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Foto: Wolfram Huke, http://wolframhuke.de

Der politische Intellektuelle

Theorie und Praxis: Jürgen Habermas zum 80.

von Oskar Negt

Am 18. Juni begeht mit Jürgen Habermas der wichtigste deutsche Philosoph der Gegenwart seinen 80. Geburtstag. Sämtliche internationale “Rankings” weisen ihn als einen der weltweit meistzitierten Intellektuellen aus. Neben seiner immensen wissenschaftlichen Tätigkeit hat Habermas, seit 1998 Mitherausgeber dieser Zeitschrift, wie kein Zweiter die politischen Debatten der Bundesrepublik geprägt.

Beginnend mit dem Schlagabtausch des gerade einmal 23jährigen Studenten mit dem damaligen Philosophie-Papst Martin Heidegger im Jahre 1953 bis zu seinen jüngsten Diskussionen mit dem vormaligen Kardinal Ratzinger und heutigen Papst Benedikt XVI. ist Jürgen Habermas vor keiner relevanten theoretischen und politischen Debatte zurückgeschreckt. Keine Angst vor Thronen und Altären, war stets, in guter aufklärerischer Tradition, seine Maxime. Ungeachtet mancher Auseinandersetzungen in der Sache drückte Ralf Dahrendorf, wie Habermas Angehöriger des die Geschichte der Bundesrepublik so stark prägenden Jahrgangs 1929, dem Altersgenossen jüngst seine ungeteilte Wertschätzung aus: “Ich halte ihn für den bedeutendsten Intellektuellen meiner Generation.”

Auch wenn Habermas stets Wert darauf legt, als öffentlicher Intellektueller nicht gleichzeitig als Wissenschaftler zu sprechen (und umgekehrt), so schuf er sein gewaltiges Werk doch in dem Bewusstsein, dass Theorie und Praxis nicht einfach unverbundene Sphären sind, sondern, wie es bereits Adorno formuliert hatte, Theoriearbeit selbst eine Form der Praxis ist. Und wer wüsste das besser als jene Mitstreiter, die das akademische Werk von Jürgen Habermas seit jetzt bald 50 Jahren begleiten? Aus Anlass des 80. Geburtstages haben wir deshalb seine ehemaligen Assistenten – Oskar Negt, Claus Offe, Ulrich Oevermann, Albrecht Wellmer und Axel Honneth – sowie mit Ingeborg Maus, Klaus Günther und Rainer Forst einige seiner engsten Frankfurter Mitarbeiter um Beiträge gebeten, die einen Eindruck von Theorie und Praxis des Jürgen Habermas vermitteln. Mit der renommierten US-amerikanischen Philosophin und Habermas-Schülerin Seyla Benhabib und dem japanischen Philosophen und Kenner der westlichen Philosophie Kenichi Mishima kommen außerdem zwei Stimmen zu Wort, die über die globale Wirkmächtigkeit des Werkes von Jürgen Habermas, sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Hemisphäre, Auskunft geben. – D. Red.

Wer in so großen geschichtlichen Bögen denkt und schreibt wie Jürgen Habermas, der wird in jedem Lebensjahrzehnt darauf rechnen können, dass seine dem öffentlichen Urteil ausgesetzte Wissenschaft vielfache Ehrungen und Begutachtungen erfährt. Jeder Autor, der sich auf Lobreden oder kritische Würdigungen einlässt, wird dabei Schwerpunkte setzen, die das eigene Handeln und Denken in diesem epochalen Werk spiegeln. Etliche wird es darunter auch geben, die sich an deren Widersprüchen erfreuen, um daran sich selbst aufrichten und aufwerten zu können.

Frei von diesen sehr individuellen Einschätzungen der Persönlichkeit und des Werkes von Jürgen Habermas bin auch ich nicht. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Was sind denn charakteristische Züge der Denk- und Lebensweise dieses Mannes, der doch, wie kein Anderer, die zentralen Stichworte für die intellektuelle Kultur Nachkriegsdeutschlands seit Mitte der 60er Jahre mitgeprägt, ja überhaupt so etwas wie eine politisch-wissenschaftliche Debattenkultur begründet hat – und das mit Wirkungen, die weit über Deutschland hinausgehen?

