Blätter für deutsche und internationale Politik | www.blaetter.de

Angriffe auf den Krieg

Laudatio auf Seymour M. Hersh

von Erhard Eppler

„Meine Eltern waren Einwanderer. Sie kamen, weil Amerika etwas bedeutete, die Freiheitsstatue und all das. Weil Amerika die Bastion der Moral und der Integrität war, weil man da neu anfangen konnte. Und nun liegt es offen vor uns, nicht versteckt, dass sie uns dies alles genommen haben.“

Vielleicht sagt diese Äußerung Seymour Hershs über seine Familie mehr aus als alles, was über ihn geschrieben wurde. Etwa, er sei der größte muckraker Amerikas. Im Lexikon wird dieses Wort reichlich frei übersetzt als „einer, der nur auf Sensationen aus ist“. Aber muck ist eben stinkender Dreck, Mistbrühe. Und rake ist ein Rechen, wie make machen ist, vielleicht auch eine Harke. Ein muckraker ist einer, der stinkenden Dreck, Mistbrühe, aufwühlt, so dass allen der Gestank in die Nase dringt, nicht einer, der diesen Dreck produziert. Und vielleicht wühlt Seymour Hersh diesen Dreck nicht deshalb auf, weil ihm dies Spaß macht, sondern eben weil er ihn nicht erwartet hat, weil er ihn verblüfft und wütend macht, weil er seine Enttäuschung immer neu verstärkt: Und weil er hofft, seine Landsleute würden ihn, aus Gründen der Hygiene schließlich beseitigen.

Dafür müssten doch wir Europäer Verständnis haben. Viele meiner Generation haben in den USA Demokratie gelernt. (Ich übrigens in der Schweiz.) Was diese Freunde nach Hause brachten, war das Bild eines Landes, dem nachzueifern sich lohnte. Und sie halten bis heute an diesem Bild fest: Es gibt ein anderes Amerika, ein anderes als das von Bush, Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz.

Aber auch diese Deutschen fragen sich oft, genau wie Hersh, „wie acht oder neun verrückte Neokonservative die Regierung übernehmen konnten. Sie haben den Präsidenten überzeugt. Sie haben den Kongress niedergerungen, das Militär kleingekriegt, das diesen Krieg (Irak) hasst, und sie haben die Presse eingeschüchtert. Ich verstehe das alles nicht.“

Und das alles in dem Land, das seine Hoffnung war, die seiner Eltern, die von Millionen Menschen, auch in Deutschland.

Niemand hat eine schlüssige Erklärung. Aber bei gründlichem Nachdenken bin ich auf eine Fährte gestoßen, die wenigstens ein bisschen weiter führen könnte. In der Geschichte werden manchmal Weichen gestellt. Sie bestehen manchmal nur aus einer Entscheidung, ja einer Formulierung, deren Bedeutung fast alle erst später erkennen. Wir haben uns vor zwei Wochen an den 11. September 2001 erinnert. Genau heute vor zwei Wochen war der 12. September. An diesem Tag im Jahre 2001 erklärte George W. Bush dem Terrorismus den Krieg. Ich bin damals schon erschrocken und habe daran mitgewirkt, dass der deutsche Kanzler nur ein einziges Mal auf diese Terminologie eingegangen ist, dann nie wieder. Und der französische Präsident auch nicht. Tony Blair hat kurz vor seinem Rücktritt offiziell erklären lassen, dass die britische Regierung künftig nicht mehr vom „war on terrorism“ reden werde.

