Die Brüchigkeit der Demokratie | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die Brüchigkeit der Demokratie

von Seymour M. Hersh

Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, mit dem Allerwichtigsten anfangen. Die schlechte Nachricht lautet heute: King George Bush dem Zweiten verbleiben noch 481 Tage an der Regierung. Und die gute Nachricht? Morgen früh, wenn wir aufwachen, wird es ein Tag weniger sein. Hoffnungsträchtigeres hat die gute Nachricht, fürchte ich, nicht zu bieten.

Ich habe hier – gegen meine Gewohnheit – eine ausgearbeitete Rede, doch was sich heute bei den Vereinten Nationen abgespielt hat, erleichtert meine Aufgabe nicht.1 Niemand mag den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, ich ganz gewiss nicht. Er macht eine Menge schrecklicher Fehler. Aber es hat etwas von einer Hexenjagd, wenn alle Welt sich jetzt einfach auf den Iran stürzt, während das Verhalten einer amerikanischen Regierung – die mit Regierungen, die sie nicht mag, nicht einmal spricht – klaglos hingenommen wird. Die Regierung Bush weigert sich, mit der Hamas zu sprechen, sie spricht nicht mit Syrien, sie spricht nicht mit der Hisbollah und sie spricht, wie jeder sieht, nicht mit den Iranern.

Der Irrsinn, das eigentliche Übel besteht aber vor allem in der Unfähigkeit der Welt, der Presse und wichtiger Persönlichkeiten, sich auf dieses Verhalten meiner Regierung zu konzentrieren und es ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Denn dieses Verhalten und nicht die seltsamen Äußerungen eines mehr als seltsamen Iraners, der nicht gar so mächtig ist, sollten als das eigentliche Problem erkannt werden.

Es tut mir als einem loyalen Bürger Amerikas weh, vor einem ausländischen Auditorium stehend meine Regierung und deren Führung derart kritisch behandeln zu müssen. Und ich stelle mit allem Nachdruck fest: Es sind der Präsident und seine Berater in Washington, die an ihren Schreibtischen sitzen und junge Männer und Frauen in den Krieg schicken – ihnen gilt meine Kritik, nicht aber Amerikas Soldaten. Gewiss, den Irakkrieg kennzeichnen Entmenschlichung, Missbrauch und Folter, die schockierende Behandlung der Kriegsgefangenen meines Landes, Verstöße gegen das Völkerrecht, gegen die Genfer Konvention. Die Misshandlungen in Abu Ghraib, von denen wir alle gelesen und deren Bilder wir alle gesehen haben, waren keine Ausnahmeerscheinung, sondern die traurige Realität des Krieges. Nur: Die meisten von uns wissen, dass Krieg grausam ist – sehr grausam –, und dass er nur als letzter Ausweg in Betracht kommen darf. Doch was mein Präsident weiß und was er begreift, dessen bin ich mir nicht so sicher.

Jetzt sitzen wir alle da und warten auf Amerikas nächsten Zug. Wird Präsident Bush den Iran bombardieren? Wird er den Wahnsinn auf den gesamten Nahen und Mittleren Osten ausweiten? Wird Amerika seine neue Außenpolitik in der Region fortsetzen, deren Hauptziele darin zu bestehen scheinen, die Schiiten im Iran und im Libanon zu isolieren, sie auszuschalten, den syrischen Staat in die Knie zu zwingen und Israel dabei zu helfen, die Hamas-Regierung im Gazastreifen zu demütigen? Begreift Amerika, dass seine Politik den Glaubenskrieg, den Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten im Irak auf dramatische Weise und womöglich irreversibel ausweiten wird? Ist uns klar, dass Ajatollah Sistani, der bisher als eine Stimme der Vernunft unter den irakischen Schiiten gewirkt hat, mit wenigen Worten, mit einer Fatwa, den Heiligen Krieg gegen die Amerikaner im Irak ausrufen könnte, mit unvorstellbaren Folgen? Wie würde Bush reagieren, käme es zu einem totalen Krieg gegen Tausende amerikanischer Soldaten und Zivilisten? Gibt es irgendwen irgendwo – irgendeinen Außenminister oder ausländischen Staatsmann – , der meinen Präsidenten überzeugen kann, dass er mit den Syrern, den Iranern, der Hisbollah und der Hamas-Führung ins Gespräch kommen muss? Oder sollen wir einfach aufgeben – uns von dieser unlösbar erscheinenden Krise abwenden und Ferienwohnungen im Südpazifik kaufen oder in Ölaktien und Goldbarren investieren? All meine Millionärsfreunde und jeder, der in Washington mitredet – wir alle kennen sie, die Risikokapitalisten –, alle schwärmen mir vor, was für eine tolle Geldanlage Gold heute ist. Und natürlich Ölaktien. Na also, ist diese Krise nicht einfach großartig?

„Nie zuvor hatte ich weniger Einfluss auf die Führung meines Landes“

Natürlich brauche ich niemanden hier darüber aufzuklären, wie übel es in der Welt aussieht und für wie viele dieser Übel die amerikanische Führung mitverantwortlich ist. Ich bin ein Journalist, dessen Arbeit in den vergangenen vier Jahrzehnten wiederholt Auswirkungen auf die Außenpolitik seines Landes gehabt hat. Jetzt schreibe ich manchmal provozierende Zeitschriftenartikel, werde mit Preisen ausgezeichnet – wie heute Abend mit dem „Blätter”-Demokratiepreis – und meine Arbeit findet starke Beachtung. Doch nie zuvor hatte ich weniger Einfluss auf die Führung meines Landes. George Bush und Dick Cheney, der Vizepräsident, sind schlichtweg immun gegen das, was ich oder was viele ausgezeichnete Kollegen weltweit in den Zeitungen schreiben. Zwischen der Führung Amerikas und der Presse, dem Volk, und den Völkern der Welt ist die Kommunikation auf präzedenzlose, folgenschwere Weise gestört. Ich mag ein Aufwiegler sein oder als solcher gesehen werden, aber mein gesamtes Berufsleben hindurch habe ich Informationen stets im Gespräch mit den führenden Regierungsvertretern abgleichen können, ob im Weißen Haus, im Außenministerium oder in der CIA.

Henry Kissinger habe ich, als er Außenminister war und seither immer wieder, scharf kritisiert. Ich finde, Leute, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit lügen, mit der andere atmen, sind gefährlich, besonders, wenn sie als Nationale Sicherheitsberater amtieren. Und trotzdem bin ich, als er in der Regierung war und ich bei der „New York Times”, mit meinen Stories zu ihm und einem seiner engsten Mitarbeiter, Lawrence Eagleburger, gegangen.

