Global Trends 2025 | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Global Trends 2025

Bericht des US-amerikanischen National Intelligence Council vom November 2008 (Wortlaut der Executive Summary)

Pünktlich zur Wahl des neuen US-Präsidenten veröffentlichte der “National Intelligence Council”, das Zentrum der US-Geheimdienste für mittel- und langfristige strategische Prognosen, seinen vierten Bericht über “globale Trends”.

Pünktlich zur Wahl des neuen US-Präsidenten veröffentlichte der “National Intelligence Council”, das Zentrum der US-Geheimdienste für mittel- und langfristige strategische Prognosen, seinen vierten Bericht über “globale Trends”. Zum Ende – und gleichsam als Fazit – der Ära Bush sagt dieser Bericht für die nächsten anderthalb Jahrzehnte einen grundlegenden Wandel des internationalen politischen Systems und einen Bedeutungsverlust der Vereinigten Staaten voraus. Wir präsentieren die “Executive Summary” des Berichts in eigener Übersetzung. – D. Red.

Das internationale System, wie es im Gefolge des Zweiten Weltkrieges geschaffen wurde, wird im Jahre 2025 kaum noch wiederzuerkennen sein. Das liegt am Aufstieg neuer Mächte, an der Globalisierung der Wirtschaft, an einem historisch beispiellosen West-Ost-Transfer von wirtschaftlicher Macht und Reichtum sowie am wachsenden Einfluss nichtstaatlicher Akteure. 2025 wird das internationale System global und multipolar sein und das Machtgefälle1 zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern sich fortlaufend weiter abflachen. Zugleich mit der Machtverschiebung zwischen den Nationalstaaten wird es zu einer Einflusszunahme verschiedener nichtstaatlicher Akteure – darunter privatwirtschaftliche und ethnische sowie religiöse Organisationen und kriminelle Netzwerke – kommen. Die Spieler wechseln, aber das gilt gleichermaßen für die Dimensionen transnationaler Fragestellungen, die für eine anhaltende weltweite Prosperität wichtig sind. Alternde Bevölkerungen in der entwickelten Welt, zunehmende Energie-, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sowie die Folgen des Klimawandels – diese Faktoren werden einer historisch gesehen immer noch beispiellosen Wohlstandsära Grenzen setzen und Abstriche erzwingen.

Im bisherigen Verlauf der Geschichte waren neu entstehende multipolare Systeme stets weniger stabil als bipolare oder unipolare. Trotz der derzeitigen Finanzturbulenzen – die im Ergebnis viele gegenwärtige Trends beschleunigen könnten – glauben wir nicht, dass ein vollständiger Zusammenbruch des internationalen Systems bevorsteht, wie er 1914-1918 erfolgte und eine frühere Phase der Globalisierung zum Stillstand brachte. Allerdings bergen die nächsten 20 Jahre des Übergangs zu einem neuen System vielfältige Gefahren. Die strategischen Rivalitäten werden sich höchstwahrscheinlich vor allem um Handel und Investitionen, um Innovationen, Zugang und Beschaffung auf technologischem Gebiet drehen, aber wir können ein Szenario im Stil des 19. Jahrhunderts, das von Rüstungswettläufen, territorialer Expansion und militärischen Rivalitäten bestimmt ist, nicht gänzlich ausschließen.

Wie diese Geschichte ausgeht, lässt sich nicht eindeutig vorhersagen. Das zeigt eine Reihe von Vignetten, mit denen wir mögliche Varianten der Zukunft veranschaulichen möchten. Zwar werden die Vereinigten Staaten wahrscheinlich der mächtigste Akteur bleiben, aber ihre relative Stärke wird – sogar in militärischer Hinsicht – zurückgehen und ihre Handlungsfreiheit schrumpfen. Gleichzeitig bleibt unklar, in welchem Maße andere Akteure – staatliche wie nichtstaatliche – bereit sein werden, wachsende Lasten zu schultern. Politik und Öffentlichkeit werden es überall mit einem zunehmenden Bedarf an multilateraler Kooperation zu tun haben, wenn der unvollendete Übergang von der alten zu einer erst im Entstehen begriffenen neuen Ordnung das internationale System belastet.

Wirtschaftliches Wachstum treibt den Aufstieg neuer Akteure voran

Was seine Dimension, sein Tempo und die Deutlichkeit seiner Ausrichtung angeht, ist der gegenwärtige globale Transfer von Reichtum und Wirtschaftsmacht – größtenteils von West nach Ost – in der neueren Geschichte ohne Beispiel. Diese Verschiebung hat zwei Hauptursachen. Erstens haben steigende Öl- und Rohstoffpreise den Golfstaaten und Russland unvorhergesehen große Gewinne verschafft. Zweitens führten niedrigere Kosten in Verbindung mit staatlichen Maßnahmen zu einer Schwerpunktverschiebung der Industrieproduktion und einiger Dienstleistungszweige in Richtung Asien.

