Das Kreuz mit den Kirchenfürsten | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Das Kreuz mit den Kirchenfürsten

von Albrecht von Lucke

Was ist nur mit unseren christlichen Kirchen los – und vor allem mit ihrer Führung? Jahrzehntelang wollten sie sich, insbesondere die Protestanten, nicht überbieten lassen in gutmeinender Toleranz. Kirchentage, wie auch der jüngste in Bremen, wurden aus diesem Grund zu großen Treffen multikultureller Begegnung und des heiteren Gesprächs aller Religionen. Doch in jüngster Zeit, nicht zuletzt in Folge von Nine Eleven und Karikaturenstreit, gehört derartige Offenheit offenbar zunehmend der Vergangenheit an.

Papst Benedikt hatte ja bereits bei seiner Regensburger Rede vorgemacht, wie man die Muslime samt ihres Propheten, gelinde gesagt, düpiert (vgl. „Blätter“,10/2006). Während er jetzt aber, bei seiner jüngsten Nahostreise, gegenüber der islamischen Welt durchaus wieder kommunikationswillig auftrat, zeigen in letzter Zeit vor allem unsere protestantischen Kirchenführer, was eine Harke ist. Wohl am stärksten zu merken ist dies im agnostischen oder, wie es jüngst wieder regelmäßig halb spöttisch, halb abfällig heißt: „ungläubigen“ Berlin. Insbesondere der scheidende EKD-Vorsitzende und Berliner Bischof Wolfgang Huber lehnte den religiösen Trialog mit islamischen und jüdischen Vertretern ab und setzte zudem auf klarere Abgrenzung gegenüber dem Katholizismus. So ganz konnte Letzteres auch nicht verwundern, wurde doch die ökumenisch ausgestreckte Hand speziell von Papst Benedikt immer häufiger brüsk zugewiesen: Die einzig wahre Kirche, und nicht nur in Sachen Judenmission, bleibe die katholische, hieß es aus dem Vatikan.

Offensichtlich hat sich darob unter den Protestanten erheblicher Überdruss angestaut, der sich fatalerweise allzu leicht entlädt – und dann auch noch gegen die Falschen. Jüngst traf es mit Navid Kermani, Schriftsteller und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, einen der engagiertesten Verfechter des religionsübergreifenden Gesprächs, der sich in muslimischen Kreisen nicht selten dafür rechtfertigen muss, allzu positiv von den christlichen Kirchen zu sprechen. Ob seiner Verdienste „für einen toleranten interreligiösen Dialog“ sollte er nun den Hessischen Kulturpreis verliehen bekommen, gemeinsam mit dem Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden Salomon Korn, dem Mainzer Kardinal Karl Lehmann und dem ehemaligen Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Peter Steinacker. Nachdem die beiden Kirchenmänner der Auswahl erst zugestimmt hatten, lehnten sie kurz darauf Kermani ab. Der ansonsten als liberal bekannte Lehmann schrieb gar in scharfem Ton an den Juryvorsitzenden, den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, es sei „das Gegenteil von Kultur“, den Preis zusammen mit Kermani anzunehmen. Starker Tobak – umso mehr, wenn man weiß, dass Kermani trotz seines Alters von gerade erst 41 Jahren längst eine der wichtigsten Stimmen eines aufgeklärten, säkularen Islam in Deutschland ist. Als Grund seiner Ablehnung benannte Steinacker einen polemisch anhebenden Artikel, in dem Kermani die Darstellung des Gekreuzigten zunächst als an Pornographie grenzende Gotteslästerung beschreibt. Der Witz des Beitrags besteht allerdings darin, dass der Autor an dessen Ende, ganz unter dem Eindruck der bekannten „Kreuzigung“ des römischen Malers Guido Reni, ein regelrechtes Erweckungserlebnis schildert: „Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.“

Doch offenbar war diese „Bekehrung“ den beiden Würdenträgern nicht genug. Ihr Protest veranlasste Roland Koch, Kermani den Preis umgehend wieder abzuerkennen. Ein Vorgang, den Bundestagspräsident Lammert zu Recht als „Staatsposse“ bezeichnete, um dazu zu raten, dann zukünftig „besser auf die Verleihung von Kulturpreisen [zu] verzichten.“ Stattdessen wurde die Preisverleihung jedoch auf den Herbst verschoben.

Ungeachtet dieser Farce dürfte mit einer Abkehr der Kirchenoberen vom eingeschlagenen „Kreuzzug“ kaum zu rechnen sein. Allzu sehr, das lehrt die Ära Huber, verheißt gerade die harte, frontale Abgrenzung mediale Aufmerksamkeit. Doch während die katholische Kirche ob ihrer zweitausendjährigen Geschichte über Kulturkampferfahrung im Übermaß verfügt, scheint die evangelische erst mühsam lernen zu müssen. Anders sind die erstaunlichen Pleiten der letzten Monate wohl nicht zu erklären, insbesondere das kläglich gescheiterte Volksbegehren in Berlin. Am Ende verfügten die Befürworter von Religionsunterricht als Wahlpflichtfach sogar über weniger Stimmen als ihre Gegner, ganz zu schweigen davon, dass die für einen Gesetzeserfolg erforderlichen 25 Prozent Ja-Stimmen aller Abstimmungsberechtigten weit verfehlt wurden.

Das Paradox bei alledem: Gesamtgesellschaftlich ist seit geraumer Zeit ein gesteigertes Interesse am Religiösen nicht zu übersehen – und das selbst bei jenen, die aus ihrer „religiösen Amusikalität“ nie einen Hehl gemacht haben. Gute Karten also eigentlich für die Kirchen. Doch offensichtlich schreckt der harte neue Ton mehr ab, als dass er anziehen würde. Zudem kommt der von der Kirchenbasis nach wie vor praktizierte Dialog der Religionen dadurch mehr und mehr unter die Räder.

Eines wird bei alledem überdeutlich: Eine erstaunliche Verunsicherung scheint sich der deutschen Amtskirchen bemächtigt zu haben, die im Umkehrschluss offenbar zu besonderer Rabiatheit führt. Und zugleich dazu, wie im Falle Berlins, dass man sich gar nicht mehr traut, offen unter der Fahne des Glaubens zu segeln. Mit vielem wurde dort jüngst geworben, insbesondere mit dem großen Label „Freiheit“ (nämlich der Wahl zwischen Ethik und Religion als Pflichtfächern), aber dezidiert nicht mit einem: nämlich dem eigentlichen Kernanliegen, dem christlichen Glauben. Sollten also die Kirchen selbst von ihrer Frohen Botschaft insgeheim so wenig überzeugt sein? Das allerdings wäre in der Tat ein Problem – nicht nur für die Kirchen, sondern für die ganze Gesellschaft, die über allzu viele moralische Ressourcen offenbar nicht mehr verfügt. Dies zu ändern, wird aber kein Kirchenkampf in der Lage sein, sondern allenfalls der soeben so schmählich diskreditierte ethisch-religiöse Dialog mit allen relevanten Kräften dieser Gesellschaft. In diesem Sinne, liebe Kirchen, bitte zurück auf Start!

 

(aus: »Blätter« 6/2009, Seite 34-35)
Themen: Religion

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