Die Mär vom Bär | Blätter für deutsche und internationale Politik

LoginWarenkorb

Die Mär vom Bär

von Uli Gellermann

„Sieht so der neue Kalte Krieg aus?“ Mit dieser Frage begann der Aufmacher der Zeitung „US-Today“ am ersten Tag des Georgienkrieges, die FAZ folgte folgsam, und der Rest der deutschen Medien machte mit: „Das Imperium schlägt zurück“, glaubte die „Süddeutsche Zeitung“, und die „Bild“Zeitung wusste von einem Krieg Russlands gegen Georgien, den der „Tagesspiegel“ wenige Tage später als „eingestellt“ betrachtete. Vom russischen Rohstoff-Imperialismus war die Rede, von einem Angriff Georgiens auf Südossetien in den ersten Tagen dagegen keineswegs. Er war wieder da, der gefährliche Russe, mochten auch die Kriege im Irak oder in Afghanistan von anderen geführt werden – der deutsche Redakteur hatte ihn wieder.

Können Sie sich noch an die Zeit der Strickjackendiplomatie erinnern? An die Zeit der Duzbrüderschaft zwischen Kanzler Kohl und Präsident Jelzin? Dann wissen Sie sicher auch noch, dass in dieser Zeit Russland in den deutschen Medien als ziemlich demokratisch erschien. Der Mann, der einmal das Moskauer Parlamentsgebäude zusammenschießen ließ, weil die Abgeordneten nicht das machten, was er wollte; der Mann, der, solange er noch nüchtern war, genau wusste, an wen er das russische Volksvermögen verschenkte; der Mann war unser Mann, der gute, russische Kumpel, Jelzin, der gutmütige russische Bär. Und die Medien mochten die Bilder von den beiden Dicken.

Es war jene schöne Zeit, am Anfang der 90er Jahre, als so ziemlich jedes autonome Gebiet der zerfließenden Sowjetunion sich zum selbstständigen Staat erklären konnte, wenn es nur „ich auch“ rief und weit genug von Moskau weg war. Ländchen wie Abchasien und Südossetien taten das damals, in der guten alten Strickjackenzeit, ebenfalls. Nur hörte keiner hin. Der Westen war heftig mit dem Aufbau neuer Staaten in Jugoslawien beschäftigt, und bald sollte auch noch – als schwacher Ersatz für den guten alten, Kalten Krieg – der Kampf gegen den Terror hinzukommen. Das alles füllte Zeitungsspalten, kostete Sendezeit.

Selbst als Eduard Schewardnadse, da hinten in Georgien, an die Macht geputscht wurde, war das nur wenige Tage ein Medienereignis: Eddie? War doch auch ein Kumpel, dem konnte man vertrauen. Dies alles sollte nun ein jähes Ende finden, nur weil die NATO unmittelbar an die russische Grenze rücken wollte und das amerikanische Antiraketen-System in die Sichtweite des „Spasski-Turms“?

Ein paar Tage nach Kriegsbeginn – immer mehr tatsächliche Informationen über den unberechenbaren georgischen Präsidenten sickerten durch – war vorsichtiges Rückrudern angesagt. Das sollte Thomas Roth, Chefreporter der ARD, in einem Interview mit Wladimir Putin leisten. Denn die ARD ist objektiv, und Roth ist ihr Prophet. Jeder kennt das Problem: Man musste für das Fernsehen 27 Minuten Ausgangsmaterial auf 10 Minuten Sendezeit runterkürzen. Dass gekürzt werden würde, war klar. Was dann rausgekürzt worden ist, ist das Spannende: Zum Beispiel, dass Roth im Interview durchaus einen georgischen Angriff zugeben mochte. Oder den Verweis Putins auf jene UN-Festlegung, die dem Kosovo Autonomie versprach, aber keineswegs einen eigenen Staat, und auch seine Feststellung, dass es zum Überfall Georgiens auf Südossetien anfänglich in keinem westlichen Medium eine Sendesekunde gab – auch nicht in der ARD. So viel Objektivität, so viel Medienfreiheit, das fand Roth dann doch eher abträglich.

Denn die Freiheit – das weiß der Fernsehzuschauer und Zeitungsleser –, die verteidigen die Leute in den Mainstream-Medien bis zum letzten. Deshalb sieht der „Focus“ die Welt auch in der „russischen Rohstoff-Falle“, einer Falle, in der die Deutschen seit 40 Jahren eigentlich ganz gemütlich sitzen. Und Frau Zekri entdeckt in der „Süddeutschen“, dass die Russen nur eine einzige außenpolitische Idee haben: „den Panzer“. Das ist, wie wir seit Jahren wissen, bei den Amerikanern natürlich ganz anders. Erst wenn deutsche Medien nicht mehr nur die merkwürdigen Body-Builder-Auftritte des Herrn Putin belächeln, sondern auch mal über die albernen Jogging-Auftritte von US-Präsidenten grinsen, dann bricht auch in Deutschland die Pressefreiheit aus. Und nicht einmal Thomas Roth fängt sie dann wieder ein.

Uli Gellermann

 

 

(aus: »Blätter« 10/2008, Seite 106-106)
Themen: Medien und Russland

 Abonnement

top