Pressestimmen zu 50 Jahren Blätter (taz, FR, Freitag, Neues Deutschland, Jungle World) | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Pressestimmen zu 50 Jahren Blätter (taz, FR, Freitag, Neues Deutschland, Jungle World)

Mehr als 500 Gäste waren ins Palais der Berliner Kulturbrauerei gekommen, um am 24. November den 50. Geburtstag der „Blätter“ zu begehen. Nach den Redebeiträgen von Bettina Gaus, Karl D. Bredthauer, Micha Brumlik und Rudolf Hickel (vgl. „Blätter“ 12/2006) wurde dort u.a.

Mehr als 500 Gäste waren ins Palais der Berliner Kulturbrauerei gekommen, um am 24. November den 50. Geburtstag der „Blätter“ zu begehen. Nach den Redebeiträgen von Bettina Gaus, Karl D. Bredthauer, Micha Brumlik und Rudolf Hickel (vgl. „Blätter“ 12/2006) wurde dort u.a. das neue digitale „Blätter“-Archiv (50 Jahre auf zwei Scheiben) vorgestellt – und natürlich ausgiebig in den Geburtstag hineingefeiert. Im Folgenden dokumentieren wir Pressereaktionen zu Jubiläum und Fest. – D. Red.

Blätter, die die linke Welt bedeuten

Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ – 50 Jahre Sorgen um Deutschland Alexander Cammann in der „tageszeitung“ (taz) vom 9.11.2006

Es gibt sie noch, die linken Dinge: Mit der November-Ausgabe feiern die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ ihren 50. Geburtstag. Monat für Monat befriedigt dieser Katalog für Gesellschaftskritik die anspruchsvollen Bedürfnisse einer politikhungrigen Kundschaft. Und Generationen von Politologie-Studenten haben die Blätter-Beiträge durchgeackert, um in Seminaren argumentativ gerüstet die jeweils herrschenden Machtverhältnisse zu entlarven. Auch Philipp Köster, Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur „11 Freunde“, ist einst als Praktikant durch die harte Schule der „Blätter“ gegangen.

Zu den Vorzügen der Zeitschrift gehört ein sympathischer Anachronismus. Denn was wäre heute unzeitgemäßer als die solide Wertarbeit langer Aufsätze, die vom Leser Zeit und Konzentration verlangen? Am Anfang war das Wort und eben nicht das Bild: In der konsequent altmodischen Anmutung der „Blätter“ ohne optische Ablenkungen liegt ihr eigentümlicher Reiz. Dieser Charme trendresistenter Textmassen verstärkt sich beim Blick auf die gänzlich andersgeartete Konkurrenz.

Die erste Ausgabe von „polar“, dem Halbjahresmagazin einer zwischen Vernissagen und Theaterprojekten pendelnden Lifestyle-Linken, servierte jüngst nach langer Vorbereitung fade schmeckende Theoriehäppchen und wollte programmatisch zum Uncoolsein anstiften. „Das waren wir schon immer“: So könnten die „Blätter“-Veteranen cool entgegnen. Und auf dem November-Titel des liberalkonservativen „Cicero“ prangt ein peinliches „Vergesst Habermas!“; umstandslos wird da vom Ende der politischen Philosophie schwadroniert und nach verschluckten Jugendbriefen gefahndet. Noch im April hatte „Cicero“ in einem obskuren Intellektuellen-Ranking dem Philosophen immerhin den sechsten Platz zugewiesen.

Jürgen Habermas, Mitherausgeber der „Blätter“, veröffentlichte in deren Mai-Heft eine Rede, die er anlässlich der Entgegennahme des Bruno-Kreisky-Preises gehalten hatte: sein Vermächtnis als engagierter deutscher Denker. Zu den Tugenden des politischen Intellektuellen gehörten, so Habermas, „ängstliche Antizipation von Gefahren“ und „argwöhnische Sensibilität“. Ganz ähnlich klang das im ersten Editorial der „Blätter“ vom November 1956. Unter der Überschrift „Aus Sorge um Deutschland“ war damals vom „Bewusstsein drohenden Unheils“ die Rede, das auf den Völkern der Erde laste; daher spürten viele die Verpflichtung, „an der Lösung der großen Menschheitsfragen tätig teilzunehmen“. Kritisches Engagement braucht offenbar normativen Überschuss und eine Portion Alarmismus.

