Die Emanzipation des afrikanischen Fußballs | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Afrika-Dossier: Kontinent der Widersprüche

Die Emanzipation des afrikanischen Fußballs

Von der Kolonialzeit zur WM 2010

von Dietrich Schulze-Marmeling

Dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 auf dem afrikanischen Kontinent ausgetragen wird, ist zwar ein Novum, aber kein Zufall. Denn gerade hier breitete sich der Fußball schneller und intensiver aus als in anderen kolonialisierten Gebieten der Welt – obwohl es in den Bantusprachen, die von über 400 verschiedenen Ethnien Süd- und Mittelafrikas gesprochen werden, nicht einmal ein eigenes Wort für „Ball“ gibt. 

Aufgrund seiner kolonialen Ursprünge stand Afrikas Fußball lange Zeit unter der Kontrolle Englands und Frankreichs. Wie in anderen Teilen der Welt waren es auch in Afrika die Briten, die das Spiel importierten. Die ersten Kicker waren Seeleute und Kolonialsoldaten. Später sorgten Kolonialbeamte, Ingenieure, Lehrer und Kaufleute für eine gewisse Verbreitung auch in der schwarzen Bevölkerung. Aber auch kirchliche und staatliche Schulen gebärdeten sich als Fußball-Missionare. In Nigeria beispielsweise wurde Fußball in der Hafenstadt Calabar vom Hope Waddell Training Institute eingeführt, das von einer Gruppe jamaikanischer Presbyterianer gegründet worden war – als der Reverend James Luke im Jahre 1902 neuer Direktor der Schule wurde und zum Einstand einen Ball mitbrachte. Am 15. Juni 1904 spielte ein barfüßiges Schulteam gegen die Besatzung des englischen Kriegsschiffes HMS Thistle und gewann mit 3:2.

Fußball versus Gentlemen-Sportarten

Weltweit setzte sich der Fußball vor allem in solchen Kolonien des British Empire durch, in denen die Präsenz der britischen Oberschicht nicht so stark ausgeprägt war, sondern weniger direkte Formen der Kolonialherrschaft dominierten. Im Protektorat Uganda, in Britisch-Ostafrika (Kenia) oder Rhodesien, wo viele britische Siedler lebten, waren die „Gentlemen-Sportarten“ Cricket und Rugby wesentlich stärker vertreten als etwa in Westafrika, wo einer britischen Ansiedlung im großen Stil schon das äquatoriale Klima entgegenstand.

Im britisch beherrschten Teil Afrikas verbreitete sich das Spiel zunächst schneller als unter französischer Kolonialherrschaft. Denn in den französischen Kolonien lebten Europäer und einheimische Bevölkerung stärker voneinander getrennt; zudem spielten Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen in der damaligen französischen Kultur eine geringere Rolle.

Zu Afrikas erster „Fußballmacht“ wurde Ägypten, dessen Fußballgeschichte mit der Ankunft der britischen Besatzungsmacht 1882 begonnen hatte. 1903 organisierten britische Bürger in Kairo die ersten Klubs, denen schon bald einheimische Gründungen folgten. So wurde 1907 der Klub Al Ahly ins Leben gerufen, der zu einem der erfolgreichsten und populärsten in Afrika avancierte. Der von Republikanern und Liberalen beherrschte Klub war ein Statement gegen die britische Kolonialherrschaft.

1921 wurde in Kairo der erste national eigenständige Fußballverband Afrikas gegründet. 1923 trat Ägypten als erstes afrikanisches Land der FIFA bei, nachdem es bereits 1920 als erster Vertreter des Kontinents am Olympischen Fußballturnier teilgenommen hatte. 1934 waren die Nordafrikaner auch Afrikas erster WM-Teilnehmer.

Talentschmiede Frankreichs und Portugals

England war also auch in Afrika gewissermaßen das „Mutterland des Fußballs“. Als aber infolge der Einwanderungswellen nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals Fußballer afrikanischer Herkunft in England kickten, traten in den französischen Ligen längst zahlreiche Afrikaner gegen den Ball.

Dass dies so einfach möglich war, hatte auch mit dem Konzept der französischen Nation zu tun, das die Kolonien als Ausweitung des „Mutterlandes“ und Teil der Grande Nation betrachtete. Außerdem entwickelte sich in Frankreich die Idee von einem „eigenen“, nationalen Fußballstil später als in Ländern wie England, Deutschland oder Italien. Daher ließ sich das Spiel hier mit den Immigranten aus den Kolonien teilen, ohne dass dabei das Gefühl entstand, man würde seine „nationale Seele“ preisgeben.

