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Links und libertär?

Warum die Linke mit individueller Freiheit hadert

von Klaus Lederer

Die Linke, als Partei wie als gesellschaftliche Strömung, ist gegenwärtig in keiner guten Verfassung. Dass manche Menschen, die sich in der PDS über Jahre engagiert haben, mit ihrer Partei hadern, hat seinen Grund auch darin, dass die Geringschätzung individueller Selbstverwirklichungs- und Emanzipationsansprüche in der „Linken“ wieder stärker zu vernehmen, ja geradezu salonfähig geworden ist – und dass Zweifel und Widerspruch in der neuen, vereinigten Partei nicht gern gesehen sind.

Wenn Dissidenz und Differenzierung innerparteilich nicht mehr ertragen werden, wenn wieder Argumente zu hören sind wie „Was nützen einem Aids-kranken Schwarzen im Süden das allgemeine Wahlrecht und die Meinungsfreiheit?“, dann werden Schmerzgrenzen überschritten. Schmerzgrenzen, die sich für viele früher bereits in der PDS engagierte Menschen aus der bitteren Erfahrung der „Neuerfindung“ nach 1989/90 und der damit verbundenen Auseinandersetzung um das verbliebene Erbe entwickelt haben. In der neuen „Linken“ scheint die Neu- bzw. Rückbesinnung auf „das Kollektive“, „die Massen“ und ihre Gleichheit zu reüssieren, und manche glauben dabei, man könne den Freiheitsbegriff und die Individualität getrost „den anderen“ überlassen.

Diese Herablassung gegenüber Individualismus und individuellen Freiheitsrechten ist eine unschöne linke Tradition. Das klingt in etwa so: Die freiheitlichen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft seien gewissermaßen Fassade, die den Unterdrückten das Herrschaftssystem schmackhaft machen, um sie von ihrer „eigentlichen“ kollektiven Mission abzulenken. Sie seien, kurzum, bloß „bürgerliche“ Freiheit, während das Eigentliche, Wahre, Erstrebenswerte doch darüber – nämlich über „den Kapitalismus“ – hinausgehen müsse. Eigensinn und „Dekadenz“ bedeuten folglich, der sinistren Durchkreuzungsstrategie dunkler Mächte gegen die allgemeine Befreiung der Massen auf den Leim gegangen zu sein, die kollektiven Interessen verraten, sich auf sein eigenes, kleines, privates Glück zurückgezogen zu haben.

Warum also hat die Linke – und vor allem die Partei „Die Linke“ – ein Problem mit individueller Freiheit? „Eigensinn und aufrechter Gang“, also Individualität und Individualismus, waren eigentlich immer Stärken der Linken. Das lässt sich an vielen Biographien belegen. Denken wir an Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“, in dem eindrucksvoll beschrieben wird, wie ein Mensch versucht, trotz des Hineingeworfenseins in strukturierte und strukturierende Verhältnisse seinen eigenen Weg zu finden.

Und auch Karl Marx war auf eine Art und Weise eigensinnig, wenn nicht gar kauzig und verschratet, wie kaum ein anderer Linker seiner Zeit. Mit einer faszinierenden Fähigkeit zur analytischen Durchdringung und Kritik der herrschenden Zustände ausgestattet, schleuderte er streitsüchtig grobe Bannstrahlen gegen jeden, der seine Sicht in Zweifel zu ziehen wagte. Sein Lebensstil war ausgesprochen extravagant; manche Prioritätensetzungen in seinem Alltag würden wir heute wohl zumindest als außergewöhnlich bezeichnen. Marx war ein von den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit mit Leidenschaft erfüllter Exilant, ständig in Geldnot und von Krankheiten geplagt, mit Vergnügen am Ulk, innig und in Liebe verbunden mit seiner Familie, ein Freund der Zecherei, des derben Wortes und schalkhaften Tuns. Und er war ein brillanter Denker.