Worauf ich mit diesem Hinweis hinauswill: Bei meiner Arbeit versuche ich stets sicher zu gehen, dass nichts, was ich veröffentlichen möchte, meine Mitbürger beim Militär oder den Nachrichtendiensten gefährden könnte. Als ich für die „New York Times“ arbeitete, wurde in einigen Fällen die Veröffentlichung eines Berichtes aufgeschoben, damit die Führung des Landes ihre Leute vor Schaden bewahren konnte. Ich fand immer, dass diese Praxis vernünftig ist und allen Beteiligten entgegenkommt – die Redakteure der „Times“ und des „New Yorker“ beruhigt es zu wissen, dass die Informationen stimmen, und die Regierung kann sich davon überzeugen, dass der Widerspruch, auch scharfer Widerspruch, wie er gelegentlich von mir kommt, mit der größten Ernsthaftigkeit und nicht aus Sensationsgier erhoben wird.

Im Laufe der Jahre bin ich mit vielen Spitzenbeamten der amerikanischen Intelligence Community zusammengetroffen, mit CIA-Direktoren ebenso wie mit den Leuten von der National Security Agency, der wichtigsten amerikanischen Regierungsbehörde für Abhörmaßnahmen und elektronische Nachrichtenbeschaffung. (Sie haben da ja das gleiche Problem wie wir: die Einschränkung unserer Bürgerrechte. Hier wird das sehr pfiffig gemacht, in England noch viel ausgeklügelter als selbst in Amerika, glaube ich. Es handelt sich dabei um eine internationale Bedrohung, weil die Technik so phantastische Möglichkeiten eröffnet.)

Ich treffe mich also gelegentlich mit Geheimdienstleuten. Manchmal sind diese Begegnungen unterkühlt, manchmal in der Tonlage sogar offen feindselig, aber allein die Tatsache, dass sie zustande kommen, ehrt unsere Verfassung und ihren Ersten Zusatz, der mir als Journalist das Recht garantiert, eine jede Information zu veröffentlichen, die ich erlange – sei sie nun streng geheim oder nicht. Das ist durchaus ungewöhnlich, ich glaube, so etwas gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. In den Vereinigten Staaten habe ich nach dem, von Thomas Jefferson bewirkten, Ersten Verfassungszusatz das Recht, selbst zu entscheiden, ob ich ein Staatsgeheimnis wahre oder aufdecke. Es ist Regierungssache, Dinge geheim zu halten, und meine Aufgabe herauszufinden, was dahinter steckt. Wenn ich ein Geheimdokument auftreibe, muss ich entscheiden, ob ich es veröffentliche, egal ob „top secret“ daraufgestempelt ist oder nicht. Wir Journalisten haben zu entscheiden, natürlich mit Verstand und nicht aus bloßer Sensationsgier. Aber es ist unsere Entscheidung, so steht es immer noch im Ersten Verfassungszusatz, auch wenn der in Vergessenheit geraten zu sein scheint.

In der Bush-Administration gibt es nichts dergleichen – keines der geschilderten Treffen, kein Verständnis für den Gedanken, dass wir, die Widerspruch einlegen, ebenfalls Bürger sind und unsere Pflicht erfüllen wollen. Der Präsident hat seine Linie nach 9/11, als er den „War on Terrorism“ ausrief, glasklar markiert: Wer nicht „mit uns“ ist, ist „gegen uns”, verkündete er dem amerikanischen Volk und der ganzen Welt. Ich aber gehöre nicht zum Team, denn ich plappere die Parolen nicht nach, die bei den briefings im Weißen Haus ausgegeben werden, also habe ich keinen Zutritt mehr. Für dieses Weiße Haus existiere ich ganz einfach nicht.

„Journalist zu sein, ist ein ständiger Lernprozess“

Nächste Woche veröffentliche ich wieder einen Artikel im „New Yorker”, und wir haben deshalb eine Menge herumtelefoniert.2 Wir haben der Regierung bohrende Fragen gestellt und ihr die Gelegenheit geboten, Stellung zu nehmen, in der Hoffnung, irgendwer werde irgendwann reagieren. Aber es gibt, abgesehen von persönlichen Angriffen gegen mich, keinerlei Reaktion. Also folge ich meinen eigenen Regeln. Ich versorge bestimmte Leute, die ich kenne, mit Kopien des betreffenden Materials. Da muss ich dann nachts an ihre Briefkästen in den Vororten Washingtons, in Virginia oder Maryland.

Nach wie vor tue ich mein Bestes, um jede Information vor der Veröffentlichung nachzuprüfen und sicherzustellen, dass nichts, was ich schreibe, irgendwelche Mitbürger oder irgendwelche Verbündeten unnötig in Gefahr bringt. Natürlich gibt es eine Reihe von Insidern, die sich mir weiterhin anvertrauen. Ich verfahre ein wenig nach Art der Vampire, die nur im Dunkeln agieren. Beamte, die mir wohlgesonnen sind, rufe ich nicht tagsüber im Büro an – das wäre ein Todeskuss oder -biss. Ein großer Teil meiner Arbeit spielt sich deshalb außerhalb der regulären Bürostunden oder an Wochenenden ab, bei den Leuten zuhause oder in entlegenen Städten, weit weg von Washington. Auf neutralem Boden sozusagen.

Journalist zu sein, ist ein ständiger Lernprozess. Wenn zum Beispiel jemand von den Leuten, mit denen ich in Verbindung stehe, die Stadt verlässt, um an einer Veranstaltung irgendwo anders teilzunehmen – und wenn wir uns verabreden, versuchen wir ja, uns irgendwo außerhalb der Stadt zu treffen – , dann kommt es zu einem Ritual.

Wenn ich etwa einen meiner Freund weitab von Washington treffe, ist das in aller Regel bei einem ungewöhnlich zeitigen Frühstück, oft sonntags morgens, in einem der schicksten Hotels der Gegend, wo man am Wochenende spät aufsteht. Selbst wenn sie offiziell geschlossen haben, öffnen Spitzenhotels auf Wunsch ihre Küche.

Bei einem dieser Treffen, das – 3000 Meilen weit weg von Washington – gegen sechs Uhr im Frühstücksraum des Hotels begann, war mein Gesprächspartner ein ebenso engagierter wie informierter Geheimdienstmann. Ich brauche ihnen nicht zu erzählen, wieviel Verzweiflung Bush innerhalb der USBürokratie ausgelöst hat. Wie wir alle wissen, liegt es in der Natur des Menschen, dass er seine Arbeit so gut wie möglich machen will. Eine Art Urinstinkt. Jeder hier möchte seine Sache möglichst gut machen, so ist das nun mal. Auch wer beim Militär ist oder beim Geheimdienst, wer hohe Regierungsfunktionen hat, möchte so arbeiten, wie es sich gehört. Er möchte seine Arbeit aber auch nicht verlieren. Er hat Frau und Kind, eine Hypothek abzuzahlen, einen Hund, eine Katze. Also möchte er nicht kündigen. Als Berufsbeamter weiß man, demnächst kommt eine andere Regierung und es wird wieder besser werden.

