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„Jetzt ist unsere Zeit“

Die Berliner Rede Barack Obamas

von Barack Obama

Die „Berliner Rede“ Barack Obamas vom 24. Juli 2008 (Wortlaut)

Im Rahmen seiner Asien- und Europareise besuchte der Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei, Senator Barack Obama, Ende Juli auch die Bundeshauptstadt. Mit seiner Aufsehen erregenden Rede vor der „Siegessäule“ im Berliner Tiergarten knüpfte er bewusst an den historischen Auftritt John F. Kennedys vom Juni 1963, aber auch an die legendäre Rede Ernst Reuters („Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“) von 1948 an. Obama richtete seine – von einem Appell an die gemeinsame außenpolitische Verantwortung der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik geprägten – Worte sowohl an die mehr als 200 000 Menschen, die ihm in Berlin zuhörten, als auch an die amerikanischen Wählerinnen und Wähler. Wir dokumentieren im Folgenden den Wortlaut der Rede in eigener Übersetzung. – D. Red.

Ich danke den Bürgern Berlins und dem deutschen Volk. Mein Dank gilt auch Bundeskanzlerin Merkel und Außenminister Steinmeier, die mich heute Morgen empfangen haben. Danken möchte ich auch Bürgermeister Wowereit, dem Berliner Senat, der Polizei und vor allem Ihnen für diesen Empfang.

Ich bin nach Berlin gekommen wie viele meiner Landsleute vor mir. Heute Abend spreche ich nicht als Präsidentschaftskandidat zu Ihnen, sondern als Bürger – als stolzer Bürger der Vereinigten Staaten und als Bürger dieser Welt.

Ich weiß, dass ich nicht so aussehe, wie die Amerikaner, die vor mir in dieser großartigen Stadt Reden gehalten haben. Eigentlich war es unwahrscheinlich, dass ich jemals hierher reisen würde. Meine Mutter wurde zwar im Herzen Amerikas geboren, aber mein Vater wuchs als Ziegenhirte in Kenia auf. Sein Vater – mein Großvater – war Koch und Hausdiener bei den Briten.

Mitten im Kalten Krieg wurde mein Vater – wie so viele andere in den vergessenen Winkeln der Welt – von einer Sehnsucht ergriffen und träumte von Freiheit und Entwicklungsmöglichkeiten, wie sie nur der Westen versprach. Und so schrieb er einen Brief nach dem anderen an Universitäten in ganz Amerika, bis eines Tages jemand sein Gebet für ein besseres Leben erhörte.

Darum bin ich heute hier. Und Sie sind hier, weil auch Sie diese Sehnsucht kennen. Diese Stadt verkörpert den Traum von der Freiheit besser als alle anderen Städte. Und Sie alle wissen, dass wir nur deshalb heute Abend hier versammelt sind, weil Männer und Frauen unserer beiden Nationen für dieses bessere Leben gemeinsam gearbeitet, gekämpft und sich aufgeopfert haben.

Genau genommen begann unsere Partnerschaft im Sommer vor 60 Jahren, an dem Tag, als das erste amerikanische Flugzeug in Tempelhof landete. Damals lag ein Großteil dieses Kontinents noch in Trümmern. Der Schutt dieser Stadt war noch nicht zu einer Mauer geworden. Der Schatten der Sowjets legte sich auf Osteuropa, während im Westen Amerika, Großbritannien und Frankreich ihre Verluste zählten und überlegten, wie die Welt wiederhergestellt werden könnte.

Hier, an diesem Ort, trafen die beiden Seiten aufeinander. Am 24. Juni 1948 entschieden sich die Kommunisten, den Westteil der Stadt zu blockieren. In dem Versuch, die letzte Flamme der Freiheit in Berlin zu ersticken, schnitten sie mehr als zwei Millionen Deutsche von der Nahrungszufuhr und sonstigen Versorgungsgütern ab.