Die Wachstumsprognosen für Brasilien, Russland, Indien und China (abgekürzt: die BRIC-Gruppe) deuten darauf hin, dass diese Länder zusammengenommen etwa 2040 bis 2050 den gleichen Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt erreichen werden wie die ursprünglichen G7. China wird die Welt im Laufe der nächsten 20 Jahre voraussichtlich stärker als jedes andere Land beeinflussen. Wenn die derzeitige Entwicklung anhält, wird China im Jahre 2025 über das zweitgrößte Wirtschaftspotential der Welt verfügen und zu den führenden Militärmächten zählen. Möglicherweise ist es zu diesem Zeitpunkt auch der größte Importeur natürlicher Ressourcen und der größte Umweltverschmutzer. Indien wird sich wahrscheinlich weiterhin eines relativ raschen Wirtschaftswachstums erfreuen können und nach einer multipolaren Weltordnung streben, in der einer der Pole Neu-Delhi heißt. China und Indien müssen entscheiden, in welchem Maße sie willens und fähig sind, größere Rollen globalen Zuschnitts zu spielen und wie sie ihr Verhältnis beiderseits gestalten wollen. Russland verfügt über das Potential, im Jahre 2025 reicher, mächtiger und selbstsicherer zu sein, wenn es in Bildung und Humankapital investiert, seine Wirtschaft diversifiziert und sich in die Weltmärkte einfügt. Umgekehrt könnte Russland ein spürbarer Niedergang bevorstehen, sofern es diese Schritte nicht tut und die Öl- und Erdgaspreise die Größenordnung von 50 bis 70 US-Dollar pro Fass nicht wieder übersteigen. Von keinem anderen Land ist zu erwarten, dass es zu China, Indien oder Russland aufrücken könnte oder an globalem Einfluss mit einem dieser drei Länder mithalten könnte. Allerdings gehen wir davon aus, dass die wirtschaftliche und politische Macht anderer Länder – wie etwa Indonesien, der Iran oder die Türkei – zunehmen wird.

China, Indien und Russland folgen im Großen und Ganzen nicht dem westlich-liberalen Modell der Selbstentfaltung, sondern einem anderen, dem Modell des “Staatskapitalismus” . Dieser eher unbestimmte Begriff dient der Beschreibung eines Systems der Wirtschaftsführung, das dem Staat eine herausragende Rolle zuweist. Andere aufsteigende Mächte – Südkorea, Taiwan und Singapur – haben ihre Wirtschaft ebenfalls mit Hilfe des Staatskapitalismus entwickelt. Doch dass Russland und insbesondere China diesem Pfade folgen, könnte angesichts ihrer Größe und ihrer Einstellung zur “Demokratisierung” erheblich weiter reichende Auswirkungen haben. Was die langfristigen Aussichten auf mehr Demokratisierung angeht, bleiben wir optimistisch. Allerdings wird es wahrscheinlich nur langsam vorangehen, zumal die Globalisierung viele jüngst demokratisierte Länder sozial und wirtschaftlich zunehmend so unter Druck setzt, dass liberale Institutionen untergraben werden könnten.

Viele andere Länder werden wirtschaftlich weiter zurückfallen. Das subsaharische Afrika wird die verwundbarste Region bleiben, was wirtschaftliche Zerrüttung, Bevölkerungsdruck, bürgerkriegsartige Konflikte und politische Instabilität angeht. Obwohl die Nachfrage nach Rohstoffen, für die das subsaharische Afrika einer der größten Lieferanten ist, weltweit steigt, wird die Bevölkerung vor Ort wahrscheinlich ökonomisch keinen wesentlichen Nutzen daraus ziehen können. Unvorhergesehen große Gewinne aufgrund wesentlich erhöhter Rohstoffpreise könnten in verschiedenen Regionen korrupte oder ansonsten untaugliche Regierungen an der Macht halten und die Aussichten demokratischer und marktorientierter Reformen verschlechtern. Obwohl viele unter den größeren Ländern Lateinamerikas 2025 im mittleren Einkommensbereich rangieren dürften, werden andere zurückfallen – besonders jene, die, wie Venezuela und Bolivien, längere Zeit hindurch einen populistischen Kurs gesteuert haben. Und manche, etwa Haiti, werden noch ärmer und noch weniger regierbar geworden sein. Insgesamt wird Lateinamerika hinsichtlich der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit hinter Asien und anderen Zonen hohen Wachstumstempos zurückbleiben.