Das sind also die Leute, mit denen ich zusammenkomme. In dem Fall, von dem ich hier rede, blieben wir bemerkenswerterweise stundenlang unter uns. Irgendwann, so gegen acht Uhr, tauchte ein Paar mit zwei kleinen Kindern auf und nahm an einem der Nebentische Platz. In einem großen Restaurant, in dem außer uns niemand saß. So ist die menschliche Natur, der Herdentrieb, die Suche nach einem sicheren Plätzchen in der Wildnis.

Mein Gegenüber, der sich ein Berufsleben lang mit Geheimdienstproblemen befasst hat, nickte mir zu und flüsterte: „Gehen wir.“ Ich wollte ihn aufhalten, dachte, er spinnt, aber er stand einfach auf und ging, so dass ich ihm folgte. Keiner von uns sagte etwas, bis wir an ein nahegelegenes Gewässer kamen und dort entlang gingen. Da erklärte er dann sein seltsames Verhalten: Im Einsatz, erläuterte er, wenn er als Agent ein ausländisches Zielobjekt beobachte und belausche, nehme er manchmal Frau und Kinder in das Restaurant mit, in dem das Zielobjekt sich aufhält, um dann möglichst dicht an den nichts ahnenden Ausländer heranzurücken. Natürlich würde das Zielobjekt sich über jemanden, der nebenan mit plappernden Kindern beschäftigt ist, kaum den Kopf zerbrechen und sich einfach weiter unterhalten.

„Natürlich”, erklärte mein Gesprächspartner, „war das Paar, das eben neben uns saß, völlig harmlos, aber alte Gewohnheiten wird man nun mal nicht so leicht los.“ Was er mir damit sagen wollte, war hauptsächlich: „Wozu ein Risiko eingehen?“ Was für eine Art zu leben, dachte ich. Und wie traurig muss es für diesen Geheimdienstprofi sein, von der Politik seines Präsidenten derart abgekoppelt zu sein wie heute, besonders wenn man bedenkt, was er geleistet hat.

„Den Mund aufmachen, gegen Unmoral und Rechtsbruch“

Und trotzdem denkt er gar nicht daran, einfach den Mund aufzumachen und offen auszusprechen, was ihn bedrückt. Den Mund aufmachen, gegen Unmoral und Rechtsbruch. Genau diese Sprache hören wir nicht, das Wort, das niemandem in Amerika über die Lippen kommt, wenn es um diese Kriege geht, ist: Moral. Ich habe die Berechnungsverfahren der Zeitschrift „Lancet“ studiert, also des Medizinjournals aus Großbritannien, das vor zwei Jahren auf 600 000 Tote kam. Die Statistiker, mit denen ich darüber sprach, halten das Verfahren für wohlüberlegt und äußerst vorsichtig. Es gibt bekanntlich auch andere Zahlen, 800 000, 900 000, aber man muss gar nicht so hoch greifen. Das andere Problem besteht darin, dass Millionen den Irak verlassen haben. 1,6 Millionen sind nach Syrien geflüchtet, 800 000 nach Jordanien und wer weiß wie viele Hunderttausende sonstwohin. Heute haben wir also eine neue Krise vom Ausmaß der palästinensischen. Seit dem Krieg von 1948 lebten und leben immer noch Millionen von Palästinensern in diesen schrecklichen Lagern. Und jetzt errichten wir neue Lager für Sunniten und Mitglieder der Baath-Partei, mit Gott-weiß-welchen Folgen.

Aber in Washington ist das kein Thema. Man verschwendet keinen Gedanken daran, und das erschüttert mich. Es wird einfach nicht erwähnt. In Amerika haben wir bisher kaum hundert irakische Flüchtlinge pro Jahr aufgenommen. Gerade wurde entschieden, dass wir im kommenden Jahr möglicherweise 7 000 nehmen werden. Aber selbst wenn es dabei bleibt, bezweifele ich, dass sie tatsächlich ins Land gelangen.

Ich weiß nicht, warum es in Amerika gegenwärtig so wenig offenen Widerspruch gegen Morallosigkeit und Rechtsbruch gibt. Was ich aber weiß, ist, dass dieser Mangel unsere Demokratie schwächt. Man könnte sagen, die Bush-Administration demonstriert die Brüchigkeit der Demokratie. Alle Vorkehrungen, die unsere Gründerväter einst getroffen haben, um Amerika vor einem Präsidenten zu schützen, der seine Ansichten und seine Politik über das Gesetz stellt, haben diesmal versagt. Ich behaupte durchaus nicht, Amerika sei dabei, sich in einen faschistischen Staat zu verwandeln. Es wird Wahlen geben, und nicht etwa Gefängnisse für Andersdenkende. Bush wird keine Lager einrichten. Er wird den Wahlprozess über sich ergehen lassen. Aber unser System hat seine Schwäche und Zerbrechlichkeit demonstriert, keine Frage. Völlig versagt haben der Kongress, die Presse, das Militär und nicht zuletzt die Bundesbediensteten, die Bürokratie. Es gibt zwei oder drei Millionen Menschen, die für die Regierung arbeiten – für mich wie für andere Journalisten die Informationsquelle.

Warum die Zeitungsbranche so furchtbar versagt hat, weiß ich nicht. Man hat die Augen zugemacht. Nach 9/11 beschlossen meine Kollegen, sich der Regierung anzuschließen. Aufgrund meiner persönlichen Kontakte – ich habe ja jahrelang für die „New York Times“ gearbeitet und Freunde dort – weiß ich, dass ich durchaus nicht alleine dastand. Viele Journalisten hatten begriffen, wie schlecht Bush in den Jahren 2002 und 2003 war, schon vor dem Krieg. So gab es bei der „New York Times“ einen bestimmten Journalisten, dessen Stories entweder nicht veröffentlicht oder zusammengestrichen und auf die hintersten Seiten verbannt wurden, wodurch man ihn um seine Wirkung brachte. 2002 beschrieb er in verschiedenen Artikeln, wie in den Geheimdiensten Mitarbeiter überprüft werden. In der „Times“ wurden seine Berichte stets heruntergespielt, und jedes Mal folgte sogleich ein Dementi des Weißen Hauses. Doch unsere Aufgabe in der Zeitungswelt besteht nicht darin, Kriege zu bejubeln oder auf Kriege zu drängen, sondern in der kritischen Prüfung der Argumente, die der Präsident zugunsten eines Krieges vorbringt, sowie in der Vergewisserung, dass er aufrichtig und mit Umsicht handelt.

