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Demokratiepreis 2007: Patriot mit Moral

von Albert Scharenberg

Am 26. September wurde der amerikanische Journalist Seymour M. Hersh in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz mit dem Demokratiepreis der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ ausgezeichnet. Der mit 5000 Euro dotierte Preis wurde 1987 aus Anlass des 30jährigen Bestehens der „Blätter“ gestiftet und seitdem in der Regel alle drei Jahre verliehen. Nach der Gruppe Alternative Wirtschaftspolitik (1987) erhielten ihn 1990 Bärbel Bohley und Wolfgang Ullmann, stellvertretend für die Demokratiebewegung der DDR, 1997 der amerikanische Historiker Daniel J. Goldhagen, Autor des Buches „Hitlers willige Vollstrecker“, in Anerkennung der von ihm ausgelösten Debatte, 2000 der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte e.V. für sein Engagement zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter und im Jahr 2003 Amira Hass von der liberalen Tageszeitung „Ha’aretz“, die als einzige israelische Journalistin in den besetzten Gebieten lebt und von dort berichtet.

Der Demokratiepreis wird mit finanzieller Unterstützung der Gesellschaft zur Förderung politisch- wissenschaftlicher Publizistik und demokratischer Initiativen e.V. vergeben, dessen Vorstandsmitglied Corinna Hauswedell zu Beginn der Preisverleihung die Gäste begrüßte. Wir präsentieren im Folgenden die Begründung der Preisverleihung an Seymour Hersh durch Albert Scharenberg für die Redaktion der „Blätter“, die beiden Laudationes von Hans Leyendecker, „Süddeutschen Zeitung“, und Bundesminister a.D. Erhard Eppler sowie die Dankesrede von Seymour Hersh (übersetzt von Karl D. Bredthauer, die englische Originalfassung kann im Internet unter www.blaetter.de nachgelesen werden). Die Preisverleihung erfuhr große Resonanz in den Medien. Auszüge dokumentieren wir im hinteren Teil des Heftes. – D. Red.

Lieber Seymour Hersh, wir, die „Blätter für deutsche und internationale Politik“, freuen uns sehr, dass Sie heute hier in die Akademie der Künste gekommen sind, um unseren diesjährigen Demokratiepreis entgegenzunehmen – obwohl wir doch alle wissen, wie ausgesprochen ungern Sie ihre Arbeit verlassen. Umso mehr ist es für uns eine Ehre, dass Sie heute hier sind. Ebenso freut uns, dass wir mit Hans Leyendecker und Erhard Eppler zwei Laudatoren gewinnen konnten, die geradezu prädestiniert sind, uns Seymour Hersh näher zu bringen. Doch bevor ich das Wort an Hans Leyendecker weitergebe, möchte ich kurz darlegen, was uns, die „Blätter“, dazu veranlasst hat, Seymour Hersh den Demokratiepreis zu verleihen In der Preis-Begründung heißt es dazu: „Mit Seymour Hersh zeichnen die ‚Blätter‘ einen Journalisten aus, der wie kein anderer seit 40 Jahren die Strukturen der Macht durchleuchtet. Gegen den allgemeinen Trend zur ‚Boulevardisierung‘ der Medienlandschaft sieht Hersh die Aufgabe des kritischen Journalismus in der Demokratie darin, die Staatsgewalt seines Landes investigativ zu kontrollieren. [...] Durch seine Arbeit und sein Engagement hat er wesentlich dazu beigetragen, dass die Apparate von Regierung, Verwaltung, Geheimdienst und Militär weiterhin, allen administrativen Widerständen zum Trotz, einer Kontrolle durch die Öffentlichkeit unterliegen.“ Ich möchte im Folgenden kurz auf die damit benannten drei zentralen Aspekte eingehen. Erstens: Seymour Hersh ist geradezu der Inbegriff des investigativen Journalismus. Das alleine ist schon sehr viel in der Ära von Rupert Murdochs „Fox News“, in der die Kontrolle und Kritik der Mächtigen immer weniger opportun, ja mitunter regelrecht in Verruf geraten zu sein scheint. Daher gibt es auch leider von Journalisten seines Schlags zunehmend weniger – bzw. bei weitem nicht genug, und zwar nicht nur im Ursprungsland des investigativen Journalismus, sondern auch hier in Europa. Seymour Hersh indes hat sich nicht abgeschliffen, bis er mitten in den immer näher an die Macht rückenden Zeitgeist passte; er ist, anders als viele seiner früheren Mitstreiter, auch nicht zu einem Kummerkasten der Reichen und Mächtigen geworden. Vielmehr bleibt er im besten Sinne des Wortes eigen-willig, ein Stachel im Fleisch der Mächtigen, einer, der die heißen Eisen anpackt, von My Lai bis Abu Ghraib.