Unsere Streitkräfte waren nicht stark genug, um gegen die viel größere Sowjetarmee aufzumarschieren. Ein Rückzug hätte den Kommunisten jedoch den Weg nach Europa geöffnet. Wo der letzte Krieg geendet hatte, hätte leicht ein neuer Weltkrieg entstehen können. Nur Berlin stand damals im Weg. In dieser Situation entstand die Luftbrücke, die mit der größten und unwahrscheinlichsten Rettungsaktion der Geschichte den Menschen dieser Stadt Nahrung und Hoffnung brachte. Alles sprach gegen einen Erfolg. Im Winter lag dicker Nebel über der Stadt, und viele Flugzeuge mussten umkehren, ohne die dringend benötigten Vorräte entladen zu können. Durch die Straßen, in denen wir jetzt stehen, liefen hungernde Familien, die keinen Schutz vor der Kälte hatten.

Aber auch in den dunkelsten Stunden hielten die Menschen in Berlin die Flamme der Hoffnung aufrecht. Das Volk von Berlin weigerte sich aufzugeben. Und an einem Herbsttag kamen hunderttausende Berliner hier in den Tiergarten und hörten dem Bürgermeister der Stadt zu, als er die Welt beschwor, die Freiheit nicht aufzugeben: „Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle“, sagte er, „gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen ist. [...] Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiterhin tun. Völker der Welt: Tut auch ihr nun Eure Pflicht [...] Völker der Welt, schaut auf Berlin!“

Schaut auf Berlin, wo Deutsche und Amerikaner lernten, zusammenzuarbeiten und einander zu trauen – weniger als drei Jahre, nachdem sie einander auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden hatten. Schaut auf Berlin, wo die Entschlossenheit eines Volkes auf die Großzügigkeit des Marshall-Plans traf und das Wirtschaftswunder ermöglichte, wo der Sieg über eine Tyrannei die NATO, die großartigste Allianz, die je zur Verteidigung unserer gemeinsamen Sicherheit geschaffen wurde, entstehen ließ. Schaut auf Berlin, wo die Einschusslöcher in den Gebäuden, dunklen Steinen und in den Säulen nahe des Brandenburger Tors uns immer daran erinnern, unsere gemeinsame Menschlichkeit nie mehr zu vergessen.

Völker der Welt – schaut auf Berlin, wo eine Mauer gefallen ist und ein Kontinent vereinigt wurde, und wo die Geschichte uns den Nachweis geliefert hat, dass für eine Welt, die zusammenhält, keine Herausforderung zu groß ist.

60 Jahre nach der Luftbrücke sind wir wieder gefordert. Die Geschichte hat uns an einen neuen Scheideweg geführt – mit neuen Perspektiven und neuen Risiken. Als das deutsche Volk diese Mauer niederriss – eine Mauer, die Ost und West, Freiheit und Tyrannei, Angst und Hoffnung trennte –, stürzten auf der ganzen Welt Mauern ein. Von Kiew bis Kapstadt wurden Gefangenenlager geschlossen und Türen zur Demokratie geöffnet. Auch Märkte öffneten sich, und die Verbreitung von Informationen und Technologien beseitigte Hindernisse auf dem Weg zu Entwicklung und Wohlstand. Während uns das 20. Jahrhundert lehrte, dass wir ein gemeinsames Schicksal teilen, müssen wir im 21. Jahrhundert erkennen, dass die Welt miteinander so verflochten ist wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Der Fall der Berliner Mauer weckte neue Hoffnungen. Aber die große Nähe ließ auch neue Gefahren entstehen – Gefahren, die weder innerhalb der Grenzen eines einzelnen Landes eingedämmt noch durch die Weite eines Ozeans begrenzt werden können. Die Terroristen des 11. Septembers verschworen sich in Hamburg und trainierten in Kandahar und Karatschi, bevor sie auf amerikanischem Boden Tausende von Menschen aus allen Teilen der Welt töteten.

