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Die gefloppte Kritik

von Daniel Leisegang

Dies war ein Verriss, mit dem Filmfans vermutlich nicht gerechnet hatten: Mit Schaum vor dem Mund prangerte Josef Schnelle, langjähriger Vorsitzender des „Verbandes der deutschen Filmkritik“, Mitte August in der „Berliner Zeitung“ den „stärker werdenden Einfluss der Blogs auf die traditionell eher akademische amerikanische Filmkritik“ an. „Und weil früher oder später alles, was in Amerika passiert, auch für uns interessant wird“, drohe die Community der bloggenden Kinogänger hierzulande ebenfalls das „unabhängige Urteil“ der seriösen Rezensenten zu „zersetzen“.

Schnelle schrieb sich im Laufe seines Beitrags förmlich in Rage: Während die professionelle Kritik „neue Trends und ästhetische Standards“ durchsetze, zeichneten sich die Blogger durch ihr „sprachliches und intellektuelles Unvermögen“ aus. Zudem seien Filmbesprechungen nun einmal keine „demokratische Angelegenheit“. Eine Unzahl an begeisterten Fanseiten aber auch „Hass-Blogs“ drohten nun allerdings die professionelle Filmkritik überflüssig zu machen; „kosten- wie verantwortungslose, zudem meinungsschwache Angebote“ gefährdeten am Ende gar den „Kulturjournalismus in Print und Radiomedien“.

Der Filmkritiker muss geahnt haben, was seinem Beitrag folgte. Denn der flinken Bloggerschar liefern derartige Attacken willkommenen Diskussionsstoff – zumal wenn der Eindruck entsteht, es gehe behäbigen Printmachern vor allem um die verbissene Verteidigung Ihrer Domäne. Dabei räumten die „Amateure“ sogar selbstkritisch ein, dass die Qualität von Online-Beiträgen in Teilen durchaus zu bemängeln sei. Jedoch würden stark frequentierte Angebote, wie fuenf-filmfreunde.de, critic.de oder auch film-zeit.de, nicht zuletzt wegen der Blutarmut knapper Kritiken in Stadtmagazinen nachgefragt. Hinzu käme die Tatsache, dass die „Profi“-Rezensenten in den Tages- und Wochenzeitungen kaum mehr als einer uninspirierten „Chronistenpflicht“ nachkommen.

Damit hätte es möglicherweise sein Bewenden haben können, hätte Schnelle in seinem Artikel nicht an zentraler Stelle ausgerechnet den bekannten US-Kritiker Roger Ebert angeführt, um seine These zu belegen. Der Pulitzer-Preisträger zähle zu den ersten Opfern des medialen Strukturwandels, nachdem seine TV-Sendung abgesetzt worden war. Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die angeblichen „Dilettanten“ von moviepilot.de, einer Community von Filmfans, konnten den „Profi“ Schnelle der journalistischen Schlamperei überführen. Denn nicht nur rezensiert Ebert neben der „Chicago Sun Times“ auch weiterhin – ausgerechnet – in seinem Web-Blog. Darüber hinaus war weniger die Online-Konkurrenz für seinen Abschied vom Fernsehen verantwortlich, sondern allein dessen schwere Krebserkrankung, die ihm die Fähigkeit zu sprechen nahm.

Schnelle scheint es jedoch in seiner Angriffslust mit den Fakten nicht sehr genau genommen zu haben. Besonders in einer Hinsicht zeigt er sich erschreckend ahnungslos: Denn tatsächlich bedrohen nicht die Blogs die Printmedien. Vielmehr sind es vor allem die Renditehoffnungen, etwa von David Montgomery, Inhaber ebenjener „Berliner Zeitung“, in der Schnelle zu Wort kommt. Mit dem alleinigen Ziel tiefgreifender Einsparungen werden hier permanent Stellenstreichungen vorgenommen. So wurde erst kürzlich bekannt, dass die Zahl der Redakteure von 130 auf 90 reduziert und die Medienseite der „Berliner Zeitung“ samt ihrer TV-Kritiken sogar ganz wegfallen wird.

Vielleicht also sehen sich die „profes- sionellen“ Filmkritiker alsbald gezwungen, aus der herbeigeführten Not eine Tugend machen. Denn während Investoren auch den letzten Cent aus ihren Anlageobjekten herauspressen und weitere Leser vergraulen, finden sich im weitläufigen Internet genug begeisterte Filmfans, die gelungene Rezensionen zu schätzen wissen.

(aus: »Blätter« 9/2008, Seite 68-68)
Themen: Medien

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