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Dich singe ich, Demokratie

Micha Brumlik zum 60. Geburtstag

von Hauke Brunkhorst

Als ich Micha vor mehr als 35 Jahren, ich glaube es war 1970, kennen lernte, kam er gerade aus Israel zurück, wo er zwei Jahre gelebt hatte, und wir haben, während wir ein Stück Wegs gemeinsam über die Bockenheimer Landstraße Richtung Frankfurter Innenstadt liefen, sofort angefangen, zu diskutieren. Über Politik und Studentenbewegung, über antiautoritäre Erziehung, die Kritik der bürgerlichen Wissenschaft und die Frankfurter Schule. Der Palästinakonflikt spielte in der damals neuen Linken noch kaum eine Rolle, und mich interessierte er überhaupt nicht. Was mir außer meinem Leben Sorgen machte, war der Niedergang der APO, die Theorie des Spätkapitalismus und die linken Alternativen zu den schrecklichen K-Gruppen, die damals in Gestalt der ersten „Roten Zellen“ gerade im Entstehen waren. Sie wurden bald Anlass für unsere erste und einzige gemeinsame politische Aktion, die im Abfassen und Verbreiten eines surrealen politischen Aufrufs zur Gründung einer „Grünen Zelle“ bestand, und in der Marcuses Kritik am Stalinismus ausführlich zitiert wurde – was aber nur dazu geführt hat, dass die von der Roten Zelle nicht mehr mit uns sprachen.

Mit Micha kann man endlos streiten. Seine diskursive Energie ist unerschöpflich. Bald reichte ein Stichwort, ein Stirnrunzeln, eine stumme Geste, und schon kam das Gegenargument. Und Micha hatte immer wieder ein Neues parat. Seit den 80er Jahren gab es kaum noch einen Text, den ich schrieb, in dem er nicht als Alter Ego, das es zu widerlegen galt, präsent war. Ich habe immer mit und gegen ihn geschrieben. Unsere Bücher und Aufsätze hingegen, die tote Materie, haben wir kaum wechselseitig zur Kenntnis genommen, kannten wir sie doch, auch ohne sie gelesen zu haben. Fast als sollte Platon recht behalten mit seiner Kritik an der Schrift.

Micha ist zwei Jahre jünger als ich, aber immer war er mir voraus. Als wir Anfang der 70er Jahre nächtelang im Cafe Do an der Bockenheimer Warte Hamburger aßen, Bier tranken und anfingen, philosophische Debatten zu füh-ren, war ich Materialist, er zu meinem großen Erstaunen Idealist, der es darauf abgesehen hatte, Kants Kritik der Gottesbeweise zu widerlegen. Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – und noch ein Bier.

Von den Gottesbeweisen ist Micha dann bald abgerückt, aber zunächst bei Kant geblieben, da er das Studium der Philosophie viel gründlicher betrieb als ich. Etwas später war ich auch Kantianer. Aber da überraschte er mich mit einer Dissertation im Geiste Martin Heideggers. Das großartige Buch, das leider nie veröffentlicht wurde, habe ich intensiv gelesen. Es war der Anfang eines Lernprozesses, und sechs, sieben Jahre später wurde mir die Bedeutung Heideggers, die weit über sein Naziengagement hinauszugehen schien, langsam klar. Da war Micha aber längst wieder von Heidegger abgerückt und hatte – lange vor Richard Wollin – in luziden Kritiken gezeigt, dass schon „Sein und Zeit“ ein nationalsozialistisches Buch ist. Als ich den amerikanischen Pragmatismus noch mit Horkheimer und Marcuse als instrumentelle Vernunft beschimpft habe, hatte Micha längst in einer Serie von Texten gezeigt, dass hier, bei Peirce, Dewey und Mead, die Wurzeln einer radikal egalitären Demokratie liegen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich das nachvollzogen hatte. Aber vor ein paar Monaten überraschte er mich dann mit einigen starken Argumenten für Horkheimers alte Pragmatismuskritik, und ich kann nur hoffen, dass er, wenn ich mir seine Argumente endlich zu eigen gemacht haben werde, wieder ein radikaldemokratischer Pragmatist geworden ist. Das zeichnet sich schon in einem seiner letzten Aufsätze ab, in dem er die Ikonisierung Stauffenbergs durch eine große Koalition aus FAZ und Scientology einem Denken konfrontiert, dass mit Walt Whitmann die Demokratie singt. Es ist das Denken des amerikanischen Pragmatismus.

In den 80er Jahren fuhren wir oft im Auto von Frankfurt nach Bielefeld, wo regelmäßig irgendeine Fachgruppe tagte. Wir redeten uns so sehr die Köpfe heiß, dass wir gelegentlich das Tanken vergaßen und auf der Strecke liegen blieben. Aber noch während wir nach Autos winkten, um ein paar Liter Benzin zu borgen, ging der Streit weiter. Alle existenziellen Lebensprobleme wurden dem endlosen Diskurs unserer Freundschaft einverleibt. In einer fürchterlichen Lebenskrise, die ihm alle Politik und alle Theorie grau werden ließ, sagte er plötzlich, „ich habe wieder Gehlen gelesen, und er hat Recht.“ Das war einer der seltenen Augenblicke des Unglücks, in dem ich ihm ohne wenn und aber zustimmen konnte. Die Augenblicke des Glücks waren immer im Streit. Der Gesang der Demokratie ist dieser Streit.

(aus: »Blätter« 11/2007, Seite 1312-1313)

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