Die Existenz eigensinniger und eigenwilliger Persönlichkeiten war eine Voraussetzung der Organisation, Kreativität und Durchsetzungsfähigkeit der Linken insgesamt. Man kann dies als Indiz nehmen dafür, dass die politische Linke mit individueller Freiheit, ja mit der Besetzung von Freiräumen in der Gesellschaft, alles andere als hadern muss.

Auf die Tragödie folgt die Farce

Aber in Wirklichkeit ist die Sache natürlich verzwickter. Denn jede und jeder kennt auch die „andere“ Seite der gleichen Linken, jene, die mit Individualismus und Eigensinn hadert. Lebenslust und asketisches Ideal waren in linken Mythen ohnehin oft merkwürdig widersprüchlich verbandelt. Dem leisteten eine Geschichtsphilosophie und eine Anthropologie Vorschub, die bereits bei Marx herausgelesen werden können, und die für sich in Anspruch nahmen, über ein besonderes Wissen hinsichtlich der Idealformen menschlichen Lebens zu verfügen. Das darin formulierte „Ende der Geschichte“ war die Umwerfung aller Unterdrückungsverhältnisse. Im Bewusstsein ihres irgendwann gewissen Sieges konnte sich eine Bewegung mit diesem Ziel sämtlicher denkbarer Mittel bedienen, um die „Morgenröte des Menschengeschlechts“ herbeizuführen.

Die Diskussion über die richtigen Mittel, über das „Wie“ dieser Erlösung, war allerdings problematisch. Sie führte zu vielen Spaltungsprozessen und negativen Auswüchsen linker Ideologien, inklusive Gewaltfetisch, Katharsisphantasien, Selbstgeißelungsritualen und revolutionären Erweckungsmessen. Letztlich ist diese Ideenwelt allerdings seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, im Niedergang begriffen, und ihre progressiven Beiträge zur Gegenwart halten sich in engen Grenzen.

Ein das linke Denken verkleisternder, dogmatischer Grundbestand an Vorstellungen hat sich jedoch weit über den Kern der dogmatischen Linken hinaus als recht beharrlich erwiesen. Er liegt als Schatten auch über den heutigen Diskursen: Die Sehnsucht nach einem grundlegenden Bruch mit den vorgefundenen Verhältnissen mündete in ihre fundamentale Verneinung. Individuelle Freiheitsrechte sind danach nur Fassade des faulenden Kapitalismus, Rhetorik zur Massenintegration. Wo gehobelt wird, fallen Späne, wo etwas Neues entstehen soll, muss das Alte gründlich ausgemerzt werden. Emanzipationsfortschritte ohne grundlegenden Bruch sind demnach nicht zu erwarten und auch nicht möglich – es gibt nichts Gutes, solange nicht das Grundübel selbst, der Kapitalismus, beseitigt ist. Deshalb kann es – natürlich – auch keine Ansprüche an ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt geben.

Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass der Kapitalismus notwendig in seinen schwärzesten Farben gezeichnet werden muss. Die Massen sollen sich ja empören, spontane Bewusstseinsbildung und Massenorganisation bewerkstelligen, die Gesellschaft von Grund auf neu und unterdrückungsfrei organisieren. Daraus resultiert dann das erwähnte Misstrauen gegenüber „Individualismus“ und „bürgerlicher Dekadenz“. Man spricht lieber vom „Wir“ als vom „Ich“, betont Klasseneinheit und -wachsamkeit.

Diese Beschreibung darf nicht über die temporäre Faszination und Wirkungsmächtigkeit dieser Ideologie bis hinein ins republikanische Bürgertum hinwegtäuschen. Denn die linke Zielformulierung war im Grundsatz freiheitlich und humanistisch, gar eine Einladung zum Individualismus und zum Eigensinn. Auch deshalb fühlten sich viele Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Kultur immer wieder zu dieser Bewegung hingezogen und beeinflussten sie, nicht selten mit ausgesprochen innovativen und progressiven Beiträgen. Nicht wenige von ihnen wurden von der Linken jedoch wieder verstoßen, gewissermaßen „exkommuniziert“.