In ihren nordafrikanischen Kolonien avancierten die Franzosen zum führenden „Fußball-Missionar“. Der Maghreb war auch die erste Region des Kontinents, die später internationale Erfolge verbuchen sollte. Von Südafrika abgesehen, war dies die am stärksten urbanisierte und industrialisierte Region Afrikas, die auch die größte Zahl europäischer Siedler aufwies. Seit den 1920er Jahren unterstützte hier auch die französische Regierung die Ausbreitung des Spiels.

Darüber entstand schon früh eine Verzahnung mit dem heimischen Fußball. Französische Klubs entdeckten insbesondere Algerien und Marokko als
Rekrutierungsgebiete. Bereits 1938 kickten in der ersten und zweiten Liga Frankreichs 147 Afrikaner. Einige von ihnen, wie der Marokkaner Larbi Ben Barek, spielten sogar im französischen Nationalteam. Ben Barek, einer der ersten großen schwarzen Fußballstars, kickte zunächst für Union Sportive Marocaine de Casablanca, bevor ihn Olympique Marseille 1938 nach Frankreich holte. Anschließend schnürte der Dribbelkünstler noch für Stade Francais Paris (unter dem legendären Trainer Helenio Herrera) und Atlético Madrid die Fußballstiefel. Und als Olympique Marseille 1940 im französischen Pokalfinale gegen den Racing Club de Paris auflief, hieß ein anderer Olympique-Akteur Ahmed Ben Bella. 20 Jahre später wurde Ben Bella Präsident der unabhängigen Republik Algerien.

Ähnlich wie Frankreich erkannte auch Portugal relativ frühzeitig das „athletische Potential“ seiner Kolonien. Bereits in den 1950er Jahren errichteten die führenden portugiesischen Klubs ein System von Scouts in den Kolonien Angola und Mosambik. Zuvor hatten die Klubs bei Propagandatouren in diesen Ländern gegen die einheimischen Kicker wiederholt den Kürzeren ziehen müssen. Bei der WM 1966 hieß der große portugiesische Star dann Eusebio da Silva Ferreira, der beim Sporting Club Lourenco Marquis (später Maputo) groß geworden war und mittlerweile für Benfica Lissabon spielte. Dass die Portugiesen damals bis ins Halbfinale vordrangen, hatten sie vornehmlich ihrem Torjäger Eusebio zu verdanken, der mit neun Treffern überlegen die Kanone des besten WM-Torschützen gewann.

Obgleich Fußball zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zum populärsten Sport in Afrika aufstieg, verlief seine Ausbreitung deutlich langsamer als in Europa – lediglich der Norden stellte eine gewisse Ausnahme dar. Neben der „Zurückhaltung“ der britischen Kolonialeliten, die den elitären Disziplinen den Vorrang gaben, lag dies am zunächst geringen Urbanisierungsgrad und am unterentwickelten Schulsystem. Damit fehlten die in anderen Ländern so wichtigen Schubkräfte für die Popularisierung des Fußballs.

Die Kolonialmächte hatten den afrikanischen Fußball jahrzehntlang kontrolliert. Nach dem Zweiten Weltkrieg lösten dann Dekolonialisierung und politische Unabhängigkeit geradezu eine Explosion sportlicher Aktivitäten aus. Für den afrikanischen Fußball begann nun ein Prozess der ernsthafteren und eigenständigeren Organisierung. 1957 wurde der afrikanische Fußballverband gegründet, der sich den französischen Titel Conféderation Africaine de Football (CAF) gab.

Fußball und Apartheid in Südafrika

Wie auf dem gesamten Kontinent wurde Fußball auch im Gastgeberland der aktuellen WM von britischen Siedlern eingeführt. In Südafrika stationierte britische Soldaten halfen bei der Entwicklung und Verbreitung des Sports. Das erste überlieferte Fußballspiel wurde 1866 in Pietermaritzburg angepfiffen. Dort hob man 1879 mit dem Pietermaritzburg County FC auch den ersten Klub aus der Taufe. 1882 konstituierten sich drei weitere exklusiv weiße Klubs – Durban Alphas, Umegi Stars und Natal Wasps – die Natal Football Association. Europäische Unternehmer unterstützten die Gründung von Fußballvereinen weißer Arbeiter in Durban und um die Jahrhundertwende auch in Johannesburg und Kapstadt.

