel antwortete Oberst Gary Keck, ein Pentagon-Sprecher, per E-Mail: „Das Ministerium hat keine Verhörstrategien oder -richtlinien verbreitet, die zu Misshandlungen anleiten oder diese rechtfertigen oder zu dergleichen ermuntern.“ Und er fügte hinzu: „Wenn es Misshandlungen gegeben hat, werden solche Verstöße sehr ernst genommen, sofort aufgegriffen, gründlich untersucht, und die Übeltäter werden zur Rechenschaft gezogen.“ Hinsichtlich frühzeitiger Warnhinweise auf die Vorgänge in Abu Ghraib sagte Colonel Keck: „Der frühere Verteidigungsminister Rumsfeld hat unter Eid öffentlich ausgesagt, dass er und andere Führungspersönlichkeiten Bilder aus Abu Ghraib erst kurz vor deren Veröffentlichung vorgelegt bekamen.“ (Rumsfeld selbst war, wie ein Mitarbeiter mitteilte, nicht bereit, Fragen zu beantworten, und General Craddock verhielt sich ebenso. Andere hohe Befehlshaber antworteten gar nicht erst auf meine Bitten um Kommentare.)

In den darauf folgenden beiden Jahren mied Taguba die Presse, und seine Angehörigen bat er, nicht über seine Arbeit zu sprechen. Freunde und Familienmitglieder waren mit Anrufen und von Besuchern überschwemmt worden, und Taguba sagte mir: „Ich wollte nicht, dass sie in die Sache hineingezogen wurden.“ Im Januar 2007 trat der General dann nach 34 Jahren aktivem Dienst in den Ruhestand und erklärte sich schließlich bereit, mit mir über seine Untersuchung des Falls Abu Ghraib und über das zu sprechen, was er als gravierende Fehlinformationen von amtlicher Seite betrachtet. „Nach allem, was ich wusste, riskieren Soldaten nicht einfach das, was sie getan haben, ohne eine Mitwisserschaft ihrer Vorgesetzten“, sagte er mir. Doch Taguba hatte klare Anweisungen: Seine Untersuchung sollte sich lediglich auf die Militärpolizei in Abu Ghraib beziehen, nicht aber auf diejenigen, die in der Befehlskette weiter oben rangierten. „Diese Militärpolizisten waren nicht so kreativ“, sagte er. „Irgendjemand hat sie angeleitet, aber ich hatte rechtlich keine Möglichkeit, auf höherer Ebene weiter nachzuforschen. Mein Spielraum war extrem eingeschränkt.“

Die Biographie

General Taguba ist ein eher schmächtiger, freundlicher Mann, stets höflich und korrekt. „Ich kam aus einer armen Familie und musste hart arbeiten“, sagte er mir. „Samstagmorgens waren immer die Schuhe für den Kirchgang zu putzen und das Auto für die Fahrt zur Kirche zu waschen. Am Samstag mussten auch der Rasen gemäht und kleine Jobs für die Kirche erledigt werden.“

Tomas, der Vater des Generals, war auf den Philippinen geboren und Anfang 1942 zu den Philippine Scouts eingezogen worden, als der japanische Angriff auf die von General Douglas MacArthur geführte gemeinsame amerikanisch- philippinische Truppe seinen Höhepunkt erreichte. Im April 1942 wurde Tomas auf der Halbinsel Bataan von den Japanern gefangen genommen; er musste am Bataan-Todesmarsch teilnehmen, der Tausende Amerikaner und Filippinos das Leben kostete. Doch Tomas konnte fliehen und schloss sich den Untergrundkämpfern gegen die Japaner an, bevor er im Juli 1945 in die U.S. Army zurückkehrte.

Tagubas Mutter Maria verbrachte einen großen Teil des Zweiten Weltkriegs in einer Wohnung, die, auf der anderen Straßenseite, einem japanischen Kriegsgefangenenlager in Manila gegenüber lag. Der General erinnert sich an ihre drastischen Berichte, wie Gefangene dort willkürlich mit dem Bajonett niedergestochen wurden oder wie man ihnen die Fingernägel ausriss. Antonio Taguba kam 1950 als Marias ältester Sohn in Manila zur Welt. (Er hat sechs Geschwister.) Maria und Tomas waren strenggläubige Katholiken. Ihren Kindern brachten sie Respekt bei und, wie der General sich erinnert, „vor allem, wie man als anständiger Mensch lebt und seine Religion ausübt.“

1961 zog die Familie nach Hawaii um, wo Tomas das Militär verließ und einen Zivilberuf ergriff. Er arbeitete dort als Nachschubspezialist, der Einheiten auf den Einsatz in Vietnam vorbereitete. Ein Jahr nach der Ankunft wurde Sohn Antonio amerikanischer Staatsbürger. Damals, im sechsten Schuljahr, trug er Zeitungen aus, war Messdiener und ein guter Schüler. Später besuchte er mit Unterstützung des Reserve Officer Training Corps der Army (ROTC) die Idaho State University in Pocatello, die er 1972 erfolgreich abschloss. Als frisch gebackener Unterleutnant war er 1,67 Meter groß und rund 54 Kilogramm schwer. Der Ernst des Lebens begann sofort: Er bewährte sich als Truppenführer auf allen Ebenen, vom Zug- und dann Kompanieführer bis zur Bataillons- und Brigadeebene, in Südkorea, Deutschland und quer durch Amerika. (1981 heiratete er und hat heute zwei erwachsene Kinder.) 1986 wurde Taguba, damals Major, dann auf das College of Naval Command and Staff an der Kriegsakademie der Marine in Newport/Rhode Island geschickt. Dort schrieb er eine Analyse sowjetischer Planungen für den Angriff mit Bodentruppen, die an der Akademie zur Pflichtlektüre wurde. Vor seinen Jahrgangsgenossen avancierte Taguba zum Oberst und dann zum General. Unterwegs erwarb er drei Master’s Degrees – in Öffentlicher Verwaltung, Internationalen Beziehungen und Nationaler Sicherheit.

Ich werde Ihnen etwas über Diskriminierung erzählen“, sagte er eines Morgens ohne Bitterkeit, als er über seine ersten Jahre als Heeresoffizier berichtete. „Reden wir davon, wie es ist, wenn man in einem Restaurant in aller Öffentlichkeit nicht bedient wird. Reden wir davon, wie es ist, wenn man Dinge zweimal tun muss und gerügt wird, man spreche nicht gut Englisch; und davon, wie ich für meine drei Universitätsabschlüsse selber zahlen musste, weil die Army dachte, ich wäre nicht intelligent genug. Na und? Man muss sich eben einfach krummlegen. Na und? Die harte Arbeit hat sich gelohnt.“

Als Taguba in die Army eintrat, wusste er wenig über die Kriegserlebnisse seines Vaters. „Er hatte die Verwüstungen und die Brutalität des Krieges kennen gelernt, aber es entsprach nicht seiner Art, mit Heldentaten zu prahlen“, sagte der General. „Erst 1997 machte er den Mund auf, und ich habe zwei Jahre gebraucht, um seine Dienstzeit zu rekonstruieren und nachzuweisen, dass ihm eine Auszeichnung zustand.“ Zu seinem 80. Geburtstag wurde Tomas dann in den Schofield Barracks auf Hawaii feierlich mit dem Bronze Star und einer Kriegsgefangenen-Medaille dekoriert. „Mein Vater hat nie gelacht“, erzählte Taguba, aber an dem Tag, als er seine Medaille bekam, „lächelte er – nein, er strahlte vor Freude. Nie zuvor hatte ich ihn so stolz gesehen.

