Bushs Vietnam | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Bushs Vietnam

von William Pfaff

Was Präsident George W. Bush dem Kongress der American Veterans of Foreign Wars am 22. August 2007 in Kansas City über die Konsequenzen des amerikanischen Rückzugs aus Vietnam in den 70er Jahren erzählte, war eine eigenwillige Version. Er versteht sie als Warnung vor einem Rückzug aus dem heutigen Irak.

Seine Geschichte entspricht im Wesentlichen dem, was die amerikanische Öffentlichkeit gerne glauben würde: Als wir Amerikaner Vietnam verließen, traf uns für Chaos, Blutvergießen und Genozid, die – besonders in Kambodscha – folgten, keine Verantwortung. All das geschah erst, als wir weg waren.

Doch die Version des Präsidenten geht noch ein wenig darüber hinaus. Er sagt, es geschah, weil wir abzogen. In Kambodscha, meint er, inspirierte Amerikas Rückzug „die Roten Khmer, eine mörderische Herrschaft [zu errichten], unter der hunderttausende Kambodschaner durch Hunger, Folter und Hinrichtung zu Tode kamen.“

Leider liegen die Dinge anders. Nicht Amerikas Rückzug löste diese Geschehnisse aus. Der Auslöser war vielmehr Amerikas Intervention in Kambodscha gewesen, die darauf abzielte, das Königreich in den Vietnamkrieg hineinzuziehen. Dessen Regierung hatte, unter Prinz Norodom Sihanouk, verzweifelt versucht, genau dies zu vermeiden.

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Vietnam, Laos und Kambodscha französische Kolonien. Nach dem Krieg übernahm Frankreich erneut die Kontrolle über diese Länder. Dagegen erhob sich Widerstand, der hauptsächlich von den örtlichen Kommunisten organisiert wurde und rasch an Einfluss gewann, allen Anstrengungen Frankreichs zum Trotz, seine Autorität wiederherzustellen. Im März 1946 erkannte Frankreich Vietnam, Kambodscha und Laos als „Freistaaten“ innerhalb einer indochinesischen Föderation an, die mit Frankreich verbunden bleiben sollte. 1949 kehrte Bao Dai, Vietnams ehemaliger Kaiser, ins Amt zurück, mit einer von Frankreich unterstützten Regierung aus nichtkommunistischen Nationalisten an seiner Seite. In Kambodscha übernahm Prinz Sihanouk die Regierungsmacht. Aber dem kommunistischen Aufstand in Vietnam gelang es, die französischen Streitkräfte zunehmend in die Defensive zu drängen. Die Niederlage in der Schlacht von Dien Bien Phu 1954 veranlasste Frankreich zum Rückzug.

Vietnam wurde in zwei Staaten geteilt, einen kommunistischen und einen nichtkommunistischen. Die Vereinigten Staaten, schon zu diesem Zeitpunkt in Indochina stark engagiert, hingen der Überzeugung an, was dort geschehe, werde einen „Domino-Effekt“ auslösen und ganz Asien erfassen. (Eine Vorstellung, die der Gang der Dinge widerlegen sollte.) Washington übernahm deshalb die Patronage über den neu geschaffenen südvietnamesischen Staat und seinen Führer Ngo Dinh Diem, einen Nationalisten aus der Vorkriegszeit (und katholischen Aristokraten; unter dem Einfluss Frankreichs hatte sich ein beträchtlicher Teil der vietnamesischen Elite dem Katholizismus zugewandt). Doch schließlich machte die mit seiner Politik unzufriedene Kennedy-Administration sich zum Komplizen der Ermordung Diems. Diese erfolgte am 2. November 1963 – nur 20 Tage, bevor John F. Kennedy selbst ermordet wurde.

Schon 1959 hatte die CIA in Kambodscha versucht, Prinz Sihanouk zu stürzen. Dessen Bemühen, sein Land aus dem ganz Indochina erfassenden Kampf herauszuhalten, sollte ein Ende gesetzt werden. Washington wollte Kambodscha in eine gemeinsame Front gegen die nordvietnamesischen Kommunisten einbeziehen.