Im Jubiläumsheft fällt der Rückblick auf die eigene Vergangenheit leider zu knapp aus. Mehr „Aufklärung statt Abklärung“ (so die Eigenwerbung) wäre hier angesichts der linksdogmatischen Irrwege der „Blätter“ in den 70er und 80er Jahren nötig gewesen. Nach 1989 hat sich die Zeitschrift freigeschwommen und zog Ende 2003 von Bonn nach Berlin, mittlerweile erfolgreich produziert von den drei jungen Redakteuren Albrecht von Lucke, Annett Mängel und Albert Scharenberg. Sie präsentieren im Jubiläumsheft eine typische „Blätter“- Mischung aus sachkundigen Analysen und kräftigen Attacken, die globale Lage stets im Blick. Franz Ansprenger, bald 80jähriger Nestor der deutschen Dritte-Welt-Forschung, bündelt die Nöte Afrikas und verweigert sich dennoch hoffend jedem Afro-Pessimismus – klare und kluge Worte. Sein Altersgenosse Erhard Eppler, der letzte theoretische Kopf der SPD, beantwortet einmal mehr die ewige Frage, was heute links ist: der Kampf gegen die Ökonomisierung des Bewusstseins und die europaweite Revitalisierung des Staates.

Am 24. November wird der Geburtstag in der Berliner Kulturbrauerei öffentlich gefeiert. „Der Sound des Sachzwangs“, den der Globalisierungsreader mit „Blätter“-Texten der vergangenen Jahre lautstark beklagt (unter anderem von Noam Chomsky, Naomi Klein, Saskia Sassen, 270 Seiten, 12 Euro), dürfte dann von Partyklängen übertönt werden. Auf die kritische Ausdauer und die politische Leidenschaft der Blätter kann die Berliner Republik auch die nächsten 50 Jahre nicht verzichten.

Insel der Vernunft

50 Jahre „Blätter für deutsche und internationale Politik“ Albrecht Lüter in der „Frankfurter Rundschau“ vom 5.12.2006

Angeregt von Jürgen Habermas und Kurt Sontheimer setzte sich vor zehn Jahren eine illustre Runde politischer Intellektueller für die Rettung eines angeschlagenen Debattenforums ein, dem es nicht um die „Moderation von Beliebigkeiten, sondern um Orientierungswissen und klärenden Streit“ gehe. Dem Appell für die Unterstützung der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ ist der Erfolg nicht versagt geblieben: Das traditionsreiche politische Magazin konnte kürzlich in Feierlaune zum 50. Geburtstag in die Berliner Kulturbrauerei laden. Ein Geburtstagsgeschenk haben sich „die Blätter“ gleich selbst auf den Jubiläumstisch gelegt: Ganze Regalmeter der Zeitschrift sind jetzt in digitalisierter Form verfügbar und bieten ein umfassendes Kompendium der Zeitgeschichte von 1956 bis in die Gegenwart. Die turbulenten Veränderungen der Öffentlichkeit im Zeichen digitaler Kommunikation und grassierenden Infotainments haben die „Blätter“ nicht nur recht und schlecht überstanden. Sie sind mit verjüngter Redaktion, modernisiertem Erscheinungsbild und Berliner Redaktionssitz weiterhin eine der wichtigsten politischen Monatsschriften des Landes.

Die im aktuellen Dezemberheft abgedruckten Festbeiträge lassen sich als Erklärungsversuche der öffentlich fokussierenden Kraft einer selbstbewusst an der Gründungsratio der Bundesrepublik festhaltenden Stimme lesen, die sich immer wieder „Mut zur Meinung“ (Günter Gaus) und zum Widerspruch abverlangt hat.

