Neu-alte Strategie für den Irak | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Neu-alte Strategie für den Irak

Die Address to the Nation von US-Präsident George W. Bush vom 10. Januar 2007 (Wortlaut)

Die Lage im Irak hat sich im vergangenen Jahr drastisch verschlechtert: Das Land droht im Bürgerkrieg zu versinken – jeden Tag sterben fast 100 Menschen.

Die Lage im Irak hat sich im vergangenen Jahr drastisch verschlechtert: Das Land droht im Bürgerkrieg zu versinken – jeden Tag sterben fast 100 Menschen. Da inzwischen auch über 3000 US-Soldaten im Irak gefallen sind und die Republikaner bei den Kongresswahlen im November – nicht zuletzt aufgrund dieser Situation – die Mehrheit in beiden Häusern verloren haben, kündigte das Weiße Haus eine Änderung seiner militärischen Strategie an.

Nachdem die mit der Formulierung eines alternativen Vorgehens beauftragte „Baker-Kommission“ bereits im Dezember 2006 ihre Vorschläge für eine neue US-Strategie im Irak vorgelegt hatte, hielt Präsident George W. Bush am 10. Januar seine mit Spannung erwartete „Address to the Nation“. Entgegen den Erwartungen vieler Beobachter orientiert sich die Bush-Rede indessen weniger an den Vorschlägen der Kommission als an der Studie des neokonservativen Think-Tanks „American Enterprise Institute“. Zwar räumt der US-Präsident ein, dass „Fehler gemacht wurden“ und die Streitkräfte deshalb ihre „Strategie ändern müssen“. Die Vorschläge, die Bush in der Rede formuliert, bedeuten jedoch keineswegs eine Abkehr von der bisherigen Strategie, sondern sind der wohl letzte Versuch, die gescheiterte Befriedung des Irak doch noch mit primär militärischen Mitteln erzwingen zu wollen. Kernpunkt der „neuen“ Strategie ist denn auch die Verstärkung der amerikanischen Truppenpräsenz um 21 500 auf dann 153 000 Soldaten – obwohl eine große Mehrheit der US-Amerikaner Umfragen zufolge die Ausweitung des US-Engagements ablehnt.

Die Bush-Rede stieß umgehend auf heftige Kritik, nicht nur der Demokraten, sondern auch aus der Republikanischen Partei. So sprach beispielsweise der republikanische Senator Chuck Hagel vom „gefährlichsten außenpolitischen Fehltritt seit Vietnam“. Auch international fand Bush nur wenig Unterstützung; selbst die britische Regierung, bisher Washingtons treuester Verbündeter, lehnt eine Verstärkung der eigenen Truppen im Irak ab und stellt stattdessen den mittelfristigen Rückzug der eigenen Soldaten in Aussicht. Wir dokumentieren im Folgenden die Rede im Wortlaut. – D. Red.

Guten Abend. Heute Abend befinden sich die Streitkräfte der Vereinigten Staaten im Irak in einem Kampf, der die Richtung des weltweiten Krieges gegen den Terror sowie die Sicherheit in unserem eigenen Land bestimmen wird. Die neue Strategie, die ich heute Abend vorstellen werde, wird den Kurs der Vereinigten Staaten im Irak verändern und zum Erfolg im Kampf gegen den Terror beitragen.

Als ich mich vor etwas mehr als einem Jahr an Sie wandte, hatten gerade fast 12 Millionen Iraker ihre Stimme für eine geeinte und demokratische Nation abgegeben. Die Wahlen 2005 stellten eine beeindruckende Leistung dar. Wir dachten, dass sich die Iraker durch diese Wahlen annähern würden und dass wir mit der Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte unsere Mission mit weniger amerikanischen Soldaten erfüllen könnten.