Letztere versorgten ihr südvietnamesisches Gegenstück, den Vietkong, mit Nachschub und benutzten dazu Schleichwege entlang der kambodschanischen Grenze, den sogenannten Ho- Tschi-Minh-Pfad. Kambodschas Regierung war zu schwach, dies zu unterbinden (das kleine Land hatte damals etwa sieben Millionen Einwohner, Nordvietnam 24 Millionen). In der Zwickmühle zwischen der illegalen Nutzung kambodschanischen Territoriums durch die nordvietnamesischen Kommunisten und den Forderungen der übermächtigen USA, die sich in Südvietnam etabliert hatten, gab Sihanouk schließlich im Januar 1968 geheimen US-Einsätzen innerhalb Kambodschas sein Plazet.

Die Nordvietnamesen deuteten dies als Anzeichen dafür, dass Sihanouk möglicherweise ganz auf die amerikanische Seite übertreten könnte und begannen, einheimische Kommunisten der Roten Khmer, die in Nordvietnam ausgebildet wurden, nach Kambodscha einzuschleusen. Sie erhielten die Anweisung, einen Aufstand gegen Sihanouk zu entfachen.

Im März 1969 begannen die USA angesichts des Scheiterns ihrer Versuche, die Vietkong-Nachschubwege zu unterbrechen, mit geheimen B-52-Angriffen zur „Pulverisierung“ der kambodschanischen Verbindungslinien der Kommunisten. Mit der Nebenwirkung, dass die Bevölkerung der Gebiete, auf die die Bomben fielen, „pulverisiert“ oder traumatisiert wurde. Man schätzt, dass bei diesen Bombenangriffen 800 000 Menschen zu Tode kamen.

In Phnom Penh hatte inzwischen eine proamerikanische Militärjunta Sihanouk ersetzt. Im April 1970 marschierten amerikanische und südvietnamesische Truppen in Kambodscha ein, schafften es aber immer noch nicht, den Ho-Tschi- Minh-Pfad abzuschneiden. Er wurde einfach weiter ins Landesinnere verlegt.

Die Bombenangriffe gingen noch viereinhalb Jahre lang weiter, bis zum August 1973, als der Kongress sie stoppte. Auch andere US-Militäreinsätze in Kambodscha endeten in jenem Jahr, obwohl die Vereinigten Staaten die Militärregierung des Landes in dem anhaltenden Bürgerkrieg dort weiterhin unterstützten. Das dauerte bis zum April 1975, als die Roten Khmer die Hauptstadt stürmten. Der Fall Phnom Penhs traf mit einem anderen symbolträchtigen Vorgang zusammen: dem schmachvollen Gerangel der letzten in Saigon verbliebenen Amerikaner um die Hubschrauber auf dem Botschaftsdach.

Die völkermörderische „Revolution“ der Roten Khmer eröffnete ihre Killing Fields. Sie dauerte bis 1979, als die siegreichen Regierungstruppen des kommunistischen Vietnam in Kambodscha einmarschierten und dem Genozid ein Ende machten. Die Roten Khmer suchten ihre Zuflucht auf dem Lande, schlossen ein groteskes Bündnis mit dem – im chinesischen Exil lebenden – Prinzen Sihanouk und beanspruchten Kambodschas Sitz bei den Vereinten Nationen. Die USA unterstützten dies, um China zu gefallen und sich an den Vietnamesen zu rächen.

Das Ganze erweist sich nicht gerade als eine Geschichte von Amerikas Kompetenz, Weitblick, politischer Klugheit oder Mitgefühl mit den Opfern seines Handelns. Kaum anzunehmen, dass sie diejenigen im Irak und in der mittelöstlichen Region, die auf die Vereinigten Staaten setzen, zuversichtlich stimmt. Der Präsident war schlecht beraten, sie in Erinnerung zu rufen.

© 2007 Tribune Media Services, Inc.

(aus: »Blätter« 10/2007, Seite 1185-1186)
Themen: Asien und USA

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