Und damit bin ich bereits beim nächsten Punkt. Zweitens: Hershs Engagement ist Teil der Selbstheilungskräfte der USamerikanischen Demokratie. Einer, der so viele heiße Eisen anpackt, wird, so möchte man meinen, unempfindlich. Unempfindlich gegenüber Schmerz, vielleicht sogar unempfindlich gegenüber moralischen Maßstäben. Nicht so Seymour Hersh. Zählt doch sein unerschütterliches Eintreten für Demokratie, Recht und die Geltung der Menschenrechte zum Besten, was die amerikanische „liberal tradition“ zu bieten hat. Es war Karl Deutsch, der feststellte, dass Macht nicht zuletzt die Fähigkeit ist, „nicht lernen zu müssen“. Dank Seymour Hersh, ist man geneigt hinzuzufügen, müssen aber auch die Mächtigen lernen, dass sie sich nicht alles erlauben können, dass auch ihr Handeln Kriterien unterliegt: nämlich den Kriterien der Demokratie. Hersh weiß, was Frederick Douglass, der große Kämpfer für die Sklavenbefreiung, vor über anderthalb Jahrhunderten so formulierte: „Power concedes nothing without demand.“ Frei übersetzt: Freiwillig räumen die Mächtigen kein Terrain. Die Erkenntnis, wie zerbrechlich die amerikanische – aber auch jede andere – Demokratie ist, macht deren Selbstheilungskräfte so eminent wichtig – und für diese steht in besonderem Maße Seymour Hersh, der aufklären will über die Fehler und die, schlimmer noch, vorsätzlichen Lügen der Herrschenden, damit diesen durch die Institutionen der amerikanischen Demokratie ein Ende gesetzt werden kann.

Damit komme ich schon zum letzten, uns besonders wichtigen Punkt. Drittens: Hershs Kritik an der US-Regierung bewahrt vor Antiamerikanismus. Das hervorzuheben ist angesichts der Verbundenheit von altem Europa und Neuer Welt – und gerade hierzulande – von besonderer Bedeutung. Hat doch das amerikanische Volk Deutschland im 20. Jahrhundert die Demokratie gebracht wie im Jahrhundert zuvor das französische den Code Civil. In diesem Sinne sprach auch Karl Bredthauer vor zehn Jahren anlässlich der Verleihung des Demokratiepreises an den Historiker Daniel J. Goldhagen von der bundesdeutschen Demokratie als dem „Geschenk, das noch verdient sein will.“ Heute bedürfen gerade wir solcher Stimmen wie Seymour Hersh, die unserer Kritik an der Politik der Bush-Regierung und unserer Sorge um den zukünftigen amerikanischen Weg Ausdruck verleihen, die aber niemals Gefahr laufen, in antiamerikanische Stimmungsmache zu verfallen. Dies gewährleistet unser Preisträger Seymour Hersh. Er ist ein amerikanischer Patriot – und zwar ein Patriot mit Moral. „Ich fühle mich heute,“ sagt Hersh, „wie zu Zeiten des Vietnamkrieges – ich hasse es, Steuern zu zahlen, so dass sie losziehen und noch mehr Menschen bombardieren können.“ Hier spricht ein moralisch unbestechlicher Patriot. Und Seymour Hersh wäre sicherlich froh, wenn er eines Tages nichts mehr fände, was er aufdecken müsste.

(aus: »Blätter« 11/2007, Seite 1343-1345)
Themen: Demokratie, Medien und USA