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Dossier Stadtpolitik

Failing Cities?

Die Krise der Megastädte – von Johannesburg bis Rio de Janeiro

<span class="fcredit">Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/danielagama_fotografando/3308949885/" target="_blank">Daniela Gama</a></span> Foto: Daniela Gama

von Janna Greve

Freudentaumel an der Copacabana und Freudentränen von Staatsoberhaupt Luiz Inácio „Lula“ da Silva – das waren die Bilder, die uns erreichten, nachdem Rio de Janeiro im Oktober 2009 zur „Olympiastadt 2016“ auserkoren worden war und dabei unter anderem Chicago hinter sich gelassen hatte – trotz des persönlichen Einsatzes von US-Präsident Barack Obama.

Doch Anfang desselben Jahres hatte es weniger populäre Nachrichten aus der „wunderschönen Stadt“ am Zuckerhut gegeben, die erst kürzlich, im März 2010, das 5. Weltstädteforum zum Thema „Das Recht auf die Stadt – die städtische Spaltung überwinden“ ausrichtete. Die Meldungen vom Frühjahr 2009 handelten vom geplanten Bau von über drei Meter hohen Betonmauern rund um die Favelas von Rio de Janeiro: Erst nach heftigen Protesten wurde die Entscheidung von den Stadtoberen unter Gouverneur Sérgio Cabral doch noch revidiert und damit die steinerne Manifestation der extremen sozialen Ungleichheit in Rio gerade noch einmal abgewendet. Statt meterhohen Mauern, mit deren Errichtung teilweise schon im März 2009 begonnen worden war und deren Fertigstellung rund 40 Mio. Brasilianische Reais (etwa 13 Mio. Euro) gekostet hätte, sollen nun „Öko-Pfade“ und weit niedrigere Mauern entstehen – und zwar zwischen einem Dutzend Favelas und dem städtischen Urwald, den es zu schützen gilt.[1]

Das ursprünglich vorgesehene Projekt der als Öko-Mauern betitelten Abgrenzungen hatte innerhalb Brasiliens massiv polarisierende Diskussionen und weltweit Empörung ausgelöst. Denn „ganz zufällig“ wären durch die Mauern die Favelas (zumindest teilweise) auch von den Vierteln der wohlhabenden Cariocas (wie die Bewohner Rios umgangssprachlich genannt werden) abgegrenzt worden. Ein Projekt mit eben dieser Absicht hatte es in Rio bereits in den 80er Jahren gegeben. Damals hatte eine Bewohnervereinigung aus dem besseren Wohnviertel Gávea versucht, mit dem Bau einer Mauer die weitere Ausdehnung der benachbarten Favela Rocinha, der größten Lateinamerikas, zu verhindern.

Etwas laufe fundamental schief, kritisierte der bekannte brasilianische Journalist Elio Gasparí angesichts des geplanten Mauerbaus, wenn eine Gemeinde glaube, ihre Probleme mit Mauern lösen zu können. Und die Koordinatorin des „Zentrums für Studien zu Sicherheit und Bürgerschaft“ (CESC), Silvia Ramos, betitelte das Vorhaben als „offensive Metapher, die wie ein Angriff auf die Bewohner der Favelas“ wirke. Der Literaturnobelpreisträger José Saramago verglich die geplanten Mauern in seinem Blog gar mit der einstigen Berliner Mauer und mit der aktuellen in Israel/Palästina. Andere sprachen von offener Diskriminierung der Armen, ja sogar von Apartheid. Und tatsächlich wirkte das Argument des Waldschutzes höchst fadenscheinig angesichts des Umstands, dass es sich gerade bei der betroffenen Favela Dona Marta um eine stabile Favela handelt, die in ihren heutigen räumlichen Ausmaßen bereits seit 70 Jahren existiert.[2]

Die Mauer als Signatur der Zeit

Ocimar Santos, der Verantwortliche für die Internetseite der Favela Rocinha, stellt zu Recht fest, dass „die Idee einer Mauer [...] in keinem Teil der Welt ein gutes Symbol“ ist. Dennoch wächst im Zeitalter fortschreitender Urbanisierung und rasanten Städtewachstums die Zahl der Mauern unaufhörlich.