Während ich hier stehe, lassen die Abgase der Autos in Boston und der Fabriken in Peking die Eiskappe der Arktis schmelzen, überflutet der Atlantik weite Küstengebiete und leiden Farmen von Kansas bis Kenia unter Trockenheit.

Das schlecht gesicherte nukleare Material aus der früheren Sowjetunion oder geheime Baupläne eines Naturwissenschaftlers aus Pakistan könnten den Bau einer Bombe ermöglichen, die in Paris explodiert. Aus den Mohnfeldern in Afghanistan wird das Heroin für Berlin gewonnen. Armut und Gewalt in Somalia zeugen die Terroristen von morgen. Der Völkermord in Darfur belastet unser aller Gewissen.

In dieser neuen Welt haben sich gefährliche Strömungen viel schneller ausgebreitet als unsere Anstrengungen, sie einzudämmen. Deshalb können wir es uns nicht leisten, gespalten zu sein. Keine Nation – gleichgültig wie groß und mächtig sie auch sei – kann diese Herausforderungen allein bewältigen. Niemand von uns kann die Bedrohungen leugnen oder sich der Verantwortung entziehen, ihnen zu begegnen. Weil die sowjetischen Panzer und eine schreckliche Mauer verschwunden sind, lässt man sich leicht täuschen und vergisst diese Wahrheiten. Und wenn wir ehrlich miteinander sind, müssen wir eingestehen, dass wir manchmal auf beiden Seiten des Atlantiks auseinandergedriftet sind und unser gemeinsames Schicksal vergessen haben.

In Europa herrscht die Meinung vor, dass Amerika eher an Vorgängen beteiligt sei, die in unserer Welt schief laufen, als helfende Kraft dabei zu sein, die Fehlentwicklungen zu korrigieren. In Amerika gibt es Stimmen, welche die Bedeutung der Rolle Europas für unsere Sicherheit und Zukunft verspotten oder bestreiten. Beide Ansichten entsprechen nicht der Wahrheit: Die Europäer tragen nämlich heute neue Belastungen und haben mehr Verantwortung in Krisenregionen der Welt übernommen. Und die amerikanischen Basen, die im letzten Jahrhundert gebaut wurden, helfen noch immer, diesen Kontinent sicherer zu machen; auch unser Land bringt also nach wie vor große Opfer für die Freiheit auf dieser Welt.

Ja, es hat Meinungsverschiedenheiten zwischen Amerika und Europa gegeben. Es besteht kaum Zweifel daran, dass es auch in Zukunft zu Meinungsverschiedenheiten kommen wird. Aber die Belastungen für alle Weltbürger ketten uns weiter aneinander. Ein Führungswechsel in Washington wird diese Last nicht von uns nehmen. Das neue Jahrhundert fordert von Amerikanern und Europäern, mehr zu tun – nicht weniger. Partnerschaft und Kooperation zwischen den Nationen sind unverzichtbar und stellen die einzige Möglichkeit dar, unser aller Sicherheit zu garantieren und gemeinsam zu mehr Menschlichkeit zu finden.

Deshalb besteht die größte Gefahr darin, uns durch neue Mauern voneinander trennen zu lassen. Es darf keine Mauern zwischen den alten Verbündeten auf beiden Seiten des Atlantiks geben. Die Mauern zwischen den reichen und den armen Ländern müssen fallen. Die Mauern zwischen „Rassen“ und Stämmen, Einheimischen und Einwanderern, Christen, Muslimen und Juden müssen fallen. All diese Mauern müssen wir jetzt niederreißen.