Richard Armitage, ehemals Marineoffizier und Spezialist für Aufstandsbekämpfung, der in der ersten Amtszeit von Präsident George W. Bush Stellvertretender Außenminister war, erinnerte sich, Taguba, damals Oberstleutnant, Anfang der 90er Jahre in Südkorea getroffen zu haben. „Man sagte mir, ich solle diesen jungen Burschen im Auge behalten: ‚Der wird General,‘“ berichtete Armitage. „Taguba war zurückhaltend und besonnen – kein Sprinter, sondern ein Marathonläufer.“ Er hatte ein Karpaltunnelsyndrom (CTS) und ging gebückt, aber nach der feierlichen Auszeichnung stand er auf und salutierte. Ich musste weinen, und die gesamte Familie brach in Tränen aus.“

Damals arbeitete Taguba für Generalmajor Mike Myatt von den Marines, den verantwortlichen Vertreter des US-Militärs bei den strategischen Gesprächen mit den Südkoreanern. „Ich brauchte einen leitenden Mitarbeiter mit Köpfchen und Anstand“, sagte mir Myatt, der jetzt in San Francisco im Ruhestand lebt. Nachdem er sich mit einer ganzen Reihe junger Offiziere unterhalten hatte, entschied er sich für Taguba. „Der war moralisch einwandfrei und er kannte sich aus“, sagte Myers. „Unser Verhältnis wurde wirklich sehr eng, ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Wir unterhielten uns über strategische Grundsatzfragen und über die moralische Seite des Krieges – darüber, wie wichtig es ist, nicht moralisch ins Hintertreffen zu geraten.“ Myatt hatte Tagubas Rolle bei der Abu-Ghraib-Untersuchung verfolgt und erinnerte sich: „Ich war so stolz auf ihn. ‚Tony‘, sagte ich ihm, ‚Du bist Dir treu geblieben und hast Deine Integrität bewahrt.‘“

Von anderen Offizieren bekam Taguba allerdings anderes zu hören, beispielsweise von General John Abizaid, dem Chef des Central Command. Einige Wochen nach dem öffentlichen Bekanntwerden seines Reports saß Taguba, immer noch in Kuwait stationiert, mit Abizaid auf dem Rücksitz einer Mercedes-Limousine. Abizaids Fahrer und sein Dolmetscher, der auch als Leibwächter diente, saßen vorne. Abizaid wandte sich Taguba zu und sagte ganz ruhig: „Man wird Sie und Ihren Bericht durchleuchten.“

Ich ärgerte mich nicht über das, was er sagte, aber es enttäuschte mich“, bemerkte Taguba. „Zu der Zeit gehörte ich der Army seit 32 Jahren an, und zum ersten Mal dachte ich, ich wäre bei der Mafia.“

Die Ermittlung

Dass man Taguba beauftragt hatte, den Fall Abu Ghraib zu untersuchen, war Zufall gewesen: Der höchstrangige Offizier der 800. MP-Brigade, welcher die auf den Fotos abgebildeten Soldaten angehörten, war ein Ein-Sterne-General; den Vorschriften der Army zufolge muss der Chef einer Untersuchung jedoch einen höheren Dienstgrad haben als der Kommandeur der zu überprüfenden Einheit, und Taguba, ein Zwei-Sterne-General, war verfügbar. „So einfach war das“, sagte er. Lebhaft erinnert er sich daran, was ihm durch den Kopf ging, als er Ende Januar 2004 die Fotografien zum ersten Mal sah: „Unglaublich! Was machten diese Leute da?“ Gleich darauf begriff er: „Das ist ein ganz großes Ding.“

Taguba beschloss, die Fotografien den meisten der Vernehmungs- und Recherchespezialisten seines 23köpfigen Stabes vorzuenthalten. „Ich wollte nicht, dass sie Vorurteile gegenüber den Soldaten fassten, deren Verhalten sie untersuchen sollten, also steckte ich die Fotos in einen Safe“, sagte er mir. „Jeder, der sie sehen wollte, musste einen dienstlichen Grund dafür haben und sich an mich wenden.“ Seine Entscheidung, den Stab im Hintergrund zu halten, sollte auch sicherstellen, dass keines seiner Mitglieder ihre oder seine Karriere beschädigte, weil sie an der Untersuchung beteiligt waren. „Ich wusste, die Sache würde heikel werden, weil das, was vor uns lag, so gravierend war“, sagte er.

Das Team verbrachte einen großen Teil des Februar 2004 im Irak. Das Ausmaß des Fehlverhaltens schockierte Taguba. „Das waren Leute, die man von der Straße weggeholt und ins Gefängnis gesteckt hatte – Teenager und alte Männer und Frauen“, sagte er. „Den Offizieren, mit denen ich sprach, stellte ich immer wieder die gleichen Fragen: ‚Sie wussten, was da geschah? Warum haben Sie nicht irgendetwas unternommen, um es zu stoppen?‘“

Tagubas Auftrag beschränkte sich auf die Untersuchung der 800. MPBrigade, aber er stieß bald auf Anzeichen der Verwicklung militärischer Geheimdienstler – sowohl der 205. Military Intelligence Brigade unter dem Befehl von Oberst Thomas Pappas, die eng mit den Militärpolizisten zusammenarbeitete, als auch der sogenannten „anderen Regierungsagenturen“ oder OGAs, was ein Euphemismus für die CIA- und Special-Operations-Einheiten ist, die verdeckt im Irak operieren. Einige der ersten Verdachtsmomente betrafen Oberstleutnant Steven L. Jordan, dessen Name bei den Befragungen verschiedener Militärpolizisten fiel. Während der ersten drei Wochen der Untersuchung war Jordan trotz wiederholter Aufforderungen nirgendwo aufzutreiben. Als die Rechercheure ihn schließlich aufspürten, fragte er, ob er sich vor der Befragung rasieren müsse – Taguba argwöhnte, der Oberstleutnant sei in Zivil unterwegs gewesen. „Als ich ihn nach seinem Auftrag fragte, sagte er: ‚Ich arbeite als Verbindungsoffizier für Geheimdienstinformationen aus dem Army-Hauptquartier im Irak.‘“ Doch im Laufe seiner drei oder vier Gespräche mit Jordan schöpfte Taguba, wie er sagte, den Verdacht, dass der Oberstleutnant tiefer in die – manchmal brutalen – Verhöre „hochwertiger“ Gefangener verwickelt war.