1892 wurde mit der South African Football Association (SAFA) ein nationaler Verband gegründet, der der englischen FA angehörte – und in dem zunächst nur Weiße mitwirken durften. Nach der Gründung der Südafrikanischen Union 1910 wurde die SAFA (später umbenannt in Football Association of South Africa/FASA) eigenständiges Mitglied der FIFA. Doch zum vorherrschenden Spiel der weißen Bevölkerung entwickelte sich – zumal nach den erfolgreichen internationalen Tourneen 1906 und 1912 – Rugby. Noch heute gilt das Interesse der weißen Bürgerinnen und Bürger Südafrikas in erster Linie dem Springbok-Team.

1951 entstand mit der South African Soccer Federation (SASF) ein Konkurrenzverband zur FASA, der sich „multirassisch“ gab und über 80 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung repräsentierte. Dennoch gab die FIFA dem Pro-Apartheid-Verband FASA den Vorzug. 1956 übertrug die Regierung dann die Rassentrennung auch offiziell auf den Sport. Südafrika meldete sich 1957 für den ersten Afrika-Cup an, wurde aber ausgeschlossen, nachdem die FASA erklärt hatte, sie würde auf keinen Fall mit einem „gemischt-rassigen“ Team teilnehmen.

Da weiße und schwarze Bevölkerung in Südafrika zwar getrennt voneinander, aber in enger Nachbarschaft zueinander lebten, schwappte das „weiße“ Spiel bald in die Townships hinüber. Mit dem Entstehen einer schwarzen städtischen Arbeiterschaft Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Fußball mehr und mehr zum Spiel der Schwarzen. Insbesondere das Johannesburger Ghetto Soweto avancierte zum schwarzen Soccer-Mekka.

Dennoch rief die FASA im Jahr 1959 die National Professional Football League (NPFL) als eine exklusiv weiße Veranstaltung ins Leben. 1961 verließen daraufhin einige Funktionäre und Clubs die dem Amateurprinzip verpflichtete SASF, um mit der South African Soccer League (SASL) eine „multirassische“ Profiliga zu gründen. Da die FASA um ihre Kontrolle über den südafrikanischen Fußball fürchtete, kontaktierte sie die städtischen Verwaltungen, die daraufhin der SASL die Nutzung der Fußballplätze untersagten. Aufgrund dieser systematischen Schikanen bei der Platzvergabe konnte die SASL nicht überleben und wurde 1967 aufgelöst.

Trotz der Apartheid waren „gemischte“ Teams in Südafrika indes keine Seltenheit. Schwarze, sogenannte Mischlinge und Inder spielten bereits in den 1950er Jahren miteinander. Das erste weiße Profiteam, das einen Schwarzen verpflichtete, waren 1977 die Arcadia Shepherds aus Pretoria. Für ein Aufbrechen der harschen Apartheidpraxis sprachen seinerzeit nicht zuletzt wirtschaftliche Überlegungen. Die Masse der Fußballfans waren Schwarze, und laut dem damaligen Arcadia-Boss und Geschäftsmann Saul Sacks zogen „schwarze Spieler halt das Publikum in die Stadien.“

Apartheid unter dem Schutz des FIFA-Präsidenten

Aufgrund ihrer Apartheidpolitik war die FASA 1961 vom Regionalverband CAF ausgeschlossen und 1964 von der FIFA suspendiert worden. Dennoch hielt FIFA-Präsident Sir Stanley Rous viele Jahre seine schützenden Hände über die FASA. 1963 hatte er nach einer Visite in Südafrika erklärt, die Funktionäre des „dissidenten Verbandes“ (gemeint war die SASF) seien „völlig ungeeignet“, den südafrikanischen Fußball zu repräsentieren. Den Vertretern des „multirassischen“ South African Non-Racial Olympic Committee (SANROC) warf er 1968 vor, sie seien „mehr an kommunistischer Politik denn an Fußball interessiert.“ Damit folgte Rous exakt der Argumentation der weißen rassistischen FASA-Funktionäre.

Seine Südafrika-Politik kostete Rous schließlich die FIFA-Präsidentschaft. 1972 wollte die suspendierte FASA ein Länderturnier für Amateur-Nationalteams veranstalten und ersuchte diesbezüglich um Erlaubnis durch die FIFA. Rous unterstützte das Vorhaben, doch als ruchbar wurde, dass Südafrika ein rein weißes Team aufs Feld schicken würde, zogen England, Deutschland und Brasilien ihre Anmeldung zurück. Hinter Brasiliens Rückzug steckte Rous’ brasilianischer Gegenspieler Joao Havelange, der auf dem FIFA-Kongress 1976 gegen den Engländer antrat und mit Hilfe der afrikanischen Delegierten zum neuen FIFA-Boss gewählt wurde. Daraufhin schloss die FIFA Südafrika endgültig aus.

