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Margot Käßmann und die rechten Kampagneros

von Albrecht von Lucke

Einer neu gewählten Bundeskanzlerin werden traditionell einhundert Tage als Bewährungszeit eingeräumt. Bei einer neu gewählten EKD-Vorsitzenden soll dieser alte Brauch offensichtlich nicht gelten. Was Bischöfin Margot Käßmann Anfang des Jahres an Unterstellungen über sich ergehen lassen musste, stellte dies eindrucksvoll unter Beweis. Mehr noch: Es kann als Paradebeispiel dafür gelten, wie mediale Kampagnen heute gemacht werden.

Die neue EKD-Vorsitzende hatte in ihrer Neujahrspredigt unter anderem deutliche Kritik an der Kriegssituation in Afghanistan geübt („Nichts ist gut in Afghanistan“) und an den Mut appelliert, „von Alternativen zu reden“ und sich für diese einzusetzen. Waffen, so ihre Einschätzung, schafften offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir bräuchten daher „mehr Phantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen“.

Diese klare – und angesichts der jüngsten Ereignisse in Kundus überfällige – Positionierung veranlasste Springers „Welt“, umgehend dagegen Front zu machen. Der Chefredakteur höchst- persönlich warf Käßmann „Hochmut von der Kanzel“ vor und insinuierte, sie habe Soldaten und Abgeordnete diffamiert: „Glaubt Frau Käßmann wirklich, die Parlamentarier, die diesen Einsatz beschlossen haben, seien gedankenlose Kriegstreiber?“

Der kalkulierte Reflex ließ nicht lange auf sich warten: Umgehend brachten zahlreiche Unions-Politiker, aber etwa auch der Co-Vorsitzende der grünnahen Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks, ihren Unmut gegenüber der Bischöfin zum Ausdruck. Und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ diagnostizierte, in schlichter Gegenüberstellung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik, bei Käßmann gefährlichen Fundamentalpazifismus. Das Vokabular ihrer Rede erinnere verräterisch an „Gruppentherapie und Eheberatung“ und sei für die Realitäten der internationalen Politik „auf fatale Art und Weise inadäquat“, ja mehr noch: eine „religiös-politische Melange mit eigentümlicher Geschmacksrichtung“.

Doch, Ironie der Geschichte, ungeachtet der aufgefahrenen massiven Geschütze entglitt den Machern die Kampagne. Bischöfin Käßmann erntete enormen Zuspruch aus allen Lagern, weit über den Kreis der Kirche hinaus. Selbst unter Soldaten fand ihre Intervention Zuspruch, da sie endlich das verheerende Versäumnis der Politik zur Sprache brachte. Exemplarisch für diese Zustimmung war der Leserbrief eines Soldaten in der „Süddeutschen Zeitung“: „Wir Soldaten sollten der Bischöfin dankbar sein. Es ist Aufgabe und Verantwortung der Kirchen, sich zu den Lebensfragen unserer Gesellschaft zu äußern. Welche ist wichtiger als die nach Krieg und Frieden? [...] Seit Jahren wird dazu eine breite Diskussion angemahnt. Sie ist überfällig.“

Auch die Regierung konnte sich diesem öffentlichen Zuspruch letztlich nicht verweigern. Bereits die Einladung der Bischöfin durch den Bundesverteidigungsminister, erst zum Vier-Augen-Gespräch, dann zur gemeinsamen Reise nach Afghanistan, war ein Eingeständnis, dass Frau Käßmann nicht durch billige Diffamierungen mundtot zu machen ist. Im Gegenteil: Die breite Solidarisierung mit der Bischöfin fiel auf die Urheber der Kampagne zurück und entlarvte deren Agitation als das, was sie wirklich ist: der plumpe Versuch, einer frisch gewählten engagierten EKD-Vorsitzenden umgehend den Schneid abzukaufen.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Offensichtlich befürchtet man in rechts-konservativen Kreisen, dass Frau Käßmann unbequem werden könnte – und zwar weit über das Themenfeld Afghanistan hinaus. Und das durchaus zu Recht. Liest man nämlich ihre Neujahrspredigt in Gänze, stellt man fest, dass Margot Käßmann auch die innenpolitischen Missstände klar im Blick hat.

