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Die neue Armenspeisung

Der Boom der Tafel-Bewegung

von Stefan Selke

Gut fünfzehn Jahre ist es her, dass in hiesigen Medien von der neuartigen Gründung eines „Berliner Tafel e.V.“ berichtet wurde – dem Nukleus der daraus erwachsenden deutschen „Tafelbewegung“. Das Vorbild war die Gründung der Einrichtung „City Harvest“ in New York im Jahre 1983. Die Grundidee ist so bestechend wie einfach: Überschüssige Lebensmittel werden eingesammelt und kostenlos an bedürftige Menschen und soziale Einrichtungen verteilt.

Heute versorgen in der Bundesrepublik rund 800 Lebensmitteltafeln – etwa drei Mal so viele wie noch im Jahr 2000 – fast eine Million Menschen mit dem Notwendigsten. Täglich arbeiten zehntausende ehrenamtliche Helferinnen und Helfer daran, dass alle Menschen „ihr täglich Brot“ bekommen, und noch einiges mehr. Sie sammeln Lebensmittel, die ansonsten vernichtet würden und verteilen sie weiter. Die Tafelbewegung gilt damit als die größte Bürgerbewegung der Bundesrepublik und wird inzwischen von überregionalen Unternehmen und prominenten Großspendern, wie etwa Daimler, Aldi, Lidl und Rewe, unterstützt.

Dennoch ist die Tafellandschaft letztlich noch eine „terra incognita“ – vor allem für die Menschen, die von Armut selbst nicht betroffen sind. Denn Tafeln sind eine Reaktion auf die wachsende Armut. Sie sind die Hinterbühne des erodierten Wohlfahrtsstaates und gehören inzwischen stillschweigend zu dessen Normalausstattung.

Das Motto der Tafelbewegung lautet: „Jeder gibt, was er kann“. Tafeln versorgen Woche für Woche bedürftige Menschen mit Waren aus der Überproduktion der Lebensmittelbranche oder mit Lebensmitteln, die kurz vor dem Haltbarkeitsdatum stehen. Sie stellen damit die mehr oder weniger komplementäre Versorgung immer größerer Bevölkerungsteile sicher und ersetzen auf diese Weise schleichend Fürsorgeleistungen des Staates.

Die Tafeln unterscheiden sich dabei nach ihrer Organisationsform. Im Jahre 2007 machten Tafelvereine 43 Prozent aller Lebensmitteltafeln aus (Tafel e.V.), 29 Prozent waren Tafelprojekte in kirchlicher Trägerschaft (Caritas, Diakonie oder Kirchengemeinden) und 28 Prozent Tafelprojekte in Trägerschaft anderer Wohlfahrtsverbände.

Eine neue Klasse zwischen „Überflüssigen“ und „Prekariat“

Angesichts des nach wie vor rasanten Wachstums der Tafelbewegung und den damit einhergehenden Neugründungen – fast jede Woche eröffnet eine neue Tafel – stellt sich die Frage: Wer sind die Hungrigen und Beladenen, die sich hier ihre tägliche Speisung abholen?

Tafeln sind ganz offensichtlich ein Indikator für die zunehmende soziale Schieflage der Gesellschaft. Galt existenzielle Armut im Wirtschaftswunderland Bundesrepublik lange Zeit als ausgestorben, ist in den letzten Jahren eine „Rückkehr“ der Armut zu verzeichnen. Die „neue Armut“ ist dabei wesentlich mehr als nur ein Randgruppenphänomen oder ein individuelles Problem. Zu den „traditionellen Armen“ (beispielsweise Obdachlose) haben sich „neue“ Arme gesellt, die aus fast allen gesellschaftlichen Schichten stammen. Jede und jeden kann es treffen; auch die Mittelschicht der Gesellschaft ist nicht länger mehr ein sicherer Ort.

Entgegen dem landläufigen Vorurteil sind es denn auch nicht die „Ärmsten der Armen“, die die Tafeln nutzen. Die Tafeln kümmern sich in den seltensten Fällen um Menschen, die wirklich „ganz unten“ sind. Für diese Gruppe gibt es Einrichtungen wie Obdachlosenasyle, Frauenheime, Anlaufstellen für Drogensüchtige etc. Folglich sind nur gut zwei Prozent der erwachsenen Tafelkunden Obdachlose.