Wir wissen, dass viele Mauern bereits gefallen sind. Nach konfliktreichen Jahrhunderten haben die Völker Europas eine viel versprechende Union des Wohlstands geformt. Hier, am Fuße einer Säule, die einen Sieg im Krieg markiert, treffen wir uns im Zentrum eines Europas des Friedens. Nicht nur in Berlin ist die Mauer gefallen, Mauern sind auch in Belfast gefallen, wo Protestanten und Katholiken jetzt friedlich zusammenleben, auf dem Balkan, wo die Atlantische Allianz Kriege beendet und brutale Kriegsverbrecher vor Gericht gebracht hat, und in Südafrika, wo mutige Menschen die Apartheid überwunden haben.

Die Geschichte lehrt uns also, dass Mauern niedergerissen werden können, aber diese Aufgabe ist niemals leicht zu verwirklichen. Wahre Partnerschaft und wirklicher Fortschritt erfordern konstante Arbeit und ständige Opfer. Dazu müssen die Belastungen, die Entwicklung und Diplomatie, Fortschritt und Frieden uns aufbürden, gemeinsam getragen werden. Verbündete müssen aufeinander hören, voneinander lernen und vor allem einander vertrauen.

Deshalb kann sich Amerika nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Deshalb kann sich auch Europa nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Amerika hat keinen besseren Partner als Europa. Jetzt ist es Zeit, in der Welt neue Brücken zu bauen, die genau so stark sind, wie diejenige, die uns über den Atlantik verbindet. Jetzt ist es Zeit, sich zusammenzuschließen, durch beständige Kooperation, starke Institutionen, gemeinsame Opfer und ein globales Bündnis für den Fortschritt, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entgegenblicken zu können. Ein ebensolcher Geist hat die Flugzeuge der Luftbrücke in den Himmel abheben und die Menschen sich dort versammeln lassen, wo wir heute stehen. Und heute müssen unsere beiden Nationen – alle Nationen – diesen Geist wiederfinden.

Jetzt ist die Zeit gekommen, den Terror zu besiegen und den Keim des Extremismus zu ersticken. Die Bedrohung ist real, und wir dürfen nicht vor unserer Verantwortung, sie zu bekämpfen, zurückschrecken. Wenn es uns mit der NATO gelungen ist, ein Bündnis zu schaffen, das der Sowjetunion widerstehen konnte, dann können wir uns auch zu einer neuen und globalen Partnerschaft zusammentun, um die Netzwerke zu zerschlagen, die in Madrid und Amman, in London und Bali, in Washington und New York Anschläge verübt haben. Wenn wir die Schlacht der Ideen gegen die Kommunisten gewinnen konnten, können wir uns auch mit der Mehrheit der Muslime verbünden, die den Extremismus ablehnt, der Hass statt Hoffnung erzeugt.

Jetzt ist die Zeit gekommen, mit neuer Entschlossenheit die Terroristen aufzuspüren, die unsere Sicherheit in Afghanistan bedrohen, und die Rauschgifthändler, die Drogen in Ihren Straßen verkaufen. Niemand führt gern Krieg. Ich sehe die großen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben die Verpflichtung, die erste Mission der NATO außerhalb von Europas Grenzen zum Erfolg zu führen. Für das afghanische Volk und für unsere gemeinsame Sicherheit müssen wir diese Arbeit vollenden. Amerika schafft das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen, unsere Unterstützung und Ihre Unterstützung, um die Taliban und Al Qaida zu zerschlagen, um ihre Wirtschaft zu entwickeln und das Land wieder aufzubauen. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass wir uns jetzt zurückziehen könnten.

Jetzt ist die Zeit gekommen, erneut nach einer Welt ohne Atomwaffen zu streben. Die beiden Supermächte, die sich an der Mauer in dieser Stadt gegenüberstanden, waren oft kurz davor, alles zu zerstören, was wir aufgebaut haben und lieben. Nach dem Fall der Mauer können wir nun nicht tatenlos der weiteren Verbreitung der tödlichen Atomwaffen zusehen. Es ist Zeit, den heimlichen Handel mit Nuklearmaterial zu unterbinden, die Verbreitung der Atomwaffen zu stoppen und die Arsenale aus einer früheren Epoche zu verkleinern. Jetzt ist die Zeit gekommen, auf eine Welt hinzuarbeiten, die Frieden ohne Atomwaffen zu schaffen versucht.