Wie Karl. D. Bredthauer in seinem Rückblick auf die Anfangsjahre zeigt, handelt es sich dabei nicht nur um ein Nachbeben rebellischer Studentenproteste. Demokratie wurde im Zusammenklang adenauerkritischer und linksprotestantischer Stimmen schon sehr viel früher zum „Thema aller Themen dieser Zeitschrift“. Was im Gefolge der 60er zur Auseinandersetzung mit dem Ost-West-Konflikt hinzutrat, war zeitbedingt ganz wesentlich die Ökonomie. Wo Rudolf Hickel in einem passionierten Brückenschlag die „soziale Marktwirtschaft“ gegen den heutigen „Turbo-Kapitalismus“ entfesselter Marktmächte in Stellung bringt, lässt sich die seitdem zurückgelegte Wegstrecke ermessen.

Die Aussichten von Micha Brumliks Namensvorschlag „Blätter für europäische und transnationale Politik“ mögen mäßig sein. Mit einer gegenwartsbezogenen Entfaltung des politischen Denkens Hannah Arendts setzt er jedoch zur Nachjustierung des ehedem „nationalneutralistisch zwischen den Blöcken“ manövrierenden Kurses der frühen „Blätter“ an und markiert politische Herausforderungen der Globalisierung, deren Analyse in den letzten Jahren zum Kerngeschäft des Blatts geworden ist.

Sehr treffend unterstreicht Bettina Gaus daher neben der Relevanz der Themensetzungen vor allem den Stellenwert der von „Verbindlichkeit und Verlässlichkeit“ geprägten Debattenkultur der „Blätter“ als Voraussetzung ihrer öffentlichen Orientierungsfunktion. Selbst wo die „Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“ (Karl Barth) die blinden Flecken ihrer Zeit geteilt hat: Der Beitrag zur Institutionalisierung unabhängiger Öffentlichkeit dürfte ein ganz wesentliches Verdienst der „Blätter“ sein und bleiben.

Kritisch

Seit 50 Jahren schreibt in den „Blättern“ ein breites Spektrum von Intellektuellen gegen den politischen Mainstream an Arno Klönne im „Freitag“, 49/2006, vom 8.12.2006

Das ist schon ungewöhnlich in der Publizistikgeschichte: Eine engagierte politische Monatszeitschrift, die sich über Jahrzehnte halten kann, meinungsfreudig und doch mit wissenschaftlicher Substanz, stets zum Widerspruch gegen den Mainstream neigend – als „Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“ hat der evangelische Theologe Karl Barth die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ einst bezeichnet, noch zu Adenauerzeiten. Ihren 50. Geburtstag haben die „Blätter“ jetzt in Berlin gefeiert, wohin sie aus ihrem rheinischen Herkunftsterrain umgesiedelt sind. Ein symbolträchtiger Standortwechsel, den sie da hinter sich haben: Die Zeitschrift startete 1956 unter dem Motto „Aus Sorge um Deutschland“, und ihr Grundmotiv war damals die Gegnerschaft zur Zementierung westdeutscher Teilstaatlichkeit, zur Integration der Bundesrepublik in die NATO, zur Wiederbewaffnung, insbesondere zur atomaren Aufrüstung. Zwei gestandene Konservative und ein Kommunist waren die Gründer; naheliegenderweise zogen sich unter den Bedingungen des Kalten Krieges die „Blätter“ den Vorwurf zu, „fellow traveller“ für die Ziele der DDR-Staatsführung anzuwerben. Solche Bezichtigungen haben sie indessen überstehen können, dank ihrer publizistischen Qualität und des überhaupt nicht SED-konformen Spektrums von Mitarbeitern. Es kamen in der Zeitschrift nicht nur solche Kritiker des Adenauerstaates und seiner militär- und außenpolitischen Weichenstellungen zu Wort, die gemeinhin als „links“ rubriziert werden, sondern mehr noch „Bürgerliche“, antifaschistische Konservative, nonkonforme Katholiken, rüstungsgegnerische Protestanten, intellektuelle Einzelgänger. Anfang der 60er Jahre hat der „Bayernkurier” die „Blätter“ als „Zentralorgan der außerparlamentarischen Opposition“ beschimpft. Richtig war daran, dass für die Entfaltung oppositioneller Politik in Westdeutschland, abseits des Parteiensystems und längst vor der Studentenrevolte beginnend, diese Zeitschrift einen zentralen Ort der Argumentation darstellte – aber eben nicht als ideologische Kommandostelle. Günter Gaus, der später Mitherausgeber war, hat das so erlebt: „Wann immer ich in den ‚Blättern‘ gelesen habe, hat mir die Abweichung von gängigen Denkschablonen gefallen.“