Erst nach dem Ende der Apartheid 1992 nahm die FIFA Südafrika wieder auf. 1994 fusionierten FASA, SASF und zwei weitere vormals unabhängige Verbände zur South African Football Association (SAFA), die seither alle ethnischen Gruppen Südafrikas repräsentiert. Mit der Premier Soccer League verfügt das Land seit 1995 auch über eine eigene Profi-Liga.

Bafana Bafana – Südafrikas Fußball-Nationalmannschaft

Für Südafrikas heute vorwiegend schwarze Nationalmannschaft begann die Post-Apartheid-Zeit am 7. Juli 1992 mit einem 2:0-Sieg gegen Kamerun. In der „Sowetan Newspaper“ taufte der Journalist S’bu Mseleku das unerfahrene Team anschließend „Bafana Bafana“, ein Zulu-Ausdruck für „grüne Jungs“, der sich seither etabliert hat.

Dem verheißungsvollen Auftakt folgte allerdings eine Reihe von Pleiten. 1994 verfehlte Südafrika die Qualifikation für den Afrika-Cup und die WM in den USA. Anschließend übernahm der aus Durban stammende Coach William Clive Barker das Team. Im Spiel anlässlich der Amtseinführung von Präsident Nelson Mandela im Mai 1994 besiegte Südafrika dann Sambia mit 2:1. Fortan ging es bergauf.

Nur zwei Jahre später fand die 20. Auflage des Afrika-Cups in Südafrika statt. Sie sah einen Durchmarsch des Gastgebers: Zum Auftakt wurde Kamerun souverän mit 3:0 besiegt, im Viertelfinale Algerien mit 2:1, in Halbfinale Ghana mit 3:0 und im Finale schließlich Tunesien vor 80 000 Zuschauern im Soccer-City-Stadion von Soweto mit 2:0. Die Ironie der Geschichte: Kapitän Neil Tovey durfte als erster Weißer in der Geschichte des Afrika-Cups den Siegerpokal gen Himmel recken. Ebenfalls weißer Hautfarbe war der junge Innenverteidiger Mark Fish, der als Schüler nicht Fußball spielen durfte, da seine Schule „black soccer“ ablehnte und den weißen Sportarten Rugby und Cricket den Vorzug gab. Fish spielte anschließend in Europa für Lazio Rom, Bolton Wanderers und Charlton Athletic.

Südafrika selbst war aufgrund der Apartheid erstmals 1998 bei einer WM-Endrunde dabei. 2002 schied das Land nur denkbar knapp (bei Punktgleichheit und gleicher Tordifferenz wegen eines weniger geschossenen Tores) in der Vorrunde aus. Anschließend ging es mit Bafana Bafana steil bergab, die Qualifikation für die WM 2006 wurde verfehlt.

Auch bei der WM im eigenen Land werden den Gastgebern gegenüber den Gruppengegnern Mexiko, Uruguay und Frankreich keine allzu großen Chancen eingeräumt. Erst in den letzten Monaten ließ sich eine leichte Aufwärtsentwicklung registrieren. So besiegte Südafrika Polen in einem Freundschaftsspiel mit 1:0. Und beim Confederation Cup 2009 kam der Gastgeber bis ins Halbfinale, wo eine überraschend starke Bafana Bafana mit einem überragenden Regisseur Steven Pienaar (FC Everton) Brasilien nur knapp und unglücklich mit 0:1 unterlag. Dennoch liegt das Team immer noch nur auf Platz 85 der aktuellen FIFA-Weltrangliste.

Afrika und die Fußballweltmeisterschaften

Dafür können sich andere afrikanische Mannschaften bei der kommenden WM wesentliche größere Chancen ausrechnen.

Die Geschichte afrikanischer Nationalmannschaften bei Fußball-Weltmeisterschaften begann schon beim zweiten Turnier 1934 in Italien, wobei sie bereits nach 90 Minuten wieder beendet war. Ägypten hatte sich zunächst durch zwei Siege gegen eine Auswahl Palästinas qualifiziert. In der Endrunde unterlagen die Nordafrikaner dann jedoch den Ungarn mit 2:4 und schieden aus. Erst 36 Jahre später, bei der WM 1970 in Mexiko, war der afrikanische Kontinent erneut bei einer WM-Endrunde direkt vertreten.