Mauern dienen heute nicht mehr nur dazu, nachbarschaftlichen Grund klar voneinander zu trennen, sondern auch radikal unterschiedliche Lebenswelten. Das Phänomen tritt besonders stark in den Städten der Schwellen- und Entwicklungsländer auf – in Lateinamerika, Afrika und Asien, wo ein Großteil der Bevölkerung in Armut lebt und eine relativ kleine Bevölkerungszahl über fast den gesamten Reichtum des Landes verfügt. Die Mauern sind hier eindeutig eine Form der Abschottung der reichen, oft weißen Mittel- und Oberschicht vom Anderen, dem, in ihren Augen, Angsteinflößenden, das heißt vor bestimmten sozialen Gruppen, seien es Arme, bestimmte Ethnien oder, im Falle Indiens, Angehörige bestimmter Kasten. Mauern werden so zu einem Symbol für soziale Isolation, soziale Ungleichheit und für die wachsende städtische Gewalt. Gleichzeitig tragen sie zur Spaltung der Gesellschaft in ganz unterschiedliche Lebenswelten bei, die kaum etwas übereinander wissen.

Das Phänomen paralleler Lebenswelten durch extreme Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft ist allerdings nicht neu; derartiges gab und gibt es auch in den Ländern der „Ersten Welt“. So beschrieb Daniel Disraeli das England der 1840er Jahre bereits als „zwei Nationen, zwischen denen es keinerlei Austausch gibt, die nichts über die Gewohnheiten, Gedanken und Gefühle der jeweils anderen wissen, die durch unterschiedliche Erziehung geformt, von unterschiedlichem Essen ernährt, von unterschiedlichen Manieren bestimmt und nicht von denselben Gesetzen regiert werden, als ob sie Bewohner unterschiedlicher Lebensräume oder Einwohner unterschiedlicher Planeten wären […], die Armen und die Reichen“.

Heute befinden sich die sogenannten ungleichsten Städte der Welt laut dem UN Habitat World’s Cities Report 2008/2009 in Südafrika, dicht gefolgt von Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas.[3] Sie sind durch die räumliche Nähe sehr heterogener Gruppen (vereinfacht: von Armen und Reichen) geprägt, die gleichzeitig zunehmend sozial voneinander getrennt sind.

Zu den hochgradig ungleichen Städten gehört auch die brasilianische Megastadt São Paulo, viertgrößte Stadt der Welt und die „Stadt der Mauern“.[4] Diejenigen, die es sich leisten können, ziehen sich dort in gated communities bzw. „freiwillige Ghettos“ zurück, das heißt in eine isolierte Welt, die „spirituell und sozial“ außerhalb der eigentlichen Stadt liegt und Segregationstendenzen aufweist, so der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Baumann.[5]

Der US-amerikanische Historiker und Stadtsoziologe Mike Davis spricht in seinem Buch „Evil Paradises“ von „Traumwelten des Neoliberalismus“ mit „California Lifestyle“, wo oftmals Hausangestellte arbeiten, die in Baracken in den angrenzenden Slums, Favelas oder Townships leben. Dadurch, so Davis, werden die Reichen zu „Parasiten“ der sie umgebenden Armut in den Slums.[6] Von der Lebenswelt der Hausangestellten haben deren Arbeitgeber oft keine Ahnung, denn der persönliche Kontakt beschränkt sich zumeist auf das Notwendigste, und die Reichen verlassen ihre abgeschottete Lebenswelt kaum: Sie wohnen in von Mauern begrenzten oder eingezäunten, bewachten Wohnanlagen, gehen oftmals nicht zu Fuß, sondern fahren Autos mit verdunkelten Fensterscheiben, gehen zum Einkaufen nicht auf den Markt, sondern in den Supermarkt und zum Spazierengehen in das sichere und saubere Shoppingzentrum.[7]

Zygmunt Baumann begründet dieses Verhalten mit dem „Angstfaktor“ und bezieht sich dabei auf Richard Sennett, der vom „Wir-Gefühl“ spricht, nämlich dem Wunsch, „gleich unter Gleichen“ zu sein und in einer Gemeinschaft mit „Ähnlichen“ zu bleiben.[8] Beides spielt, was Abgrenzung – physisch und psychisch – angeht, eine entscheidende Rolle: Trotz aller „Vorsichtsmaßnahmen“ sitzt den Menschen die – aufgrund der Unfähigkeit staatlicher Institutionen, sie zu schützen, teils sogar berechtigte – Angst vor Gefahr und vor den „Anderen“ im Nacken, was zur tiefen Verankerung einer „Kultur der Angst“ führt.