Jetzt ist die Zeit gekommen, in der jedes Land in Europa die Chance haben muss, sein eigenes Morgen frei von den Schatten des Gestern zu wählen. Wir brauchen in diesem Jahrhundert eine starke Europäische Union, die den Wohlstand und die Sicherheit dieses Kontinents garantiert und gleichzeitig seinen Nachbarn die Hand reicht. In diesem Jahrhundert – in dieser aus allen anderen Städten herausragenden Stadt – müssen wir die Mentalität des Kalten Krieges der Vergangenheit überwinden und, wo es möglich ist, mit Russland zusammenarbeiten, aber auch unsere Werte verteidigen, wenn es nötig ist; wir sollten nach einer Partnerschaft streben, die den ganzen Kontinent einschließt.

Jetzt ist die Zeit gekommen, auf den Reichtum zu setzen, den offene Märkte geschaffen haben, und ihren Ertrag gerechter zu verteilen. Handel war eine Grundvoraussetzung unseres Wachstums und der globalen Entwicklung. Aber wir werden dieses Wachstum nicht aufrechterhalten können, wenn es nur wenige und nicht möglichst viele begünstigt. Gemeinsam müssen wir ein Handelssystem schaffen, das tatsächlich die Arbeit belohnt, die den Wohlstand erschafft – mit sinnvollen Schutzvorkehrungen für unsere Bürger und unseren Planeten. Jetzt ist die Zeit gekommen für einen Handel, der frei und fair für alle ist.

Jetzt ist die Zeit gekommen für eine Antwort auf den Ruf nach einem Neubeginn im Mittleren Osten. Mein Land muss gemeinsam mit Ihrem Land und mit ganz Europa an den Iran die klare Botschaft richten, dass er seine atomaren Ambitionen aufzugeben hat. Wir müssen die Libanesen unterstützen, die einen blutigen Kampf um die Demokratie geführt haben, und die Israelis und Palästinenser, die auf der Suche nach einem sicheren und anhaltenden Frieden sind. Und trotz unserer Meinungsverschiedenheiten in der Vergangenheit ist jetzt für die Welt die Zeit gekommen, die Millionen Iraker zu unterstützen, die sich ein neues Leben aufbauen wollen – selbst dann, wenn wir der irakischen Regierung die Verantwortung wieder übertragen und endlich diesen Krieg beenden.

Jetzt ist die Zeit gekommen, um gemeinsam etwas zur Rettung dieses Planeten zu tun. Lassen Sie uns beschließen, dass wir unseren Kindern keine Welt hinterlassen, in der die Meeresspiegel steigen, Hungersnöte ausbrechen und schreckliche Stürme unsere Länder verwüsten. Lassen Sie uns dafür eintreten, dass sich alle Nationen – auch meine eigene – mit der gleichen Zielstrebigkeit wie Ihre Nation verpflichten, den Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre zu verringern. Jetzt ist die Zeit gekommen, unseren Kindern ihre Zukunft zurückzugeben. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir zusammenhalten müssen.

Und jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir denen neue Hoffnung geben müssen, die in einer globalisierten Welt zurückgeblieben sind. Wir müssen uns daran erinnern, dass der Kalte Krieg, der in dieser Stadt geboren wurde, nicht um Land und Besitztümer geführt wurde. Vor 60 Jahren haben die Flugzeuge über Berlin keine Bomben abgeworfen, sondern Nahrung, Kohlen und Süßigkeiten für dankbare Kinder. Durch ihr solidarisches Verhalten haben die Piloten damals mehr als nur einen militärischen Sieg errungen. Sie haben die Herzen und Köpfe der Menschen erobert, die Liebe, die Ergebenheit und das Vertrauen – nicht nur der Menschen dieser Stadt, sondern aller Menschen, die von ihren Taten hörten.

