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Vatikanische Irrwege

von Christian Weisner

Kaum ein Thema hat in der Geschichte der Katholischen Kirche nach 1945 derart hohe Wellen geschlagen wie der Streit über die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der reaktionären Pius-Bruderschaft, darunter der Holocaustleugner Richard Williamson.

Durch die bedingungslose Aufhebung der Exkommunikation wurde der seit Jahrzehnten sensibel geführte jüdisch-christliche Dialog massiv gestört. Die leise und gerade dadurch effektive vatikanische Diplomatie hatte sich in den letzten Jahren auch bemüht, Brücken zwischen Israel und den Palästinensern zu bauen. Nun dürfte es lange dauern, bis der Vatikan seine Glaubwürdigkeit wiedergewinnen kann. Auch wenn der Papst selbst kein Antisemit ist: Er kann nicht glaubhaft von sich behaupten, ein Freund des Judentums zu sein, und zugleich die Pius-Bruderschaft akzeptieren, die die Juden noch immer als Gottesmörder bezeichnet.

Aber nicht nur nach außen, auch innerkirchlich ist der angerichtete Schaden riesengroß. Denn bei der Aufhebung der Exkommunikation geht es nicht in erster Linie um den Holocaust, sondern um den zukünftigen Kurs der römisch-katholischen Kirche. Es ist deshalb das Mindeste, dass Papst Benedikt XVI. das klare Signal aussendet: Antisemitismus darf es nicht geben. Es muss aber darüber hinaus ebenso klar sein: Wer zu unserer Gemeinschaft gehören will, muss auch das Zweite Vatikanische Konzil anerkennen, das überhaupt erst die Versöhnung der katholischen Kirche mit den demokratischen Errungenschaften der Moderne, von Religions- und Meinungsfreiheit bis zum Rechts- und Verfassungsstaat, bedeutete. Diesen Schritt unternimmt die Pius-Bruderschaft bislang keineswegs. Im Gegenteil: Sie weist jede diesbezügliche Anfrage von sich, lehnt wesentliche Konzilsbeschlüsse weiterhin als „modernistisch“ ab und betreibt stattdessen unbeirrbar ihre „Erneuerung des Priestertums“ nach der eigenen vor-konziliaren Agenda. So forderte der deutsche Distriktobere der Bruderschaft, Franz Schmidberger, in einem Vortrag: „Rom muss die verheerenden Zeitbomben des Zweiten Vatikanischen Konzils entschärfen und vollkommen beseitigen. Dafür zu arbeiten und zu beten, ist Pflicht eines jeden aufrechten Katholiken. […] Der Spalt, durch den der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen ist, (muss) sofort geschlossen werden.“ 1 Und Floriano Abrahamowicz, der mittlerweile ausgeschlossene Vorsteher der Piusbrüder in Nordost-Italien, bezeichnete das Zweite Vatikanische Konzil gar als „Cloaca maxima“. 2

Verheerende Traditionslinie

Wenn der Papst auf der einen Seite so nachsichtig auf die Pius-Bruderschaft zugeht, auf der anderen Seite aber den Kontakt zu konzilsgeprägten Theologen meidet, dann hat das Kirchenschiff insgesamt eine gewaltige Schlagseite.

Allerdings kommt die jüngste Aktion des Papstes nicht überraschend, sondern hat sich schon lange abgezeichnet. Bereits die Wahl Kardinal Ratzingers zum Papst war Ausdruck einer deutlichen Verschiebung der innerkirchlichen Machtverhältnisse – weg von den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils, dem großen Reformkonzil der katholischen Kirche von 1962 bis 1965, das sich den Fragen der Welt und der Moderne gestellt hatte. Dort hatte die römisch-katholische Kirche, auch unter wesentlicher Mitwirkung des jungen und damals noch liberalen Professors Joseph Ratzinger, ihren Alleinvertretungsanspruch gegenüber anderen Konfessionen und Religionen aufgegeben – auch, aber nicht nur gegen den Protest des 1991 verstorbenen Erzbischofs Marcel Lefebvre, dem Gründer der Pius-Bruderschaft. Doch dieser theologisch fragwürdige Alleinvertretungsanspruch wird seit dem Antritt Papst Benedikts wieder mehr und mehr betont.