„Jordan stritt alles ab, und doch besaß er die Erlaubnis, den ‚harten Bereich‘ des Gefängnisses“ – wo die wichtigsten Häftlinge untergebracht waren – „zu betreten und dabei einen Karabiner und eine M9-Pistole mit sich zu führen, was gegen die Vorschriften verstößt“, sagte Taguba. Jordan hatte auch eine Abteilung Militärpolizisten bei einer Schießerei innerhalb des „harten Bereichs“ mit einem Häftling aus Syrien angeführt, dem es gelungen war, sich eine Schusswaffe zu verschaffen. (Ein Anwalt Jordans bestritt diese Anschuldigungen; bei der Schießerei sei Jordan, wie er sagte, „lediglich einer unter mehreren Schützen aus dem extraction team und nicht der Anführer gewesen. Er merkte an, Jordan sei kein ausgebildeter Verhörspezialist.)

T

aguba sagte, dass Jordans „Akte einen stark geheimdienstlich geprägten Hintergrund widerspiegelte“. Er hatte auch Grund zu der Annahme, dass Jordan nicht auf dem Dienstweg berichtete. Aber der enge Zuschnitt seines Auftrags schränkte Tagubas Befragungsspielraum ein. „Mein Verdacht war, dass jemand sie anleitete, aber ich konnte das nicht in Druck geben“, sagte Taguba.

„Aufgrund all der Ausflüchte und irreführenden Antworten wurden Jordan schließlich seine Rechte vorgelesen“, fuhr Taguba fort. Nun muss Jordan sich, als der bisher einzige Offizier, in einem Gerichtsverfahren strafrechtlichen Beschuldigungen im Zusammenhang mit Abu Ghraib stellen; Ende August soll sein Kriegsgerichtsverfahren beginnen. (Sieben Militärpolizisten wurden unter anderem wegen Pflichtverletzung, Misshandlung und Körperverletzung verurteilt; einer der Angeklagten, Charles Graner, wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.) Im Mai 2007 entschied ein Militärrichter, dass Jordan, der immer noch dem Intelligence and Security Command der Army angehört, während seiner Gespräche mit Taguba nicht angemessen über seine Rechte aufgeklärt worden sei, was der Anklage der Army den Boden entzog, er habe während der Taguba-Untersuchung gelogen. Sechs andere Anklagepunkte bleiben bestehen, darunter Missachtung eines Befehls oder einer Vorschrift; Grausamkeit und Misshandlung; ferner Falschaussage unter Eid und Behinderung der Justiz. (Sein Anwalt sagte: „Die Beweislage zeigt ganz klar, dass er unschuldig ist.“)

Taguba gelangte zu der Überzeugung, dass Generalleutnant Sanchez, der Army-Chef im Irak, und einige dem militärischen Hauptquartier in Bagdad zugeteilte Generäle über die Misshandlung von Gefangenen in Abu Ghraib, schon bevor Joseph Darby seine CD vorlegte, umfassend informiert waren. Taguba wusste, dass Sanchez im Herbst 2003 – als ein Großteil der Misshandlungen stattfand – routinemäßig dieses Gefängnis besucht hatte und Zeuge mindestens eines der Verhöre geworden war. Taguba zufolge „wusste Sanchez ganz genau, was da vor sich ging.“

Die Kongressanhörungen

Taguba erfuhr, dass das Pentagon im August 2003, als der sunnitische Aufstand im Irak an Kraft gewann, Generalmajor Geoffrey Miller, damals Befehlshaber in Guantánamo, in den Irak beordert hatte. Seine Mission war es, das dortige Gefängnissystem zu begutachten und herauszufinden, wie man die geheimdienstliche Erkenntnisgewinnung verbessern könnte. Millers Empfehlungen bestanden, der Zusammenfassung im Taguba-Report zufolge, im Kern darin, dass die Militärpolizei in Abu Ghraib Teil des Verhörverfahrens werden sollte. Sie solle mit den Verhörspezialisten und Geheimdienstlern eng dabei zusammenarbeiten, „die Bedingungen für eine erfolgreiche exploitation der Gefangenen zu schaffen.“

Taguba kam zu dem Schluss, dass Millers Vorschläge nicht mit der Army- Doktrin übereinstimmten, die der Militärpolizei zuvörderst die Aufgabe zuweist, dafür zu sorgen, dass die Gefängnisse sicher und in ordentlichem Zustand sind. Sein Report zitiert Zeugenaussagen, denen zufolge Vernehmer und andere Geheimdienstangehörige zur Misshandlung von Gefangenen ermunterten. „Machen Sie diesen Burschen mürbe für uns“, wurde einem Militärpolizisten, dessen Aussage zufolge, von einem militärischen Geheimdienstler gesagt. „Sorgen Sie dafür, dass er eine schlimme Nacht hat.“

Die Militärpolizisten, sagte Taguba, „wurden von den militärischen Vernehmungsspezialisten buchstäblich ausgebeutet. Meiner Ansicht nach wurden diese Kids“ – auch die Soldaten auf den Fotos – „schlecht geführt, nicht ordentlich ausgebildet und mit keinerlei Standardverfahren zur Bewachung der Gefangenen vertraut gemacht.“

Vor dem Hintergrund dessen, was Taguba herausfand, überrascht es, dass ausgerechnet Miller der Offizier war, den man zur Wiederherstellung der Ordnung in Abu Ghraib auswählte. Im April 2004, einen Monat nach der Ablieferung des Taguba-Reports, wurde Miller in das irakische Gefängnis abkommandiert, als stellvertretender Kommandeur, zuständig für die Behandlung der Gefangenen. „Im Frühling rief Miller mich an und bat um einen Gesprächstermin, um über Abu Ghraib zu sprechen, aber ich wartete vergeblich auf ihn; wir haben uns nie getroffen“, erinnerte sich Taguba. Später sagte Miller Taguba, man habe ihn nach Washington befohlen, um vor seiner Abreise in den Irak mit Rumsfeld zusammenzukommen, aber um einen neuen Termin für das Treffen mit Taguba hat er sich nie bemüht.

Wäre es zu dem Gespräch gekommen, sagte Taguba, so hätte er Miller daran erinnert, dass in Abu Ghraib, anders als in Guantánamo, nur sehr wenige Gefangene mit irgendeiner terroristischen Gruppierung in Verbindung gebracht wurden. Taguba hatte geheime Dokumente gesehen, aus denen hervorging, dass es nur „einen oder zwei“ der Al-Qaida-Zugehörigkeit verdächtigte Gefangene in Abu Ghraib gab. Die meisten Häftlinge hatten nichts mit dem Aufstand zu tun. Einige von ihnen waren gewöhnliche Kriminelle.