Spätestens seit 1989/90 ist der linken Gesellschaftsperspektive überdies jegliche Überzeugungskraft abhanden gekommen. Denn die Verhältnisse, die sind nicht so. Die vergleichsweise übersichtliche Klassenlage der ersten großen kapitalistischen Blütezeit war lange durch das fordistische Arrangement abgelöst worden. Die als – gleich, ob positive oder negative – Projektionsfläche existierende zeitweilige „Systemalternative“ ging an ihren eigenen Widersprüchen ruhmlos zugrunde. Und in der „Spaßgesellschaft“ ersäuft jedweder grundsätzlicher Veränderungswillen offenbar in Gleichgültigkeit und Bewegungslethargie.

Auf die Tragödie folgte die Farce. Was da an Mobilisierungskraft übrig blieb, reichte allenfalls für eine „Depressionslinke“ oder als rhetorischer Mantel für linken Protestantismus und Populismus. Die Hoffnung, es möge doch mit einem großen Knall alles Schlechte vorbei und alles besser sein, taugt zwar noch immer für die ideologische Vereinnahmung oder Selbstvergewisserung. Mit Lebenslust, Eigensinn und Egozentrik hat das nicht viel zu tun, auch nicht mit wirklichem Eingreifen. Es wirkt vielmehr seltsam „retro“, simuliert, verworren, altbacken, „von gestern“ – wie eine Selbstvergewisserung ohne Anschlussfähigkeit an die gesellschaftliche Vielfalt konkreter Interessen und Widersprüche. Kurz: Es „passt“ nicht mehr.

Aber auch die undogmatische Linke, die paradigmatisch mit dem puritanischen Flügel gebrochen und die Lebenslust immer hochgehalten hat, bekam spätestens im Gefolge von 1989/90 ein Problem. Der kollektive und zugleich individualistische Ruf nach dem „schönen Leben“, die Entwicklung eines eigenwilligen, lustbetonten Lebensstils – in den 60er Jahren war das Provokation, Aufbegehren, Rebellion gegen die Verhältnisse, mithin politische Haltung und politisches Handeln mit emanzipatorischem Gehalt. „Hol dir das schöne Leben – jetzt und hier!“, das war im Bewusstsein der handelnden Akteurinnen und Akteure die unmittelbare Einlösung des bürgerlichen Versprechens von Freiheit und Glück gegenüber dem philisterhaften Bürgertum. Das war per se links, alternatives Lebensgefühl und politische Emanzipationsmaxime zugleich: Weg mit den restriktiven Normen des Alltags – vom Arbeitsplatz bis hin zum Intimleben!

Die undogmatische Linke hat sich zu Tode gesiegt

Heute aber ist die ungehemmte Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und Triebe verallgemeinertes Lebensgefühl und verallgemeinerter Lebensstil, in aller Diversität, die denkbar ist, und regelmäßig verbunden mit allen denkbaren Depressionen. Liberalisierung wie Ausdifferenzierung der Lebenskultur und kapitalistische Gesellschaftsreproduktion waren eben nicht unvereinbar, sondern fanden im postfordistischen Modernisierungsschub ihre sehr ambivalente Symbiose.

Die undogmatische Linke hat sich quasi zu Tode gesiegt. Mit dem Ruf nach dem „schönen Leben“ verbindet sich heute keine spezifische politische Haltung mehr, sondern vor allem die soziale, kulturelle und ökonomische Reproduktion des Status quo. Selbst rechte Orientierungen lassen sich gut mit einem „genießenden“ Leben vereinbaren. Man kann heute (fast) genauso bei den „Lesben und Schwulen in der Union“ sein, offen und doch recht freizügig als Homo leben und trotzdem für „Pro Reli“ werben, den Kapitalismus genauso wie den Papst dufte finden. Und man kann „grün“ wählen, Bio einkaufen, die umfassende Deregulierung der Märkte mit einem „Öko-Antlitz“ begrüßen, dabei in einem „irgendwie linken“ Lebensgefühl schwelgen und von der eigenen Finanzanlagepolitik recht schön abgesichert leben.