Bei ihrer Auslegung der neuen Jahreslosung „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich“ stellte sie der christlichen Verheißung ganz bewusst die „knallharte Realität“ gegenüber: „Nichts ist gut in Sachen Klima, wenn weiter die Gesinnung vorherrscht: Nach uns die Sintflut! Da ist Erschrecken angesagt und Mut zum Handeln, gerade nach dem Klimagipfel in Kopenhagen.“ Und, heißt es weiter, nicht alles sei gut, „wenn so viele Kinder arm sind im eigenen Land“ und sich dafür schämen müssen. Nein, so Käßmann: „Nichts ist gut, Erschrecken ist angesagt, wenn es in einer Gemeinschaft so schwer, so beschämend ist, Hilfe anzunehmen bei Jungen und Alten, bei Armen, Kranken und Behinderten.“ Und nichts ist auch gut, wenn, wie der Fall Robert Enke gezeigt habe, „bei uns eine solche Atmosphäre der Gnadenlosigkeit herrscht und alle immer stark sein müssen.“

Hier wird deutlich, dass wir es mit einer EKD-Präsidentin zu tun haben, die Klartext spricht und sich keinesfalls politische Zurückhaltung auferlegt. Nicht ohne Grund hat sie bereits angekündigt, dass sie auch weiterhin die soziale Spaltung im Lande kritisieren werde. Bei ihrem Amtsantritt am 28. Oktober vergangenen Jahres (just am Tag der Wahl von Angela Merkel im Bundestag) lautete ihr Credo: „Wenn wir die sozialen Fragen in unserem Land sehen, Armut von Kindern, Bildungsarmut oder am anderen Ende des Lebens die Pflege und würdiges Sterben, dann wissen wir, dass unsere Kirche gebraucht wird.“

Vorbei also die Zeiten, in denen sich nicht nur die FAZ „an den geschliffenen und staatstragenden Äußerungen ihres Vorgängers Huber“ allzu gerne ergötzte – gerade weil diese in aller Regel keine nennenswerte Resonanz fanden, zumal in der Bevölkerung. Anders im Fall Käßmann: Bereits ihre erste große Predigt im EKD-Vorsitz, muss erneut die FAZ zähneknirschend eingestehen, war ein klarer „Öffentlichkeitserfolg“. Ja, mehr noch: „Man sollte sich nicht täuschen: Die Mehrheit im Land stimmt Margot Käßmann zu – zumindest hat sie mit ihren Einlassungen der evangelischen Kirche mehr Gehör verschafft als jede EKD-Denkschrift das jemals zu tun vermochte.“

In der Tat. Wobei hinzuzufügen wäre: Der Kampagne sei Dank. Ohne die ungewollte Resonanzverstärkung aus dem Hause Springer hätte die Bischöfin schwerlich diese Aufmerksamkeit erzielt. Womit bewiesen wäre, dass Kampagnen auch erfolgreich scheitern können. Es kommt eben immer auf die Perspektive an.

Säkularer Segen

P.S.: Zu guter Letzt wollte auch der erste Mann im Staat der Bischöfin seinen Tribut nicht verweigern. Anlässlich der Tausend-Jahr-Feier der Michaelis-Kirche in Hildesheim sagte Bundespräsident Horst Köhler zur anwesenden EKD-Ratsvorsitzenden: „Ich mache mir nicht alle Ihre Worte zu eigen. Aber das, was Sie in Ihrer Neujahrspredigt gesagt haben, kann Deutschland nicht nur verkraften. Unser Land braucht solche Beiträge sogar. Mit der Predigt in der Frauenkirche haben Sie uns allen einen guten Dienst erwiesen.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Neujahrspredigt (in ganzer Länge auf www.blaetter.de dokumentiert) noch viele andere dieser Art folgen werden.

 

(aus: »Blätter« 2/2010, Seite 31-32)
Themen: Demokratie, Krieg und Frieden und Religion

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