Oh, Cicero | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Oh, Cicero

von Albrecht von Lucke

Oh, Cicero. Wenn Du, lieber Marcus Tullius, wüsstest, was heute so alles in Deinem Namen Monat für Monat von „Cicero“, dem selbst ernannten „Salon der Republik“, als angebliche Sensation herausposaunt wird. Das „Cicero“-Prinzip ist immer dasselbe: Hauptsache eine steile These, am liebsten „totally politically incorrect“; die dazugehörige Beglaubigung findet sich dann schon von selbst. Und wenn es nicht so ganz aufgeht, wird die Sache eben hingebogen. Wie im vergangenen November, als man unter dem Motto „Vergesst Habermas“ den derzeit wohl bedeutendsten Philosophen der Bundesrepublik kurzerhand zum Auslaufmodell deklarierte – und ganz nebenbei auch noch in wahrheitswidriger und ehrabschneidender Weise zum überzeugten Hitlerjungen. Pech nur, wenn man als Gewährsleute und philosophische Nachwuchshoffnungen vor allem Personen präsentiert, die alles andere wollen, als Habermas zu vergessen – schon deshalb, weil sie sich ihm als Schüler verbunden fühlen. Prompt hagelte es Gegendarstellungen.

Der jüngste Scoop aus dem Hause „Cicero“ funktionierte nun wie folgt: Angesichts der alarmierenden Umweltdaten des „International Panel of Climate Change“ (IPCC) musste sich „Cicero“, völlig unkorrekt, natürlich „Die Klimalüge“ vornehmen. Erst zog im März-Heft Chefredakteur Wolfram Weimer höchstselbst gegen die „ökologische Internationale“ und „grüne Apokalypse“ zu Felde, bevor er drei Monate später seine Allzweckwaffe losließ, die sich selbst als „Ökooptimisten“ bezeichnenden Publizisten Michael Miersch und Dirk Maxeiner. Nomen est omen – der Tenor war klar: Bei den Daten handelt es sich lediglich um „Klimahysterie“ und „Propaganda“ in einer Debatte mit „totalitärem Charakter“. Als sich daraufhin mit Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung einer der angeblich totalitären Autoren erdreistete, in der FAZ (vom 31.8.2007) einige der größten Fehler der selbst ernannten Experten zu korrigieren, schlug die „Achse des Guten“ – unter der Miersch/ Maxeiner gemeinsam mit Hendryk M. Broder firmieren – prompt zurück (FAZ vom 5.9.2007). Und das gleich zu siebt – und zwar, neben Anderen, mit Wolf Lotter (vom Wirtschaftsmagazin „brand eins“), Matthias Horx („gilt“ – laut Selbstbewerbung –„als einflussreichster Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum“) und Wolfram Weimer persönlich, die mit Miersch/Marxeiner eines gemeinsam haben, nämlich zwar ausgebuffte Journalisten und Meinungsmacher, aber naturwissenschaftlich weitgehend unbeleckt zu sein.

Oder ziemlich eindeutig positioniert sind, wie der Publizist Christian Bartsch, der bereits auf den Motorseiten (!) der FAZ dadurch auffiel, das er allein die Veränderung der Sonneneinstrahlung für die Erderwärmung verantwortlich machte – und zu dem es in der Autorenbeschreibung des Motorbuch- Verlages heißt: „Der Diplom-Ingenieur und Fachjournalist begleitete von Anfang an publizistisch die Entwicklung der Diesel-Direkteinspritzung. Für ihn öffneten VW, Bosch, Opel und Mercedes Türen, die anderen Autoren verschlossen blieben“. So sieht sie also aus, die Unabhängigkeit unserer Aufklärer. Kein Wunder, wenn die wissenschaftliche Einstellung des Publizisten Bartsch auf Auto-Reporter.net (Nr. 20070909-000000) in zwei Sätzen gerinnt: „Zu allen Zeiten hat das Wetter gemacht, was es wollte. Aber auch das Klima.“ Womit jegliche Beschäftigung mit der menschgemachten Erderwärmung obsolet ist. Mit bloßer Leugnung lässt sich ein Menschheitsproblem eben auch aus der Welt schaffen.

