Der unterdrückte Mann | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Der unterdrückte Mann

von Uli Gellermann

Rechtzeitig zur Fußball-Europameisterschaft gab es ein Girlie-T-Shirt mit dem Aufdruck „Tittenbälle“ – und so sah es auch aus. Es könnte eine neue Waffe der Girlie-Guerilla gewesen sein, jener Trend-Kampfgruppe, von Madonna angeführt und von Heike Makatsch ins brave Deutschland importiert. Vielleicht war es aber auch nur der alte Sexismus, der sich einer Girlie-Camouflage bediente und an der Stelle der Unaussprechlichen zwei Bälle aufs Shirt drucken ließ, um, ja, um was denn eigentlich?

Nicht erst seit Charlotte Roche ihre „Feuchtgebiete“ in die Öffentlichkeit geschleudert hat, eine Frau, die sich selbst als Hardcore-Feministin empfindet, aber von der „taz“ als Schreiberin eines „Schleimporno“ qualifiziert wird, ist der richtige deutsche Mann verunsichert. Was ist denn nun Feminismus und schadet er tatsächlich – und wenn ja, wem?

Eine der jüngeren Ausgaben des „Spiegel“ verspricht auf dem Titel eine Antwort: „Was vom Mann noch übrig ist“, so liest sich die trostlose Bilanz der Emanzipationsgeschichte außen. Und das Innere steht dem Aufmacher in nichts nach.

Mit Männerforscher Walter Hollstein, dessen neues Buch-Cover dem des „Spiegel“ zum Verwechseln ähnlich ist, intoniert das Hamburger Magazin den Jammerton des unterdrückten Mannes: Die neue Frau treibt den alten Mann in den Suff, so das Fazit.

Es gibt zu viel Lehrerinnen und zu wenig Lehrer, es gäbe mehr weibliche Studierende, dafür aber mehr männliche Arbeitslose, Männer, insbesondere junge, seien häufiger Opfer von Gewalt, und all das nur, wie Hollstein in seinem neuen Buch zustimmend zitiert, wegen einer „lesbisch-feministischen Kaderpolitik“.

Wer denkfaul genug ist, wird dem Autor staunend zustimmen. Doch wer Statistiken zu Ende liest, dem wird Offenbarung zuteil. Schon in den Gymnasien schwindet die weibliche Lehrer-Dominanz, über 80 Prozent der Professoren sind männlich, und weibliche Universitäts-Rektoren und Präsidenten kann man nach wie vor mit der Lupe suchen.

Der tragischste Tunnelblick Hollsteins ist der auf die Arbeitslosenstatistik: Da Männer immer noch den größten Anteil der Beschäftigten ausmachen, ist es ganz sicher keine Folge einer Geschlechterpolitik, dass sie auch mehr Arbeitslose stellen. Eine solch schludrige Arbeit sollte einem Professor für Politische Soziologie eigentlich nicht unterlaufen. Und auch nicht die Unterschlagung des hohen Frauenanteils der Niedriglohnempfänger.

Wenn jedoch einer sein Weltbild zementieren will, kann selbst die mittelalterliche Literatur nicht verschont bleiben: Parzifal, so lehrt uns Hollstein, löst sich vom Mütterlichen, zieht in die Welt und findet dann den Gral: „Die Geschichte der Männlichkeit ist die Geschichte der männlichen Angst vor der Frau“. Sicher wird es bald ein Buch geben, dass uns den schwarz-weiß gescheckten Feirefitz, den Halbbruder des Parzifal, als Ausgangspunkt des Rassenkonfliktes präsentiert, wahrscheinlich geschrieben von Matthias Matussek.

Doch Hoffnung dämmert am Himmel verlorener Männlichkeit. Schon als Ende der 90er Jahre der Film „Fight Club“ die Kinokassen klingeln ließ, kam dem Mann zu, was dem Manne zustand: Da wurde das organisierte Fressepolieren in den Rang einer Selbsthilfegruppe erhoben. Seit der Zeit hat sich eine Freefight-Szene in Deutschland etabliert, die dem SWR eine Fernsehreportage in der Reihe „Schlaglicht“ wert war: „Was bringt junge Männer dazu, wie Gladiatoren im Käfig gegeneinander zu kämpfen? Wer von ihnen wird als Erster in den Käfig steigen? Wie wird es ihm ergehen? Und was sind die Gründe für die zunehmende Popularität des ‚Freefight‘?“, fragt der Sender und serviert dazu leckere Bilder der „härtesten Kampfsport-Disziplin“. Auf diesem, dem öffentlich-rechtlichen, Weg könnte der Wunsch Hollsteins nach der „Kultivierung männlicher Aggression“, nach „unserer ureigenen phallischen Kraft“ doch noch in Erfüllung gehen. Wofür wir Männer natürlich gerne unsere Gebühren zahlen.

(aus: »Blätter« 8/2008, Seite 115-115)

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