War es der „Nationalneutralismus“, als Absage an den Adenauer-Kurs, der damals die „Blätter“-Autoren zusammenhielt? Diese Deutung ist gelegentlich zu finden, aber sie trifft nicht den historischen Kern. Gewiss könnten viele Beiträge in den ersten Jahrzehnten nicht den Beifall ihres heutigen Mitherausgebers Jürgen Habermas erregen, aber als Verweigerung auf dem Weg in westlichen Verfassungspatriotismus sind sie nicht zu verstehen. Die Monatsschrift setzte den spezifischen Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte einen Politikentwurf für eine gesamtdeutsche Gegenwart entgegen. Ihr ging es um eine Vorstellung von Volkssouveränität, die etwas anderes sein sollte als „rationierte Demokratie“, wie sie die Siegermächte über den deutschen Faschismus den Westdeutschen halb auferlegt, halb geschenkt hatten. Andererseits wurde auch der ostdeutsche Teilstaat in den „Blättern“ nicht etwa zum „sozialistischen Volksstaat“ hochgelobt, sondern als Verlegenheitsresultat der Nachkriegsgeschichte empfunden, als eine Lösung, die vornehmlich aus Gründen westlicher Machtstrategie zustande gekommen ist.

Was das demokratische Verfassungsverständnis angeht, so ist es in den „Blättern“ insbesondere von dem Staatsrechtslehrer Helmut Ridder formuliert worden, einem der wichtigsten Autoren der Zeitschrift; da liest sich vieles wie eine vorweggenommene Kritik jener Politikform, in der dann die DDR mit der Alt-BRD zusammengeführt wurde.

Die Geschichte ist über all die Alternativentwürfe, wie sie in den „Blättern“ zu finden waren, hinweggegangen, doch ist dies kein Grund, sie aus dem Gedächtnis zu streichen. Micha Brumlik, gegenwärtig auch ein Mitherausgeber, hat bei der Geburtstagsfeier der Zeitschrift vorgeschlagen, einen begrifflichen Schnitt zu machen und umzutiteln in „Blätter für europäische und transnationale Politik“. Da sind Zweifel anzumelden. Vielleicht sollten die „Blätter“ besser bei ihrem angestammten Namen bleiben. Aktueller politischer Einmischung kann historisches Bewusstsein gut bekommen, und dieses wiederum ist darauf angewiesen, sich auch an Unterlegene, an Verlierer zu erinnern sowie an die Interessen und Machtstrukturen, denen die Gewinner entstammten und die bis in die Gegenwart reichen.

Inhalte statt Zeitgeist

50 Jahre „Blätter“ – Etiketten wie radikaldemokratisch oder pluralistisch stimmen zwar, reichen aber nicht aus Ines Wallrodt und Lorenz Matzat in „Neues Deutschland“ vom 25.11.2006

Vor zehn Jahren sah es düster aus: „Nach einem Jubelfest ist uns weder beim Blick auf die ‚Blätter‘ noch auf die Entwicklung ‚draußen im Lande‘ zumute. Die Zeit ist nicht danach. Vielleicht können wir gemeinsam dazu beitragen, dass es 2006 wirklich etwas zu feiern gibt.“ Mit diesen Worten wandte sich die Redaktion der „Blätter für deutsche und internationale Politik“, kurz die „Blätter“, damals an ihre Leser.