Heute muss man „sein Ding“ machen, den eigenen Weg finden, das heißt: sich in der komplizierten, abstrakten Welt an den herrschenden Codes orientieren und zurechtfinden – was den Subjekten ein gehöriges Maß an Zurichtung und sozialen Anpassungsleistungen abfordert, um sich individuell ein schönes Leben zu organisieren. Kurz: Es reicht schlicht nicht mehr aus, lustbetont und individualistisch zu leben, um „links“ zu sein. So sind nämlich inzwischen fast alle.

Die permanente Provokation und das spielerische Brechen der Konventionen und Normen wurden selbst gesellschaftliche Konvention und Norm. Sogar die konservative Rechte beherrscht inzwischen geschickt – und auf jeden Fall wirkungsvoller als die Linke – diese Klaviatur. Und nicht zuletzt singen die Epigonen des Neoliberalismus unablässig das Hohe Lied des Individualismus, preisen den Markt der Lebensentwürfe. Folgerichtig ist ein Teil einstmals undogmatischer Linker mittlerweile in den gesellschaftlichen Mainstream diffundiert und macht aus den autonom erkämpften Freiräumen und widerständigen Impulsen gutes Kapital. Richtig glücklich werden sie damit zwar nicht. Aber es könnte ihnen auch wesentlich schlechter gehen. Und „irgendwie links“ sind sie in ihrer Identität immer noch.

Die Diffusion der Arbeiterklasse und das Ende der Utopie

Das aber, was etwa Marx angetrieben hat – das allgemeine Emanzipationsversprechen des Bürgertums, in der Aufklärung und in den Programmen der demokratischen Revolutionen artikuliert – ist damit trotzdem nicht vom Tisch. Die Emanzipation des Einzelnen bleibt unerfüllt, solange die gesellschaftliche Emanzipation nicht alle einschließt.

Was also bleibt, sind die aus dem gesellschaftlichen Zustand resultierenden Widersprüche. Sie treten aber nicht als abstrakte Klassenwidersprüche in Erscheinung, sondern gehen durch die Individuen selbst – im postmodernen Kapitalismus mehr denn je. Das ausgelebte Leben ist für viele Menschen dabei kein erfülltes Leben, wie es die Rebellinnen und Rebellen seinerzeit erhofft hatten. Mit der zunehmenden Verdinglichung sozialer Beziehungen verbindet sich für viele das unbestimmte Gefühl, dass die postmoderne Gegenwart „es nicht wirklich ist“. Die Kolonisierung der individuellen Lebenswelten durch Bürokratismus und Ökonomismus wird dabei als unsittliche Tendenz wahrgenommen, zumal die Kehrseiten der jüngeren Gesellschaftsentwicklung inzwischen deutlicher hervortreten. Existenzielle Ängste zügeln den Glückshunger und lassen die Grenzen einer individuellen Freiheit in materieller Not sichtbar werden, soziale Disziplinierung und innere Aufrüstung entleeren das tägliche Freiheits- und Glücksversprechen im Alltag, für alle Dimensionen des menschlichen Alltags, für Kreativität, geistige Erfüllung, soziale Geborgenheit, gilt das untrügliche Einheitsmaß der Marktanforderungen. Man könnte sagen, dass die Vergesellschaftung des „schönen Lebens“ ausbleibt.

Genau hier aber liegt das zentrale Problem linker Diskurse und Strategiebildungen: Sie müssten diese „Verkomplizierungen“ zur Kenntnis nehmen und manch lieb gewordenes Analyseschema und ritualisierte Handwerksinstrument in Frage stellen, vielleicht sogar über Bord werfen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine partielle Neuerfindung, die auf einem notwendigen Schritt an Wirklichkeitszuwendung basiert.