In Brasilien und anderen Ländern mit hoher sozialer Ungleichheit ähnelt die Angst einem Schatten, der einen Großteil der Bevölkerung permanent begleitet. Kriminalität und Gewalt resultieren nicht zuletzt aus einem Zusammenspiel von sozialer und moralischer Verwahrlosung in den Favelas. Die Slums mutieren zu rechtsfreien Räumen, auch wegen eines korrupten Polizei- und Justizwesens. Besonders die Polizei ist, da zumeist unterbezahlt und überfordert, oftmals bestechlich.

Das Ganze endet in einem Teufelskreis: Je größer die Angst oder gar Panik, desto größer das Bedürfnis nach Abschottung (seitens der Reichen) und desto stärker die Ignoranz gegenüber den Problemen der restlichen Bevölkerung bzw. desto schwächer der Wille, mit den „Anderen“ zu interagieren. Indem die Armen auf diese Weise nicht nur sozial, sondern auch räumlich marginalisiert werden, manifestieren sich die soziale Ungleichheit und die daraus resultierenden sozialen Probleme wie (Drogen-)Kriminalität und Gewalt ganz vordringlich in den Armensiedlungen (Favelas), die immer stärker wachsen.[9] Heute leben 29 Prozent der brasilianischen Bevölkerung in Favelas, die teilweise ganz in der Hand von Drogenbanden sind – und insbesondere mit Blick auf die Olympiade 2016 sukzessive von Spezialeinheiten der Polizei von diesen befreit werden sollen.

Getrennte Welten mit hohem Konfliktpotential

Insgesamt ähnelt sich die Situation in den neuen globalen Megastädten immer mehr. Heute weichen die Beschreibungen der großen Städte Lateinamerikas nur unerheblich von denen Südafrikas ab: „Wir können die Gefühlslage der Menschen an ihren Häusern ablesen – sie gleichen Festungen“, stellt der „Zeit“-Journalist Bartholomäus Grill bei seinen Schilderungen von Kapstadt und Johannisburg fest. Er spricht von neuen Gräben zwischen Arm und Reich, die früh bereits „Rassen“ trennten und heute noch immer Klassen trennen. Wie in Brasilien findet man auch in Südafrikas Städten heute parallele und doch völlig separierte Lebenswelten von Arm und Reich: „Man lebt nicht miteinander, sondern bestenfalls nebeneinander her, so wie gestern und vor hundert Jahren. Die Regenbogen-Gesellschaft, jener gutmenschlich-naive Traum vom multikulturellen Heiapopeia, schillert nur noch als Reklame“, bilanziert Grill illusionslos die Ungleichheit im Land der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft.[10]

Aber auch in einigen europäischen Ländern und in den USA herrschen in zahlreichen Großstädten getrennte Welten (wenn sie auch nicht unbedingt durch Mauern markiert sind) mit hohem Konfliktpotential. Davon zeugen die Unruhen in den Banlieues von Paris und sogenannte No-go-Areas in Chicago. Im Hinblick auf die Vereinigten Staaten ist dies damit zu begründen, dass dort die Einkommensunterschiede und damit auch die soziale Ungleichheit stetig wachsen. Die großen Städte, etwa Atlanta, New Orleans, Washington D.C., Miami und New York, weisen am meisten Ungleichheit auf. Dabei hängt auch hier die Rassenzugehörigkeit, sprich: die Hautfarbe, aufs Engste mit der Ungleichheit zusammen: So verdienen Afroamerikaner, Hispanics und andere „Farbige“ deutlich weniger als die weiße Bevölkerung, und ihre Lebenserwartung ist meist weitaus niedriger.[11]

In Brasilien, oft als gelungene „Rassendemokratie“ gelobt – entsprechend der „Regenbogen-Gesellschaft“, die Südafrika gerne wäre – und von der Regierung als „Land für alle“ betitelt, besteht der Rassismus ebenfalls weiter, mal versteckt, mal offen und vor allem in Form sozialer und wirtschaftlicher Diskriminierung. In den Favelas wohnen zu einem Großteil Afro-Brasilianer; zudem sind die Hausangestellten der Mittel- und Oberklasse, eine der am schlechtesten bezahlten Berufsgruppen Brasiliens, mehrheitlich schwarze Frauen.