„Es gibt nicht nur die Banalität des Bösen, es gibt auch eine Logik des Bösen“

Was bedeutete es, wenn der Präsident der Hegemonialmacht einer Verbrecherbande den Krieg erklärte? Erst einmal wertete er die Verbrecher auf. Plötzlich waren sie für alle Welt Krieger; heute erregt ein Video von Bin Laden mehr Aufmerksamkeit als die Reden von Bush. Dann hobelte er die Schwelle zum wirklichen Krieg ab: Bis heute meinen viele Amerikaner, der Irakkrieg sei einfach ein Teil des Kriegs gegen den Terror, daher haben viele gar nicht gemerkt, welche völkerrechtliche Schwelle damit überschritten wurde. Wer die Verbrecherjagd zum Krieg hochjubelt, muss dann auch den wirklichen Krieg als Verbrecherjagd inszenieren mit Fahndungsliste, Kopfgeld, Gericht und Galgen. Wo aber der Krieg als Verbrecherjagd, als Kampf der Guten gegen das Böse, geführt wird, gilt nicht mehr das Kriegsrecht. So kommt es zu Guantánamo und Abu Ghraib. Man muss den Verbrecherstaat eliminieren, Armee und Polizei auflösen, tabula rasa machen und dann einen ganz neuen, demokratischen Staat aufbauen. Und das kann nicht gelingen.

Wer mit Aufständischen, Partisanen zu tun hat, neigt dazu, zum Schutz des eigenen Lebens ohne Rücksicht alle umzubringen, die dieses Leben bedrohen. Das schafft neue Feinde. Es gibt nicht nur die Banalität des Bösen, es gibt auch eine Logik des Bösen. Ich glaube nicht, dass George W. Bush sich am 12. September 2001 hat ausrechnen können, wohin der „war on terrorism“ führen muss. Wir wissen es ja heute noch nicht definitiv. Denn während für viele von Anfang an klar war, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, droht jetzt die Niederlage. Bis zum Irakkrieg war der Selbstmordattentäter eine neue, irritierende Erscheinung in einem Land, Palästina. Seit dem 11. September 2001 haben wir uns daran gewöhnt, dass er in Massen und überall tätig wird. Und wer nicht mehr leben will, lässt sich auch durch nichts abschrecken. Sicher, Deutschland wird nicht am Hindukusch verteidigt. Aber wenn Selbstmordattentate uns veranlassen sollten, aus Afghanistan abzuziehen, wollen wir dann Deutschland räumen, wenn sich Fanatiker hier in die Luft jagen? Verhindern können wir es nicht.

Der politische Widerstand hätte also in den USA schon am 12. oder 13. September 2001 beginnen müssen. Jemand hätte aufstehen müssen und dazwischenrufen: Hast Du, George W. Bush, zu Ende gedacht, was es bedeutet, Verbrechern, also kriminellen Privatleuten, den Krieg zu erklären? Hast Du vergessen, dass Verbrechensbekämpfung nicht Sache des Pentagon ist? Es gehört wenig Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie ein solcher Einwurf weggefegt worden wäre. Nur ganz wenige hätten ihn verstanden, und der Patriotismus der plötzlich Verwundeten, die sich für unverwundbar gehalten hatten, hätte den Bedenkenträger als lächerliche Figur abgeschrieben. Nein, niemand konnte damals gegen den „war on terrorism“ aufbegehren. Und dann war es zu spät.

„Das Amerika, das die Familie Hersh gesucht hat, ist nicht tot“

Warum belästige ich Sie mit meiner Deutung des 12. September und der letzten sechs Jahre? Einmal, weil ich eine nicht-moralische Antwort suche auf die Frage von Seymour Hersh, warum acht oder neun „verrückte Neokonservative“ Amerika dahin bringen konnten, wo es heute ist. Gegen meinen Versuch einer Antwort lässt sich vieles einwenden. Aber ich halte daran fest, dass politische Fehlentscheidungen, die an sich nicht böse sind, Böses bewirken können, den muck produzieren können, den aufzuwühlen Seymour Hersh für seine Journalistenpflicht hält und der, wenn er nicht aufgewühlt wird, eine Gesellschaft vergiften kann.

Um es im Anschluss an Friedrich Schiller zu sagen: Es ist eben nicht nur „der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend Böses muss gebären“. Es kann auch der Fluch einer törichten, unüberlegten, zweifelhaft motivierten, im Augenblick höchst populären Tat sein.