Mit dem Papier „Dominus Jesus“ sprach der Vatikan bereits im Jahr 2000 und dann erneut 2007 den protestantischen Kirchen das Kirche-Sein ab. Gerade in Deutschland war diese Brüskierung ein herber Rückschlag für die jahrzehntelangen ökumenischen Bemühungen und belastet auch jetzt die Vorbereitungen des geplanten Ökumenischen Kirchentags 2010 in München massiv. Mit seiner Regensburger Vorlesung im Herbst 2006, die der Papst später an vielen Stellen korrigieren musste, wurde das Verhältnis zu den Muslimen empfindlich gestört. 3 Im Vorwort eines Buches des früheren italienischen Senatspräsidenten Marcello Pera schrieb Papst Benedikt Ende 2008, dass ein interreligiöser Dialog „im engen Sinn des Wortes“ nicht möglich sei, „ohne den eigenen Glauben in Klammern zu setzen“. Auch der Begriff der „Multikulturalität“ besitze eine „innere Widersprüchlichkeit“. Da muss sich der Vatikan angesichts der permanenten Diskreditierungen anderer Glaubensrichtungen und -gemeinschaften doch fragen lassen, wie bereit er überhaupt noch zum Dialog mit anderen Kirchen und Religionen ist.

Zurück in die Vergangenheit

Im Juli 2007 ließ der Papst den vor-konziliaren Ritus für die katholische Messe – bei dem es um viel mehr als um die lateinische Sprache geht – ohne Einschränkung wieder zu. Damit ging er auf eine seit langem von den Traditionalisten erhobene Forderung ein. Doch steht die Wiederentdeckung der „alten Messe“ in Wirklichkeit für den Versuch, der katholischen Kirche einen neuen „alten Kurs“ zu verordnen. Ein Kurs, der weniger den biblischen Wurzeln, sondern vielmehr einem wiederkehrenden konservativen Zeitgeist entspricht. In die gleiche Richtung weist die jüngste problematische Umformulierung der Karfreitagsfürbitte durch den Papst, die Anklänge an die frühere Judenmission erkennen lässt.

Viele Entscheidungen der letzten Zeit sind ein gefährliches Signal, dass der Geist und die Beschlüsse des großen Reformkonzils umgedeutet, in Frage gestellt oder gar rückgängig gemacht werden sollen. Fast vier Jahre nach seiner Wahl zum Papst am 19. April 2005 ist jetzt klar erkennbar, dass unter dem immer mächtiger werdenden Einfluss des reaktionären „Opus Dei“ und anderer restaurativer kirchlicher Kräfte Papst Benedikt seinen jahrzehntelangen strengen Kurs als Leiter der päpstlichen Glaubensbehörde unverändert fortführt. Vom Geist Jesu Christi und von der Barmherzigkeit, von der in seiner viel gelobten Antrittsenzyklika „Deus Caritas Est“ so viel die Rede war, ist leider nichts mehr zu spüren.

Im Gegenteil: Mit der zunehmenden Infragestellung der Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils ist die „Papst-Kirche“ an einem Scheideweg angelangt. Auch wenn das Konzil durchaus seine Defizite hat, sich zum Beispiel mit der Frauenfrage nicht ausreichend beschäftigte – ein Zurück kann und darf es auf keinen Fall geben. Denn das Konzil legte zahlreiche Positionen fest, die unbedingt erhalten bleiben müssen. Dies betrifft vor allem die Religionsfreiheit, die Ökumene, das Verhältnis zu den anderen Religionen und eine Relativierung der innerkirchlichen Hierarchie.