Mit dem heutigen Tag gibt es die „Blätter“ seit 50 Jahren, und für die Redaktion ist das diesmal durchaus ein Grund zu feiern – nicht unbedingt angesichts der Lage „draußen im Lande“, aber wegen der stabilen wirtschaftlichen Situation und dem anhaltenden Interesse an ihrer Zeitschrift. Die drei hauptamtlichen Redakteure, zwei Männer und eine Frau, produzieren allmonatlich in der Berliner Torstraße das Heft mit dem beige-grauen Kartoneinband.

„Bei uns geht es um Themen, die woanders zu kurz kommen“, beschreibt Albert Scharenberg, einer der Redakteure, den Charakter der „Blätter“. Im Heft ist Platz für tiefgründige Analysen, aktuelle Kommentare und brisante Dokumentationen. Von der „Politik des Papstes“, der deutschen Wirtschaftspolitik und den Folgen der Treuhand bis hin zur Opiumlandwirtschaft in Afghanistan und der „Generation attac“ – das Spektrum der Themen ist wahrlich groß.

Der Pluralismus des Blattes drückt sich neben der inhaltlichen Bandbreite in der Autorenschaft aus. Die reicht von Aktivisten aus den sozialen Bewegungen über linke Hochschullehrer bis hin zu sozialdemokratischen Parteipolitikern. Als problematisch wird es auch in der Redaktion selbst empfunden, dass 80 Prozent der Beiträge von Männern geschrieben werden. Diese Geschlechterungleichheit sei aber auch den Verhältnissen an den Universitäten geschuldet, aus denen viele Autoren dieser doch auch akademischen Publikation stammen.

Eher eine Ausnahme ist es, wenn sich rechtskonservative Personen, wie der „Kulturkämpfer“ Samuel Huntington, in den „Blättern“ äußern können. „Vertritt jemand eine diskussionswürdige Position, bekommt sie Platz, auch wenn sie nicht mit unserer Meinung übereinstimmt“, sagt Albrecht von Lucke, der zweite im Redaktionsbund. „Ich muss nicht jeden Artikel unterschreiben können.“

Zusammen mit Annett Mängel, die auch die Geschäfte führt, arbeiten Scharenberg und von Lucke erst seit dem Umzug vor drei Jahren von Bonn an die Spree fest an dem Blatt mit. Die Neubesetzung fand damals statt, weil es eine „generationelle Abnutzung“ gegeben habe, so von Lucke.

Die „Blätter“ wurden seitdem vor allem optisch etwas aufgemöbelt, blieben ihrem Stil aber treu: Keine Illustrationen, reine Bleiwüsten erwarten den Leser; zwischen den Heftdeckeln ist kaum ein Unterschied zu der ersten Ausgabe zu erkennen. Manchmal wünscht man sich etwas weniger kryptische Überschriften und voranstehende Zusammenfassungen, um sich schneller orientieren zu können. Aber zum eiligen Überfliegen werden die „Blätter“ eben nicht gemacht. Der Look ist eine klare Ablehnung jeglichen Zeitgeistes und ein deutliches Statement dafür, worum es geht: Inhalte. Die „Blätter“ wollen aufklären, eingreifen in politische Debatten innerhalb der Linken und der Bundesrepublik.

Ohne diesen Anspruch würde es sie wohl gar nicht geben. Karl von Westphalen schrieb im Editorial der ersten Ausgabe, man wolle an der „Lösung der großen Menschheitsfragen“ tätig mitwirken. Atomzeitalter, Ost-West-Verständigung, Wiederbewaffnung der Bundesrepublik waren die bestimmenden Themen, die den Kreis aus konservativen Christen und Kommunisten im Gründungsjahr 1956 umtrieben. Aus dieser Zeit stammt auch die Beurteilung, eine „Insel der Vernunft“ zu sein.