Der Sozialismus hatte im 19. Jahrhundert – als politische Ideologie – vor allem daraus seine Kraft bezogen, dass seine Kategorien und seine Erzählung vor dem Hintergrund lebensweltlicher Erfahrungen plausibel waren. Marx’ Analyse knüpfte genauso an der Lebenswirklichkeit des Proletariats an, wie seine strategische Konfliktaufstellung in der zentralen Klassenauseinandersetzung zwischen Proletariat und Bourgeoisie den empfundenen Ungerechtigkeiten und Widersprüchen in der Gesellschaft entsprach. Dabei erfüllten Begriffe wie „Ausbeutung“ oder „Klasse“ in Marx’ Werk nicht allein die Funktion analytischer Kategorien. Sie waren immer auch „bewusstseinsbildend“, politische Kategorien, moralische Anklage: die Arbeiterklasse als unterdrücktes Kollektiv; das Arbeitsleben als ein Leben, das einem anderen als dem Arbeiter gehört. Die Arbeiterklasse sollte ja kämpfen für ihre Emanzipation aus dem Joch des Kapitalverhältnisses und für die allgemeine Emanzipation der Gesellschaft.

Der Erfolg im Klassenkampf erforderte vor allem Solidarität unter den Angehörigen der Klasse. Solidarität kann es aber nur dort geben, wo gleiche (oder ähnliche) Interessen auch zu einem gemeinsamen Interesse werden. Das erforderte ihre Formulierung und Artikulation, also Formen kollektiven Handelns. Die Theorie half, diese Formen zu schaffen: Polit-, Arbeitermusik-, Konsum-, Sport- und Freizeitvereine, Gewerkschaften, Sozialwerke, Genossenschaften und Parteien. Das Zusammengehörigkeitsgefühl gründete sich nicht zuletzt auf einer gemeinsam empfundenen materiellen Lage und dem dazu passenden Klassenbewusstsein, der Erzählung des sozialistischen Emanzipationsversprechens mit der historischen Mission des Proletariats – und auf der realen Erfahrung, dass sich gemeinsam tatsächlich mehr rausholen lässt. Erst recht, wenn die Revolution als historische Möglichkeit gedacht werden kann, wenn sie als Drohung gegenüber dem Bürgertum im Raum steht. Die Eliten der Nationalstaaten in den kapitalistischen Zentren fürchteten sich tatsächlich über Jahrzehnte vor der Arbeiterklasse – vor ihrem Mythos und ihrer gesellschaftlichen Realität.

Dieser Punkt, die Formulierung gemeinsamer Interessen auf Basis gleicher Interessen, die Konstituierung als kollektives Handlungssubjekt, ist keineswegs trivial. Auch Kapitalisten haben ja ein gleiches Interesse: Profitmaximierung. Diese Interessengleichheit mündet jedoch nicht in Solidarität, sondern in Konkurrenz, ihre Kommunikationsform ist verdinglicht – was nicht bedeuten soll, dass es nicht auch eine negative, abgrenzende Solidarität der Eliten gegenüber „denen da unten“ gegeben hätte und nach wie vor gibt. Sie ist in den aktuellen Auseinandersetzungen auch spürbar, ja sogar hegemoniefähig, und kommt heute im Gewand der Versatzstücke des Neoliberalismus und Neokonservatismus daher.

Was aber passiert, wenn Veränderungen im Akkumulationsregime und in der politischen Form des Kapitalismus derartige Binnendifferenzierungen in den Klassenstrukturen nach sich ziehen, dass Klassenzugehörigkeit nicht mehr gemeinsam „erlebt“ und vor allem nicht mehr gemeinsam gelebt wird? Wenn die Ausdifferenzierung der Lebensvorstellungen, Lebenslagen und Lebensstile keine gemeinsame Subjektbildung, keine kollektive politische Artikulation mehr ermöglicht? Dann zerfällt das, was bei Marx noch eine Einheit war: „Klasse“ als Begriff der gesellschaftlichen Analyse, aber auch „Klasse“ als politisch-soziologische Kategorie, als Trägerin politischer Interessenidentität, als „kollektives Bewusstsein“ und als Bezugsrahmen erfahrbarer Solidarität. Dann bricht das historische Subjekt, auf dem das linke Zukunftsvertrauen beruht, in sich zusammen.