Mehr als ein Drittel hingegen sind ALG-II- bzw. Sozialhilfeempfänger, ein knappes Viertel Spätaussiedler und Migranten. Vereinfacht gesprochen könnte man sagen, dass die „Kunden“ der Tafeln primär einer noch im Entstehen begriffenen neuen Klasse angehören, die sozial angesiedelt ist zwischen den „Überflüssigen“ und dem „Prekariat“. Den gesellschaftlichen Ort, den die hundertausenden Angehörigen dieser neuen Klasse bevölkern, könnte man also mit „fast ganz unten“ bezeichnen. Im Wort „fast“ schwingt durchaus ein wenig Hoffnung mit, denn an diesem Ort findet sich noch Spielraum für Gestaltungsmöglichkeiten. Dieser gesellschaftliche Ort ist der neue rasant wachsende Markt der Bedürftigkeit.

Immer mehr Menschen sind einfach pleite und existieren am Rande eines normativ definierten Minimums. Sie stellen jene „fast ganz unten“, die sich an den Tafeln finden. Der Leiter einer der Tafeln, die ich besuchte, brachte das folgendermaßen auf den Punkt: „Wir haben ganz wenig Penner hier, wenig Asoziale. Sehr wenig aus diesem Spektrum. Die meisten hier sind ganz normale Hartz-IV-Empfänger. Da merken Sie keinen großen Unterschied.“ Genau dieser kaum merkbare Unterschied ist die Besonderheit von Tafeln. Der „normale“ Hartz-IV-Empfänger ist längst Teil der Gesellschaft, das heißt Teil unserer Normalitätsfiktion geworden. Und als solches sind uns die Kunden der Tafel näher, als wir es vielleicht gerne haben möchten. Es sind „Leute wie du und ich“.

Die relative soziale Nähe zu den Bedürftigen hat ihren Grund in der Massenarbeitslosigkeit und, vor allem, in der Hartz-IV-Gesetzgebung. Millionen vormals ganz normale Bundesbürger hängen inzwischen am Tropf von Hartz IV, da kann noch viel neue „Kundschaft“ für die Tafeln angeworben werden. Es gibt also für deren Wachstum noch ein gewaltiges Potential. „Diese Hartz-IV-Geschichte, die holt uns jetzt ein“ – so erklärt ein Tafelleiter gleichermaßen Erfolg der Tafeln und Struktur der Tafelkunden.

Tafelkunden sind somit in aller Regel Menschen, die oft auf ganz banale Art und Weise Betroffene von Strukturproblemen dieser Gesellschaft geworden sind, insbesondere der zunehmenden Langzeitsarbeitslosigkeit und dem sich ausbreitenden Niedrigstlohnsektor. Solange wir uns in unserer Gesellschaft primär über die Stellung im Prozess der Erwerbsarbeit definieren, schwindet ohne festes Einkommen aber jede Chance auf eine sozial anerkannte Position. Kein Job, kein Einkommen, keine Achtung – kein Job, lautet der Teufelskreis.

„Die haben es nötig“

„Fast ganz unten“ ist demnach eine neue Basiskategorie gesellschaftlicher Ordnung. Sie bezeichnet Menschen, deren Armut man äußerlich eigentlich kaum sieht, die aber dennoch so arm sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Dafür zahlen sie jedoch auch einen hohen Preis, nämlich die „Veröffentlichung“ ihrer Lebensverhältnisse, indem sie vor den Tafeln, für jemanden sichtbar, auf der Straße warten (müssen), um abgelaufene Lebensmittel zu erhalten, die von Supermärkten entsorgt werden. Die sonst unsichtbare Armut wird hier an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Als Folge ihres kollektiven Arbeits- und Sinnvakuums verlieren die Menschen, die Kunden einer Tafel sind, somit auch noch ihre Würde.

Viele Menschen, die eigentlich bedürftig sind, scheuen sich deshalb, zur Tafel zu kommen. Sie fürchten, „erkannt“ zu werden. Der eigene soziale Status, den man sonst mit allen möglichen Attrappen kaschieren kann, wird plötzlich transparent. Letztlich muss sich jeder Tafelkunde, wenngleich er nicht direkt darauf ausgesprochen wird, doch der Frage stellen, „wie es denn so weit kommen konnte“. „Wenn man jemandem begegnet, den man von früher kennt, und der jetzt Kunde bei der Tafel ist, dann versinkt der quasi im Erdboden“, bringt ein Helfer das Problem auf den Punkt. „Die haben es nötig,“ lautet das gängige Bild, „sonst würden sie es nicht machen.“

Das öffentliche Schlangestehen ist sicher eine der hässlichsten Seiten der Tafellandschaft. Die Spannung zwischen dem gesamtgesellschaftlichen Verlangen, Armut nicht sehen zu wollen, und der lokalen Sichtbarmachung von Armutsbiographien auf der Straße, macht den Vorgang so skandalös. Hier findet ein klar erkennbarer Bruch mit der Normalität statt. Es gehört zu einer kulturellen Selbstverständlichkeit, dass man als Kunde ein Geschäft während der Öffnungszeiten betreten kann, wann man möchte. Die Tafelwelt hat mit dieser Norm nichts gemeinsam, auch wenn die Sprache versucht, darüber hinweg zu täuschen. Tafeln sind eben keine Geschäfte, sondern ein mehr oder weniger gut organisiertes Umverteilungssystem im Bereich einer Schattenökonomie. Die Menschen, um die es geht, werden „Abholer“ oder „Kunden“ genannt. Den Begriff „Bedürftige“ oder „Arme“ vermeiden die meisten – um den Menschen „das bisschen Würde“, das sie haben, zu belassen.