2006 aber geschah das Gegenteil. Die Gewalt im Irak, insbesondere in Bagdad, beeinträchtigte die bis dahin von den Irakern erzielten politischen Errungenschaften. Die Terroristen der Al Qaida und sunnitische Aufständische erkannten die tödliche Gefahr, die die irakischen Wahlen für ihre Ziele darstellten, und sie reagierten mit abscheulichen Morden an unschuldigen Irakern. In einem berechnenden Versuch, einen Vergeltungsschlag der schiitischen Bevölkerung im Irak zu provozieren, sprengten sie eines der größten Heiligtümer der Schiiten in die Luft – die Goldene Moschee in Samarra. Ihre Strategie ging auf. Radikale schiitische Elemente, die teilweise von Iran unterstützt werden, bildeten Todesschwadronen. Das Ergebnis war ein Teufelskreis ethnisch-konfessionell motivierter Gewalt, der bis heute andauert.

Die Situation im Irak ist inakzeptabel für die amerikanischen Bürger, und sie ist inakzeptabel für mich. Unsere Soldaten im Irak haben tapfer gekämpft. Sie haben alles getan, was wir von ihnen verlangt haben. Wo Fehler gemacht wurden, liegt die Verantwortung bei mir.

Es ist klar, dass wir unsere Strategie im Irak ändern müssen. Also haben mein nationales Sicherheitsteam, die militärischen Befehlshaber und Diplomaten eine umfassende Überprüfung durchgeführt. Wir haben uns mit Mitgliedern des Kongresses aus beiden Parteien, unseren Bündnispartnern im Ausland sowie herausragenden unabhängigen Experten beraten. Wir haben von den sorgfältigen Empfehlungen der Iraq Study Group profitiert, einem überparteilichen Gremium, das vom ehemaligen Außenminister James Baker und dem ehemaligen Kongressabgeordneten Lee Hamilton geleitet wurde. In unseren Gesprächen kamen wir übereinstimmend zu der Auffassung, dass es keine Zauberformel für den Erfolg im Irak gibt. Und eine Botschaft war laut und deutlich zu vernehmen: Ein Fehlschlag im Irak wäre eine Katastrophe für die Vereinigten Staaten.

Die Konsequenzen eines Fehlschlags sind eindeutig: Radikale islamische Extremisten würden an Stärke gewinnen und neue Anhänger finden. Sie wären eher in der Lage, moderate Regierungen zu stürzen, Chaos in der Region zu verbreiten und die Einnahmen aus Ölverkäufen für die Finanzierung ihrer Ziel zu nutzen. Iran würde in seinem Streben nach Atomwaffen bestärkt. Unsere Feinde hätten einen Zufluchtsort, von dem aus sie Angriffe auf das amerikanische Volk planen und ausführen könnten. Am 11. September 2001 haben wir erlebt, was ein Zufluchtsort für Extremisten am anderen Ende der Welt in den Straßen unserer Städte anrichten kann. Um die Sicherheit ihrer Bürger zu gewährleisten, müssen die Vereinigten Staaten im Irak Erfolg haben. Sicherheit, insbesondere in Bagdad, ist die höchste Priorität, wenn der Erfolg im Irak gewährleistet werden soll. 80 Prozent der ethnischkonfessionell motivierten Gewalttaten im Irak werden im Umkreis von 50 Kilometern um die Hauptstadt verübt. Diese Gewalt spaltet Bagdad in ethnisch-konfessionelle Enklaven und erschüttert das Vertrauen aller Iraker. Nur die Iraker selbst können die religiösen Unruhen beenden und die Sicherheit der eigenen Bevölkerung gewährleisten. Und ihre Regierung hat einen energischen Plan vorgestellt, um das zu erreichen.