Taguba kannte Miller seit Jahren. „Wir haben zusammen in Korea und im Pentagon gedient; seine Frau und meine gingen gemeinsam einkaufen“, sagte Taguba. Aber nach dem öffentlichen Bekanntwerden seines Reports „sprach Miller nicht mehr mit mir. Als ich ihm im Korridor begegnete, sagte er kein Wort.“

Trotz der öffentlichen Aufregung über Abu Ghraib führten weder die Anhörungen im Streitkräfteausschuss des Abgeordnetenhauses noch im entsprechenden Senatsausschuss zu ernsthaften Bemühungen herauszufinden, ob der Skandal das Ergebnis einer von oben betriebenen Vernehmungspolitik war, die zu Misshandlungen ermunterte. Bei der Anhörung im Ausschuss des Abgeordnetenhauses am 7. Mai 2004 fragte ein demokratischer Neuling, der Abgeordnete Kendrick Meek aus Florida, den Verteidigungsminister, ob es nicht Zeit für ihn sei zurückzutreten. Rumsfeld antwortete: „Ich würde binnen einer Minute zurücktreten, wenn ich dächte, ich wäre nicht effizient [...]. Das würde mir zu schaffen machen.“ „Aber ich werde gewiss nicht deshalb zurücktreten“, fügte er hinzu, „weil einige Leute versuchen, ein politisches Problem aus der Sache zu machen.“ (Rumsfeld blieb noch zweieinhalb Jahre im Amt, bis zum Tage nach den Kongresswahlen 2006.) Als ich kürzlich mit Meek sprach, sagte er: „Unmöglich, dass Rumsfeld nicht wusste, was los war. Das ist ein Bursche, der alles wissen will, und was er uns vorsetzte, war schwer zu glauben.“

Später im gleichen Monat erschien Rumsfeld in einer nichtöffentlichen Anhörung im Abgeordnetenhaus, im Streitkräfteunterausschuss für Beschaffung, der über die Mittel für alle Geheimoperationen des Militärs befindet. David Obey, ein Abgeordneter aus Wisconsin und der ranghöchste Demokrat, der an dieser Anhörung teilnahm, sagte mir, es habe ihn erzürnt, als ein anderes Mitglied des Unterausschusses die Bemerkung machte, Abu Ghraib sei ‚der Preis für die Verteidigung der Demokratie‘. Ich sagte ihm, das sähe ich nicht so und ich wünschte nicht, dass man irgendeinen Unteroffizier zum Sündenbock macht. Die Sache hätte nicht geschehen können, ohne dass Leute in den oberen Rängen der Administration entsprechende Signale ausgestrahlt hätten. Ich konnte mich einfach des Eindrucks nicht erwehren, dass die Sache System hat.“

Obey stellte Rumsfeld eine Reihe pointierter Fragen. Taguba nahm an der nichtöffentlichen Anhörung Rumsfelds teil und erinnert sich, dass der über Obeys Erkundigungen erregt war. „Ich weiß nicht, was da vorgefallen ist!“, sagte Rumsfeld zu Obey. „Vielleicht möchten Sie ja General Taguba danach fragen.“

Am 4. Mai, als er vor den Streitkräfteausschuss des Senats bestellt wurde, hatte Taguba seinerseits die Gelegenheit, Fragen zu beantworten. Undersecretary Stephen Cambone saß neben ihm. (Cambone war Rumsfelds Nummer 1 in Sachen Vernehmungsstrategien.) Auch Cambone erzählte dem Ausschuss, er habe über die spezifischen Misshandlungen in Abu Ghraib nichts gewusst, bevor er Taguba Bericht zu Gesicht bekam und „einigen dieser Fotografien ausgesetzt wurde.“

Carl Levin, Demokrat aus Michigan, versuchte die Befragung darauf zu fokussieren, ob Abu Ghraib die Konsequenz einer breiter angelegten Strategie für den Umgang mit Gefangenen sei. „Diese missbräuchlichen Handlungen waren keine spontanen Aktionen unterer Dienstgrade des Personals“, sagte Levin. „Diese Versuche, durch missbräuchliche und erniedrigende Methoden Informationen aus Gefangenen herauszupressen, waren eindeutig von anderen geplant und angeregt.“ Wiederholt erkundigten sich die Senatoren nach General Millers Irakreise im Jahre 2003. Hatte die „Guantánamisierung“ von Abu Ghraib – insbesondere das Modell, die Militärpolizisten dazu zu benutzen, für die Verhöre „geeignete Bedingungen“ zu schaffen – zu den Misshandlungen geführt?

Cambone bestätigte, dass Miller mit seiner Zustimmung in den Irak geschickt worden sei, beharrte aber darauf, dass die Senatoren „General Millers Absicht missdeuteten“. Als der demokratische Senator Jack Reed aus Rhode Island ihn zu diesem Punkt befragte, sagte Cambone: „Ich wüsste nicht, dass man mir gesagt hätte, und ich wüsste auch nicht, dass General Miller berichtet hätte, es solle diese Art von Aktivitäten geben, die Sie auf eine Empfehlung seinerseits zurückführen.“

Sodann fragte Reed Taguba: „War es für Sie nach der Lektüre des [Miller-] Berichtes klar, dass eine der Hauptempfehlungen darin bestand, Wachpersonal einzusetzen, um diese Gefangenen zu konditionieren?“ Taguba antwortete: „Yes, Sir. Das wurde in dem Bericht empfohlen.“

Nachdem Taguba in einem anderen Zusammenhang bestätigt hatte, dass der militärische Geheimdienst nach Millers Besuch die Kontrolle über die Militärpolizisten übernommen hatte, fragte Levin Cambone:

LEVIN: Stimmen Sie nicht mit dem überein, was der General gerade gesagt hat?

CAMBONE: Yes, Sir.

LEVIN: Pardon?

CAMBONE: Ja, ich stimme dem nicht zu.

Im Rückblick auf seine Aussage erklärte Taguba mir: „Hier liegt der Grund dafür, dass ich nicht zu ihrem Lager gehörte. Weil ich ihnen andauernd widersprach. Ich dachte nicht daran, den Ausschuss zu belügen. Ich wusste, dass ich zwangsläufig verlieren würde, so oder so. Wenn ich lüge, verliere ich. Und wenn ich die Wahrheit sage, verliere ich auch.“

Die Leugnung

Ursprünglich hatte Taguba im Juni 2004 ins Hauptquartier der 3. Armee nach Fort McPherson in Georgia rotieren sollen. Stattdessen wurde er ins Pentagon zurückbeordert, wo er im Büro des Assistant Secretary of Defense for Reserve Affairs arbeiten sollte. „Es handelte sich um eine Abschiebung“, sagte Taguba mir lächelnd und zuckte die Achseln. „Ich habe nichts dazu gesagt. Wenn Ihr mir das antut, gut, O.K. Wir alle dienen, wie es dem Präsidenten gefällt!“ Ein pensionierter Vier-Sterne-General der Army sagte Taguba später, man habe ihm den Job im Pentagon zugeteilt, um ihn „im Auge behalten“ zu können. Taguba wurde klar, dass seine Karriere in einer Sackgasse steckte.