Einfach mehr Pech gehabt

Um diese Menschen, die „fast ganz unten“ sind, kümmern sich die Tafeln. Sie füllen damit eine Leerstelle in der Gesellschaft, die sich spürbar ausbreitet. Institutionalisiertes Helfen ist dabei durchaus in Mode, und die Tafeln sind Trendsetter dieser Bewegung.

Hoch ambivalent ist dabei die Rolle, die den Spendern zukommt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob sie das Tafelwesen erst ermöglichen und in Gang halten. Schaut man jedoch genauer hin, wird deutlich, dass die Spender ebenfalls von den Tafeln profitieren.

Allein in Deutschland werden jährlich 400 Mio. Tonnen Abfall produziert. Die Spuren der Wegwerfgesellschaft finden sich überall. „Kaufen, auspacken, wegwerfen“, scheint die Formel für unseren modernen Lebensstil zu sein. Ein Teil dieser schnell und scheinbar mühelos entsorgten Waren sind auch Lebensmittel.

Dahinter „stecken“ letztlich wir alle: Als übermäßig anspruchsvolle Kunden machen wir das Tafelwesen erst möglich. Wir, die wir einen Apfel schon dann nicht mehr kaufen, wenn er eine leichte Druckstelle hat. Wir, die wir eine Packung, die aufgerissen ist, wie selbstverständlich im Regal liegen lassen. Erst unsere Anspruchshaltung erzeugt den allgegenwärtigen Überfluss. Von dessen Zweitverwertung ernähren sich die bedürftigen Menschen.

Und hier trifft man auf eine ganz andere Problemdimension. Hier geht es nicht darum, dass immer mehr Gebrauchsgegenstände so konstruiert werden, dass sie durch Neukauf statt Reparatur ersetzt werden müssen. Sondern darum, dass einfach zu viele Lebensmittel produziert werden und dann – in voll genussfähigem Zustand – auf dem Müll landen. Lebensmittelhersteller produzieren stets 120 bis 140 Prozent des Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können. 20 bis 40 Prozent werden also bewusst für den Müll produziert.

Tafeln und Supermärkte befinden sich daher oft in einem symbiotischen Verhältnis. Insgesamt holen die Tafeln jährlich gut über 100 000 Tonnen brauchbare Lebensmittel ab. Das geht sogar soweit, dass einige Tafeln Mitarbeiter abstellen, die in den Supermärkten die Restware aussortieren. Die Supermärkte sparen auf diese Weise Personalkosten, den Tafeln ist dadurch immer eine Mindestmenge an Lebensmitteln garantiert.

Soziale Gründe spielen für die Spender-Unternehmen nur eine untergeordnete oder eine vorgeschobene Rolle. „Das spielt wohl auch mit rein“, formuliert ein Marktleiter den sozialen Aspekt vorsichtig, „sicher bin ich mir aber nicht. Uns wurde damals gesagt, dass wir dadurch eben viel Geld sparen können. Wenn wir die Lebensmittel nicht spenden würden, müssten wir sie ja verschrotten. Und das kostet eben.“

Trotz dieser doppelten Nützlichkeit – für Kunden und Spender – haben die meisten Tafeln heute mit wachsenden Problemen zu kämpfen. Sie müssen immer schneller reagieren, der Kundenstamm wächst schneller als die eigenen Strukturen. Mancherorts gibt es einen regelrechten „Krieg“ um die Waren zwischen verschiedenen Tafeln. Gerade auch deshalb, weil immer mehr tafelähnliche Einrichtungen oder sogenannte „wilde Tafeln“ entstehen, die sich des positiv besetzten Namens „Tafeln“ bedienen. Vor allem die Tafelvereine, die ausschließlich ehrenamtlich arbeiten, stehen unter einem erheblichen Organisations- und Professionalisierungsdruck. Einerseits wollen sie sich ihre Freiräume erhalten und einen offenen Umgang mit ihren Kunden pflegen; andererseits müssen sie aber auch immer mehr Vorgaben erfüllen und Leistungen erbringen. In diesem Spannungsfeld wird ein Teil des Drucks unwillkürlich an die Kunden abgegeben. Mit Disziplinierungsmaßnahmen sollen die eigenen Kunden regelrecht „erzogen“ werden. Letztlich bedeutet dies, dass diese lernen müssen, sich an die örtlich vorhandene Tafelstruktur anzupassen.