Das waren sie allerdings nicht immer: Entgegen des ursprünglichen Anspruchs, keiner Partei- Ideologie zu verfallen, ging die Dogmatisierung von Teilen der außerparlamentarischen Opposition in den 70er Jahren auch an den „Blättern“ nicht spurlos vorüber. Sie galten mal als „Zentralorgan der APO“ („Bayernkurier“), eine andere Zeitung schrieb später, hier werde die „Logistik der Friedensbewegung bereitgestellt“. Letzterer sieht man sich auch heute noch verbunden, aber die Redakteure reagieren sensibel auf jegliche politische Indienstnahme und wahren einen gewissen Abstand. „Wir sind kein Bewegungsorgan“, sagt Scharenberg, „wir sind als Redaktion nicht drin, das mag in den 80ern noch anders gewesen sein.“

Auf den Fluren der Redaktionsräume ist derzeit kaum ein Durchkommen. Es stapeln sich Päckchen mit den zahlreichen Bestellungen des neuen Globalisierungsreaders. 27 Artikel aus den letzten zwei Jahren der „Blätter“ beleuchten das Thema eingehend. Die Nachfrage ist so groß, dass schon eine zweite Ausgabe gedruckt werden muss. Ein Bild dafür, dass die „Blätter“ derzeit auf soliden Füßen stehen und wahrgenommen werden. Aber auch für den „Nutzwert“, den die „Blätter“ den Redakteuren zufolge haben sollen. Man will den Menschen in den sozialen Bewegungen „Handwerkszeug“ liefern.

Mit dem Jahr 1989 mussten sich auch die „Blätter“ auf neue Füße stellen. Der DKP-nahe Pahl-Rugenstein-Verlag, in dem sie bislang erschienen sind, überlebte die Wende nicht. Er war mit Millionenbeträgen durch die DDR-Staatsführung subventioniert worden. Die Redaktion entschied sich damals für den schwierigen Weg, die Zeitschrift in eigener Regie zu produzieren, unabhängig von Verlagen, Parteien und Verbänden. Sie konnten neue Herausgeber gewinnen. Mit ihrer Anzahl wuchs zugleich das inhaltliche Spektrum, wahrscheinlich die beste Sicherung gegen politische Verkrustungen. In einem ersten Schub kamen Vertreter der ostdeutschen Bürgerbewegung wie Jens Reich und Friedrich Schorlemmer hinzu. In einem zweiten 1998 folgten bekannte Linksliberale wie Jürgen Habermas, Micha Brumlik und Ingeborg Maus.

Trotz der „Osterweiterung“ des Herausgeberkreises sind die „Blätter“ eine Zeitschrift aus dem Westen, die auch vor allem dort gelesen wird. Von den 6500 Abonnenten bei einer Auflage von 8000 kommt nur ein Zehntel aus Sachsen oder Brandenburg. Die Zeitschrift ist dort wenig bekannt, und das Geld reicht nicht, um große Werbekampagnen zu starten. „Geteilte Öffentlichkeiten“, meint Albrecht von Lucke, „die ostdeutschen Intellektuellen schauen erstmal, was ist an eigenen Strukturen da.“ Ost-West, das ist für die „Blätter“ bis heute auch auf dieser Ebene eine ungelöste Frage.

Die „Blätter“ haben eine lange Geschichte und damit auch Leser, die seit Jahrzehnten dabei sind. Aber auch für viele Studierende ist die Zeitschrift eine wichtige Recherchequelle. Deren Suche wird jetzt leichter. Auf dem Jubiläumsfest am gestrigen Abend wurde die neue Archiv-DVD präsentiert: 50 Jahre des „Forums engagierten Streits“, 600 Ausgaben der „Blätter“ auf einer einzigen Silberscheibe.

Lektüre für Rotweintrinker

Die „Blätter“ werden 50 Martin Krauss in „Jungle World“, 47/2006, vom 22.11.2006.