Das Bevölkerungswachstum der nächsten 20 Jahre wird so gut wie vollständig auf Asien, Afrika und Lateinamerika entfallen. Der Anteil des Westens wird weniger als drei Prozent betragen. Europa und Japan werden die aufsteigenden Mächte China und Indien weiterhin im Pro-Kopf-Reichtum weit übertreffen, aber Schwierigkeiten haben, robuste Wachstumsraten aufrechtzuerhalten, weil die Zahl ihrer Einwohner im arbeitsfähigen Alter schrumpfen wird. Was die Alterung der Bevölkerung in der entwickelten Welt angeht, werden die USA aufgrund von höheren Geburtsraten und mehr Einwanderung partiell eine Ausnahme bilden. Die Zahl der Migranten, die aus benachteiligten Ländern in relativ privilegierte streben, wird wahrscheinlich wachsen.

Die Anzahl der Länder des gegenwärtigen “Bogens der Instabilität” mit jugendlicher Altersstruktur wird voraussichtlich um mehr als 40 Prozent zurückgehen. Drei von vier der verbleibenden Länder mit einem “Jugendüberschuss” werden im subsaharischen Afrika liegen; fast der gesamte Rest wird sich im Kernbereich des Mittleren Ostens und verstreut über Süd- und Zentralasien sowie auf den Pazifikinseln befinden.

Eine neue transnationale Agenda

Fragen der Rohstoffversorgung werden auf der internationalen Agenda weit oben rangieren. Ein beispielloses weltweites Wirtschaftswachstum wird – so positiv es unter vielen anderen Aspekten ist – weiterhin für Probleme bei einer Reihe hochgradig strategischer Ressourcen sorgen, darunter Energie, Nahrung und Wasser, und die Nachfrage wird unserer Prognose nach das vorhandene Angebot während der nächsten etwa zehn Jahre wohl deutlich übersteigen. So wird beispielsweise die Erzeugung flüssiger Kohlenwasserstoffe – Rohöl, verflüssigtes Erdgas und Öl aus unkonventionellen Quellen wie Teersanden – außerhalb des OPEC-Bereichs nicht so schnell wachsen wie die Nachfrage. Bei vielen traditionellen Erzeugern sinkt die Öl- und Gasproduktion bereits. Anderswo – in China, Indien und Mexiko – flacht die Produktion ab. Die Anzahl der Länder, die ihre Produktion erheblich auszuweiten vermögen, wird schwinden; die Öl- und Gaserzeugung wird sich auf instabile Gebiete konzentrieren. Aufgrund dieser Entwicklung und anderer Faktoren wird die Welt sich 2025 mitten in einem tiefgreifenden Energiewandel befinden, weg vom Öl, hin zu Erdgas, Kohle und anderen Alternativen.

Die Weltbank schätzt, dass die Nachfrage nach Nahrungsmitteln bis 2030 um 50 Prozent steigen wird – weil die Weltbevölkerung wächst, der Wohlstand steigt und eine größer werdende Mittelschicht westliche Ernährungsgewohnheiten annimmt. Das Problem mangelnden Zugangs zu einer gesicherten Wasserversorgung nimmt kritische Ausmaße an, besonders im Hinblick auf Zwecke der Landwirtschaft, und es wird sich wegen der rapide voranschreitenden weltweiten Verstädterung und der grob geschätzt 1,2 Milliarden Menschen, die im Verlauf der nächsten 20 Jahre hinzukommen werden, weiter verschärfen. Sachverständigen zufolge leiden heute 21 Länder mit zusammen rund 600 Millionen Einwohnern entweder unter Ackerland- oder unter Trinkwasser-Mangel. Wegen des anhaltenden Bevölkerungswachstums werden im Jahr 2025 voraussichtlich 36 Länder mit zusammen rund 1,4 Milliarden Menschen unter diese Kategorie fallen.