Wo findet sich heute ausdrucksstarker kollektiver Protest gegen die Verhältnisse? Die großen Protestbewegungen der 80er Jahre, die Friedensbewegung, die Umweltbewegung, die Frauenbewegung – sie gibt es heute als Massenbewegungen kaum noch. Was es gibt, sind Restbestände und Verfallsprodukte aus dieser Zeit, die sich friedlich zu der schwindenden gewerkschaftlich vertretenen Arbeiterschaft gesellen, die aus den großen Klassenkämpfen des vergangenen Jahrhunderts übrig geblieben ist.

In dieser Landschaft ohne große Utopie, ohne machtvolle Protestbewegungen, hat sich eine Haltung etabliert, die sich abgeklärt gibt. Sie kann mit den „großen Erzählungen“ nichts mehr anfangen. Sie hat sich im Plural der Sprachspiele, Diskurse, Interpretationen und Lebensformen zurechtgefunden. Diese Haltung hält das kleine Versprechen bereit: Für jede und jeden gibt es einen Kleingarten der bescheidenen, dafür freien Verwirklichung des eigenen Lebensentwurfs. Diese Widersprüchlichkeit in größerer gesellschaftlicher Breite „aufknackende“, „verallgemeinerbare“, hegemoniefähige Artikulations-, Organisations- und Handlungsformen mit emanzipatorischem Anspruch sind, realistisch betrachtet, gegenwärtig nicht in Sicht.

Ist das eine Kapitulationserklärung, eine Absage an den gesellschaftsverändernden Anspruch, an eine Linke überhaupt? Nein, keinesfalls.

Es ist vielmehr die Feststellung, dass so mancher ideologische Kompass der Vergangenheit verschrottet werden muss, wenn die Linke in die Offensive kommen will. Dass die Frage nach der Alternative „Kollektivität“ oder „Individualität“ falsch gestellt ist, weil die Brüche längst nicht mehr nur zwischen Klassen, sondern auch innerhalb der Individuen selbst existieren. Und dass kein „großer Entwurf“ des Weltenlaufs mehr denkbar ist, der die Idealform des menschlichen Zusammenlebens beschreibt, klare ideologische Orientierung und auch sozialen Halt bietet.

Vom Himmel der Ideologie in die Niederungen der Verhältnisse hinabsteigen

Und dennoch bleibt richtig: In unserer postmodernen Welt geht es nicht mit rechten Dingen zu. Das Vokabular des Diskurspluralismus klingt zwar sympathisch: Keiner soll dem anderen wehtun; man darf so ziemlich alles ausleben, was einem einfällt. Der Preis der postmodernen Ideologie des Unideologischen ist jedoch sehr hoch: Aufklärung und Emanzipation, die Hoffnung auf eine vernünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse, gelten als hochfliegende Träume einer Vernunft, die sich historisch als Albtraum von Totalitarismus und Terror entpuppt habe.

Und wenn wir zur Abwechslung mal vom Himmel der Ideologie in die Niederungen der Verhältnisse selbst hinabsteigen, erkennen wir, dass den Preis dieser Kultur all diejenigen zahlen, die von der Teilhabe an Bildung, kulturellen Techniken usw. aufgrund ihrer sozialen Herkunft ausgeschlossen sind. Denn für die vom kapitalistischen Verwertungsprozess Ausgestoßenen gibt es keine Vielfalt der Lebensformen. Und damit wird die Fortexistenz der Klassengesellschaft anhand der Lebenssituation der Marginalisierten besonders drastisch sichtbar. Sie scheinen die Diagnose vom „Ende der großen Erzählungen“ noch zu bestätigen. Offenbar haben die Ausgeschlossenen keine oder kaum mehr Energien, um gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lage einzutreten.