Aber diesem Präsidenten ist es beispielsweise gelungen, der amerikanischen Presse und dem amerikanischen Volk „the surge“ [auf deutsch die Druckwelle oder der Stromstoß; gemeint ist die neue Irakstrategie unter General Petraeus – D. Übs.] als Erfolg zu verkaufen. Doch in meinen Augen ist „the surge“ lediglich ein anderer Ausdruck für „ethnische Säuberung”. Es stimmt ja, in der Provinz Anbar, der großen Wüstenprovinz westlich von Bagdad, hat sich die Lage seit „the surge“ verbessert – insofern nämlich, als Morde an Andersgäubigen und Anschläge mit Autobomben tatsächlich zurückgegangen sind.

Die Lage ist besser, weil die über hunderttausend Schiiten, die in dieser Provinz, einer der größten des Irak, gelebt haben, schlicht weg sind; sie hausen jetzt in Zeltstädten hinter Betonplatten in Sadr City, Bagdad. Es ist also, anders gesagt, deshalb besser geworden, weil die Opposition weg ist. Und wenn es noch besser werden sollte, so deshalb, weil mein Land sich eine Stadt nach der anderen vornimmt, Mauern baut, die Menschen trennt und das religiöse Sektierertum anheizt. „The surge”, der ersten Ankündigung des Präsidenten vom vergangenen Januar zufolge „ein Mittel, [die Menschen] zusammenzuführen und dem Sektierertum ein Ende zu machen”, ist in Wahrheit genau das Gegenteil. Tatsächlich findet sich die zitierte Ausdrucksweise in der jüngsten Redeserie vom August, in der Bush „the surge“ verteidigte, kaum noch. Der Präsident richtet sich offensichtlich darauf ein, dass es ein weiteres balkanisiertes Land geben wird.

Am schlimmsten hat der Kongress versagt, dessen Vertreter vom Volk gewählt werden, um seine Rechte zu schützen. Der Kongress hat nicht begriffen, wer dieser Präsident ist. Er hat vor der Aufgabe versagt, George W. Bush bei seinen außenpolitischen Torheiten in den Arm zu fallen. Die ihm von der Verfassung zugewiesenen Aufsichts- und Führungsaufgaben hat der Kongress nicht erfüllt. Senatoren und Abgeordnete entzogen sich nach 9/11 ihrer Verantwortung und begaben sich mit ihrer Bereitschaft, George W. Bush ohne Not in den Irakkrieg zu folgen, in die Abhängigkeit des Präsidenten. Dabei war ihnen gewiss nicht weniger als den Gegnern des Krieges bekannt, dass Osama bin Ladens Weg aus Afghanistan nicht durch den säkularen Irak führte. Und trotz der Wahlsiege der Demokraten im vergangenen Herbst kann der Präsident leider immer noch seinen Willen durchsetzen, etwa in Sachen surge. Ich persönlich glaube, dass die Demokraten die Wahlen 2008 kaum gewinnen können, solange sie in Sachen Irak weiter mit Zahlen jonglieren, denn das ist ein Spiel, mit dem das Weiße Haus mühelos klar kommt.

Raus aus dem Irak – besser heute als morgen

Für den Irak gibt es eigentlich nur zwei einfache Lösungen, sage ich immer, und für die Amerikaner in diesem Krieg nur zwei Optionen. Option A: Alle raus bis heute Abend 24.00 Uhr. Option B: Alle raus bis morgen Abend 24.00 Uhr.

Die 200 000 Oktan, die diesen Krieg antreiben, sind wir. Es wird niemand sonst geben. Die Vereinten Nationen können nicht kommen, weil man sie genau wie uns als Outsider, als Eindringlinge und Besatzer betrachten wird. Aber auch niemand sonst kann kommen. Wer immer in den Irak kommen könnte, jede Art Friedenstruppe, von der wir träumen, ganz besonders die UNO mit dieser neuen, überaus sanften koreanischen Führung – sanft insofern, als sie Amerika mit Samthandschuhen anfasst – nein, das alles ist einfach unrealistisch. Ich sehe nur eine einzige Möglichkeit: Ein amerikanischer Abzug würde die Stämme, die das Rückgrat der irakischen Zivilgesellschaft bilden, einfach zwingen, eine Lösung zu finden.

Zwischen den Schiiten und den Sunniten im Irak hat es, wie zwischen Sunniten und Schiiten überall, stets religiöse Streitigkeiten gegeben. Das reicht offenkundig tausend Jahre weit zurück, ja mehr noch, 1400 Jahre. Spannungen gab es immer. Aber auf beiden Seiten waren die Stämme, viele Stämme, sehr gemischt. Und es gab immer eine Lösung. Eines steht nach wie vor fest: Wir müssen den Anfang machen, indem wir abziehen. Das ist die einzige Rettung.

Ursprünglich, als er den surge-Plan Anfang des Jahres ankündigte, hatte der Präsident dem amerikanischen Volk gesagt, seine neue Strategie werde die Einheit des Irak wiederherstellen. Doch diesem Mann bedeuten Worte nichts. Es sind eben nur Worte, die man im Bedarfsfall ausspricht und dann vergisst oder ignoriert, wenn sie unbequem werden.

„Ich lebe und sterbe für Worte“

Was für eine Situation! Wie viele andere Journalisten auch – und wie viele unter uns – glaube ich an Worte – ich lebe und sterbe für Worte. Die rechten Worte in die richtige Reihenfolge zu bringen, darin besteht das ganze Leben eines guten Reporters. Daran ist nichts Besonderes. Zu schreiben heißt, Wörter benutzen, um Gedanken zu übermitteln. Ob es einfache oder schwierige Gedanken sind, spielt hier keine Rolle. Doch heute haben wir es mit einem Präsidenten zu tun, dem Worte bestenfalls als Mittel zum Zweck dienen.

Was kann ein Journalist da machen? Was mich betrifft, so verstehe ich meine Rolle ganz elementar: Ein verantwortungsbewusster Journalist in Washington muss die führenden Vertreter der Regierung an den höchsten Kriterien messen und darf sich dabei niemals erweichen lassen. In Amerika haben wir ein sehr ernstes Problem – eines, das den loyalen Bürger ständig ins Nachteil setzt. Die Bushs und Kissingers und Nixons oder Johnsons haben die Machtbefugnis, unsere Kinder – unsere eigenen Söhne und Töchter – in den Krieg zu schicken, um zu töten und getötet zu werden. Als loyale Bürger achten wir diese Befugnis, folgen unseren Führern bereitwillig und schicken unsere jungen Leute in den Krieg. Wir haben das in Korea erlebt, in Vietnam und jetzt erleben wir es im Irak. Und was erhalten wir, die Bürger, als Gegenleistung? Was haben wir, aller Erfahrung nach, von unseren Führern zu erwarten?