Es ist anzunehmen, dass der Klimawandel Ressourcenknappheiten verschärfen wird. Zwar nimmt der Klimawandel regional unterschiedliche Formen an, doch wird eine ganze Reihe von Ländern unter schädlichen Auswirkungen zu leiden haben, besonders unter Wasserknappheit und Verlusten an landwirtschaftlichem Produktionspotential. Die regionalen Unterschiede bei der landwirtschaftlichen Erzeugung werden sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit schärfer ausprägen, wobei Einbrüche sich überproportional auf Entwicklungsländer konzentrieren dürften, insbesondere auf die afrikanischen südlich der Sahara. Die Zunahme landwirtschaftlicher Verluste wird nach den Prognosen der meisten Ökonomen bis Ende dieses Jahrhunderts schwerwiegende Auswirkungen zeitigen. Für viele Entwicklungsländer hat die Verringerung der landwirtschaftlichen Erzeugung verheerende Konsequenzen, weil die Landwirtschaft einen großen Teil ihrer Ökonomie ausmacht und weil viele ihrer Bürgerinnen und Bürger am Rande des Existenzminimums leben.

Lösungen könnten wieder einmal in technologischen Neuerungen bestehen, etwa in praktikablen Alternativen zu den fossilen Brennstoffen oder Mitteln zur Überwindung der Nahrungsmittel- und Wasserengpässe. Doch reichen alle gegenwärtig vorhandenen Technologien nicht aus, um die herkömmlichen Energiestrukturen im erforderlichen Umfang zu ersetzen, und neue Energietechniken werden wahrscheinlich auch 2025 noch nicht rentabel und wenig verbreitet sein. Das Tempo der technischen Erneuerung wird zur Schlüsselfrage. Selbst bei günstigen politischen und finanziellen Rahmenbedingungen für biologische Treibstoffe, saubere Kohle oder Wasserstoff wird die Umstellung auf neue Kraftstoffe lange dauern. In der bisherigen Geschichte gab es bei der Einführung wichtiger Technologien noch stets eine “Übernahmeverzögerung”. Im Energiesektor dauert es einer kürzlich vorgelegten Untersuchung zufolge durchschnittlich 25 Jahre, bis eine neue Produktionstechnik weithin angenommen wird.

Auch wenn die Aussichten eher schlecht erscheinen, können wir nicht ausschließen, dass es bis 2025 zu einer Energieumstellung kommt, die die Kosten einer Grundüberholung der gesamten energetischen Infrastruktur vermeidet. Eine relativ schnelle und kostensparende Umstellung könnte während dieses Zeitraum möglicherweise durch bessere Arten erneuerbarer Quellen (Photovoltaik und Wind) sowie durch die Verbesserung der Batterietechnologie zustande kommen. Bei vielen dieser Technologien wäre die Hürde der Infrastrukturkosten für einzelne Projekte niedriger, was es vielen kleinen Wirtschaftsakteuren ermöglichen würde, eigene Energieumstellungsprojekte zu entwickeln, die unmittelbar den eigenen Interessen dienen – zum Beispiel stationäre Kraftstoffzellen zur Versorgung von Wohnungen und Büros, Hybridautos zur Wiederaufladung an der Steckdose und der Rückverkauf von Strom ans Netz. Zugleich könnte es durch Konversionsmaßnahmen – etwa die Pläne zur Erzeugung von Wasserstoff für Autoantriebszellen aus Strom in der häuslichen Garage – vermieden werden, dass eine komplexe Infrastruktur für den Wasserstofftransport entwickelt werden muss.

Zukunftsaussichten in Sachen Terrorismus, bewaffnete Konflikte

 

und atomare Weiterverbreitung

Auch wenn Ressourcenprobleme an die Spitze der internationalen Agenda aufrücken, bleiben Terrorismus, die Weiterverbreitung von Atomwaffen und bewaffnete Auseinandersetzungen Schlüsselthemen. Der Terrorismus wird bis 2025 wohl kaum verschwunden sein, aber seine Anziehungskraft könnte nachlassen, wenn das Wirtschaftswachstum anhält und die Jugendarbeitslosigkeit im Nahen und Mittleren Osten entschärft wird. Wirtschaftliche Chancen für junge Leute und mehr politischer Pluralismus könnten manche davon abhalten, sich terroristischen Gruppen anzuschließen, doch andere werden – aus unterschiedlichen Beweggründen wie etwa dem Bedürfnis nach Rache oder danach, “Märtyrer” zu werden – weiterhin auf Gewalt zurückgreifen, um ihre Ziele zu erreichen.