Aber das Wesen des wirklichen Elends ist immer, dass es weder zum richtigen Zeitpunkt kommt, noch eine ansehnliche Form annimmt. Es wirkt immer derangiert, es ist immer deplatziert. Die Tafeln sind, aus dieser Perspektive betrachtet, nichts anderes als der paradoxe Versuch, dem Elend einen konkreten Ort und eine akzeptable Form zu geben. Die Tafeln sind ein gesellschaftlicher Mechanismus zur Disziplinierung des Elends.

Gründe für den Erfolg der Tafeln

Und dennoch: Die Erfindung der Tafeln war und ist eine herrliche Idee. Ich habe eigentlich nur Menschen getroffen, die von der Grundidee („Jeder gibt, was er kann“) überzeugt, wenn nicht sogar begeistert waren.

Der Erfolg der Tafeln erklärt sich erstens und primär, wie bereits dargelegt, aus der relativen Nähe zwischen Helfern und Kunden. Dadurch sinkt die Hemmschwelle, sich bei einer Tafel zu engagieren. Der zweite Grund für den Erfolg der Tafeln ergibt sich aus dem Stellenwert von Nahrungsmitteln in unserer Gesellschaft. Lebensmittel sind ambivalente Produkte. Einerseits von existenzieller Bedeutung (Nahrung), andererseits wie kaum etwas anderes Ausdruck sozialer Differenzierung und von Lebensstil (um dies zu erfahren, gehe man nur einmal in eines der vielen Feinkostgeschäfte). Bei der Tafel werden beide Seiten zusammengeführt, weil die Reste der Lebensmittelproduktion aus der Sphäre des (oft ästhetisch überhöhten) Konsums in die Sphäre der Überlebensnotwendigkeiten überführt werden.

Den dritten Grund für den Erfolg der Tafeln sehe ich darin, dass sich in der Tafelarbeit eine konkret-individuelle Begegnungsebene mit einer abstrakt-kollektiven Planungsebene ideal kombinieren lässt. Die zentrale menschliche Geste der Gabe hat sich im Rahmen der Lebensmitteltafeln zwar entindividualisiert, ohne dabei jedoch ihren persönlichen Charakter vollständig zu verlieren. In der Tafellandschaft ist somit beides möglich: Massen von Lebensmitteln werden unter hohem organisatorischen, kommunikativen und logistischen Aufwand akquiriert, gesammelt, zwischengelagert, verteilt und schließlich an die „Endkunden“ ausgegeben. Dies ist die neue Dimension des Umverteilens. Eine fast technokratisch anmutende, dafür aber umso zeitgemäßere Interpretation des Topos „Nächstenliebe“.

Der vierte Grund für den Erfolg der Tafeln ist die Möglichkeit situativer, sichtbarer Einflussnahme. Das Engagement ist für die Helferinnen mit einem positiven Imagefaktor verbunden, der sich auch außerhalb der Tafelwelt einsetzen lässt.

Auf der praktischen Ebene leistet jede einzelne Tafel phantastische Arbeit. Aber man vergisst dabei allzu leicht, dass Tafeln in einer nach wie vor reichen Gesellschaft wie der Bundesrepublik eigentlich überflüssig sein sollten. Die Tafeln, die sich mittlerweile eine komplexe interne Struktur aufgebaut und an die sich immer wieder ändernden Bedürfnisse und Voraussetzungen angepasst haben, befinden sich jedoch in einer Situation, in der es relativ rational ist, sich mit dem sozialen Abstieg ganzer Bevölkerungsschichten abzufinden – gerade weil dieser Prozess ihre eigene Existenz ja überhaupt erst legitimiert und sichert. Diese strukturelle Paradoxie, gleichzeitig gegen ein Elend anzukämpfen, dieses aber auch zu benötigen, um erfolgreich dagegen ankämpfen zu können, ist die grundsätzliche Ungereimtheit, die mit der Welt der Tafeln verbunden ist.

Das eigentliche Ziel der Tafelbewegung müsste deshalb die Selbstabschaffung der Tafeln sein. Dann wären die Tafeln wirklich erfolgreich. Wenn die Tafeln verschwinden können, bedeutet das, dass der Grund für ihre Existenz verschwunden wäre. Neben der konkreten Hilfstätigkeit wird es deshalb in Zukunft darauf ankommen, die politische Dimension der Tafelarbeit stärker in den Blick zu nehmen.

 

(aus: »Blätter« 1/2009, Seite 95-100)
Themen: Armut und Reichtum und Sozialpolitik

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