Manchmal sind es kleinräumige Erfahrungen, die Wesentliches ausdrücken. Sie sind in diesem Falle aus den Näheverhältnissen meiner Assistententätigkeit bei Habermas in Heidelberg und Frankfurt hängen geblieben. Sie betreffen die für einen deutschen Universitätsprofessor (Habermas war gerade 31 Jahre als, als er 1961, noch vor Abschluss seines Habilitationsverfahrens, seinen Ruf erhielt) völlig untypische Auswahl seiner Assistenten. Ich hatte das Gefühl, er wählt nach dem Prinzip der Durchhaltefähigkeit eines Kontrapunktes aus. Überprüft wurde von ihm, wer den längsten Atem im begründenden Argumentieren nach eigenen Grundsätzen und Forschungsmethoden hat. Mich wählte er aus, weil er offensichtlich der Meinung war, ich vertrete einen auch in politischer Parteilichkeit befestigten Standpunkt in Sachen Marx-Orthodoxie. Es war also nicht die Gesinnungsgemeinschaft, die er suchte, die Schülerbeflissenheit, sondern der Streit, die Konfrontation mit dem Andersdenkenden.

Nie habe ich in meinem Leben wieder einen Menschen getroffen, der dem Austausch von Argumenten ein solches Gewicht in der Wahrheitsfindung zumisst wie Habermas. Es ist aber ein ganz anderer Dialog als der Platons. Hier hat ja Sokrates regelmäßig das letzte Wort, und die Argumentationsfolge erweist sich häufig auch als eine Oberflächenbewegung von Fragen und Antworten, die insgeheim schon entschieden sind. Niemals so bei Habermas; die Widersprüche bewahrte er regelmäßig für die nächste Runde auf; ganz nebenbei lernte ich bei diesen ausgiebigen Symposien zu zweit (später auch zu dritt, mit Ute, seiner Frau) das zivilisierte Trinken, aus der bekömmlichen Weinquelle „Heidelberger Sonnenseite“.

In einem nach-metaphysischen Zeitalter, wie Habermas die geistige Situation unserer Zeit begreift, entspringen Wahrheitsverbürgungen weder gesicherten Traditionsbeständen noch den Wissenschaften. Für Habermas ist kommunikative Vernunft mehr und anderes als der lustvolle Umgang mit der Sprache; auf verständigungsorientierter Vernunft beruhen die gesellschaftlichen Grundvereinbarungen, ohne deren ständig aktualisierte Anerkennung der innergesellschaftlichen Friedenszustand bedroht ist. Darin ist Habermas Kant-Schüler; dieser hatte in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ erklärt, sie, die Vernunft, sei der wahre Gerichtshof für alle Streitigkeiten im Denken und Verhalten der Menschen. Wer sich auf diesen Prozess vor einem Vernunft-Gerichtshof (Gewissen ist übrigens als „innerer Gerichtshof“ gedacht) nicht einlassen wolle, spekuliere auf Krieg. Unbefragte Glaubensgewissheiten, Orthodoxien, Dogmen enthalten potentielle Gewaltakte, es sind zerbrochene Kommunikationen, Ausdrucksformen verweigerter Argumente.

Es ist deshalb kaum zufällig, dass Habermas wiederholt darum bemüht war, verschwiegene und meist aggressiv wuchernde Wissenschaftskontroversen ins Licht einer öffentlichen Debatte zu bringen. Den abgerissenen Faden des öffentlichen Streits über Wissenschaftspositionen, wie ihn Max Weber am Anfang des 20. Jahrhunderts mit dem sogenannten Werturteilsstreit begründete, hat er wieder aufgenommen und politisch gewendet. In beiden Fällen, dem Historiker-Streit ebenso wie dem vorausgegangenen über Positivismus, ging es um die kritische Aufarbeitung einer kulturellen Erbschaft: Was bedeutet die Tradition des dialektischen Denkens für unsere verwissenschaftlichte Zivilisation? Was folgt aus der Normalisierung der deutschen Geschichte angesichts der weiter offenen Wunde Ausschwitz? Eine Art Schadensabwicklung?