Solange es an Beschäftigungsmöglichkeiten und legalen Formen, sich politisch zu äußern, fehlt, wird der Boden reif sein für Unzufriedenheit, Radikalisierung und die mögliche Rekrutierung von Jugendlichen durch terroristische Gruppen . Bei den Terrorgruppen des Jahres 2025 wird es sich wahrscheinlich um eine Mischung handeln: aus Abkömmlingen seit langem eingeführter Gruppen – welche die für die Durchführung ausgeklügelter Angriffe erforderlichen Organisationsstrukturen, Befehls- und Aufsichtsverfahren sowie Ausbildungsmethoden erben – und neu entstehenden Sammlungsformen der Zornigen und Entrechteten, die sich selbst radikalisieren. Die Ausbreitung von Technologien und wissenschaftlichen Kenntnissen wird dazu führen, dass für die 2025 aktiven Terroristengruppen einige der gefährlichsten Potentiale der Welt in greifbare Nähe rücken. Zu unseren größten Sorgen gehört weiterhin, dass Terroristen oder andere böswillige Gruppen biologische Kampfstoffe – oder, weniger wahrscheinlich, eine Atomwaffe – erwerben und einsetzen könnten, um große Opferzahlen zu produzieren.

Dass der Iran Atomwaffen erlangt, ist zwar nicht unausweichlich, aber die Angst anderer Länder vor der Möglichkeit eines nuklear gerüsteten Iran könnte die Staaten der Region veranlassen, neue Sicherheitsarrangements mit auswärtigen Mächten zu treffen, zusätzliche Waffen zu beschaffen und die Verwirklichung eigener Atomambitionen zu erwägen. Ob sich jene Form eines stabilen Abschreckungsverhältnisses, wie sie die meiste Zeit des Kalten Krieges hindurch zwischen den Großmächten bestand, auch in einem Mittleren Osten mit einem nuklearfähigen Iran zwangsläufig herausbilden würde, steht durchaus nicht fest. Zwischenfälle und kleine Konflikte könnten – unter einem Atomschirm – unbeabsichtigt eskalieren und einen größeren Krieg herbeiführen, wenn zwischen den beteiligten Staaten keine klar markierten roten Linien existieren.

Ideologische Konflikte nach Art des Kalten Krieges werden unseres Erachtens in einer Welt, in der die meisten Staaten mit der Bewältigung der praktischen Probleme der Globalisierung und sich wandelnder globaler Kräfteverhältnisse beschäftigt sind, keine Wurzeln schlagen. Am stärksten wird die Macht der Ideologie wohl in der muslimischen Welt – besonders ihrem arabischen Kern – zur Geltung kommen. In jenen Ländern, die wahrscheinlich mit “Jugendüberschuss” und schwachem ökonomischen Unterbau zu kämpfen haben werden – wie Pakistan, Afghanistan, Nigeria und der Jemen –, dürfte die radikale salafistische Strömung des Islam an Zugkraft gewinnen.

Konflikt -Typen, die wir seit längerem nicht mehr erlebt haben – etwa Ressourcenkriege –, könnten erneut auftauchen. Die Sorge vor möglicher Energieverknappung wird manche Länder dazu treiben, Maßnahmen zur Sicherung ihrer zukünftigen Energieversorgung zu treffen. Im schlimmsten Falle könnte dies zu zwischenstaatlichen Konflikten führen, etwa wenn Staatsführer den gesicherten Zugang zu Energiequellen als lebenswichtig für die Aufrechterhaltung der inneren Stabilität und ihres Regimes betrachten. Doch selbst Maßnahmen, die nicht zum Krieg führen, werden wichtige geopolitische Konsequenzen zeitigen. Sorgen über die Sicherheit der Seewege führen zum Auf- und Ausbau bzw. zur Modernisierung von Marinekapazitäten, etwa der Schaffung von Hochseeflotten in China und Indien. Der Aufbau regionaler Seestreitkräfte könnte wachsende Spannungen, Rivalitäten und Gegenzüge bewirken, wird aber auch neue Möglichkeiten multinationaler Kooperation beim Schutz wichtiger Seewege schaffen. Wenn das Wasser in Asien sowie im Nahen und Mittleren Osten knapper wird, dürfte es inner- wie zwischenstaatlich schwieriger werden, die veränderten Wasserressourcen kooperativ zu nutzen.