Später im Jahr 2004 traf Taguba Rumsfeld und einen seiner obersten Presseleute, Lawrence Di Rita, im Sportzentrum des Pentagon. Taguba zog sich nach einer Trainingsrunde wieder an. „Ich band mir gerade die Schnürsenkel zu“, erinnert Taguba sich. „Ich blickte auf, und da waren sie.“ Rumsfeld erkannte, als er seine Kleidung in ein Schließfach schob, Taguba und sagte: „Hello, General.“ Di Rita, der neben Rumsfeld stand, bemerkte sarkastisch: „Sehen Sie, was Sie angerichtet haben, General? Sehen Sie, was Sie angerichtet haben?“

Di Rita, der jetzt bei der Bank of America arbeitet, erinnerte sich, im Umkleideraum auf Taguba gestoßen zu sein, aber nicht an seine Worte. „Klingt wie meine Sorte Humor“, schrieb er in einer E-Mail. „Eine solche Bemerkung wäre ein Versuch gewesen, die Stimmung für General Taguba aufzulockern.“ (Die Rita fügte hinzu, Taguba genieße seine „persönliche Wertschätzung und Bewunderung“ wie auch diejenige Rumsfelds. „Er hat unter schwierigen Umständen phantastische Arbeit geleistet.“) Taguba beunruhigte die Begegnung, und später sagte er zu einem Kollegen: „Nicht ich bin das Problem.“

Inzwischen hat die Regierung ein rundes Dutzend Untersuchungen über Abu Ghraib und Häftlingsmissbrauch durchführen lassen. Einige davon griffen Fragen aus Tagubas Report auf, aber keiner ist der Frage nach der Letztverantwortung wirklich nachgegangen. Die militärischen Rechercheure hatten keine Möglichkeit, die Rolle Rumsfelds und anderer ziviler Führungspersonen im Pentagon zu untersuchen; im Ergebnis fand kein einziger irgendeine Beteiligung der oberen Geheimdienstränge an den Misshandlungen heraus.

Eine unabhängige Untersuchungskommission unter dem Vorsitz von James R. Schlesinger, einem ehemaligen Verteidigungsminister, kam zu der Schlussfolgerung, dass es „institutionelle und personelle Verantwortlichkeiten auf höheren Ebenen“ für Abu Ghraib gab, sprach Rumsfeld jedoch von jeglicher unmittelbaren Verantwortung frei. In einem Report vom August 2004 zitierte die Schlesinger-Kommission zustimmend Rumsfelds Klagen über „die Unlust, schlechte Nachrichten auf dem Dienstweg nach oben zu melden“; sie sei der wichtigste Erklärungsfaktor dafür, warum man in Washington nicht erkannt habe, wie wichtig Abu Ghraib sei. „Angesichts der Größenordnung dieses Problems brauchen der Verteidigungsminister und andere führende DoD [=Pentagon]-Vertreter effektivere Nachrichtenkanäle zu ihrer Information über schwerwiegende Vorgänge“, heißt es in dem Bericht. Offensichtlich wussten Schlesinger und seine Kollegen nichts von den E-Mails, die das Pentagon schon frühzeitig über Abu Ghraib informiert hatten.

Die amtlichen Untersuchungen lieferten der Öffentlichkeit durchgängig weniger Informationen über die Missstände als Studien, die von außen, durch Menschenrechtsgruppen, erstellt wurden. In einem Fall kam eine Untersuchung der Army über die Behandlung von Häftlingen in Camp Nama, einem Gefangenenlager der Special Forces beim Internationalen Flughafen von Bagdad, durch Brigadegeneral Richard Formica im November 2004 sogar zu der Schlussfolgerung, Häftlinge, die meldeten, geschlagen oder zu homosexuellem Geschlechtsverkehr gezwungen worden zu sein, suchten in Wirklichkeit Zuwendung und bessere Behandlung; ihre Aussagen seien deshalb nicht glaubwürdig. Beispielsweise hätten Army-Ärzte ursprünglich festgestellt, die Verletzungen eines Beschwerde führenden Häftlings „stimmten mit der [Misshandlungs-]Geschichte, die er berichtete, überein [...]. Der Arzt fand Narben an seinen Handgelenken und konstatierte am After eine Verletzung, die er für eine Analfissur hielt.“

Formica ließ den Häftling zwei Tage später von einem anderen Arzt erneut untersuchen und dieser fand „keine Analfissur und keine Narben [...]. Im Ergebnis fand ich keinen medizinischen Nachweis für homosexuellen Geschlechtsverkehr.“ Im Falle eines in der Haft verstorbenen Gefangenen stellte Formica fest, dass es Blutergüsse an „Schultern, Brust, Hüfte und Knien“ gegeben habe, fügte jedoch hinzu: „Es ist nicht unüblich, dass Gefangene kleinere Blutergüsse, Schnitte und Kratzer haben.“ Human Rights Watch hingegen legte im Juli 2006 einen 53seitigen Bericht über die „schwere Misshandlung“ von Gefangenen in Camp Nama und an zwei anderen Orten vor, der sich größtenteils auf Zeugenaussagen von Vernehmern der Special Forces und anderen, die dort Dienst taten, stützte.

Um einen Kommentar gebeten, schrieb Formica in einer E-Mail: „Ich habe eine gründliche Untersuchung durchgeführt [...] und stehe zu meinem Bericht.“ Weiter heißt es da: „Mehrere Dinge“, die er entdeckt hatte, seien „korrigiert“ worden. Sein Auftrag habe darin bestanden, eine einzelne Einheit zu überprüfen, nicht jedoch, „eine systematische Analyse der Aktivitäten im Bereich der Special Operations“ vorzunehmen, bemerkte Formica.

Die Vertuschung

Die Army schützte auch General Miller. Seit 2002 hatten FBI-Agenten aus Guantánamo an ihre Vorgesetzten berichtet, dass ihre Kollegen vom Militär Häftlinge misshandelten. Bis Abu Ghraib fanden die FBI-Beschwerden keine Beachtung. Als im Dezember 2004 eine Untersuchung eingeleitet wurde, war Rumsfelds ehemaliger Militärberater General Craddock Chef des Southern Commands der Army, für Guantánamo zuständig – er war einige Monate nach Tagubas Besuch in Rumsfelds Büro auf diesen Posten befördert worden. Craddock beauftragte den Luftwaffengeneralleutnant Randall M. Schmidt, einen Kampfflieger, der kein Blatt vor den Mund nimmt, mit der Untersuchung der Vorwürfe, darunter angebliche Misshandlungen aus der Zeit General Millers.