Wir können wohl kaum die realen Emanzipationsfortschritte des postfordistischen Kapitalismus übersehen, die für die verschiedensten Menschen zu verbuchen sind: die zwanghaften Vorstellungen von „Normalität“ haben an Überzeugungskraft verloren, was auch die Möglichkeit der Veränderung der gesellschaftlichen Institutionen eröffnet. Sexismus, Rassismus und Xenophobie gehören zwar immer noch zum ideologischen Alltagsgeschäft, sind aber erfreulicherweise in eine Defensivposition gedrängt. Die Modernisierung brachte neue, auch progressive, Formen von gesellschaftlicher Moral und Ästhetik hervor, die sich mit der (Lebens-)Wirklichkeit reiben. Das alles sollten wir nicht gering schätzen; wir müssen uns dessen vielmehr tatsächlich bewusst sein. Denn, wenn überhaupt, liegt in diesen Widersprüchen und den aus ihnen folgenden permanenten „Suchbewegungen“ der Keim für radikale Gesellschaftskritik und -veränderung.

Uns muss auffallen, dass sich die negative Solidarität der Eliten, die moralisch gefärbte konservative und ordoliberale Fundamentalkritik am Individualismus und am „Verfall der Werte“ – Folgen des flexibilisierten Kapitalismus – gegen nichts anderes richtet, als gegen seine emanzipatorischen Freiheitsgewinne. Hier gegenzuhalten, ist Aufgabe der Linken. Die defensive Linke leugnet die realen Emanzipationserfolge schlicht. Doch nicht die Emanzipationsfortschritte sind kleinzureden, sondern man muss die Mentalität angreifen, die besagt, dass mehr nicht drin sei. Eine treffende Gesellschaftskritik muss keine Aussagen über Idealformen des Zusammenlebens von Menschen machen, wenn sie feststellen möchte, dass bestimmte gesellschaftliche Praktiken abgestellt oder zurückgedrängt werden müssen, weil sie vorhandene Selbstbestimmung zerstören und Emanzipationsräume vernichten. Schauplatz dieser Auseinandersetzung ist insbesondere die Ökonomie, die Kritik gilt dem totalen Ökonomismus. Aber das Thema moderner linker Gesellschaftskritik besteht nicht mehr in Zukunftsgewissheiten; ihr Thema ist Heteronomie.

Beunruhigend ist für mich die weitgehende gesellschaftliche Abwesenheit des Gedankens, dass das Recht des Einzelnen, von den Zumutungen einer Kultur der Rücksichtslosigkeit verschont zu werden, und die Möglichkeit der freien Entfaltung des Einzelnen entscheidend davon abhängen, wie eine Gesellschaft organisiert ist. Freiheit ist doch nicht in erster Linie die Freiheit zu jedweder individueller Rücksichtslosigkeit. Freiheit ist vielmehr zum einen die Möglichkeit der vielen Einzelnen, ihre je besonderen Entwürfe von einem guten Leben zu verwirklichen; Freiheit ist zum anderen aber auch die Fähigkeit eines politischen Systems, diese Räume der persönlichen Freiheit bereitstellen zu können, sie zu schützen und die Steuerung gesellschaftlicher Entwicklungen auch durch politische Willensbildung gesellschaftlicher Mehrheiten zu ermöglichen. Freiheit bedeutet Autonomie der Person und der staatlich verfassten Gesellschaft sozialer Wesen. Der herrschende Diskurs dagegen fährt den Begriff der Freiheit auf die Schrumpfstufe eines ideologisierten hedonistischen Individualismus herunter; er reflektiert die realen Emanzipationserfolge in einem irreführenden Paradigma. Es ist übrigens kurios, wie sehr sich hier die pessimistischen Muster auf „der Linken“ und auf „der Rechten“ gleichen – beide verfahren nach dem Motto: Jedes noch so kleine Denken und Handeln in Alternativen ist zwecklos!

Dabei müsste es doch eigentlich das Grundanliegen der Linken sein, das Vorhaben, die Welt verändern zu wollen, in der gesellschaftlichen Arena stark zu machen. Hierzu muss sie sich aber von Teilen ihrer eigenen Identität emanzipieren. Sie muss manche Tendenz loswerden, die nach wie vor tief in ihr wohnt: den objektivistischen Einschlag, die fatalistische Konditionierung, die geradezu religiöse Weltabgewandtheit, das Gewissheitsmantra und die Realitätsverdrängung, die Selbstbezogenheit, Selbstgenügsamkeit und verbreitete Denkfaulheit, die teilweise zynische Gleichgültigkeit gegenüber den Folgen der gesellschaftlichen Modernisierung bei deren gleichzeitiger propagandistischer Instrumentalisierung, die selbstzerstörerische Lust an der Betonung der Differenz anstelle der Suche nach Gemeinsamkeiten mit Anderen, die Aversion gegen moralische Triebkräfte und Verhaltensweisen, aber auch gegenüber verrückten Ideen und Spleens.