Die Gefahr, dass es innerhalb der nächsten 20 Jahre zum Einsatz von Atomwaffen kommt, wird sich, obwohl weiterhin sehr gering, wahrscheinlich aufgrund verschiedener konvergierender Trends gegenüber heute vergrößern. Die Ausbreitung nuklearer Techniken und Kenntnisse weckt Besorgnisse, dass neue Atommächte auftauchen und terroristische Gruppen sich nukleares Material verschaffen könnten. Dass es zwischen Indien und Pakistan weiterhin regelmäßig zu Zusammenstößen, wenn auch solchen geringer Intensität, kommt, erhält das Schreckgespenst der Eskalation zu einem regelrechten Krieg zwischen diesen beiden Atommächten am Leben. Auch die Möglichkeit eines gewaltsamen Regimewechsels oder Zusammenbruchs in einem atomar gerüsteten Staat wie Nordkorea wirft weiterhin Fragen hinsichtlich der Fähigkeit schwacher Staaten auf, ihre Atomarsenale sicher im Griff zu behalten. Sollte es innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre zum Einsatz von Atomwaffen kommen, so wird die Konfrontation mit den unmittelbaren humanitären, wirtschaftlichen und politisch-militärischen Auswirkungen das internationale System erschüttern. Der Einsatz nuklearer Waffen würde wahrscheinlich zu erheblichen geopolitischen Veränderungen führen. Einige Staaten dürften Sicherheitsbündnisse mit bestehenden Atommächten zu schaffen oder zu festigen versuchen, während andere zu weltweiter nuklearer Abrüstung drängen würden.

Ein komplexeres Weltsystem

Der Trend zu einer stärkeren Streuung von Einfluss und Macht, der seit einigen Jahrzehnten anhält, wird sich wahrscheinlich verstärken, und dies aufgrund des Aufstiegs neuer global players , des sich verschlimmernden institutionellen Defizits, der möglichen Ausweitung regionaler Blockbildung und der wachsenden Kraft nichtstaatlicher Akteure und Netzwerke. Die Akteursvielfalt auf der Weltbühne könnte das internationale System stärken – insofern sie zur Schließung der Lücken beiträgt, die die alternden Institutionen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hinterlassen – oder auch weiter fragmentieren und die internationale Zusammenarbeit behindern. Die Unterschiedlichkeit der Akteurstypen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es innerhalb der beiden nächsten Jahrzehnte zu stärkerer Fragmentierung kommt, besonders angesichts der Breite des Spektrums transnationaler Herausforderungen, vor denen die internationale Gemeinschaft steht.

Es ist unwahrscheinlich, dass die aufsteigenden BRIC-Mächte das internationale System herausfordern werden, wie es Deutschland und Japan im 19. und 20. Jahrhundert taten, aber aufgrund ihrer wachsenden geopolitischen und wirtschaftlichen Macht werden sie über mehr Spielraum verfügen, ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Ziele zu verfolgen, statt die westlichen Normen gänzlich zu übernehmen. Sie werden wohl auch geneigt sein, ihren politischen Bewegungsspielraum zu erhalten und andere die Hauptlast tragen zu lassen, wo es um die Auseinandersetzung mit Problemen wie Terrorismus, Klimawandel, Weiterverbreitung von Atomwaffen und Energiesicherheit geht.

Die vorhandenen multilateralen Institutionen – die groß, schwerfällig und ursprünglich auf eine andere geopolitische Ordnung zugeschnitten sind – werden es schwer haben, sich schnell auf die Durchführung neuer Missionen einzustellen, dem Wandel ihrer Mitgliedschaft Rechnung zu tragen und ihre Ressourcen zu vermehren.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die sich auf spezifische Probleme konzentrieren, werden das Landschaftsbild zunehmend mitbestimmen, aber die Fähigkeit von NGO-Netzwerken, Wandel zu schaffen, dürfte sich in engen Grenzen halten, wenn konzertierte Anstrengungen von multinationalen Institutionen oder Staaten und Regierungen ausbleiben.

Bemühungen, dem Aufstieg der jüngeren Mächte durch mehr Aufgeschlossenheit und Integrationsbereitschaft Rechnung zu tragen, könnten es den internationalen Organisationen erschweren, mit transnationalen Herausforderungen fertig zu werden. Die Rücksichtnahme auf abweichende Ansichten von Mitgliedstaaten wird weiterhin die Agenda der Organisationen beeinflussen und die Art der Lösungen, die ins Auge gefasst werden können, beschränken.

Ein stärkerer asiatischer Regionalismus , wie er 2025 möglich wäre, hätte globale Auswirkungen, weil er einen Trend zur Herausbildung dreier Handels- und Finanzgruppierungen – Nordamerika, Europa und Ostasien –, aus denen Quasi-Blöcke werden könnten, auslösen oder verstärken könnte. Käme es zu solchen Quasi-Blöcken, so hätte das Folgen für die Fähigkeit, künftige WTO-Abkommen zu erreichen. Die Regionalgruppierungen könnten bei der Festlegung transnationaler Produktstandards für Informationstechnologien, Biotechnik, Nanotechnik, geistige Eigentumsrechte und andere Aspekte der New Economy konkurrieren. Andererseits könnte ein Mangel an regionaler Kooperation in Asien die Konkurrenz Chinas, Indiens und Japans um Ressourcen, etwa auf dem Energiesektor, beflügeln.