„Ich folgte der Brotkrümelspur“, sagte mir Schmidt, seit vorigem Jahr im Ruhestand. „Ich fand einige Dinge heraus, die nicht in Ordnung zu sein schienen. Mit oder ohne Kamera – in Guantánamo hätte man das gleiche sehen können wie in Abu Ghraib.“

Schmidt fand heraus, dass Miller, von Rumsfeld dazu ermuntert, der Befragung von Mohammed al-Kahtani große Aufmerksamkeit gewidmet hatte – eines Saudi, den man für den sogenannten „zwanzigsten Entführer“ hielt. Kahtani wurde „mindestens 54 Tage lang 20 Stunden täglich“ verhört, sagte Schmidt Ermittlern aus dem Büro des Generalinspizienten der Army, die seine Untersuchungsergebnisse überprüften. „Sehen Sie, da haben wir diesen Burschen, in Handschellen, angekettet; Hunde werden hereingebracht, ihm vors Gesicht geschoben, man befiehlt ihnen zu knurren, die Zähne zu blecken und solche Sachen. Und Sie können sich seine Angst vorstellen.“

In Guantánamo war Miller, wie Schmidt den Untersuchern berichtete, „für die Durchführung von Vernehmungen verantwortlich, die ich als missbräuchlich und erniedrigend empfand. Die Absicht mag darin bestanden haben, durch Missbrauch und Erniedrigung an die Informationen zu kommen, die sie brauchten [...]. Rechtfertigten also die Mittel die Zwecke? Meinetwegen [...]. Verantwortlich war er.“

Schmidt empfahl in aller Form, dass Miller „zur Verantwortung gezogen“ und „verwarnt“ werden solle. Craddock verwarf diese Empfehlung und sprach Miller von jeglicher Verantwortung für die Misshandlung der Gefangenen frei. Die Untersuchung des Army- Generalinspizienten billigte Craddocks Verhalten. „Ich war ganz offen zu ihnen“, erzählte mir Schmidt, im Hinblick auf die Ermittler des Generalinspizienten. „Ich sagte ihnen: ‚Ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen, die Wahrheit herauszufinden.‘“ Aber als er den Schlussbericht gelesen habe, sagte er, „erkannte ich die fünf Stunden, die sie mit mir gesprochen hatten, nicht wieder.“

Dass Craddocks seine Empfehlung abgelehnt hatte, erfuhr Schmidt im Juli 2005, einen Tag bevor sie beide mit Rumsfeld zusammenkommen sollten. Rumsfeld stand im Hinblick auf Fortschritte bei den Kahtani-Verhören in ständigem Kontakt mit Miller und billigte persönlich die härtesten Vernehmungstaktiken. („Das ist kein Alltagsgeschäft, wenn sich der Verteidigungsminister persönlich engagiert“, sagte Schmidt den Army-Ermittlern.) Dennoch ließ Schmidt sich von Rumsfelds demonstrativer Überraschung, Entrüstung und Sorge, als man ihm von den Misshandlungen erzählte, beeindrucken. „Er sagte: ‚Mein Gott! Habe ich etwa autorisiert, dass man diesem Burschen einen Büstenhalter und Unterwäsche über den Kopf zieht und ihm sagt, all seine Kumpels wüssten, dass er homosexuell sei?‘“

Schmidt hatte er überzeugt. „Ich muss Ihnen sagen, ich hatte nie das Gefühl, dass Minister Rumsfeld irgendetwas zu verbergen versuchte“, erklärte er mir. „Er zeigte sich sehr frustriert. Er ist ein Kontrollfanatiker, und diese Sache war außer Kontrolle geraten. Er wurde stinksauer.“ Was Rumsfeld Schmidt antwortete, ähnelt seiner Reaktion auf Tagubas Abu Ghraib-Report, als der Minister sich gleichfalls völlig überrascht zeigte. „Rummy nahm seine Zuflucht zu ‚Case-law-policy‘, wie wir das nannten – in Worten, natürlich nicht schriftlich“, meinte Taguba „In Wirklichkeit sagt er damit: Falls diese Entscheidung auf mich zurückschlägt, werde ich sie abstreiten.“

Letzten Endes kam Taguba zu dem Schluss, dass es einen Grund für die Ausflüchte und das Mauern Rumsfelds und seiner Gehilfen gab. Im März 2004, zu der Zeit, als er seinen Bericht vorlegte, „wusste ich“, sagte Taguba, „dass es eine CIA-Verwicklung gab, aber ich hatte vergessen, was sonst noch geschah“ – an verdeckten geheimdienstlichen Operationen des Militärs. Im Sommer des gleichen Jahres jedoch erfuhr er, dass die CIA sich ernstlich Sorgen über die missbräuchlichen Befragungstechniken machte, die bei geheimdienstlichen Operationen des Militärs gegenüber hochwertigen Gefangenen angewandt wurden. In einem auf den 2. Juni 2003 datierten Geheimmemorandum ließ General George Casey, Jr., damals Direktor des Joint Staff im Pentagon, General Michael DeLong beim Central Command eine Warnung zukommen: „CIA hat darauf hingewiesen, dass die Techniken, die von militärischer Seite eingesetzt werden, um hochwertige Gefangene zu vernehmen [...] härter sind als die Techniken, die die CIA bei der Vernehmung der gleichen Gefangenen [sic] benutzt.“ DeLong antwortete Casey, die angewandten Techniken seien „angemessen“. Sie stünden im Einklang mit den Vorschriften der Army und Rumsfelds Direktiven.

Die Sonderkommandos

Abu Ghraib hatte das Thema der Gefangenenbehandlung in die Debatte gebracht, und die Administration fürchtete von Anfang an, die so entstandene Öffentlichkeit würde weitere geheime Operationen und Praktiken ans Licht bringen. Kurz nach dem 11. September hatte Rumsfeld mit der Unterstützung des Präsidenten militärische Sonderkommandos aufgestellt, deren Hauptangriffsziel die oberste Führung von Al Qaida war. Die Vorgehensweise dieser Kommandos bestand primär darin, Terroristen und Terrorismusverdächtige zu ergreifen und zu verhören; auch waren sie vom Präsidenten ermächtigt, bestimmte „hochwertige“ Ziele zu töten, sobald sie ihrer ansichtig wurden. Die allergeheimsten Operationen der Sonderkommandos liefen unter der Bezeichnung Special Access Programs oder SAPs.

Die militärischen Sonderkommandos standen unter der Kontrolle des Joint Special Operations Command (JSOC), jener Abteilung des Special Operations Command, die für Terrorismusbekämpfung zuständig ist. Einer der uneingestandenen Aufträge Millers war es gewesen, die JSOC-Techniken der strategischen Vernehmung nach Abu Ghraib zu bringen. In besonderen Fällen konnten die Task Forces den Dienstweg umgehen und sich mit Rumsfelds Büro direkt in Verbindung setzen. Ein ehemaliger führender Geheimdienstbeamter erzählte mir, das Weiße Haus sei ebenfalls über die Einsätze der Sonderkommandos unterrichtet gewesen.

