Die große Fremde | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die große Fremde

Irene Runge zum 65. Geburtstag

von Kathrin Schrader

Irene Runge, die damals noch Irene Alexan heißt, ist sieben Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr aus dem New Yorker Exil nach Berlin zurückkehren. In jenem Jahr wurde die DDR gegründet. Als sie zehn ist, bekommt sie ein Radio geschenkt und hört nachts heimlich unter der Bettdecke den amerikanischen Sender AFN. Sie erinnert sich an das Heimweh nach New York. Sie erinnert sich aber auch an golden umrahmte Fotos von Männern in Nazi-Uniform in den guten Stuben der Mitschüler. Zu Hause bei ihren Eltern ist es anders. Zu ihrem Vater Alexander Kupfermann – der sich Alexan nennt, seit er im Pariser Exil zum Schriftsteller wurde – kommen oft Gäste: Überlebende der Lager und Zuchthäuser, Leute, die in Spanien gekämpft haben, amerikanische Kommunisten auf der Durchreise in die frühere Heimat Polen, oder Genossen, die während des Krieges in Moskau gelebt haben.

Bis heute glüht auf der Schweißnaht ihres Herzens das Wort „fremd“. Das will und will nicht abkühlen. Es lässt Irene Runge nicht mehr los – aus eigenem Erleben –, dieses Paradox der menschlichen Natur: Jeder ist einzigartig, nicht identisch mit jedem anderen Individuum, und doch definiert er sich über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Die Deutschen. Die Türken. „Dass Staatsbürgerschaft zu einem besonderen Charakteristikum werden sollte, fand ich schon immer idiotisch“, sagt Irene Runge nicht erst heute.

Nirgends zu Hause, immer in der Fremde – das prägt ihr Leben: als sie von der Schule fliegt, früh schon arbeiten und eigenes Geld verdienen muss, dann doch das Abitur nachmacht, ein Kind bekommt und heiratet, aber schon bald wieder geschieden ist. Daneben studiert sie, promoviert, heiratet wieder – und weicht doch, voll des Eigensinns, immer wieder von jeder Norm ab.

Später, als Publizistin und Wissenschaftlerin an der Humboldt-Uni, seziert sie das Wort „fremd“. Sie beobachtet es unter dem Einfluss verschiedener Milieus. Sie definiert die Bedingungen, unter denen sich das Paradox auflöst. Diese Bedingungen fasst sie in der Zustandsbeschreibung „Stadt“, ihrem Lebensthema, zusammen. An der Stadt begeistert sie, dass es jede Stunde neue Lebenswelten zu entdecken gibt, aus denen neue Zusammenhänge werden, Schichten – und gleichzeitig Probleme, wenn sich daraus Viertel bilden, in denen der größte Teil der Bevölkerung sozial benachteiligt ist. Aus der Beschäftigung mit dem Thema gehen zahlreiche Publikationen, Bücher und Artikel, hervor.

Und wenn sich der Zustand „Stadt“ auch schwer über Längen- und Breitengrade ermitteln lässt, so findet die Wissenschaftlerin doch einen Ort, der für sie den Eindruck erweckt, in besonderer Weise „Stadt“ und sogar Heimat zu sein: Manhattan. Das ist das Zimmer, das sie schon zu DDR-Zeiten von Zeit zu Zeit aufsucht. Hier fühlt sie sich Menschen nahe, die den harten Wechsel der Lebenskulturen erfahren mussten. Wie die Gefährten ihrer Eltern, die Wandernden, die in der Welt zu Hause sind – mehr als in den Wohnungen, die ihren Aufenthaltsort beschreiben.

In den letzten Tagen der DDR gründet Irene Runge mit Freunden den „Jüdischen Kulturverein“. Stadt braucht Identitäten als Fundament, aber Räume, die sich durchdringen und offen bleiben. Sie engagiert sich am Zentralen Runden Tisch der DDR dafür, die Landesgrenzen für sowjetische Juden zu öffnen. „Als im Sommer 1990 die ersten kamen, da war uns klar, dass wir Integrationsarbeit leisten müssen“, sagt sie.

Eine Integration in die Bundesrepublik, die auch Irene Runge nicht leicht werden soll. Als sie gleich nach der Wende freiwillig und als eine der Ersten ihre früheren Kontakte zum Ministerium für Staatssicherheit aufdeckt – „nirgends zu Hause, fühlte ich mich ernst genommen, als sie mich an die ‚innere Front‘ beriefen“ (eine Aufgabe, die sie aber bereits 1980 mit Verve wieder aufkündigte) –, verliert sie fast alle Bezüge und Arbeitsmöglichkeiten. Freunde hatten sie zuvor noch vor diesem Schritt gewarnt, doch auch hier hat Irene Runge ihren eigenen, unbeirrbaren Kopf.

„Manchmal bestehe ich darauf, dass auch ich eine Migrantin bin“, sagt Irene Runge heute, „schon um den Begriff ad absurdum zu führen.“ 18 Jahre nach der Wende sieht sie die Idee der Stadt wieder gefährdet, aber diesmal von anderer Seite. Bereits im November 2004 verfasst sie gemeinsam mit Freunden einen öffentlichen Aufruf „Wider die Islamophobie“. „Antisemitismus und Islamophobie scheinen zunehmend die zwei Seiten einer Medaille zu sein“, heißt es da – zum Ärger vieler Funk-tionäre. Seitdem der „Kampf der Kulturen“ heraufbeschworen wird, festigt der Jüdische Kulturverein seine Beziehungen zu den muslimischen Organisationen. Hier zeigt sich, dass Irene Runge ihr Gespür für die Paradoxien der Fremde nicht verloren hat: Die erste, von ihr organisierte jüdisch-muslimische Begegnung findet ausgerechnet am 12. September 2001 statt. Ihr sollten bis heute – und werden hoffentlich noch lange – viele Begegnungen folgen.

(aus: »Blätter« 11/2007, Seite 1310-1311)

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