Unsere bisherigen Bemühungen, Bagdad zu sichern, sind aus zwei wesentlichen Gründen fehlgeschlagen: Es gab nicht genug irakische und amerikanische Soldaten, um die Gebiete zu sichern, die zuvor von Terroristen und Aufständischen befreit worden waren. Und die Soldaten, die wir dort einsetzten, unterlagen zu vielen Einschränkungen. Unsere militärischen Befehlshaber haben den neuen irakischen Plan überprüft, um sicherzustellen, dass er diese Fehler aufgreift. Sie berichten, dass das der Fall ist. Sie berichten darüber hinaus, dass der Plan funktionieren kann. Ich möchte Ihnen nun die wichtigsten Elemente dieser Bestrebungen erklären: Die irakische Regierung wird für die Hauptstadt des Landes einen militärischen Befehlshaber sowie zwei stellvertretende Befehlshaber ernennen. Sie wird Brigaden der irakischen Streitkräfte und der nationalen Polizei in die neun Bezirke Bagdads entsenden. Wenn diese Truppen vollständig stationiert sind, werden sich 18 Brigaden der irakischen Armee und der nationalen Polizei gemeinsam mit der örtlichen Polizei für diese Bestrebungen einsetzen. Diese irakischen Truppen werden von örtlichen Polizeirevieren aus operieren. Sie werden auf Patrouille gehen, Kontrollpunkte einrichten und von Tür zu Tür gehen, um das Vertrauen der Bewohner Bagdads zu gewinnen.

Dies ist ein starkes Engagement. Unsere Befehlshaber sagen, dass die Iraker unsere Hilfe benötigen werden, um dabei Erfolg zu haben. Daher werden die Vereinigten Staaten ihre Strategie ändern, um den Irakern zu helfen, ihren Feldzug zur Niederschlagung der ethnisch- konfessionell motivierten Gewalt zu führen und den Menschen in Bagdad Sicherheit zu bringen. Das erfordert eine Aufstockung der amerikanischen Truppen. Ich werde daher weitere 20 000 amerikanische Soldaten in den Irak entsenden. Die große Mehrheit – fünf Brigaden – wird in Bagdad stationiert. Diese Soldaten werden Seite an Seite mit irakischen Einheiten arbeiten und in ihre Aufstellungen integriert werden. Unsere Soldaten haben einen ganz klaren Auftrag: den Irakern zu helfen, ihre Stadtteile zu befreien und zu sichern, die Bevölkerung vor Ort zu schützen und zu gewährleisten, dass die dort verbliebenen irakischen Streitkräfte in der Lage sind, die Sicherheit zu gewährleisten, die Bagdad benötigt.

Viele Zuhörer heute Abend werden fragen, warum dieser Versuch erfolgreich sein soll, obwohl es vorherige Operationen zur Sicherung Bagdads nicht waren. Folgendes sind die Unterschiede: Bei früheren Operationen haben irakische und amerikanische Streitkräfte Stadtteile von Terroristen und Aufständischen befreit, aber wenn sich unsere Truppen anderen Zielen zuwandten, kamen die Mörder zurück. Diesmal werden wir die erforderliche Truppenstärke haben, um die befreiten Gebiete zu halten. Bei früheren Einsätzen verhinderten politisch und religiös motivierte Übergriffe, dass irakische und amerikanische Truppen in die Stadtteile derer gingen, die diese ethnisch-konfessionell motivierte Gewalt schüren. Diesmal wird den irakischen und amerikanischen Soldaten grünes Licht erteilt, um diese Stadtteile zu betreten – und Ministerpräsident Maliki hat versprochen, dass politisch oder religiös motivierte Übergriffe nicht geduldet werden.

Ich habe dem Ministerpräsidenten und anderen führenden Politikern im Irak ganz klar gesagt, dass das Engagement der Vereinigten Staaten zeitlich nicht unbegrenzt ist. Wenn die irakische Regierung ihre Versprechen nicht einhält, verliert sie die Unterstützung der amerikanischen Bürger – und sie wird auch die Unterstützung der irakischen Bürger verlieren. Jetzt ist die Zeit zum Handeln. Der Ministerpräsident versteht das. Erst vergangene Woche teilte er den Bürgern des Irak Folgendes mit: „Der Sicherheitsplan für Bagdad wird für Gesetzlose jeglicher Art keinen Zufluchtsort schaffen, ungeachtet [ihrer] religiösen oder politischen Zugehörigkeit.“