Der eben zitierte Geheimdienstler sagte, als die Bilder aus Abu Ghraib veröffentlicht wurden, habe es im Pentagon und im Weißen Haus Leute gegeben, „die die Fotografien für gar nicht so schlecht hielten“ – weil sie nämlich die Aufmerksamkeit auf einfache Soldaten zogen und nicht auf geheime Sonderkommando- Operationen. Bezüglich der Sonderkommando-Mitglieder sagte er: „Da drinnen gab es Burschen, die mich fragten: ‚Ob man einen Kerl auf der Straße erschießt oder in seinem Bett oder im Gefängnis – wo liegt da der Unterschied?‘“ Ein Pentagon-Berater in Sachen Antiterrorkrieg erklärte, die „Grundstrategie bestand darin, die Kids auf den Fotos zu verfolgen, aber das große Bild zu schützen.“ Ein kürzlich in den Ruhestand getretener CIA-Beamter, der über 15 Jahre lang in geheimen Diensten tätig war, erzählte mir, dass die Sonderkommando-Teams „bevollmächtigt waren zu töten – reinzugehen und zur ‚executive action‘ zu schreiten“, wie die Umschreibung für politischen Mord lautet. „Es war einfach surrealistisch, was diese Burschen trieben“, setzte der ehemalige Geheimdienstler hinzu. „Sie liefen durch die Welt, ohne ihre Einsätze mit dem Botschafter oder dem CIA-Stationschef abzusprechen.“

Der Sonderstatus des JSOC untergrub die militärische Disziplin. Der frühere Stellvertretende Außenminister Richard Armitage sagte mir, bei seinen Irakbesuchen habe er immer häufiger feststellen müssen, dass „die Kommandeure etwas sagten und die Burschen im Felde erklärten: ‚Es interessiert mich nicht, was der sagt; ich mache, was ich will.‘ Wir haben die Befehlskette auf dem Altar der Special Operations und des GWOT geopfert“ – des Global War On Terrorism. „Da wird auf einer so großen Leinwand gemalt, dass man kaum folgen kann“, sagte Armitage.

Thomas W. O’Connell, der im Frühling 2007 nach fast vier Jahren seinen Posten als Assistant Secretary of Defense for Special Operations and Low Intensity Conflict aufgab, nahm die Sonderkommandos in Schutz. Die Kritik an diesen führte er auf die Ressentiments des übrigen Militärs zurück. „Meinem Eindruck nach sind die Einsätze, die von Einheiten der Special Ops durchgeführt werden, unter dem Aspekt der Sichtbarkeit und der Zusammenarbeit mit Botschaften und CIA-Stationen außergewöhnlich offen – sogar bis zu dem Punkt, an dem sich Sicherheitsfragen stellen.“ Er sei unangemeldet in Verhörzentren von Special Operations im Irak aufgetaucht, sagte O’Connell, „und die Behandlung der Häftlinge war sauber.“ Und er fügte hinzu: „Wenn es Leute gibt, die sagen wollen, dass es ein ernstliches Problem mit Special Operations gibt, dann sollen sie es verbindlich erklären.“

Der Abgeordnete David Obey erzählte mir, schon vor dem Irakkrieg habe ihm die Entscheidung der Administration, das Pentagon geheime Operationen durchführen zu lassen, Sorgen bereitet. Ich „fand einige der Dinge, die sie taten, beunruhigend“, sagte er. Aber seinerzeit blockierten die republikanischen Kollegen seine Versuche, diese Aktivitäten vom Beschaffungsausschuss des Repräsentantenhauses untersuchen zu lassen. „Zu den Dingen, die mich stören, gehört, dass der Kongress seine Aufsichtsfunktionen nicht wahrgenommen hat“, sagte Obey. Anfang letzten Jahres hat sein Unterausschuss auf Obeys Drängen hin begonnen, einen geheimen Vierteljahresbericht über die Einsätze zu verlangen, doch der Abgeordnete sagte, er habe keinen Grund zu der Annahme, dass die Berichte vollständig sind.

Ein ehemaliger hoher Beamter des Verteidigungsministeriums erklärte, als der Abu-Ghraib-Skandal ausbrach, sei Senator John Warner, damals Vorsitzender des Streitkräfteausschusses, aufgefordert worden, sich bei der Untersuchung „zurückzuhalten“, denn „sie würde auf wichtigere Dinge überschwappen“. Ein Sprecher Warners räumte ein, dass Druck auf den Senator ausgeübt worden sei, sagte jedoch, Warner habe dem die Stirn geboten – beispielsweise als er darauf bestand, Rumsfeld am 7. Mai unter Eid aussagen zu lassen, was dem Minister überhaupt nicht gefallen habe.

Die CIA

Hätte der Kongress Abu Ghraib energisch untersucht, so hätte das unerwünschte Fragen darüber provozieren können, was das Pentagon denn sonst noch so trieb, im Irak und anderswo, und mit welchem Recht es das tat. Das Gesetz verlangt, dass der Präsident eine verdeckte Operation der CIA per finding förmlich autorisieren und die oberste Führung der Geheimdienstausschüsse des Repräsentantenhauses wie des Senats informieren muss. Die Bush-Administration jedoch hat nach 9/11 einseitig entschieden, dass geheimdienstliche Operationen von Seiten des Militärs – unter Einschluss der verdeckt operierenden Sonderkommandos des Pentagon – zum Zweck der „Vorbereitung des Gefechtsfelds“ vom Präsidenten als dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte autorisiert werden können, ohne den Kongress zu verständigen.

Zwischen der CIA und den Sonderkommandos gab es Abstimmung, aber auch Spannung. Die CIA-Beamten, die unter dem Druck standen, vor Ort bessere Aufklärungsergebnisse zu erzielen, wollten, bevor sie hochwertige Zielpersonen verschärft verhörten, ausdrücklich dazu ermächtigt werden. Ein finding würde den Ermittlern bei fragwürdigen Aktionen eine gewisse Rechtssicherheit gewähren, aber das Weiße Haus scheute sich, schriftlich zu geben, was es wollte.

Ein kürzlich in den Ruhestand getretener hoher CIA-Beamter, der während dieser Zeit in der Agentur tätig und am Entwurf solcher findings beteiligt war, beschrieb mir die bitteren Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Weißen Haus und der CIA in dieser Sache. „Das Problem besteht darin, was eine Billigung darstellt“, sagte der Ex-CIAler. „Meine Leute hatten die ganze Zeit darum zu kämpfen. Warum sollten wir unsere Leute in einer unübersichtlichen Situation ins Feuer schicken? Wenn Sie wollen, dass ich Joe Smith töte, dann sagen Sie mir einfach: Töte John Smith. Wäre ich der Vizepräsident oder der Präsident, würde ich sagen: ‚Dieser Smith ist ein übler Bursche, und es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, dass dieser Bursche getötet wird.’ Aber das sagen sie nicht. Stattdessen geht George“ – George Tenet, CIA-Chef bis Mitte 2004 – „ins Weiße Haus und bekommt dort zu hören: ‚Ihr seid die Profis. Ihr wisst, wie wichtig die Sache ist. Wir wissen, Ihr werdet Eure Erkenntnisse kriegen.‘ Und George kommt dann zurück und sagt uns: ‚Tut, was ihr tun müsst.‘“

Bill Harlow, ein Sprecher George Tenets, nannte die Vorstellung, der CIADirektor habe seine Agenten angewiesen, außerhalb der offiziellen Richtlinien zu operieren, „absurd“. In einem per E-Mail übermittelten Statement ergänzte er: „Die intelligence community besteht darauf, dass ihre Vertreter die sehr präzisen Vollmachten, die man ihnen einräumt, nicht überschreiten.“ Doch in seinen jüngst veröffentlichen Memoiren gab Tenet selbst zu, dass es einen Kampf darum gab, „klare Richtlinien dafür zu bekommen“, wie weit bei den Verhören von hochwertigen Häftlingen gegangen werden dürfe.