Mike Davis erkennt in der gegenwärtigen Entwicklung der „neoliberalen Stadt“ mit ihren extremen sozialen Gegensätzen und der zunehmenden brutalen Gewalt ein im Entstehen begriffenes Drama. Seiner Ansicht nach gibt es inzwischen nicht nur failed states, sondern auch failed cities. Bereits in seinem bahnbrechenden Buch „City of Quartz“ von 1980 beschrieb er die sozialen und ethnischen Spannungen in Los Angeles, die, so seine Prophezeiung, zu einem Clash verschiedener, teils von erschreckender Armut geprägter Lebenswelten führen würden. Er sieht zukünftig nur zwei Möglichkeiten: Implosion oder Explosion – Ruin oder Revolte.

Indem die Landflucht zum Anwachsen der Städte führt, findet das Städtewachstum immer weniger im Einklang mit ökonomischem Wachstum statt. Die zunehmend stärker verwahrlosenden städtischen Peripherien sind oftmals gänzlich abgekoppelt vom legalen Handel und werden zu Brutstätten für Kriminalität, Gewalt und Fundamentalismus. Derweil ist es für die Mächtigen und Bessergestellten zunächst einfach, diesen Problemen den Rücken zuzukehren, da die zunehmend überflüssigen Bevölkerungsgruppen der Armenviertel scheinbar nichts mit dem „öffentlichen Leben“ zu tun haben und schon gar nichts mit der „eigenen Lebenswelt“ in abgeschirmten und streng bewachten Sicherheitszonen.[12]

Dementsprechend argumentiert der englische Schriftsteller John Berger, wenn er von denjenigen spricht, die nur in der Cyberwelt ihre Geschäfte machen, sich in bewachten Gebäuden aufhalten und die Welt, die sie umgibt, nicht mehr kennen. Gleichzeitig macht dieses Leben sie höchst verletzlich, weil sie sich in der Realität außerhalb ihrer Welt nicht mehr zurechtfinden und somit deren Signale (positive und negative) nicht mehr zu deuten wissen.[13]

Mauern aus Ignoranz und Intoleranz

Um die zunehmende Marginalisierung der ärmeren Bevölkerungsschichten in den Städten zu überwinden, reicht es jedoch nicht aus, die sichtbaren Mauern der gated communities anzuprangern. Das tiefer liegende Problem sind die Mauern aus Ignoranz und Intoleranz in den Köpfen der städtischen Eliten. Mit Blick auf die Situation in Brasilien impliziert dies die Notwendigkeit, das Stereotyp vom grundsätzlich kriminellen oder zumindest hoffnungslosen Favela-Bewohner zu überwinden.

Eine Vielzahl der in den Favelas lebenden Menschen leidet ebenfalls, und genau wie die „Bessergestellten“, unter permanenter Angst – ohne sich jedoch durch Mauern und in geschlossenen Räumen und gesicherten Autos (oder gar Hubschraubern) schützen zu können. Im Gegenteil: Die Bewohnerinnen und Bewohner der Favelas sind, schon durch das Leben in den Slums (und auch durch die langen Arbeitswege), wesentlich exponierter für Gewalt und Kriminalität. Hiervon sind ganz besonders die Frauen betroffen: Gewalt gegen Frauen in den städtischen Peripherien Brasiliens, aber auch in denen zahlreicher anderer Schwellen- und Entwicklungsländer, ist ein soziales Problem von dramatischem Ausmaß.

Insgesamt beruht die Lebenssituation der Favela-Bewohner auf schreiender struktureller Ungerechtigkeit, die ihnen jegliche Chancengleichheit versagt. Sie leiden nicht unbedingt an Hunger, aber immer am Mangel – dem Mangel an jeglicher Grundversorgung oder Basisinfrastruktur (bezüglich Elektrizität, Wasser, Gesundheitsversorgung, Sicherheit, Bildung, Verkehr, Sanitäranlagen etc.). Das Aufwachsen in einer Favela bedeutet schlechte Bildungschancen, schlechten Verdienst sowie die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu bleiben bzw. nur im informellen Sektor arbeiten zu können. Hinzu kommt der „Rassen“-Malus: Das durchschnittliche Einkommen von Afro-Brasilianern beträgt gerade mal 50 Prozent von dem der weißen Brasilianer – auch bei gleichem Bildungshintergrund.[14]