Jetzt schaut die Welt auf uns und wird sich daran erinnern, wofür wir uns in diesem Moment hier entscheiden. Werden wir unsere Hand den Menschen in den vergessenen Winkeln dieser Welt entgegenstrecken, die sich nach einem Leben in Würde sehnen, das ihnen Entwicklungsmöglichkeiten, Sicherheit und Gerechtigkeit gewährt? Werden wir die Kinder in Bangladesch aus ihrer Armut befreien, die Flüchtlinge aus dem Tschad aufnehmen und die Geißel Aids besiegen? Werden wir für die Menschenrechte des Dissidenten in Myanmar, des Bloggers im Iran oder des Wählers in Simbabwe eintreten? Werden wir der Forderung „Nie wieder!“ in Darfur Nachdruck verleihen? Werden wir endlich einsehen, dass es kein besseres Beispiel für die Welt gibt, als dasjenige, das unsere eigene Nation vorlebt? Werden wir die Folter ächten und uns für die Einhaltung des Rechts verbürgen? Werden wir Einwanderer aus den verschiedensten Ländern willkommen heißen und nicht diejenigen diskriminieren, die anders aussehen als wir und anders beten als wir, und werden wir das Versprechen von Gleichheit und Entwicklungsmöglichkeiten für all unsere Völker einhalten?

Ich weiß, dass mein Land nicht vollkommen ist. Zuweilen haben wir uns schwer damit getan, unser Versprechen der Freiheit und Gleichheit aller Menschen zu halten. Wir haben so manchen Fehler gemacht, und es gab Zeiten, in denen unser Handeln in der Welt nicht unseren guten Absichten entsprach.

Ich weiß aber auch, wie sehr ich Amerika liebe. Ich weiß, dass wir uns seit mehr als zwei Jahrhunderten – mit hohen Kosten und vielen Opfern – darum bemüht haben, eine noch perfektere Union zu werden und gemeinsam mit anderen Nationen eine bessere Welt zu schaffen. Wir fühlten uns nie einem bestimmten Volk oder Königreich verpflichtet – in unserem Land werden schließlich alle Sprachen gesprochen; alle Kulturen haben Spuren in der unsrigen hinterlassen; jede Meinung wird auf unseren öffentlichen Plätzen vertreten.

Was uns immer geeint hat, was unsere Menschen immer angetrieben hat, was meinen Vater nach Amerika gelockt hat, ist eine Reihe von Idealen, nach denen sich alle Menschen sehnen: dass wir ohne Angst nach unseren Vorstellungen leben können, dass wir frei unsere Meinung äußern und uns mit wem auch immer versammeln können und beten können, wie es uns beliebt.

Dies sind die Sehnsüchte, die die Schicksale aller Nationen in dieser Stadt vereint haben. Diese Sehnsüchte sind stärker als alles, was uns auseinandertreibt. Wegen dieser Sehnsüchte ist die Luftbrücke entstanden. Wegen dieser Sehnsüchte wurden alle freien Menschen auf der ganzen Welt zu Bürgern Berlins. Weil wir an die Erfüllung dieser Sehnsüchte glauben, muss eine neue Generation – unsere Generation – die Welt verändern.

Bürger Berlins, Bürger der Welt, wir stehen vor einer großen Herausforderung. Der vor uns liegende Weg ist lang. Aber ich bin zu Ihnen gekommen, um zu sagen, dass wir die Erben eines Freiheitskampfes sind. Wir sind Menschen mit einer großen Hoffnung. Den Blick in die Zukunft gerichtet, mit Entschlossenheit im Herzen, sollten wir uns an die Geschichte erinnern, unsere Bestimmung annehmen und die Welt neu erschaffen.

 

 

(aus: »Blätter« 10/2008, Seite 120-124)
Themen: USA und Europa

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