Was wir bekommen, sind Führer, die lügen, die Tatsachen verfälschen, verzerren und manipulieren. Das ist ein ganz schlechtes Geschäft; jeder Bürger und jeder Journalist sollte dagegen aufbegehren. Als Vater weiß ich: Ich belüge meine Kinder nicht, und ich gehe davon aus, von ihnen nicht angelogen zu werden. Vertrauen auf Gegenseitigkeit macht den Kern einer jeden Lebensbeziehung aus, ob mit der Ehefrau, dem Ehemann, mit Partnerin oder Partner. Daran ist nichts Außergewöhnliches und nichts spezifisch Amerikanisches, und doch verzichten wir in den Vereinigten Staaten immer noch darauf, die für unsere nationale Sicherheit Verantwortlichen mit dem gleichen Maßstab zu messen – ob Lyndon B. Johnson, McGeorge Bundy oder John F. Kennedy – , also jene Männer, die uns in den 60er Jahren in Vietnam mit Fehlinformationen in einen nutzlosen, ja verbrecherischen Krieg stürzten.

Dann kam Richard Nixon, der den verlorenen Krieg fortsetzte, um ... ja, um was zu retten? Ich habe nie verstanden, was mit der Anerkennung der Tatsache, dass der Krieg gegen Nordvietnam niemals zu gewinnen war, riskiert worden wäre. Im darauffolgenden Jahrzehnt hatten wir Ronald Reagan, der Grenada angriff, eine kleine Karibikinsel, deren Bevölkerung zu Tausenden überall in den Vereinigten Staaten als Haushaltshilfen arbeitete. Reagan glaubte, dass Kuba aus Grenada ein Bollwerk des Kommunismus machen wollte. Danach hatten wir den Krieg in Nikaragua, den Drogenkrieg, den Antiterrorkrieg, Krieg gegen die Schiiten, gegen den Irak und nun vielleicht den nächsten – Krieg gegen den Iran und die Schiiten der ganzen Region.

Präsident Bush plant, mit diesem Krieg die Westeuropäer, gemäßigte Sunniten, die Saudis, Jordanier und Ägypter – auf die allesamt das Wort „gemäßigt“ nicht so recht passen will, aber das Weiße Haus nennt sie so – mit den Israelis gegen Hamas, Iran, Syrien und Hisbollah zusammenzuschweißen. Das ist der Plan. Auf Arabisch heißt das fitna, Krieg der Muslime untereinander. (Ich weiß, ich werde dem Wort nicht gerecht, es ist vielschichtiger und bedeutet nicht einfach nur „Krieg”, aber das ist eine seiner Übersetzungen.)

Wie dem auch sei – eines haben all diese Abenteuer miteinander gemein: Es handelt sich um amerikanische Kriege in der Dritten Welt. An der Präsidentschaft Bill Clintons hatte ich vieles auszusetzen, aber er verdient Respekt für seine Entscheidung im Jahre 1999, zur Beendigung der Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien Bombenangriffe der NATO anzuordnen, ein Bombardement von 79 oder 80 Tagen. Was mich daran beeindruckte, ist Folgendes – die Tatsache, dass Bill Clinton mit diesem Befehl der erste amerikanische Präsident seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde, der die Bombardierung weißer Menschen anordnete. Vielleicht handelt es sich ja bloß um ein Kuriosum, vielleicht sagt es aber auch etwas über den Rassismus in Amerika aus. Ich weiß, welch gewaltige Rolle der Rassismus in unserem Leben spielt.

Was in My Lai tatsächlich geschah

Lassen Sie mich – die Stichworte My Lai und Abu Ghraib sind gefallen – näher darauf eingehen, um auf eher indirekte Weise zu veranschaulichen, worum es sich letztlich handelt. My-Lai, das war bekanntlich dieses schreckliche Massaker, das amerikanische Soldaten in Vietnam anrichteten. Die Parallelen zum Irakkrieg drängen sich auf. In Vietnam führten wir mit jungen, ungebildeten Soldaten einen Guerillakrieg in einer Gesellschaft, einer Kultur, die sie nicht verstanden. Und den Feind bekamen wir nie zu Gesicht. Im Irak ist es genauso: Der Feind bleibt unsichtbar. Wie in Vietnam werden unsere Soldaten in die Luft gesprengt, in Hinterhalte gelockt – und die einzigen Ziele, auf die sie schießen können, sind gewöhnliche Leute.

Junge Offiziere, Kompanieführer, erzählten mir, dass sie ihre Zeit im Irak zu 95 Prozent quasi als Ersatzeltern verbringen: mit Versuchen, 18- oder 19jährige Jungs davor zu bewahren, Dinge zu tun, die sie ins Gefängnis bringen würden. Als wären sie deren Mütter und Väter. Nichts ist so furchterregend und so dumm wie ein 17- oder 18jähriger Junge, der eine Waffe hat, nichts versteht und vor Angst vergeht. Und natürlich wird er, nachdem man seine Kameraden in die Luft gejagt hat, darauf aus sein, anderen Leuten wehzutun.

Lassen Sie mich also von einer Einheit namens „Charlie Company“ berichten und davon, was in My Lai geschah. Diese Kompanie war 1967 um Weihnachten herum nach Vietnam verlegt worden und verlor in den folgenden drei Monaten vielleicht 15 oder 20 ihrer hundert Mann. Die jungen Leute stürzten in Fallgruben, die mit vergifteten Spitzen gespickt waren, wurden von Heckenschützen beschossen und gelegentlich Opfer von Bombenanschlägen. Aber den Feind bekamen sie niemals zu Gesicht. Eines Abends sagte man ihnen: Morgen früh, am 16. März, bekommt ihr ein nordvietnamesisches Kampfbataillon zu sehen. Schnappt euch die Burschen! Die Kids taten, was Kids damals so taten: Sie bekifften sich. Und die Offiziere machten, was man damals so machte: Sie betranken sich. Um 4.00 Uhr früh standen sie dann auf, diese verängstigten Menschen, und zogen los, um zu töten und getötet zu werden.

Als sie ankamen, stießen sie auf ungefähr 500 Männer, Frauen und Kinder, die gerade frühstücken wollten. Aus unerfindlichen Gründen – die vielleicht nicht unerfindlich und unerklärlich sind, aber in Amerika möchten wir das gar nicht so genau wissen – umzingelten sie diese Leute, teilten sie in drei große Gruppen ein und begannen, sie zu erschießen. Das Massaker dauerte fünf Stunden.