Diese neue Strategie wird kein sofortiges Ende der Selbstmordanschläge, Attentate oder Angriffe mit improvisierten Sprengsätzen bewirken. Unsere Feinde im Irak werden alles daransetzen sicherzustellen, dass unsere Fernsehbildschirme mit Bildern von Tod und Leid gefüllt werden. Langfristig können wir aber davon ausgehen, dass irakische Soldaten Mörder fassen werden, die Zahl der schamlosen Terroranschläge sinkt und das Vertrauen und die Zusammenarbeit unter den Bürgern Bagdads zunehmen. Wenn das geschieht, wird sich das tägliche Leben verbessern, das Vertrauen der Iraker in ihre Führung wird steigen, und die Regierung wird die Atempause haben, die sie benötigt, um in anderen wichtigen Bereichen Fortschritte zu erzielen. Die meisten Sunniten und Schiiten im Irak wollen in Frieden zusammenleben, und die Verringerung der Gewalt in Bagdad wird dazu beitragen, eine Aussöhnung zu ermöglichen.

Eine erfolgreiche Strategie für den Irak geht über Militäreinsätze hinaus. Normale Bürger müssen erkennen können, dass Militäreinsätze von sichtbaren Verbesserungen in ihren Stadtteilen und Gemeinden begleitet werden. Daher werden die Vereinigten Staaten die irakische Regierung an dem messen, was sie angekündigt hat.

Zur Durchsetzung ihrer Autorität plant die irakische Regierung bis November die Übernahme der Verantwortung für die Sicherheit in allen Provinzen des Landes. Um jeden irakischen Bürger an der Wirtschaft des Landes zu beteiligen, wird der Irak Gesetze verabschieden, durch die alle Iraker an den Einnahmen aus Ölverkäufen beteiligt werden. Um zu zeigen, dass sich die irakische Regierung für die Verbesserung der Lebensumstände einsetzt, wird sie zehn Mrd. Dollar ihres eigenen Geldes zur Finanzierung von Wiederaufbau- und Infrastrukturprojekten bereitstellen, die neue Arbeitsplätze schaffen werden. Die Iraker planen noch in diesem Jahr Wahlen in den Provinzen, um lokale Politiker zu stärken. Um auch wieder mehr Iraker am politischen Leben des Landes zu beteiligen, wird die Regierung die Gesetze zur Entbaathifizierung reformieren und ein gerechtes Verfahren für Überlegungen zur Änderung der Verfassung des Irak festlegen.

Die Vereinigten Staaten werden ihre Vorgehensweise zur Unterstützung der irakischen Regierung bei der Erfüllung dieser Bewertungsmaßstäbe verändern. Wir halten uns an die Empfehlungen der Iraq Study Group, indem wir amerikanische Berater in die irakischen Armeeeinheiten einbinden und jeder irakischen Armeedivision eine Koalitionsbrigade zur Seite stellen. Wir werden den Irakern helfen, eine größere und besser ausgerüstete Armee aufzustellen, und wir werden die Ausbildung der irakischen Streitkräfte, die weiterhin ein wesentlicher Bestandteil der US-Sicherheitsmission im Irak bleibt, beschleunigen. Wir werden die Flexibilität unserer Befehlshaber und zivilen Mitarbeiter bei der Bereitstellung von Geldern für Wirtschaftshilfe erhöhen. Wir werden die Zahl der Wiederaufbauteams in den Provinzen verdoppeln. Diese Teams führen militärische und zivile Experten zusammen, um irakischen Gemeinden vor Ort bei der Aussöhnung behilflich zu sein, die moderaten Kräfte zu stärken und den Übergang zu irakischer Eigenständigkeit zu beschleunigen. Außenministerin Rice wird in Kürze einen Koordinator für die Wiederaufbauarbeit in Bagdad ernennen, um bessere Ergebnisse bei der für den Irak geleisteten Wirtschaftshilfe sicherzustellen.