Die wachsende Komplexität der einander überschneidenden Rollen von Staaten, Institutionen und nichtstaatlichen Akteuren ist untrennbar mit der Vermehrung politischer Identitäten verbunden, die zur Etablierung neuer Netzwerke und wiederentdeckter Gemeinschaften führt. In den meisten Gesellschaften wird 2025 keine einzelne politische Identität vorherrschen. Religiös bestimmte Netzwerke könnten als Kern-Netzwerke fungieren und insgesamt bei vielen transnationalen Fragen wie Umwelt und Ungleichheit eine bedeutendere Rolle spielen als weltliche Gruppierungen.

Die Vereinigten Staaten:

 

eine weniger dominante Macht

2025 werden die Vereinigten Staaten sich als einer unter einer Mehrzahl wichtiger Akteure auf der Weltbühne wiederfinden, wenngleich immer noch als der mächtigste. Selbst auf militärischem Gebiet, wo die USA auch im Jahr 2025 weiterhin einen beträchtlichen Vorsprung haben, werden wissenschaftliche und technische Fortschritte anderer, der vermehrte Rückgriff sowohl staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure auf Methoden irregulärer Kriegführung, die Weiterverbreitung von Langstrecken-Präzisionswaffen und die Zunahme von Cyberkriegsangriffen die Handlungsfreiheit der Vereinigten Staaten zunehmend einschränken. Eine stärkere Beschränkung der US-Rolle wirkt sich auf andere und auf die Wahrscheinlichkeit aus, dass neue Aufgaben auf der Agenda wirksam angepackt werden. Trotz des jüngsten Anstiegs des Antiamerikanismus werden die USA wahrscheinlich weiterhin im Nahen und Mittleren Osten und in Asien als dringend benötigte Kraft des regionalen Ausgleichs betrachtet werden. Man wird von den Vereinigten Staaten weiterhin erwarten, dass sie mit dem Einsatz ihrer militärischen Macht eine bedeutende Rolle im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus spielen. Bei neueren Sicherheitsfragen wie dem Klimawandel wird man es weithin als ausschlaggebend ansehen, ob die Vereinigten Staaten die Führung dabei übernehmen, konkurrierende und Uneinigkeit stiftende Auffassungen dahingehend zu beeinflussen, dass Lösungen gefunden werden. Gleichzeitig aber bedeuten die Vielzahl und Vielfalt einflussreicher Akteure sowie das Misstrauen gegenüber außerordentlicher Macht, dass die Vereinigten Staaten ohne die Unterstützung starker Partner weniger Spielraum dafür haben werden, den Ton anzugeben. Entwicklungen im Rest der Welt, darunter die innere Entwicklung in einer Reihe von Schlüsselstaaten – besonders China und Russland –, werden wahrscheinlich ebenfalls zu den ausschlaggebenden Determinanten der US-Politik zählen.

2025 – Welche Art Zukunft?

Die genannten Trends legen nahe, dass es zu großen Brüchen, Schocks und Überraschungen kommen wird, die wir im gesamten Text dieses Berichts behandeln. Zu den Beispielen zählen der Einsatz von Atomwaffen und eine Pandemie. In einigen Fällen betrifft das Überraschungsmoment nur noch den Zeitpunkt des Eintretens: So führt beispielsweise an einer Energieumstellung kein Weg vorbei; die einzig offenen Fragen beziehen sich darauf, wann und wie abrupt oder sanft eine derartige Umstellung vor sich geht. Eine Umstellung der Energieversorgung von einem Träger (fossile Brenn- und Kraftstoffe) auf einen anderen (alternativen) ist ein Vorgang, wie er nur einmal in einem Jahrhundert geschieht und der zumeist schwerwiegende Folgen nach sich zieht. Die Umstellung von Holz auf Kohle gehörte zu den Auslösern der Industrialisierung. Diesmal würde ein Ausstieg aus den fossilen Energieträgern erhebliche Auswirkungen auf die Energieproduzenten im Mittleren Osten und in Eurasien haben, möglicherweise gar zum dauerhaften Niedergang einiger Staaten als Global- und Regionalmächte führen.