„Eine Geschichte, die niemand hören wollte“

Ich erfuhr davon anderthalb Jahre später und machte mich an die Arbeit. Es erwies sich als ziemlich schwierig, diese Geschichte zu publizieren – ich arbeitete damals freiberuflich –, denn was besagte sie? Sie besagte, dass mein wunderbares Land – das im Zweiten Weltkrieg meinen konnte, Grausamkeiten begingen nur die anderen – beim Kriegführen nicht besser war als irgendwer sonst im Lauf der Geschichte. Entmenschlichung ist Entmenschlichung.Das war eine Geschichte, die niemand hören wollte. Nun, ich erfahre davon und mache mich an die Arbeit, schreibe Artikel und biete sie den Zeitungen an. Schließlich finden wir einen Weg, sie zu veröffentlichen: Ich gründe nämlich eine eigene Nachrichtenagentur. Weil keine Zeitung verantwortlich zeichnen wollte, übernahm diese Agentur die Verantwortung. Jetzt konnten die Zeitungen die Geschichte drucken, als käme sie von Agence France Press, Associated Press oder dergleichen. Also erscheinen weitere Artikel, ich kann etwas tun. Zwei Wochen lang reise ich in ganz Amerika herum und rede mit den Leuten. Durch die Veröffentlichung der Geschichte hatte ich erfahren, dass mittlerweile, anderthalb Jahre danach, die meisten der an dem seinerzeit vom Militär vertuschten Massaker beteiligten Soldaten wieder zuhause waren. Also reise ich herum und suche die Leute. Nach zwei Wochen, in denen ich mit fünf oder sechs Leuten gesprochen und zwei Artikel geschrieben habe, beschränkt der Rest des Pressecorps sich immer noch darauf, mir zuzugucken. Sie kaufen meine Artikel, aber sie unternehmen keinerlei Eigenrecherchen. Sie warteten einfach ab. Ich kenne mich ein wenig aus und weiß, dass da eine gewisse Passivität herrscht.

In dieser Situation spreche ich mit den Soldaten, und plötzlich bricht eine verdrängte Erinnerung auf. Die Geschichte verlief folgendermaßen: Die Soldaten schossen in den Graben, einer nach dem anderen. Ein Leutnant namens Calley – obwohl auch viele andere Offiziere beteiligt waren, wurde Calley irgendwie zur Schlüsselfigur – befahl den Soldaten zu schießen. Die meisten der Männer – fast die Hälfte von ihnen Hispanics und Afro-Amerikaner –schossen nicht. Das heißt, sie schossen – sie wollten nicht dabei erwischt werden, nicht zu schießen –, aber sie schossen bewusst zu hoch. Wenn ich sage „die meisten”, heißt das, 10 oder 12 der 22 Soldaten, mit denen ich sprach, berichteten mir unabhängig voneinander, sie hätten in die Luft geschossen. Sie hatten Angst davor, beim Nichtschießen erwischt zu werden, denn die weißen Jungs würden sie dann vielleicht später auch umbringen. Wenn es erst mal losgegangen ist, weiß man nicht, wie es endet.

Es wurde auch vergewaltigt und misshandelt, aber vor allem geschossen. Einer hatte besonders eifrig geschossen, ein Bauernjunge namens Paul Meadlo aus New Goshen, einer Kleinstadt in Indiana. Man hatte ihn eingezogen (sein IQ war nicht besonders hoch) und an die Front geschickt. So etwas passiert – auch in Demokratien. Er schießt also und schießt immer weiter, während die meisten anderen bereits aufgehört hatten. Unten im Graben hatte eine Mutter einen kleinen Jungen so unter ihren Bauch geschoben, dass die Kugeln ihn nicht treffen konnten. Nach einigen Minuten sind Klagelaute zu hören, die lauter und lauter werden. Dann kommt dieses Kind zum Vorschein, über und über besudelt vom Blut der anderen. Es krabbelt nach oben und beginnt quer durch den Graben wegzulaufen, in Richtung ... Wohin auch immer.

Leutnant Calley hatte gesehen, dass Paul Meadlo ein Magazin nach dem anderen verschossen hatte, ungefähr acht Stück – ein Magazin fasst, glaube ich, 16 Patronen; die Waffe schießt halbautomatisch, man muss nur den Abzug festhalten. Einige der anderen waren nach kurzer Zeit zurückgeschreckt vor dem, was sie da taten. Doch dieser Bauernjunge hatte immer weitergemacht. Also sagt Calley zu Meadlo: „Niet’ ihn um!“ („Plug him!“, sagte er, wörtlich.) Aber Meadlo antwortet: „Ich kann nicht!“ Da greift Calley mit dem Ausdruck äußerster Verachtung nach seinem Karabiner, läuft dem Kind nach und – daran erinnerten sich alle – schießt ihm in den Hinterkopf.

„Ich gab ihnen einen guten Jungen, und die schickten mir einen Mörder zurück.“

Am nächsten Tag, auf Patrouillengang, trugen einige der Hispanics und der Afro-Amerikaner schwarze Armbinden. Gesprochen wurde nicht viel. Paul Meadlo trat auf eine Mine und verlor ein Bein, vom Knie abwärts abgerissen. Er fing an zu schreien, sie riefen eine fliegende Ambulanz, einen Medivac- Hubschrauber, der ihn rausholen sollte. Meadlo stammelte: „Gott hat mich gestraft, Leutnant Calley. Und Sie wird Gott auch strafen! – Gott hat mich gestraft!” Das ist der Grund, weshalb ich von verdrängter Erinnerung spreche. Weil niemand sich an diese Szene erinnern wollte. Als läge ein Fluch darauf. Als die, mit denen ich sprach, doch davon zu erzählen begannen – einige habe ich mehrmals besucht – , erinnerten sie sich, alle, dass sie nur noch einen Gedanken gehabt hatten: „Schafft ihn hier weg!“ Schließlich wurde Meadlo abgeholt. Viele Jahre später erfuhr ich, dass er fünf Wochen in einem Krankenhaus in Japan verbracht und kein einziges Wort gesprochen hatte. Kein Wort. Zu niemandem.