Während wir diese Veränderungen vornehmen, werden wir Al Qaida und ausländische Kämpfer aber weiterhin verfolgen. Al Qaida ist im Irak immer noch aktiv. Ihr Heimatstützpunkt ist die Provinz Anbar. Al Qaida hat dazu beigetragen, die Provinz Anbar zur gewalttätigsten Region im Irak außerhalb der Hauptstadt zu machen. Ein abgefangenes Dokument der Al Qaida beschreibt den Plan der Terroristen, die Provinz zu infiltrieren und die Kontrolle zu übernehmen. Dies würde Al Qaida ihrem Ziel näher bringen, die Demokratie im Irak zu zerstören, eine radikale islamische Herrschaft zu etablieren und auf amerikanische Ziele im In- und Ausland neue Angriffe zu starten. Unsere militärischen Kräfte in Anbar töten und inhaftieren führende Mitglieder der Al Qaida, und sie schützen die Bevölkerung vor Ort. In der letzten Zeit haben Stammesführer vor Ort begonnen, ihre Bereitschaft zu zeigen, es mit Al Qaida aufzunehmen. Daher sind unsere Befehlshaber der Ansicht, dass wir die Chance haben, den Terroristen einen schweren Schlag zu versetzen. Aus diesem Grund habe ich den Befehl erteilt, die amerikanischen Streitkräfte in der Provinz Anbar um 4000 Soldaten aufzustocken. Diese Soldaten werden mit den irakischen und Stammesstreitkräften zusammenarbeiten, um den Druck auf die Terroristen aufrechtzuerhalten. Die amerikanischen Soldatinnen und Soldaten haben Al Qaida in Afghanistan ihren Zufluchtsort genommen – und wir werden nicht zulassen, dass sie diesen im Irak wieder einrichten.

Angesichts der extremistischen Herausforderungen muss für den Erfolg im Irak auch dessen territoriale Integrität verteidigt und die Region stabilisiert werden. Das beginnt damit, dass wir uns mit Iran und Syrien befassen. Diese beiden Regime erlauben Terroristen und Aufständischen, ihr Hoheitsgebiet zu nutzen, um den Irak zu betreten und ihn wieder zu verlassen. Iran stellt materielle Unterstützung für Angriffe auf amerikanische Soldaten bereit. Wir werden diese Angriffe auf unsere Streitkräfte unterbinden. Wir werden den Zustrom an Unterstützung aus Iran und Syrien unterbrechen. Und wir werden die Netzwerke aufspüren und zerstören, die unseren Feinden im Irak moderne Waffen zur Verfügung stellen und sie ausbilden. Wir unternehmen darüber hinaus weitere Schritte, um die Sicherheit im Irak zu verbessern und amerikanische Interessen im Mittleren Osten zu schützen. Ich habe kürzlich angeordnet, dass ein zusätzlicher Einsatzverband auf Flugzeugträger in die Region entsandt wird. Wir werden den Austausch von nachrichtendienstlichen Erkenntnissen ausweiten und Patriot-Luftverteidigungssysteme stationieren, um unsere Freunde und Verbündeten zu unterstützen. Wir werden mit der türkischen und der irakischen Regierung zusammenarbeiten, um ihnen bei der Lösung von Problemen an ihren Grenzen zu helfen. Wir werden auch mit anderen zusammenarbeiten, um zu verhindern, dass Iran Atomwaffen erlangt und die Region dominiert.

Wir werden alle diplomatischen Mittel der Vereinigten Staaten dafür einsetzen, um von den Ländern überall im Mittleren Osten Unterstützung für den Irak einzufordern. Länder wie Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und die Golfstaaten müssen verstehen, dass eine amerikanische Niederlage im Irak einen neuen Zufluchtsort für Extremisten schaffen und eine strategische Bedrohung für ihr eigenes weiteres Fortbestehen darstellen würde. Diese Nationen haben ein Interesse an einem erfolgreichen Irak, der in Frieden mit seinen Nachbarn lebt, und sie müssen ihre Unterstützung für die Regierung der nationalen Einheit im Irak verstärken. Wir unterstützen die Forderung der irakischen Regierung nach Abschluss eines internationalen Pakts, der neue wirtschaftliche Hilfe im Austausch für größere Wirtschaftsreformen bringen würde. Am Freitag wird Außenministerin Rice in die Region reisen, um Unterstützung für den Irak zu gewinnen und die dringend erforderlichen diplomatischen Bemühungen für den Frieden im Mittleren Osten fortzusetzen.