Auch in Fragen der Sexualität war das Zweite Vatikanische Konzil erheblich weiter als der damalige – und natürlich auch als der gegenwärtige Papst. Das Zweite Vatikanische Konzil wies sogar ausdrücklich darauf hin, dass es auch eine sittliche Pflicht zur Begrenzung der Fruchtbarkeit gibt. Die Eheleute müssten „auf ihr eigenes Wohl wie auf das ihrer Kinder, der schon geborenen oder zu erwartenden, achten; sie müssen die materiellen und geistigen Verhältnisse der Zeit und ihres Lebens zu erkennen suchen und schließlich auch das Wohl der Gesamtfamilie, der weltlichen Gesellschaft und der Kirche berücksichtigen.“ In dem mit 64 gegen 4 Stimmen verabschiedeten Abschlussbericht vom 26. Juni 1966 der vom Papst einberufenen Kommission heißt es: „Empfängnisregelung, die mit Mitteln angestrebt wird, die human und hinreichend sind, [stehe] nicht im Widerspruch zur Überlieferung und den kirchlichen Verurteilungen in dieser Frage“, sofern sie „auf die Förderung der Fruchtbarkeit und der Ganzheit des Ehelebens und auf die Verwirklichung der echten Werte einer fruchtbaren ehelichen Gemeinschaft“ hingeordnet sei. Zur Überraschung aller schloss sich Papst Paul VI. in seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ vom 25. Juli 1968 dann jedoch nicht dem Gutachten der Mehrheit, sondern dem Minderheitenvotum von fünf Kardinälen an. 4 Die Folge war ein Ansehensverlust kirchlicher Sexuallehre über Jahrzehnte.

Doch wie damals gilt auch heute: Nicht nur der Papst oder Rom sind Kirche, wir alle sind Kirche: Kirchenleitung und Kirchenvolk, Kleriker wie sogenannte Laien, Männer wie Frauen. Das ist ja gerade eine der wesentlichen Botschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils, die alle kritischen Katholiken ermutigen sollte, sich weiter in der katholischen Kirche zu engagieren.

Und das zum Nutzen der Kirche. Denn die gegenwärtige Politik der Rehabilitierung der Konzil-Gegner ist verheerend für die Kirche selbst. Unter Papst Johannes Paul II. sind die Mitgliederzahlen der römisch-katholischen Kirche weltweit um 40 Prozent gestiegen – nicht zuletzt dank seines charismatischen und gewinnenden Auftretens, das seine teilweise ebenfalls erzkonservativen Ansichten oft überdeckte. Doch die seit dem Amtsantritt Papst Benedikts wiederholt vorgenommenen Gesten, die vergleichsweise sehr geringe Zahl der Traditionalisten zu befrieden – vermeintlich im Namen der Einheit der römisch-katholischen Kirche –, bergen die große Gefahr neuer Spaltungen.

Faktisch gehören deutlich weniger als ein Promille der weltweit 1,1 Milliarden Katholikinnen und Katholiken zur Pius-Bruderschaft. Umso mehr stellt sich die Frage, warum der Papst dieser kleinen Splittergruppe so viel Entgegenkommen zeigt, für die wirklichen Nöte in den Gemeinden aber keinen Blick hat. Denn nach wie vor fehlen überzeugende Antworten zu brennenden aktuellen Problemen wie zum Beispiel die Behebung des auch durch den Zölibat bedingten weltweiten Priestermangels, die Rechte von Frauen in Kirche und Gesellschaft, die Anerkennung von Homosexuellen 5 oder eine zukunftsgerechte kirchliche Sexuallehre auch zur Prävention von Aids.

Es gilt daher, auch und gerade angesichts des Irrweges der Kirchenspitze, weiter die Theologie und vor allem das Kirchenvolk zu stärken, getreu der Devise: Lieber auftreten als austreten. Solange es möglich ist, sollte man lieber die Kräfte des Konzils stärken als den Reaktionären in der Katholischen Kirche das Feld zu überlassen.

 

1 Vgl. „Nürnberger Zeitung“, 27.1.2009.
2 Vgl. Julius Müller-Meiningen, Pius-Brüder auf Konfliktkurs, in: „Süddeutsche Zeitung“, 7./8.2.2009.
3 Dokumentiert in „Blätter“, 10/2006, S. 1273-1276.
4 Vgl. auch www.wir-sind-kirche.de/index.php?id=516#1.
Vgl. dazu auch die jüngst in seiner Weihnachtsansprache wieder zum Ausdruck gekommene diskriminierende Haltung des Papstes, dok. in „Blätter“, 2/2009, S. 125 f.

(aus: »Blätter« 3/2009, Seite 17-19)
Themen: Religion und Fundamentalismus

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