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Kapitalismus mit menschlichem Antlitz?

von Achim Engelberg

Was haben eigentlich Albert Camus und Henry Kissinger, der Sechstagekrieg und die Niederlage Frankreichs 1940, Johannes Paul II. und Arthur Koestler gemeinsam? Über all diese Personen und Ereignisse schrieb Tony Judt in den letzten 15 Jahren Essays, die nun auf Deutsch erschienen sind. Der todkranke, nur noch dank seines Beatmungsgerät lebensfähige Historiker hat jüngst seine politische Hoffnung auf eine Re-Sozialdemokratisierung niedergeschrieben.[1] Der vorliegende Band wird demgegenüber seinen Rang als Essayisten bestimmen – so wie seine „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“, mit der er breite Leserschichten erreichte, ihn als epischen Geschichtsschreiber auswies.

Trotz mannigfacher Themen wirkt der Band nicht heterogen, sondern beherrscht von einem Autor, der souverän in „breiteren Strömungen der weltpolitischen Geschichte“ schwimmt und unterschiedliche Stoffe durch wiederkehrende Themen und Interessen verwebt: vor allem die Verantwortung des Intellektuellen und die Rolle, die die Geschichte für uns spielt und spielen sollte.

Tony Judt meint, „unser Geschichtsverständnis ist immer Spiegelbild unseres Standpunkts“. Deshalb liegt es nahe, nach Judts Geschichtsverständnis zu fragen und nach den Traditionen, die ihn prägten. „Ich bin in einer marxistischen Familie aufgewachsen“, bekennt der New Yorker Intellektuelle. Seine Eltern und Großeltern waren „Vertreter jenes Zweigs des osteuropäischen Judentums, der die sozialdemokratische Arbeiterbewegung als seine Heimat betrachtete“, und sie waren „vehemente Antikommunisten. Aus ihrer Sicht war der Bolschewismus nicht nur eine Diktatur, sondern, mindestens ebenso schlimm, eine Karikatur des Marxismus.“

Der „68er“ Tony Judt verband sich nicht, wie viele seiner Generation, mit Dogmatikern und brauchte deshalb nicht – wie etliche Studentenbewegte nach 1989 – als „Spätheimkehrer aus dem Kalten Krieg“ (Heiner Müller) Erkenntnisse und Erfahrungen wichtiger Marxisten zu verdammen. Gleichzeitig zeigt er in etlichen Essays das Weiterwirken des 1917 mit der Oktoberrevolution begonnenen und mit den osteuropäischen Revolutionen 1989-91 beendeten Versuchs einer ersten nichtkapitalistischen Gesellschaft – und zwar in negativer Hinsicht: „Wenn heute nirgendwo eine überzeugende Vision von Fortschritt und Gerechtigkeit entwickelt wird, dann ist das in erster Linie auf Lenin und seine Nachfolger zurückzuführen, die den Brunnen vergiftet haben.“

Ebenso weist er auf verhängnisvolle Ansätze schon bei Marx und Engels hin: „Wie eng diese logische Verbindung zwischen Marxscher Analyse und kommunistischer Tyrannei ist, geht aus den Kommentaren vieler kritischer Beobachter hervor – von Michail Bakunin bis Rosa Luxemburg –, die vor den totalitären Konsequenzen des Kommunismus warnten.“ Zustimmend zitiert er den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, der die religiöse Dimension des Marxismus offenlegte und dessen gefährlichste Tendenz, nämlich dass er zu einem „Instrument“ für „denkfaule Menschen“ werden kann, die glauben, „die ganze Geschichte und Ökonomie beherrschen“ zu können, „ohne das eine oder das andere studiert zu haben“. Kurzum: Tony Judts Standpunkt ist der eines Intellektuellen, der sowohl die Verdienste als auch die Gefahren des Marxismus genau kennt.