Die Suche nach Meadlo war ziemlich mühsam. Es gab damals noch kein Google, keine Suchmaschinen. Er stammt, wie gesagt, aus einer Kleinstadt in Indiana. Ich habe herumtelefoniert wie verrückt. Ich war in Salt Lake City, Utah, und telefonierte, telefonierte, telefonierte. Schließlich fand ich einen Operator, der mir ein Stück weiterhalf: In einer der Städte dort gab es einen Meadlo, der sich genauso buchstabierte wie „meiner”. Das war eine Möglichkeit, denn der Name „Meadlo“ ist ungewöhnlich – anders als „Smith”. Ich finde die Nummer, rufe an. Eine ältere Frau mit Südstaatenakzent meldet sich. (Der Ort liegt weit unten im Süden Indianas, dicht an der Grenze zu Kentucky, und der Ku Klux Klan war dort seinerzeit, nebenbei gesagt, sehr stark; eine sehr rassistische Gegend, selbst noch 40 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg.) Ich sage der Frau: „Ich bin Reporter. Ich möchte mit Ihrem Sohn sprechen.“ Sie sagt: „Ich weiß nicht, ob er mit Ihnen sprechen wird.“ Ich erkläre: „Morgen bin ich da. Ich komme per Flugzeug.“ Also fliege ich und finde New Goshen. Es liegt südlich von Terra Haute in Indiana, südlich von Indianapolis, das nicht weit südlich von Chicago liegt. Ich hatte keinen blassen Schimmer. Es gab ja, wie gesagt, noch keine Suchmaschinen, auch noch kein „MapQuest”. Ich fliege die ganze Nacht durch, komme nach Indianapolis, miete mir einen Wagen und fahre, fahre, fahre. Schließlich finde ich sie, diese schreckliche, armselige Hühnerfarm. Offensichtlich gibt es auf dem Hof keinen Mann, der sich kümmert. Die Hühner laufen überall herum, die Käfige sind zerrissen. Es gibt eine Bude, einen Bretterverschlag. Ich fahre auf den Hof, und sie kommt heraus. Sie ist vielleicht 50, sieht aber aus wie 70. „Ich bin der Reporter”, stelle ich mich vor. „Ist Ihr Sohn da?“ Sie sagt „Ja”, und ich frage: „Kann ich mit ihm sprechen?“ „Ich weiß nicht”, antwortet sie, „das hängt von Ihnen ab.“ Und dann sagt mir diese ungebildete alte Frau von 50 Jahren: „Ich gab ihnen einen guten Jungen, und die schickten mir einen Mörder zurück.”

Zeitsprung vorwärts, 35 Jahre später. Ich arbeite an Abu Ghraib. Ich schreibe die Geschichte, möchte CBS damit unterstützen, aber die haben Angst, die Sache zu bringen. Dann bekomme ich einen Geheimbericht, geschrieben von einem wirklich bewundernswerten General, dessen Karriere vorbei ist, eben weil er so bewundernswert anständig war, aber so läuft das nun mal. Jetzt hatte ich eine größere Geschichte. Ich wollte, dass CBS die Bilder bringt, weil der schriftliche Bericht dadurch noch mehr Gewicht bekäme und noch verheerender wirken würde. Das amerikanische Gefängnissystem war so kontaminiert – und ist es immer noch. Das ist unter jeder Regierung so: Wenn man zulässt, dass ein Geheimdienst – wie bei uns der CIA – Gefangene extrem behandelt und foltert, wirkt das ansteckend. Wie man innen auf Kleidungsstücken lesen kann: Einheitsgröße, One size fits all! Wenn die Army erfährt, was die CIA tun kann, möchte sie es auch tun. Und wenn die Army Bescheid weiß und die anderen Geheimdienste es wissen und die Wachleute Verhöre durchführen, dann machen es schließlich alle gleich.

Als ich anfing, über Abu Ghraib zu arbeiten, war von Regeln nichts zu hören, kein Wort. Man konnte tun, was man wollte, ohne dass einem etwas passierte. Aber jetzt, nach Abu Ghraib, gibt es jede Menge Regeln und Beschlüsse von ganz oben, aus dem Weißen Haus. Da draußen allerdings konnte man, glaube ich, einfach tun, was man wollte. Köpfe unter Wasser tauchen, was auch immer, ganz egal.

Eines darf man nicht vergessen: Die Kids, die diese Dinge tun, sind genauso Opfer wie die, denen sie sie antun. Auch sie hat man viktimisiert. Wer sich damit aufhält, die Schuld bei ihnen zu suchen, verschwendet seine Zeit. Eben das finde ich so erschreckend. Wenn man mit diesen Menschen spricht, die die Fotos von Abu Ghraib aufgenommen haben, sind es nette, liebenswürdige, gar nicht unintelligente amerikanische junge Männer und Frauen vom Lande, Typ gute alte Mittelschicht. Man spürt keinerlei Böswilligkeit.

Irgend ein Landstädtchen in Amerika

Da sitze ich also an dieser Geschichte, bekomme den Report des Generals und schreibe und schreibe.3 Denn ich weiß, das geht an Rumsfeld und an den Präsidenten. Also schreibe ich weiter. Und wenn ich Geschichten veröffentliche, tue ich alles mögliche für ihre Verbreitung. So war ich also zu der Zeit einmal in einer Radiosendung telefonisch zugeschaltet, da ruft eine Frau an und sagt: „Ich habe ein Kind, das dort war. Niemand möchte mit mir über das Mädchen sprechen. Es gibt da etwas, das alle wissen wollen, aber sie möchten nicht mit mir darüber reden.“ Ich gab der Frau meine Telefonnummer und zwei Tage später rief sie mich an. Ich beschloss, sie zu besuchen.

Irgend ein Landstädtchen in Amerika, streng katholisch, große Zustimmung zum Irakkrieg, bis das Kind ... Nun gut, hier ist die Geschichte: Das Kind war in einer Reserveeinheit, Militärpolizei. Sie wurden dort zu Verkehrspolizisten ausgebildet. Das Mädchen hatte geheiratet und sich dieser Einheit angeschlossen, um Geld zuzuverdienen. In Unterschicht-Amerika braucht man das. Vielleicht machen sie Schönheitskurse, oder sie besuchen die Abendschule. Bei der Army Reserve oder der Nationalgarde kriegt man ein paar hundert Dollar im Monat.

Dann aber schickte man sie in den Irak, und nachdem sie ein paar Wochen zur Verkehrsregelung eingesetzt waren, sagt man ihnen plötzlich, dass sie jetzt im Gefängnis Dienst tun sollen. Sie gehen nach Abu Ghraib und werden Gefängniswärter.

Im März 2004 erschien mein erster Bericht über Abu Ghraib, und CBS berichtete im April oder Mai. Die Regierung hatte Untersuchungen aufgenommen, nachdem irgendein Insider der Army Police im Januar die einschlägigen Fotos übergeben hatte. Irgendwann zwischen Januar und dem Zeitpunkt, als ich davon erfuhr, wurden all diese Kinder – die Männer und Frauen dieser Einheit – ohne irgendeine Begründung nachhause geschickt.

Das Kind kommt heim und ist völlig verändert, verwirrt, tief depressiv, verlässt den Mann, verlässt die Familie, zieht in eine andere Stadt, geht nachts arbeiten und möchte keinen Menschen sehen. Niemand weiß, was los ist. Dann kommt Abu Ghraib in die Schlagzeilen, und zugleich die Einheit, der das Kind angehörte – sie war bei der MP-Brigade in Abu Ghraib.