Letzteres ist kein Appell zu Voluntarismus. Im Gegenteil: Dass es keinen Sinn hat, sich Luftschlösser zu bauen, dass es in unserer Welt wirksame Konditionierungen, Ideologien, Herrschaftszusammenhänge gibt, ist eine Binsenweisheit. Aber genauso wahr ist, dass sich die Welt nicht nach vorherbestimmten Mustern bewegt, sondern im Konkreten durch das mehr oder weniger reflektierte Handeln von Individuen in Gesellschaft reproduziert wird.

Was eine neue Linke braucht

Was eine solche Linke braucht – auch wenn das vielleicht heute als uncool gelten mag –, ist eine Re-Orientierung an ihrem ursprünglichen humanistischen Ethos: menschliche Selbstverwirklichung in Gleichheit, Freiheit und Gemeinschaft. Ganz unpathetisch, ganz praktisch: Mit der Auseinandersetzung um Orientierung für menschliches Handeln in der Gesellschaft und für eine humanere Gesellschaftseinrichtung, für reflektiertes Agieren in den konkreten Dichotomien unserer Gegenwart.

Das Begehren eines besseren Lebens, daran hat sich nichts geändert, wird durch unsere Verhältnisse selbst produziert. Der Anspruch, den Lauf der Welt zu beeinflussen – nicht erst morgen, sondern jetzt gleich –, entspringt der gesellschaftlichen Widersprüchlichkeit immer wieder aufs Neue. Und er äußert sich schleichend oder plötzlich, in völlig ungewohnten und ungeahnten Formen und Aktivitäten, ist kein Monopol einer Klasse, entspringt selbst dem Mainstream und wirkt zurück auf die Gesellschaft.

Dieser widerständige Impuls ist zutiefst individualistisch, folgt nicht immer hehren Theorien, sondern wird zumeist allein durch das irdische Bedürfnis motiviert, „nicht dermaßen regiert“ werden zu wollen (Foucault). Manchmal sucht er sich stabilere und komplexere Formen, manchmal entäußert er sich als Ein-Punkt-Programm. Damit wird der Kapitalismus nicht abgeschafft, aber er wird immer wieder anders. Wie und mit welchem Ergebnis, das werden wir später sehen. Suche, Zweifel, Inkonsequenz gehören zu diesen widerständigen Impulsen. Und ein Beutel voll offener Fragen.

Für einen solchen Prozess wird es noch viel Eigensinn brauchen, viel Neugier, Kreativität, Extravaganz, Individualität und Entdeckungsfreude. Und vielleicht landen wir dann doch wieder dort, wo ich angefangen habe: bei den vielen eigensinnigen Linken, die es in der Geschichte progressiver Bewegungen immer gegeben hat und die sie zu einem Gutteil ausgemacht und bewerkstelligt haben. Denn ohne Dissidenz, Zweifel, Eigensinn, Widerspruch kann es „die Linke“ nicht geben. Wir sind wieder bei den vielen ganz unterschiedlichen Versuchen der Individuen, trotz des Hineingeworfenseins in strukturierte und strukturierende Verhältnisse einen eigenen Weg zu finden und etwas für Autonomie und Selbstverwirklichung zu tun. Und damit auch bei der Erkenntnis, dass sich die Welt nur dann in eine bestimmte Richtung verändert, wenn Menschen sich frei und bewusst entscheiden, etwas dafür zu tun, weil keine Bewegungsgesetze der Gesellschaft und keine geheimen Kräfte ihnen dabei das Handeln abnehmen werden.

 

(aus: »Blätter« 7/2009, Seite 98-107)
Themen: Kapitalismus, Demokratie und Parteien

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