Gleichzeitig sind die Favela-Bewohner ständig konfrontiert mit dem relativen Wohlstand, ja gar dem Reichtum derer „vom Asphalt“: Favelas liegen dagegen oft auf Berghängen oder in Gebieten, in denen es keine asphaltierten Straße oder Wege, ja nicht einmal Adressen wie in den Vierteln der Mittel- und Oberklasse gibt. „Die harten Lebensbedingungen der Armen“ in der marginalen Peripherie der Städte „tragen dazu bei, das Konflikt- und Kriminalitätspotential zu steigern […]. Armut und Ungleichheit überschneiden sich konstant und führen zu Bedingungen, die Gewaltakte wahrscheinlicher machen.“[15] So generieren also Diskriminierung, schlechte Bildungschancen und der daraus resultierende Mangel an Lebenschancen Kriminalität nicht nur unter brasilianischen, sondern unter all jenen in Slums aufwachsenden Jugendlichen, die nur darin einen Weg sehen, einen gewissen ökonomischen und sozialen Status oder auch nur einen, durch Konsum hervorgerufenen „Genuss-Moment“ zu erringen, der ihnen sonst kaum zugänglich ist.[16]

Der Kampf um Gerechtigkeit

Das eigentliche Problem ist also nicht das Bevölkerungswachstum in den Megastädten an sich, sondern wie mit der gegenwärtigen dramatischen Spaltung umgegangen wird. Dabei kommt es darauf an, ob in Zukunft mehr soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit gewährleistet werden, und zwar durch eine „gerechte“, demokratische Stadtplanung, Stadt- und Sozialpolitik.

Gerade in Ländern mit extremer sozialer, wirtschaftlicher und teils auch politischer Ungleichheit geht es nicht nur um einen innerstaatlichen, sondern auch um einen innerstädtischen Solidaritätsgedanken (auf der Basis universeller Menschen- und Bürgerrechte) und damit um moralische und rechtliche Pflichten der Bessergestellten.

Mangelnder Zugang zu Bildung und Informationen erschweren politische Partizipation. Voraussetzung für eine „sozialere“ Städtepolitik ist daher auch die öffentliche Anerkennung des Engagements von sozialen Bewegungen innerhalb der Armenviertel. Insbesondere Frauen sind sehr engagiert, wenn es um die Reorganisation ihrer Viertel und um den Zugang zu Infrastruktur und Wohnraum geht. Denn sie sind es, die am meisten unter Gewalt, Angst und dem permanentem Mangel und Hunger ihrer Kinder leiden.[17] So werden in Brasilien 25 Prozent aller Haushalte von Frauen geführt, die somit die Hauptverantwortlichen für den Haushalt und die Erziehung und Versorgung der Kinder sind. Dabei sind die Frauen, wenn sie nicht arbeitslos sind, überproportional im informellen Sektor aktiv. Die Männer entziehen sich dagegen nicht selten ihrer Verantwortung oder sorgen für die hohen Prozentzahlen bei häuslicher Gewalt. Deshalb ist es besonders wichtig, sogenanntes capacity building und empowerment der Frauen durch Maßnahmen der öffentlichen Hand zu unterstützen.

Grundsätzlich sind partizipative Entscheidungs- und Planungsprozesse für eine harmonische Stadtentwicklung unabdingbar. Die unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen müssen sich an Prozessen der Stadtplanung, an der Verwendung der Mittel des städtischen Haushalts und an den Maßnahmen zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit beteiligen können. Nur so erhalten sie die Möglichkeit, ihre Interessen und Bedürfnisse selbst zu artikulieren und angehört zu werden.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist das „Recht auf ‚angemessenes’ Wohnen“, das unbedingt gewährleistet werden sollte. Würde der rechtliche Zugang zu Wohnraum gewährleistet, könnte damit illegales Bauen verhindert werden – zum Schutze gerade der sozial Schwächsten (und um zu vermeiden, dass sich eine auch durch menschliches Fehlverhalten hervorgerufene Katastrophe wie bei den jüngsten tragischen Ereignissen in Haiti wiederholt). Gleichzeitig müsste diese Verrechtlichung die Bewohner illegaler Siedlungen vor Zwangsräumungen schützen. Problematisch ist dabei allerdings, dass Wohnraum, insbesondere städtischer Wohnraum, in der Regel kein öffentliches Gut ist, sondern eine Ware, die den Gesetzen des Marktes unterworfen ist. Infolgedessen wachsen beispielsweise in Brasilien sowohl die abgeschlossenen, durch Mauern gesicherten Wohnviertel, als auch die prekären Wohnsiedlungen der armen Bevölkerung. Gleichzeitig werden durch illegale Wohnsiedlungen, die aus der puren Not heraus entstehen, auch andere gemeinschaftsspezifische Güter gefährdet, insbesondere Sicherheit und eine intakte Umwelt. Schon um diese Güter zu gewährleisten, muss der Staat viel stärker regulierend eingreifen, wenn die Lage dies verlangt.