Die Herausforderung, die sich im Nahen und Mittleren Osten darstellt, ist mehr als nur ein militärischer Konflikt. Es ist der entscheidende ideologische Kampf unserer Zeit. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die an Freiheit und Mäßigung glauben. Auf der anderen Seite sind die Extremisten, die Unschuldige töten und ihre Absicht erklärt haben, unsere Art zu leben zu zerstören. Langfristig wird der realistischste Weg zum Schutz der amerikanischen Bevölkerung darin bestehen, der hasserfüllten Ideologie des Feindes eine hoffnungsvolle Alternative entgegenzusetzen, indem wir in einer krisengeschüttelten Region die Freiheit verbreiten. Es liegt im Interesse der Vereinigten Staaten, den mutigen Frauen und Männern zur Seite zu stehen, die ihr Leben riskieren, um ihre Freiheit einzufordern und sie dabei zu unterstützen, im gesamten Nahen Osten gerechte und hoffnungsvolle Gesellschaften aufzubauen. Von Afghanistan über Libanon bis hin zu den Palästinensergebieten sind Millionen Menschen die Gewalt leid und wollen eine Zukunft in Frieden und mit Chancen für ihre Kinder. Und sie beobachten den Irak. Sie wollen wissen, ob sich die Vereinigten Staaten zurückziehen und die Zukunft des Landes den Extremisten überlassen oder ob wir an der Seite der Iraker stehen, die sich für die Freiheit entschieden haben.

Die Veränderungen, die ich heute Abend dargelegt habe, zielen darauf ab, das Fortbestehen einer jungen Demokratie zu gewährleisten, die in einem Teil der Welt um ihr Leben kämpft, der von entscheidender Bedeutung für die amerikanische Sicherheit ist. Ich sage es ganz deutlich: Die Terroristen und Aufständischen im Irak haben kein Gewissen, und sie werden die vor uns liegenden zwölf Monate zu einem blutigen Jahr voller Gewalt machen. Auch wenn unsere Strategie wie geplant aufgeht, wird es weiterhin tödliche Gewalttaten geben – und wir müssen mit weiteren irakischen und amerikanischen Opfern rechnen. Die Frage lautet, ob wir durch unsere neue Strategie dem Erfolg näher kommen. Ich glaube, dass das der Fall sein wird. Dieser Sieg wird nicht so aussehen wie die Siege, die unsere Väter und Großväter errungen haben. Es wird keine Kapitulationszeremonie an Deck eines Kriegsschiffes geben. Aber der Sieg im Irak wird in der arabische Welt etwas Neues bringen – eine funktionierende Demokratie, die ihr Staatsgebiet kontrolliert, Rechtsstaatlichkeit gewährleistet, grundlegende menschliche Freiheiten achtet und Rechenschaft gegenüber ihren Bürgern ablegt. Ein demokratischer Irak wird nicht perfekt sein. Aber er wird ein Staat sein, der Terroristen bekämpft, statt ihnen Zuflucht zu gewähren, und das wird dazu beitragen, unseren Kindern und Enkeln eine Zukunft in Frieden und Sicherheit zu ermöglichen.

Dieser neue Ansatz wurde entwickelt nach Beratungen mit dem Kongress über die unterschiedlichen Wege, die wir im Irak einschlagen könnten. Viele Menschen haben Bedenken, dass die Iraker zu abhängig von den Vereinigten Staaten werden, und meinen, dass sich unsere Politik daher auf den Schutz der irakischen Grenzen und die Jagd auf Al Qaida konzentrieren sollte. Sie sehen die Lösung in der Verringerung der amerikanischen Bemühungen in Bagdad oder der Ankündigung des stufenweisen Rückzugs unserer Kampftruppen. Wir haben diese Vorschläge sorgfältig überdacht. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass ein Rückzug zum jetzigen Zeitpunkt zu einem Zusammenbruch der irakischen Regierung, einer Spaltung des Landes und zu Massenmorden in ungeahntem Ausmaß führen würde. Solch ein Szenario würde dazu führen, dass unsere Soldaten gezwungen wären, noch länger im Irak zu bleiben und sich einem Feind entgegenzustellen, der sogar noch tödlicher wäre. Wenn wir unsere Unterstützung in diesem entscheidenden Moment verstärken und den Irakern helfen, den gegenwärtigen Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, können wir dafür sorgen, dass der Tag, an dem unsere Soldaten heimkehren können, schneller heranrückt.