In unserer deutschen Geschichte gab es 1932 einen Tag, den 30. Mai, an dem ein seniler Reichspräsident den letzten demokratischen Kanzler Heinrich Brüning mit den Worten entlassen hat: „Und nun, Herr Reichskanzler, wollen wir mal sehen, wie mit Gottes Hilfe der Hase weiterläuft.“ Was hier ein seniler General in einer Mischung aus bigottem Geschwätz und angelerntem Kasinodeutsch von sich gab, hat eine Kette von Ereignissen ausgelöst, deren Ende wir alle kennen. Aber war der alte Mann böse? Hatte er böse Absichten? In der Weltgeschichte laufen eben keine harmlosen Hasen durch die Gegend, es gibt auch Verkettungen, Abläufe, die an griechische Tragödien erinnern.

Nein, die Amerikaner sind nicht böse geworden, sie müssen nur einen Weg zu Ende gehen, den Seymour Hersh – und auch wir Deutschen – ihnen gerne erspart hätten. Das Amerika aber, das die Familie Hersh gesucht hat, ist nicht tot.

My Lai – die Moral des Journalismus

Investigativer Journalismus ist bei Regierungen nicht beliebt. Als in den frühen 70er Jahren die Springerpresse immer wieder die Verhandlungen in Moskau störte, war Willy Brandt wütend, aber hilflos. Er wusste nicht, welcher Beamte da seine eigene Politik betrieb, eine Politik, die auch die des Springerverlags war. Hier sollte Friedenspolitik erschwert oder verhindert werden. Auch investigativer Journalismus kann sehr verschiedene Ziele haben.

In der Biographie unseres Preisträgers finden sich keine Attentate auf den Frieden, wohl aber Angriffe auf den Krieg. Die Geschichte von My Lai hat den Amerikanern gezeigt, dass Krieg nicht nur eine technische Seite hat, dass es da um Menschen geht, und nicht nur um amerikanische. Das war nötig und heilsam, und es hat das Morden verkürzt. Und auch im Irak haben die Recherchen von Seymour Hersh die Amerikaner daran erinnert, dass in einem Krieg nicht nur american lives gefährdet sind, verstümmelt und getötet werden können, sondern auch fremde, feindliche Leben. Er hat daran erinnert, dass Menschenrechte, wie sie die amerikanische Verfassung und die amerikanische Tradition kennen, allen Menschen zustehen. Und das hat gewirkt. Investigativer Journalismus kann durchaus seine eigenen Ziele, auch seine eigene Moral haben.

Rendite statt Recherche

Seymour Hersh hat einen der großen Vorzüge der westlichen Demokratie, der europäischen wie der amerikanischen, genutzt: die Pressefreiheit. Der Philosoph Jürgen Habermas, einer der Herausgeber der „Blätter“, hat kürzlich am Beispiel der von Verkauf bedrohten „Süddeutschen Zeitung“ dargelegt, dass diese Pressefreiheit in Deutschland heute weniger vom Staat bedroht ist als von der Art, wie Zeitungsverlage verscherbelt werden. Der wilde, wieder verwilderte Kapitalismus unserer Tage, sieht auch in Zeitungsverlagen nur Objekte der Rendite. Man kann solche Verlage mit demselben Motiv kaufen, mit dem man eine Fabrik für Klopapier kauft: Man will die Rendite erhöhen und sie anschließend teurer weiter verkaufen.

Was dies für Journalisten bedeutet, weiß Hans Leyendecker besser als ich. Wahrscheinlich gibt ihm die „Süddeutsche“ noch Zeit genug für seine Recherchen. Aber in anderen Blättern spürt der Leser, dass hier mit immer weniger Journalisten immer weniger gründliche, zeitaufwendige, solide Arbeit geleistet, dass immer mehr abgeschrieben wird, was dann zu jenem Herdenjournalismus führt, den wir Sozialdemokraten gegenwärtig zu spüren bekommen.

Es versteht sich also keineswegs von selbst, dass Menschen wie Seymour Hersh wirklich tun können, was er getan hat und tut. Wir, gerade wir Deutschen können uns daher nicht damit begnügen, ihn zu bewundern, ihn zu ehren. Wir müssen dafür sorgen, dass er auch in unserem Land immer wieder Nachfolger finden kann, heute, morgen und übermorgen.

(aus: »Blätter« 11/2007, Seite 1353-1357)
Themen: Krieg und Frieden