Demokratisch oder rechtlos

Bis zum Jahr 2050 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben.Umweltkatastrophen oder Klimaveränderungen tragen zur weiteren Landflucht und zum ökologisch und sozial unkontrollierten Städtewachstum bei. Außerdem führen die strukturellen Veränderungen der globalen Wirtschaft zur weiteren Abwanderung vom Land in die Stadt und damit zur fortgesetzten Veränderung der Stadtlandschaften. „Wir sind jetzt eine urbane Spezies […], aber das, was wir haben, ist leider chaotisch und nicht nachhaltig“, bemerkte unlängst auf einer Konferenz zur Zukunft der Städte treffend Anna Tibaijuka, die Direktorin von UN-HABITAT.[18]

Die weitere Entwicklung der globalen Megastädte ist ein entscheidender Faktor sowohl für soziale und ökologische Nachhaltigkeit als auch für den Erhalt bzw. die Herstellung von Demokratie. Die zentrale Herausforderung besteht darin, gegen die soziale Aus- und Abgrenzung innerhalb der Städte vorzugehen. Um die dramatische Ungleichheit zu reduzieren, kommt es auf die Gewährleistung von Chancengerechtigkeit an. Nur durch den Zugang aller zu notwendigen Ressourcen (wie Elektrizität und Wasser), zu qualitativ gleichwertiger Bildung und Gesundheitsversorgung sowie zu menschenwürdiger Behausung kann die gesamtgesellschaftliche Integration vorangetrieben werden. Nur so können Segregationstendenzen abgewendet werden und jene sozialen Städte wirklich entstehen, die gegenwärtig leider nur vollmundig postuliert werden – von Johannesburg bis Rio de Janeiro.

 

[1] Vgl. Wolfgang Kunath, Favelas hinter Mauern, in: „Frankfurter Rundschau“, 9.4.2009.

[2] So die Angaben des Koordinators des Brasilianischen Instituts für soziale und ökonomische Analysen (Ibase), Itamar Silva; vgl. Maurício Barros de Castro, Os „eco-limites“ dos muros das favelas, 8.5.2009.

[3] Vgl. www.unhabitat.org.

[4] Vgl. Teresa Pires Caldeira, Cidade de muros: crime, segregação e cidadania em São Paulo, São Paulo 2000.

[5] Vgl. Zymunt Baumann, City of Fear, City of Hopes, London 2003, S. 24-37.

[6] Vgl. Mike Davis und Daniel Bertrand Monk (Hg.), Evil Paradises: Dreamworlds of NeoLiberalism, New York 2007; Mike Davis, Planet der Slums, in: „Blätter“, 7/2006, S. 805-816.

[7] Vgl. auch Rubén Kaztman, Spatial Segregation and the Hardening of Poverty, in: „InFocus“, August 2005: Poverty and the City, (hg. von International Poverty Center, UNDP), Brasilia.

[8] Baumann, a.a.O.

[9] Vgl. Alejandro Grinspun und Caroline N. Moser, City Violence and the Poor, in: „InFocus“, a.a.O.

[10] Bartholomäus Grill, Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents, Berlin 2005.

[11] Zit. nach UN Habitat, State of the World‘s Cities Report 2008/2009, in: Africa: Urban Inequality in Global Perspective (=AfricaFocus Bulletin), 24.10.2008; vgl. auch Matt Resseger und Kristina Tobio, Urban Inequality, Harvard 2008.

[12] Vgl. Mike Davis, Planet der Slums, a.a.O. 

[13] John Berger, Planeta Prisão, in: „Le Monde Diplomatique Brasil“, 10/2008, S. 36 f.

[14] Luiz C. Queiroz Ribeiro und Mariane Koslinski, A qualidade das escolas nas métropoles, in: „Le Monde Diplomatique Brasil“, 4/2009, S. 20 f.; sowie Justiça Global u.a., The Criminalization of Poverty, 2008.

[15] Grinspun/Moser, a.a.O.

[16] Vgl. The Criminalization of Poverty, a.a.O.

[17] Vgl. Mary Racelis, Recasting Urban Power Relations, in: „InFocus“, a.a.O.

[18] Zitiert nach Kylie MacLellan, Rapid City Growth Threat to Africa’s Development, in: „WBCSD Business & Development News“, 8.2.2010.

 

 

(aus: »Blätter« 4/2010, Seite 99-106)
Themen: Armut und Reichtum, Entwicklungspolitik und Lateinamerika

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