Die Frau besucht das Mädchen in seiner neuen Wohnung. Sie zeigt ihm die Zeitung. Die hat die Geschichte groß aufgemacht, diese Fotos, Hunde, die Menschen beißen, und all solche Dinge. Die Frau zeigt dem Kind die Fotos. „Ist das ...?“ – Türenknallen. Kein Gespräch. Also redet die Frau mit mir.

Sie hatte dem Kind, so erinnert die Frau sich, als es in den Krieg zog, einen tragbaren Computer mit CD-Player mitgegeben. Darauf wäre ich nicht gekommen: Weil es in der muslimischen Welt keine Musikzeitschrift wie „R&R“ gibt und kein Lokal, wo man einen Drink kriegt, und man auf keine Party gehen kann, gab jeder, der es sich leisten konnte, seinem Kind einen Computer mit. So können sie Filme anschauen, Videospiele spielen. So war das eben. Alle hatten einen.

Als das Kind heimkehrte, ließ es den Computer dort herumliegen. Nach der Sache mit Abu Ghraib ging die Frau eines Tages hin, nahm den Computer an sich und ... Sie weiß nicht viel über Freud oder das Unbewusste ... Sie bestand darauf, dass sie an jenem Tag nichts anderes im Sinn hatte, als dass sie einfach einen weiteren Computer in ihrem Büro haben wollte. Ich glaube ihr das nicht, aber egal. Also macht sie sich daran, Dateien zu löschen. Dabei stößt sie auf den Dateinamen „Irak”. Sie drückt die Taste und da sind 80 Bilder. Eines davon ist das Foto, das der „New Yorker“ gebracht hat: Ein nackter Mann, die Hände hinter dem Kopf, auf jeder Seite ein Hund, kaum einen Meter entfernt, belgische Schäferhunde, zähnefletschend. Er steht vor den Gitterstäben und darf nicht einmal seine Hände dorthin halten, wo er sie hinhalten möchte, wo man sie instinktiv hinhalten würde. So muss er dastehen. Ein schreckliches Foto. Und davon gab es eine ganze Serie, 80 Stück. Eines der Fotos zeigt, wie der Mann von einem Hund gebissen wird. Überall Blut. Unglaubliche Dinge. Die Haltung des „New Yorker“ war sehr rational: Ein Bild genügt. Das ist demütigend. Es kann nicht darum gehen, die Army noch tiefer zu demütigen. Abu Ghraib war verheerend genug.

Aber wie tief darf man den arabischen Mann demütigen? Im Koran heißt es: Es gibt zwei Stellen, an denen du einen Menschen von vorne nicht nackt sehen darfst. Wer einmal in Kairo oder irgendwo sonst in der islamischen Welt Männer unter der Dusche gesehen hat, weiß: Wenn gemeinsam geduscht wird, tragen alle Shorts. So ist das eben. Es steht ganz einfach im Koran. Das Beispiel macht klar, wie tief wir diesen Mann gedemütigt haben.

Die Wracks des Krieges und die Schande des Westens

Die Geschichte mit der Frau war nicht einfach zu handhaben. Mein Gefühl sagte mir: Das Mädchen gehört in Behandlung, so schnell wie möglich. Sie war hochgradig selbstmordgefährdet. Andererseits brauchte ich ihre Erlaubnis, die Fotos zu veröffentlichen. Das ist moralisch kompliziert. Wie geht man damit um? Glauben Sie mir, ich mache mir meine Gedanken über solche Dinge. Wir fanden einen Weg und das Kind bekam, soviel ich weiß, seine Behandlung. Es vergingen sechs Monate, und ich blieb in Verbindung mit der Frau. Als ich an einer nahegelegenen Universität einen Vortrag zu halten hatte, verabredete ich mich mit ihr zum Abendessen. Beim Essen erzählte sie mir etwas, was sie vorher für sich behalten hatte: Als das Kind heimgekommen war – ein schönes Mädchen mit wunderbarer Haut –, zog sie an jedem Wochenende los, um sich tätowieren zu lassen. Schließlich ist sie über und über tätowiert, bis hoch in den Nacken, nur nicht im Gesicht. Am ganzen Körper, überall große schwarze Tattoos. „Es war, als wollte sie ihre Haut wechseln”, sagte die Frau.

Dieses Erlebnis hat mir die Augen geöffnet für das, was meinem Land bevorsteht: Es wird schon bald mit damage goods, mit Wracks überschwemmt werden. An die enormen sozialen Kosten des Krieges, die uns ins Haus stehen, mag niemand auch nur denken. Wir haben eine Regierung, die nicht einmal über das Flüchtlingsproblem im Middle East nachdenken mag. Und hier kommt eine weitere Krise auf uns zu. Wir ahnen noch gar nicht, welchen Preis wir für das, was wir getan haben, werden zahlen müssen. Es wird wieder street people bei uns geben, wir werden paranoide Schizophrene sehen, wir werden ...

Nun, ich sollte nicht so reden, ich bin nicht dazu qualifiziert, solche Begriffe zu benutzen. Es steht einem Journalisten auch nicht zu, zu sagen, der Präsident habe Wahnvorstellungen. Das ist ein medizinischer Fachbegriff. „Durchgeknallt“ geht in Ordnung. „Wahnhaft“ ist falsch. Ich finde immer, wir sollten unsere Grenzen kennen.

Wie dem auch sei: Das ist die Lage. Und so sehen die Konsequenzen aus. Ganz zu schweigen von dem, was mit der irakischen Gesellschaft passiert ist, und was am Golf, in der ganzen Region, geschehen könnte, wenn wir tatsächlich den Iran angreifen. Wir haben noch gar nicht angefangen, darüber nachzudenken.

Aber dass führende Politiker des Westens bei der Hexenjagd auf den Iran mitmachen, statt darauf zu bestehen, dass Amerika verhandelt, das ist mehr als durchgeknallt. Das ist einfach schandhaft.

1 An diesem Tag hatte der iranische Präsident Ahmadinedschad in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung die von US-Präsident George W. Bush, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel angedrohten Sanktionen zurückgewiesen, die Debatte um das Atomprogramm für beendet erklärt und die Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) gelobt. Zudem übte er scharfe Kritik an den USA und warf ihnen Menschenrechtsverletzungen vor.
2 Vgl. Seymour M. Hersh, Shifting Targets – The Administration’s plan for Iran, in „The New Yorker”, 1.10.2007.
3 Vgl. Seymour M. Hersh, Abu Ghraib. Der Report des Generals, in „Blätter”, 8/2007, S. 937-956.

(aus: »Blätter« 11/2007, Seite 1358-1373)
Themen: USA, Geschichte, Krieg und Frieden und Naher & Mittlerer Osten

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