Der bereits erwähnte Pentagon-Berater sagte Ende vergangenen Jahres in einem Interview, dass „die CIA nie die präzisen Formulierungen bekam, die sie haben wollte“. Die findings waren, wenn das Weiße Haus sie verkündete, sehr vorsichtig formuliert, um das politische Risiko so klein wie möglich zu halten, und auf einige wenige Länder begrenzt; später wurden sie ausgeweitet und gaben für mehrere Länder in Nordafrika, dem Mittleren Osten und Asien im Hinblick auf hochwertige Ziele Feuer frei. Der schon erwähnte hohe Geheimdienstler a.D. und ein Regierungsberater sagten mir übereinstimmend, nachdem die Existenz geheimer CIA-Gefängnisse Ende 2005 in der „Washington Post“ enthüllt worden war, habe die Regierung mit der Einrichtung eines neuen Gefangenenlagers in Mauretanien reagiert. Als dort eine neue, amerikafreundliche Regierung in einem unblutigen Staatsstreich im August 2005 an die Macht gekommen war, sagten die beiden, war es für die Intelligence Community viel einfacher, geheime Flüge dorthin zu tarnen.

„Der Dreck und die Geheimnisse bleiben unter der Decke“, bemerkte der ehemalige hohe Geheimdienstler. „Das ganze offene Geschäft – bei Stabstreffen herumsitzen etc. etc. –, das sind die potemkinschen Dörfer. Und die anständigen Kerle – wie Taguba – sind weg.“

In einigen Fällen war es unmöglich, die Geheimoperationen nachzuprüfen. In einem Memorandum vom April 2005 beklagte sich ein CID-Beamter – dessen Name verändert wurde – beim CID-Hauptquartier in Fort Belvoir/Virginia über die Unmöglichkeit, die Tätigkeit militärischer Angehöriger eines Special Access Programs zu untersuchen, die der Misshandlung von Gefangenen verdächtigt wurden. „[CID] war zu gründlicher Untersuchung nicht in der Lage [...] wegen der Beteiligung der Verdächtigen und Zeugen an SpecialAccess-Programmen (SAP) und/oder der Geheimhaltungsstufe der Einheit, der sie während der zu untersuchenden Delikte zugeteilt waren. Versuche von Special Agents [...], in diese Programme einbezogen zu werden, war [sic] erfolglos.“

Mitglieder des Sonderkommandos hatten, wie der CID-Vertreter schrieb, „Decknamen benutzt“; Ermittlern sagte er darüber hinaus, die fragliche Einheit habe eine „schwerwiegende Computerstörung gehabt, die dazu führte, dass 70 Prozent ihrer Dateien verloren gingen; deshalb können sie die Fälle, die wir überprüfen müssen, nicht finden.“ Der CID-Mann kam zu dem Schluss, dass die Untersuchung „nicht wieder aufgenommen werden muss. Zum Teufel, selbst wenn wir sie wieder aufnähmen, würden wir kein bisschen mehr Information bekommen als wir schon haben.“

Die Konsequenzen

Bei seinen Auftritten vor dem Kongress blieben Rumsfelds Angaben, wann er den Präsidenten über Abu Ghraib informiert habe, unbestimmt. Es könne Ende Januar oder Anfang Februar gewesen sein, sagte er. Den Präsidenten, erklärte er, treffe er routinemäßig „ein oder zweimal pro Woche [...] und ich mache mir keine Notizen über das, was ich tue.“ Er erinnerte sich, dass er und General Myers sich Mitte März „mit dem Präsidenten trafen und die Berichte“ – über Abu Ghraib – „erörterten, die wir offenbar gehört hatten“.

Doch gleichgültig ob der Präsident nun im Januar (als E-Mails das Pentagon über die Schwere der Misshandlungen und die Existenz von Fotografien unterrichteten) über Abu Ghraib informiert wurde oder im März (als Taguba seinen Report vorlegte) – Bush hat jedenfalls, soweit bekannt ist, keinerlei Versuch unternommen, die Behandlung von Gefangenen energisch anzusprechen, bevor der Skandal öffentlich wurde, oder die Ausbildung der Militärpolizei und des Vernehmungspersonals oder die Praktiken der von ihm autorisierten Sonderkommandos zu überprüfen. Stattdessen gab sich Bush mit der Verfolgung einiger weniger Soldaten unterer Dienstgrade zufrieden. Dass der Präsident es versäumte, entschieden einzugreifen, fand sein Echo entlang der gesamten militärischen Befehlskette: Es war offenkundig der Karriere nicht förderlich, Verbrechen an Gefangenen energisch zu verfolgen.

Im Januar 2006 erhielt Taguba einen Telefonanruf von General Richard Cody, dem Vizestabschef der Army. „Hier spricht Ihr Vize“, sagte er zu Taguba. „Ich brauche Ihr Pensionierungsgesuch zum Januar 2007.“ Höflichkeiten wurden nicht ausgetauscht, obwohl die beiden Generale sich seit Jahren kannten. „Er [Cody] gab keine Begründung“, sagte Taguba. (Ein Sprecher Codys erklärte: „Unterhaltungen über die allgemeine Personalverwaltung gelten als private Personalgespräche. General Cody bringt Generalmajor Taguba als Offizier, Führer und amerikanischem Patrioten große Wertschätzung entgegen.“)

„Man erschießt immer den Boten“, sagte Taguba zu mir. „Dass man mir vorwirft, übereifrig und illoyal gewesen zu sein – das verletzt mich tief. Man hat über mich ein Scherbengericht gehalten, nur weil ich tat, worum man mich gebeten hatte.“

„Ich hatte keinen Zweifel daran, dass dieses Zeug“ – die drastischen Bilder – „nach oben gravitierte“, fuhr Taguba fort. „Nach der üblichen Verfahrensweise war anzunehmen, dass dies weiter aufwärts reichen musste. Der Präsident musste darüber Bescheid wissen.“ Rumsfeld, seine obersten Berater und die hochrangigen Generale und Admirale, die sich hinter ihn stellten, als er falsche Angaben über das machte, was er über Abu Ghraib wusste – sie hatten vor der Nation versagt.

„Wenn jemand Soldat wird, impfen wir ihm vom ersten Augenblick an Loyalität, Pflicht, Ehre, Anstand und selbstloses Dienen ein“, sagte Taguba. „Und doch vergessen wir diese Werte, wenn wir uns auf die Ebene der oberen Dienstgrade begeben. Ich weiß, dass meine Kollegen in der Army wütend über mich sein werden, weil ich so offen bin, aber Tatsache ist, dass wir in Abu Ghraib die Gesetze der Landkriegsordnung verletzt haben. Wir haben Vorschriften der Genfer Konvention verletzt. Wir haben gegen unsere eigenen Grundsätze verstoßen und gegen den Kern unserer militärischen Werte. Der Stress des Kampfes entschuldigt das nicht, und ich glaube selbst heute noch, dass die verantwortlichen zivilen und militärischen Führer zur Rechenschaft gezogen werden sollten.“

(aus: »Blätter« 8/2007, Seite 937-956)
Themen: USA, Krieg und Frieden, Menschenrechte und Naher & Mittlerer Osten

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