Helden des Ascheplatzes | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Helden des Ascheplatzes

von Daniel Leisegang

Es gibt zwei unterschiedliche Welten des Fußballsports: Auf der einen Seite jagen – wie dieser Tage während der Europameisterschaft – millionenschwere Profis überlebensgroß auf Bildschirmen dem Ball hinterher, Sponsoren werden vor grünem Rasen eingeblendet, die Bannerwerbung rotiert, dahinter das tosende Meer zehntausender Zuschauer.

Auf der anderen Seite gibt es das beschauliche Ritual des heimatlichen Ascheplatzes: Familien stehen sonntagmorgens am Rande der Tartanbahn und feuern ihre C-Junioren an. Ab und zu gelingen den Schützlingen Kunststücke, die sie ihren Vorbildern abgeschaut haben: ein Lupfer, eine gewiefte Hackenkombo oder ein glanzvoller Slalom durch die gegnerische Hälfte – …Tor!

Diese Perlen des Amateurfußballs unterhalb der Oberliga haben nun ihren Platz im Internet gefunden. Auf hartplatzhelden.de kann der Freund des Lokalderbys neben Spielberichten und Fotos die Videoaufnahmen seines ganz persönlichen „Tor des Monats“ einstellen, die Glanzeinlagen anderer Lokalmatadoren kommentieren und bewerten. Jeden Monat werden die schönsten Szenen vorgestellt, einmal im Jahr kürt eine prominent besetzte Jury aus Sportjournalisten und Fußballstars ihre Favoriten. Der „Hackentrick und Beinschuss“ von David Beljan (KSV Klein-Karben) hat auf diese Weise bereits mehr als 30 000 Zuschauer gefunden.

Man möchte meinen, dass ein Fußballverband, dessen Kernaufgabe es nach eigenen Angaben ist, „den Sport im Allgemeinen, insbesondere den Breiten- und Freizeitsport zu pflegen und zu unterstützen“, eine bessere Nachwuchsförderung sich kaum wünschen könnte.

Diese findet möglicherweise bald ein jähes Ende. Denn das Landgericht Stuttgart gab der Klage des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) statt und untersagte dem Videoportal, Ausschnitte von Fußballspielen der württembergischen Amateurligen zu zeigen. Der WFV, einer der 21 Landesverbände des DFB, hatte den Hartplatzhelden vorgworfen, die Bilder seiner Kreisligaspiele unrechtmäßig zu vermarkten.

Die bislang nicht kommerzielle Plattform ist indes vor allem ein Projekt von begeisterten Fans und für ihresgleichen – jenseits vom großen Geld. Hartplatzhelden.de stellt damit für Fans nicht nur eine Alternative zur Unnahbarkeit der großen Ligen dar. Vor allem hat das Portal eine Medienlücke aufgetan. Denn der lokale Fußball wird in der herkömmlichen Berichterstattung systematisch ausgespart.

Lange Zeit war das Fan-Portal ein Zuschussgeschäft, wie der Mitbegründer, der Journalist und Kreisliga-Fußballtrainer Oliver Fritsch, betont. Als die Pläne einer vorsichtigen Vermarktung reiften, um endlich in schwarze Zahlen zu kommen, entschloss sich der WFV, den potentiellen Konkurrenten kurzerhand die Rote Karte zu zeigen. Denn den Funktionären geht es vor allem ums eigene Geschäft. Dabei steht der bescheidene Erfolg der Hartplatzhelden angeblich den eigenen kommerziellen Vorhaben im Weg.

Auch wenn der Landesverband aus juristischer Sicht im Recht sein sollte – Fairplay sieht anders aus. Man wird zudem den Verdacht nicht los, es störe die Funktionäre, dass ihnen jemand mit einer guten Idee zuvorgekommen ist.

Sollte die Kommerzialisierung des Freizeitfußballs durch die Verbände Schule machen, müssen Familienväter dann in Zukunft Lizenzen für ihre Camcorder erwerben? Wird sich am Ende gar Leo Kirch im Ringen um die Senderechte FC Affing gegen FC Pipinsried einschalten?

Die Funktionäre sollten zudem in Erwägung ziehen, die „Kreisligasportschau“ kostenpflichtig im Internet auszustrahlen. Prime-Time-Kunden – als die einzig wahren Fans – können diese live und inklusive packender Konferenzschaltung anschauen. Der herkömmliche Zuschauer muss sich jedoch bis zum späten Abend gedulden, um die jüngsten Paraden seiner Lokalmatadore – selbstredend mit Werbeunterbrechungen – anschauen zu dürfen.

Die Betreiber von hartplatzhelden.de nehmen die „Hinspielniederlage vor Gericht“ sportlich und haben Berufung gegen das Urteil angekündigt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Fans ihren Amateurfußball in der Rückrunde vor den selbstherrlichen Funktionären bewahren können.

(aus: »Blätter« 6/2008, Seite 35-35)

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