In den kommenden Tagen wird mein nationales Sicherheitsteam den Kongress im Detail über unsere neue Strategie in Kenntnis setzen. Wenn Mitglieder umsetzbare Verbesserungsvorschläge machen, werden wir diese übernehmen. Wenn sich die Umstände ändern, werden wir uns anpassen. Ehrbare Menschen haben unterschiedliche Ansichten, und sie werden ihre Kritik äußern. Es ist nur fair, unsere Ansichten genau zu prüfen. Alle Beteiligten tragen die Verantwortung zu erklären, weshalb der Weg, den sie vorschlagen, erfolgversprechender sein soll. Auf den guten Ratschlag von Senator Joe Lieberman und anderer wichtiger Mitglieder des Kongresses hin werden wir eine neue überparteiliche Arbeitsgruppe bilden, die uns helfen wird, Parteigrenzen zu überwinden, um den Krieg gegen den Terror zu gewinnen. Diese Gruppe wird sich regelmäßig mit mir und meiner Regierung treffen. Sie wird dazu beitragen, unsere Beziehung zum Kongress zu stärken. Wir können damit beginnen zusammenzuarbeiten, um die Größe der aktiven Armee- und Marinekorps zu erhöhen, damit die Vereinigten Staaten über die Streitkräfte verfügen, die sie im 21. Jahrhundert benötigen. Wir müssen auch Wege untersuchen, wie wir talentierte amerikanische Zivilisten zur Stationierung im Ausland bewegen können, wo sie einen Beitrag zum Aufbau demokratischer Institutionen in Gemeinden und Nationen leisten können, die sich vom Krieg und der Tyrannei erholen.

In diesen gefährlichen Zeiten sind die Vereinigten Staaten mit außerordentlichen und selbstlosen Frauen und Männern gesegnet, die bereit sind, vorzutreten und uns zu verteidigen. Diese jungen Amerikaner verstehen, dass unsere Ziele im Irak sehr wichtig und notwendig sind und dass die Verbreitung der Freiheit die entscheidende Herausforderung unserer Zeit ist. Sie dienen weit entfernt von ihren Familien, die die stillen Opfer einsamer Feiertage und leerer Stühle am Esstisch bringen. Sie sahen, wie ihre Kameraden ihr Leben für die Freiheit gaben. Wir trauern um den Verlust eines jeden gefallenen Amerikaners, und wir schulden ihnen den Aufbau einer Zukunft, die ihres Opfers würdig ist.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Das vor uns liegende Jahr wird mehr Geduld, Opfer und Entschlossenheit erfordern. Es kann verlockend sein zu denken, dass die Vereinigten Staaten die Lasten der Freiheit einfach beiseite schieben können. Dennoch enthüllen erst Zeiten der Prüfung den Charakter einer Nation. Im Verlauf ihrer Geschichte haben die Amerikaner den Pessimisten stets getrotzt, und ihr Glaube an die Freiheit wurde belohnt. Nun befinden sich die Vereinigten Staaten in einem Kampf, der den Kurs für ein neues Jahrhundert bestimmen wird. Wir können und wir werden obsiegen.

Wir gehen mit der Zuversicht voran, dass der Schöpfer der Freiheit uns durch diese schwierigen Stunden leiten wird. Danke und guten Abend.

(aus: »Blätter« 2/2007, Seite 245-250)
Themen: Naher & Mittlerer Osten, Krieg und Frieden und USA

top