Die Sechzig hätte man dem Blatt, das sich „Blätter“ nennt, auch abgenommen. Aber 50 Jahre alt werden die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ in diesem November erst, und das stellt für die „führende politisch-wissenschaftliche Monatszeitschrift“, wie sie sich selbst bezeichnet, schon eine Aneinanderreihung von Kraftakten dar, die man ihr nicht ansieht. Bieder präsentiert finden sich Kommentare und wissenschaftliche Aufsätze, die meist auf hohem Niveau eine möglichst große Bandbreite an Themen behandeln. Beispiele der letzten Ausgaben: Karin Priester analysiert den modernen Populismus als „dritten Weg“, der von rechts beschritten wird; Walther Müller-Jentsch erörtert, ob die gegenwärtige Formation des Kapitalismus erstmals in seiner Geschichte ohne Gewerkschaften auskommt, und Redakteur Albrecht von Lucke vergleicht die Diskussion um die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS mit dem neuen Selbstlob des deutschen Bürgertums, es habe ja nichts mit dem unfeinen Nazipöbel zu schaffen gehabt.

Das sind Texte, deren Lektüre auch dann lohnt, wenn man ihren Thesen nicht zustimmt, und wegen denen der Kauf der „Blätter“ auch dann sinnvoll ist, wenn man von anderen Beiträgen – zum Beispiel „Was heute links ist“ von Erhard Eppler oder „Die Vernunft des Papstes“ – eher abgeschreckt ist. Dass sich theologische Erörterungen über den Papst und Bekenntnisaufsätze pfäffischer Sozialdemokraten in einem als links geltenden Organ finden, verweist auf die Geschichte der „Blätter“.

Gegründet wurden sie 1956 von zwei Konservativen und einem Kommunisten, und die Verhinderung der Atombewaffnung und die Befürwortung der Wiedervereinigung waren anfangs die zentralen Themen der Blätter. Mit dem aus dieser Zeit stammenden Lob des Theologen Karl Barth, der meinte, die Blätter seien „eine Insel der Vernunft in einem Meer von Unsinn“, wirbt der Verlag bis heute. Die Zeitschrift ging bald im Kölner Pahl-Rugenstein- Verlag auf, gerne auch als „Pahl-Rubelstein“ verspottet. Anfang der 80er Jahre notierte das evangelische „Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt“, in den „Blättern“ werde „die Logistik der Friedensbewegung bereitgestellt“. 1989 ging der Pahl-Rugenstein-Verlag bankrott, kurz zuvor war sein Finanzier, die DDR, pleite gegangen. Die Redakteure sicherten sich die Abokartei und machten sich selbstständig.

Dem alten Herausgeberkreis, dem Kämpen wie der Marburger Faschismusforscher Reinhard Kühnl oder der Bremer DKP-Ökonom Jörg Huffschmid angehörten, wurden nun neue, andere, offenere Wissenschaftler zugesellt: Jürgen Habermas, Dan Diner, Micha Brumlik, Jens Reich etc. Am Profil wurde auch durch das Ausrufen des Demokratiepreises der „Blätter“ gearbeitet, der alle drei Jahre vergeben wird. Im Jahr 1997 erhielt ihn beispielsweise der US-amerikanische Historiker Daniel J. Goldhagen.

Ein Bruch findet sich in den 50 Jahren Geschichte der „Blätter“ dennoch nicht. Sie waren immer auch das Organ älterer und (mitunter) liberal gewordener Linker, bei denen nicht selten eine unangenehme Selbstgefälligkeit zu beobachten ist: Wir sind die Gebildeten, die immer auf der richtigen Seite stehen, die Baskenmützenträger, die Rotwein trinken und mit bedeutungsvoller Miene Böll oder Tucholsky zitieren.

Das klingt abfällig, soll aber den Wert der monatlichen Publikation nicht schmälern. Es gibt keine Ausgabe der „Blätter“, in der nicht mindestens ein, manchmal drei oder vier lesenswerte Beiträge stünden. Darauf kann man ja auch mal ein Glas Rotwein trinken.

(aus: »Blätter« 1/2007, Seite 113-118)
Themen: Medien und Geschichte

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