Andere Brüche lassen sich weniger klar vorhersagen. Sie werden wahrscheinlich aus der Wechselwirkung verschiedener Trends resultieren und von der Qualität der Führungskraft abhängen. Ungewissheiten wie die, ob China oder Russland Demokratien werden, verorten wir in dieser Kategorie. Chinas wachsende Mittelschicht vergrößert die Chancen einer solchen Entwicklung, macht sie aber keineswegs unausweichlich. Politischer Pluralismus in Russland erscheint in Ermangelung wirtschaftlicher Diversifikation weniger wahrscheinlich. Möglicherweise wird Druck von unten in diese Richtung drängen, oder vielleicht wird eine Führungsfigur den Demokratisierungsprozess einleiten oder fördern, um die Wirtschaft in Gang zu halten oder das wirtschaftliche Wachstum anzuregen. Deutlich und anhaltend niedrigere Öl- und Erdgaspreise würden das Bild verändern und die Aussichten auf eine weiter gehende politische und wirtschaftliche Liberalisierung in Russland verbessern. Käme es in einem dieser beiden Länder zur Demokratisierung, so wäre dies eine neue Demokratisierungswelle und für viele andere Entwicklungsländer von großer Tragweite.

Ungewiss ist auch, was aus den demographischen Herausforderungen wird, vor denen Europa, Japan und selbst Russland stehen. In keinem dieser Fälle muss es schicksalhaft zu einer Schwächung der regionalen und globalen Machtstellung kommen. Technologische Entwicklungen, die Rolle der Einwanderung, Verbesserungen im Gesundheitswesen und Gesetze, die eine stärkere weibliche Partizipation am Wirtschaftsleben fördern, sind einige der Maßnahmen, die den Verlauf der Trends verändern können, welche gegenwärtig auf weniger Wirtschaftswachstum, zunehmende soziale Spannungen und möglichen Niedergang hindeuten.

Ob eine Anpassung und Wiederbelebung der globalen Institutionen gelingt – eine andere, entscheidende Ungewissheit –, ist ebenfalls eine Frage politischer Führungskraft. Die gegenwärtigen Trends lassen eine Macht- und Autoritätsstreuung erwarten, die einen Mangel an Global Governance bewirkt. Um die Richtung dieser Trends umzukehren, müsste es in der internationalen Gemeinschaft zu starken Führungsanstrengungen einer Reihe von Mächten, darunter der Aufsteiger, kommen.

Einige Entwicklungen, deren Eintreten ungewiss ist, würden – falls sie einträten – gewichtigere Konsequenzen haben als andere. In dieser Arbeit stellen wir das Gesamtpotential an größeren Konflikten dar, von denen einige Formen annehmen könnten, die die Globalisierung gefährden. In diese Kategorie gehören für uns der Terrorismus mit Massenvernichtungsmitteln und ein atomares Wettrüsten im Nahen und Mittleren Osten. Die entscheidenden Ungewissheiten und deren mögliche Konsequenzen werden im Text näher erörtert und in dem Kasten auf Seite VII zusammengefasst. In vier fiktiven Szenarios schildern wir neue Herausforderungen, die aus der im Gang befindlichen weltweiten Transformation erwachsen könnten. Es geht darin um neue Situationen, Dilemmata und Komplikationen, die einen Bruch mit bisherigen Entwicklungen darstellen. Sie erfassen, auch zusammengenommen, nicht etwa alle möglichen Varianten. Keines dieser Szenarien ist unausweichlich oder auch nur notwendigerweise wahrscheinlich ; aber sie können, wie viele andere Ungewissheiten auch, möglicherweise die Spielregeln verändern.

– Im Szenario Eine Welt ohne den Westen übernehmen die neuen Mächte auf der Weltbühne Führungsrollen und ersetzen den Westen in dieser Funktion.

– Das Szenario Oktober-Überraschung veranschaulicht, welche Folgen die mangelnde Beachtung des globalen Klimawechsels haben kann; unerwartete schwere Auswirkungen vermindern das Spektrum der Optionen, die der Welt bleiben.

– Im Szenario Krach unter den BRICs erweisen sich Streitigkeiten über lebenswichtige Ressourcen als mögliche Kriegsursache zwischen Großmächten – in diesem Falle zwischen zwei schwergewichtigen Aufsteigern, Indien und China.

– Im Szenario Politik ist nicht immer ortsgebunden erlangen nichtstaatliche Netzwerke so viel Macht, dass sie die internationale Umweltagenda festlegen und dabei Staaten und Regierungen in den Schatten stellen können.

 

1 Der NIC-Bericht erläutert in einer Fußnote, was die Verfasser unter “national power” verstehen: “Die relative Macht eines Landes im Vergleich mit anderen, wie sie das International-Futures-Computermodell errechnet, beruht auf einem Index, der Bruttoinlandsprodukt, Verteidigungsausgaben, Bevölkerung und Technologie als gewichtete Faktoren kombiniert.”


Themen: Krieg und Frieden, Atom und Wirtschaft

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