Anstatt auf die Argumente Rahmstorfs sachlich einzugehen, findet sich denn auch alles, was man an diskriminierender Analogie so aufbieten kann: Der angeblich schier allmächtige, medial omnipräsente Rahmstorf ist in „heiliger Mission“ unterwegs, sein Ziel ist der „Endsieg in der Klimadebatte“: „Heute ist die ‚Klimakatastrophe‘ auf dem besten Weg, zu einer säkularen Religion zu werden.“ Und im Zentrum Stefan Rahmstorf: „Es ist ein heiliger Krieg, ein Dschihad, den Rahmstorf da führt.“

Dem „Apokalyptizimus“ des „Untergangspropheten“ Rahmstorf stehen, natürlich völlig hilflos und ganz verfolgte Unschuld, die Herren Publizisten gegenüber: „Wir sind ganz normale Bürger“ – und protestieren allein im Dienste der Aufklärung: „Wenn Wissenschaftler ihre Annahmen zu Dogmen erklären, werden sie zu Glaubenskriegern. Dann ist es an der Zeit zu widersprechen. Deshalb nehmen wir uns das Recht zu zweifeln. Unsere Position ist aussichtslos, nicht gerade sexy und derzeit hoffnungslos in der Minderheit. Aber irgendjemand muss die Türen eines skeptischen Weltverständnisses gegen die praktisch gleichgeschaltete öffentliche Meinung offen halten, damit wir für die Zukunft lernen können.“

Gut gebrüllt, ihr armen Lämmchen, möchte man meinen. So kann man sich auch als Retter des kritischen Journalismus aufspielen – obwohl vom beklagten „Untergangsterror“ im Namen des Umweltschutzes weit und breit nichts zu sehen ist. Wie aber „Cicero“ es in concreto mit der propagierten Aufklärung hält, konnte man in der Ausgabe vom September lesen. Dort lautete die großspurige These: „Rechts und links war gestern. Was kommt morgen?“ Was aber, wenn der greise marxistische Historiker Eric Hobsbawm dieser postmodernen Behauptung partout nicht beipflichten will? In dem Fall erreicht die „Methode Cicero“ noch einmal ungeahnte Höhen. Der Hobsbawm-Text ist eigentlich völlig eindeutig: „Keines der großen Probleme, vor denen die Menschheit im 21. Jahrhundert steht, kann mit den Grundsätzen gelöst werden, die noch immer für die entwickelten Länder des Westens maßgebend sind: unbegrenztes Wirtschaftswachstum und technischer Fortschritt […].“ Und etwas weiter heißt es: „Was den Links-rechts-Gegensatz angeht, wird er offensichtlich eine zentrale Rolle behalten in einer Zeit, da die Kluft zwischen Reich und Arm sich weiter vertieft.“ Soweit, so klar, sollte man meinen – eigentlich wäre damit alles gesagt. Nicht so für „Cicero“: Prompt wird das ganzseitige Hobsbawm-Foto mit folgendem „Zitat“ drapiert: „Keines der großen Probleme, vor denen die Menschheit im 21. Jahrhundert steht“, – soweit die korrekt wiedergegebene erste Hälfte des ersten Satzes – „kann mit dem Gegensatz rechts oder links gelöst werden.“ Dieser Halbsatz aber ist reine Phantasie aus dem Hause „Cicero“. Mehr noch: Er stellt die eigentliche Intention der Hobsbawm- Aussage geradewegs auf den Kopf. Das nennt man wohl „freies“ oder „Borderline- Zitieren“, immer getreu der Devise: Die eigene steile These will belegt sein, was oder wer auch immer etwas gesagt hat. Die großspurig behauptete Aufklärung schlägt damit um in reine Meinungsmache – koste es, was es wolle. So also sieht er aus, der neue Salonjournalismus à la „Cicero“.

Oh, lieber Marcus Tullius Cicero, wie heißt es so schön in Deinem wohl bekanntesten Sprichwort: „Quod non est in actis, non est in mundo.“ – „Was nicht in den Akten steht, ist nicht auf dieser Welt.“ Die „Akte Cicero“ aber füllt sich derzeit beachtlich. Möge sie bloß nicht Deinen guten Namen ernsthaft in Mitleidenschaft ziehen. Denn auch wenn sich Cicero vermutlich vom lateinischen „cicer“ für „Kichererbse“ ableitet – zum Lachen ist das Treiben Deiner Namensusurpatoren schon lange nicht mehr.

(aus: »Blätter« 10/2007, Seite 1187-1188)

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