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Bau ab - bau auf

von Albrecht von Lucke

Wolf und Braun, Müller und Hilbig, Hein und Heym – lang ist die Liste der großen Namen, die nach 1945 den Ruhm der DDR-Literatur begründeten. Und lang war die Liste ihrer Verlage. Doch was das Leseland DDR einst auszeichnete, ist heute längst passé. „Mein Volk geht in den Westen“, klagte nach der Wende Volker Braun. Und die Autoren taten es ihren Lesern gleich – und wechselten zu West-Verlagen. Die Folge war das Verschwinden der berühmten ostdeutschen Buchproduzenten. Volk und Welt, einst zweitgrößter belletristischer Verlag der DDR, stellte 2001 die Arbeit ein. Und im Mitteldeutschen Verlag, vor der Wende Hausmedium Günter de Bruyns und Volker Brauns, werden mittlerweile Bildbände produziert.

Nun aber droht mit dem Aufbau-Verlag auch das einstige Flaggschiff der DDR-Literatur unterzugehen. 1945 auf Initiative von Johannes R. Becher gegründet, wurde Aufbau durch die Standardwerke der Deutschen Klassik wie auch der Klassiker der DDR, von Anna Seghers bis Bert Brecht, zum eigentlichen „Staatsverlag der DDR“ (Thomas Mann). Doch im Zuge der Wende kam auch Aufbau unter den Hammer.

Nachdem Bernd F. Lunkewitz, millionenschwerer Immobilienhändler und Ex-Maoist (Spitzname „Che von Kassel“), den Verlag aufgrund unklarer Vermögensverhältnisse gleich zweimal erworben hatte – 1991 von der Treuhand, 1995 vom Kulturbund –, scheint es ihm jetzt nur noch darauf anzukommen, den zeitweiligen intellektuellen Spielball wieder loszuwerden. „Auch das größte Vermögen ist irgendwann aufgezehrt“, ließ Lunkewitz lapidar wissen, nachdem er die Insolvenz seines Verlags bekannt gegeben hatte – ohne seine Angestellten zuvor auch nur in Kenntnis zu setzen. Diese werden nun alles dafür tun, den Verlag doch noch zu retten. Derweil scheint Lunkewitz mit Aufbau getreu dem Honeckerschen Motto verfahren zu wollen: „Aus den Betrieben ist noch viel rauszuholen“ – notfalls auf dem Klagewege. Was zu Anfang wie eine freundliche westliche Übernahme wirkte, entpuppt sich damit letzten Endes doch als eine feindliche.

Angesichts dieses Desasters hofft man umso mehr, dass das vielleicht letzte Organ östlicher Eigensinnigkeit erhalten bleibt – nämlich jene „Ost-West-Wochenzeitung“, die seit 1990 unter dem Namen „Freitag“ firmiert.

Entstanden aus der DDR-Kulturzeitung „Sonntag“ und der westdeutschen „Deutschen Volkszeitung“, die wie die „Blätter“ bis zur Wende im Pahl-Rugenstein-Verlag erschien, setzt der „Freitag“ auf den Brückenschlag sowohl von Ost und West als auch von Politik und Kultur. Dafür bürgten vor allem seine Herausgeber, von Günter Gaus und Gerburg Treusch-Dieter aus dem Westen bis Wolfgang Ullmann und Christoph Hein aus dem Osten. Nach dem Tod der drei Erstgenannten wurde das Gremium 2006 neu besetzt – mit Daniela Dahn, György Dalos, Christian Schmitt und Friedrich Schorlemmer; letzterer ist, wie einst Günter Gaus, auch Mitherausgeber der „Blätter“.

Über die Jahre erhalten blieb die hohe intellektuelle Qualität der Zeitschrift. Dies änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass der „Freitag“ bei einer verkauften Auflage von etwa 13?000 Exemplaren schon lange nicht mehr kostendeckend operieren konnte. Nun hat mit Jakob Augstein ein „Wessi“ mit familiärer Vorbelastung das Blatt von dem bisherigen Eigentümerkonsortium gekauft. Die Devise des neuen Blattmachers ist klar: „Mehr Umfang, mehr Themen, mehr Autoren“. Dazu will er dem Blatt einen völlig neuen Webauftritt verpassen.

Der Einstieg klang jedenfalls verheißungsvoll: „Ein Aufbruch soll es sein“ – unter Wahrung der Kontinuität. Gegen das herrschende „Gedrängel in der Mitte“ wolle sich der „Freitag“ weiter jenen Fragen zuwenden, „die sich an den Rändern auftun. An den Rändern der Gesellschaft. Und an den Rändern des Denkens“ – gegen die herrschende Eintönigkeit.

Auch um die richtige politische Haltung ist Jakob Augstein nicht verlegen: „Ein großer deutscher Publizist hat darauf bekanntlich einmal geantwortet ‚im Zweifel links‘.“ Der Name des „großen deutschen Publizisten“ lautet bekanntlich Rudolf Augstein. Möge seinem Filius das gleiche verlegerische Glück hold sein. Dem „Freitag“ und der deutschen Öffentlichkeit wäre es zu wünschen.

(aus: »Blätter« 7/2008, Seite 32-32)
Themen: Ostdeutschland

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