Zur Entstehungszeit seiner Essays äußert er sich prononciert kritisch: „In kommenden Dekaden werden wir auf die 15 Jahre zwischen dem Fall des Kommunismus und der verheerenden amerikanischen Irakinvasion als vergeudete Jahre zurückblicken – anderthalb Jahrzehnte ungenutzter Chancen und politischer Inkompetenz beiderseits des Atlantiks.“ Und weiter meint er: „Die Auslöschung der Vergangenheit – gezielt, gedankenlos, in bester Absicht – prägt unsere heutige Zeit.“

Kritik an heutiger Geschichtspolitik durchzieht die Schriften. Während sich europäische Künstler, Publizisten und Historiker im 19. Jahrhundert immer wieder mit der Französischen Revolution auseinandersetzten, verwandeln wir heute das 20. Jahrhundert in „Gedenkstätten“, in historische Schreckenskammern unter bekannten Namen wie Auschwitz oder Gulag. Judt richtet seine Kritik freilich nicht gegen das Erinnern an diese Grauen, sondern gegen die Annahme, wir hätten die Geschichte verstanden und könnten nun „unbelastet von den Irrtümern der Vergangenheit“ vorangehen in „eine andere, eine bessere Zeit“.

Dabei kritisiert Tony Judt auch ihm nahestehende, osteuropäische Dissidenten der 80er Jahre. Die Praxis der Menschenrechte, die die antikommunistischen Revolutionen zwischen 1989 und 1991 bewegten, zeige zunehmend Schattenseiten. „Für oppositionelle Politik war das ein beträchtlicher Gewinn, der jedoch seinen Preis hatte. Das Eintreten für abstrakte universale ‚Rechte‘ – einhergehend mit kompromisslos moralischer Kritik an üblen Regimen – kann allzu leicht dazu verführen, jede politische Situation moralisch zu bewerten.“ So unterstützten etliche Menschenrechtsaktivisten den Irakkrieg 2003 und verwechselten die kurzsichtige Politik der USA mit ihrer eigenen moralischen Haltung.

Es entstand eine Welt, in der Zonen relativer Sicherheit und Wohlstands (wie die Europäische Union) unter wachsenden Druck von den Rändern geraten: „Zwar weiß man in Brüssel nur zu gut, wie riskant es ist, Afrika zu ignorieren oder die Ukraine oder Bosnien draußen vor der Tür stehen zu lassen und 70 Millionen Türken in einen radikalen Islam zu treiben, aber den europäischen Politikern ist bei der Vorstellung (und dem Preis), die EU-Außengrenze bis nach Vorderasien zu verschieben, ausgesprochen unbehaglich. […] Sollte Europa die permanente Krise an seinen östlichen und südlichen Rändern aber nicht in den Griff bekommen, wird es in ernste Schwierigkeiten geraten.“

Parallel dazu wachsen im Innern der Europäischen Union Ghettos der Emigranten, Deklassierten, Ausgeschlossenen; die Gesellschaft droht zu erodieren. „Im postindustriellen Frankreich sind die Arbeitsplätze abgewandert, während der Staat die Stellung hält und für die Kosten aufkommt. Aber der Zusammenhalt der Leute ist zerbrochen und mit ihm eine jahrhundertealte Kultur, in der sich Stolz auf die Arbeit mit einem sozialen Gefüge und der Kontinuität über Generationen hinweg verband.“

Geschichtsvergessene Führung demonstriert das Beispiel Tony Blairs, dessen Aufstieg mit dem dreifachen Vermächtnis von Margaret Thatcher erklärt wird: „Erstens legte sie das Fundament für die radikale Privatisierung von Industrie und Dienstleistungsbranche, die enthusiastisch zu preisen Blair nicht müde wird. Zweitens zerstörte sie die alte Labour Party und erleichterte den Reformern die Arbeit, so dass Blair nur die Ernte einzufahren brauchte. Drittens schwächte sie mit ihrer Unnachsichtigkeit gegenüber innerparteilichen Dissidenten die eigene Partei und machte sie unwählbar.“ Tony Judt charakterisierte Blair schon auf dem Höhepunkt seiner Macht als „Gartenzwerg im englischen Park des Vergessens“ und erhellt dessen Erfolg mit dem „Talent der Engländer, die Vergangenheit zu feiern und zugleich zu entsorgen – eine künstliche Historie mit echter Nostalgie zu pflegen“.