Habermas hat nie leicht praktikable Antworten gegeben. Aber es ist doch bemerkenswert, dass die Fragezeichen im Fortgang seines immensen Werkes immer größer werden. Sein erstes großes systematisches Buch, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), verweist auf die sozialstaatliche Transformation des liberalen Rechtsstaates. Politisch fungierende Öffentlichkeit und die Verrechtlichung sozialstaatlicher Sicherungssysteme sorgen dafür, dass Kapital- und Marktlogik in menschliche Zwecke eingebunden bleiben und in ihren das Gemeinwesen bedrohenden Wirkungen begrenzt sind. Bis Ende der 70er Jahre hält sich bei ihm der Begriff des „Spätkapitalismus“ als wesentliches Strukturmerkmal der gesellschaftlichen Gesamtordnung. Deren Legitimationsprobleme werden ausdrücklich benannt.

Nach dem Zusammenbruch der Abgrenzungsrealität des Ostblock-Kommunismus, die immerhin bewirkt hatte, dass die westlichen Demokratien der Nachkriegsgesellschaften in Konkurrenz dazu freier und gerechter sich gestalten wollten – die soziale Marktwirtschaft ist dafür das eindrucksvollste Dokument –, haben jetzt kapitalistische Mechanismen des Wirtschaftens von den Völkern in einer Weise Besitz ergriffen, wie das noch vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre. Habermas hat in seiner folgenreichsten Schrift, der „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981), von der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ gesprochen. An den Konfliktzonen, wo System und Lebenswelt aufeinanderstoßen, rühren sich die Protestpotentiale. Das setzt freilich zwei getrennte Machtsphären voraus.

Die gesellschaftlichen Basisverhältnisse haben sich jedoch grundlegend verändert. Die wirtschaftlichen Systemimperative von Geld, Kapital, Markt dringen mit einer solchen Macht in die Lebenswelt ein, dass dadurch im Innern der Gesellschaftsordnungen ganz andere (aber wiederum auch ganz alte) Widersprüche aufreißen. Probleme der Erwerbs- und Arbeitsgesellschaft rücken ins Zentrum; die wachsende Polarisierung von Arm und Reich das Aufzehren volkswirtschaftlicher Denkweisen, die Kosten-Nutzen-Rechnungen für das Gemeinweisen aufmachen, durch betriebswirtschaftliche Schlankheitsstrategien, die eingesparte Kosten im eigenen Unternehmen regelmäßig auf andere abwälzen.

Niemand ist heute imstande, inmitten eines epochalen Umbruchsprozesses unserer technisch und industriell fortgeschrittenen Gesellschaftsordnungen schlüssige Analysen und praktikable Programme vorzulegen. Jürgen Habermas gehört zu jener kleinen Zahl politischer Intellektueller, die mit ihrem öffentlich gemachten Denken selbst dann, wenn man mit Positionen nicht einverstanden ist, wenn sich Lücken, Ausgrenzungen, Widersprüche zeigen, Mut zur eigensinnigen Reflexion und Motive zum Weiterdenken schaffen.

Damit nimmt er das Programm der großen Aufklärer des 18. Jahrhunderts auf. Aufklärung ist, wie Kant gesagt hatte, der Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Das passt gut zum Lebenswerk von Jürgen Habermas. Auch die anderen Zumutungen Kants: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen! Mache öffentlich Gebrauch von deiner Vernunft!

Der 80. Geburtstag von Jürgen Habermas ist guter Anlass, ihm öffentlich zu gratulieren und ihm Dank und Anerkennung auszusprechen für den großen Beitrag, den er für die politisch-intellektuelle Kultur unseres Landes geleistet hat.

 

(aus: »Blätter« 6/2009, Seite 40-42)
Themen: Wissenschaft

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