Allerdings sieht Judt die zunehmende Abschaffung der Vergangenheit durch eine florierende Kulturerbe-Industrie nicht nur in England. Vielerorts verschwindet erzählte Geschichte aus Lehrplänen, man bezieht sich nur noch auf punktuelle Erinnerungsorte. Und diese könnten, da sie durch kein Band einer großen Erzählung verbunden sind, zu Orten des Vergessens werden.

Viele Essays umkreisen Israel und jüdische Intellektuelle, zum einen wegen Judts Herkunft, zum anderen weil viele seiner Vorbilder (wie Primo Levi) Juden waren, und schließlich drittens, weil Israel von eminenter Bedeutung für die Situation im Nahen Osten und damit für die globale Sicherheitslage ist.

Was aber kann man bei dieser Weltlage tun? Wie vor der Großen Revolution der Franzosen 1789 die geistige Revolution der Aufklärung von Voltaire bis Diderot wirkte, hofft Judt, dass unsere Krisenzeit trotz der medialen Boulevardsierung eine Rückkehr jener politischen Intellektuellen möglich macht, die unsere Situationen in Entstehungs- und Entwicklungszusammenhängen analysieren und wort- wie bildgewaltig popularisieren können. Deshalb erinnert er an solche, in deren Fußstapfen Kommende voranschreiten könnten, von Albert Camus bis Hannah Arendt. Am häufigsten zitiert er Arthur Koestler, dessen Meisterwerk „Sonnenfinsternis“ einst ein Millionenpublikum erreichte und heute fast vergessen ist. Dennoch glaubt Judt, dass die Bücher Koestlers eines Tages „Pflichtlektüre für alle Historiker sein [werden], die sich mit unserem Zeitalter beschäftigen“.

Immer wieder kommt er auf das Desaster des Kommunismus zurück, das die Menschheit bis heute lähmt, und deutet Koestlers „Sonnenfinsternis“ als „kein Buch über die Opfer des Kommunismus, sondern ein Buch über Kommunisten“. Nicht der Archipel Gulag wird beschrieben, sondern die „intellektuellen Deformationen“ stehen im Mittelpunkt – „als logische Abweichungen von einem legitimen Ausgangspunkt, die fatal sind, weil der Einzelne und seine Urteilsfähigkeit ignoriert werden“.

Die absolute Macht der Kommunistischen Parteien korrumpierte diese absolut; aber auch der auf Ausgleich bedachten sozialen Marktwirtschaft drohe der Untergang, seit der Kapitalismus zur absolut gewordenen Macht verkommen ist. Die Hybris der Sieger von gestern könnte zur Tragödie der Menschheit von morgen werden. Ob eine erneuerte Sozialdemokratie dem Kapitalismus nochmals ein menschliches Antlitz geben kann oder ob im 21. Jahrhundert ein zweiter Versuch einer neuartigen Gesellschaft unternommen wird, bleibt offen. Tony Judt hofft auf einen historischen Kompromiss zwischen der Linken und dem Kapitalismus, endet aber mit dem Schlussakkord, „dass die soziale Frage nicht verschwindet, wenn sie nicht gelöst wird. Sie sucht sich einfach radikalere Antworten.“

[1] Vgl. hierzu Tony Judt, Sozialdemokratie der Angst. Was lebt und was ist tot an der sozialen Demokratie? In: „Blätter“, 5/2010, S. 41-58; sowie ders., „Ill Fares The Land“, London 2010.

 

(aus: »Blätter« 7/2010, Seite 120-122)
Themen: Geschichte und Kapitalismus

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