Indirekt war Afrika jedoch auch in der Zwischenzeit bei Weltmeisterschaften dabei – durch herausragende Einzelspieler wie Eusebio oder Just Fontaine. Der in Marrakesch geborene Fontaine, der von 1951 bis 1953 für U.S.M. Casablanca gespielt hatte, wurde 1958 beim WM-Turnier in Schweden Torschützenkönig für Frankreich – seine 13 Treffer sind eine bis heute bei einer WM unerreichte Marke. Zum Kader der französische Equipe Tricolore hatten zunächst auch Rachid Mekloufi und Mustafa Zitouni gehört, die sich jedoch vor der WM verabschiedeten, um sich einem von den algerischen FLN-Guerilleros gegründeten Team anzuschließen.

1966 boykottierten dann die afrikanischen Mannschaften die Qualifikation, weil die europäisch dominierte FIFA von 16 Endrundenplätzen nur einen für Asien und Afrika gemeinsam reservierte. Dieser Protest führte dazu, dass Afrika 1970 erstmals ein eigener Platz bei einer WM-Endrunde zugestanden wurde.

Marokko schlug sich dann bei der WM in Mexiko durchaus achtbar. Gegen Deutschland gingen die Nordafrikaner zunächst in Führung, unterlagen aber am Ende knapp mit 1:2. Gegen Bulgarien erreichte man ein Remis (1:1) – der erste Punktgewinn eines afrikanischen Teams bei einer WM-Endrunde.

Nach dem Debakel Zaires bei der WM 1974 in Deutschland errang dann das von dem Hennes-Weisweiler-Lehrling Mejid Chetali trainierte Tunesien 1978 in Argentinien den ersten Sieg einer afrikanischen Mannschaft bei einer WM-Endrunde. In der Vorrunde besiegte das Land Mexiko mit 3:1. Gegen Titelverteidiger Deutschland erreichte man ein torloses Remis, doch Polen unterlag man knapp mit 0:1 und schied unglücklich als Gruppendritter aus.

1982 traten in Spanien erstmals zwei afrikanische Mannschaften an. Kamerun blieb zwar unbesiegt, schied aber mit drei Remis (darunter ein 1:1 gegen den späteren Weltmeister Italien) aus. Algerien schlug den späteren Vize-Weltmeister Deutschland sensationell mit 2:1 und auch Chile mit 3:2, verlor aber gegen Österreich mit 0:2. Das berüchtigte deutsch-österreichische Komplott, der „Nichtangriffspakt von Gijon“ – als beide Mannschaften nach dem 1:0 für Deutschland das aktive Spiel vollständig einstellten –, hatte dann zur Folge, dass Algerien punktgleich mit Deutschland und Österreich aufgrund der schlechteren Tordifferenz ausschied.

Bei der WM in Mexiko 1986 gelang mit Marokko erstmals einem Vertreter Afrikas der Gruppensieg. Im Achtelfinale verlor Marokko dann gegen Deutschland knapp mit 0:1, und Teamchef Franz Beckenbauer kam zu dem Befund: „Mit spielerischen Mitteln hätten wir Marokko nicht besiegen können. Im Fußballspielen sind die Afrikaner besser.“

1990 in Italien übertrumpfte Kamerun dann diesen bis dato größten Erfolg einer afrikanischen Nationalmannschaft. Die „unbezwingbaren Löwen“ um den 38jährigen Altstar Roger Milla gewannen ihre Gruppe und bezwangen anschließend im Achtelfinale Kolumbien nach Verlängerung mit 2:1 – und zogen als erstes afrikanisches Land ins Viertelfinale ein. Gegen England führte Kamerun bis acht Minuten vor Abpfiff der regulären Spielzeit mit 2:1, unterlag dann aber nach Verlängerung mit 2:3. (England erzielte sowohl den Ausgleich wie das Siegtor vom Elfmeterpunkt; beide Strafstoßentscheidungen waren nicht unumstritten.)

Bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 schafften es dann Nigerias Super Eagles jeweils bis ins Achtelfinale. Noch besser machte es 2002 das überraschend qualifizierte Senegal. Die vom Franzosen Bruno Metsu trainierten Senegalesen sorgten bei der Endrunde für die erste Sensation, als sie im Eröffnungsspiel Weltmeister Frankreich mit 1:0 besiegten. 21 Spieler des 23köpfigen Aufgebots hatten einen französischen Arbeitgeber, weshalb Frankreichs Keeper Fabian Barthez anschließend monierte, man habe gegen „eine Auswahl aus Montpellier und Lorient“ gespielt. Im Achtelfinale besiegte Senegal Schweden nach „Golden Goal“ mit 2:1. Erst im Viertelfinale unterlag das Team der Türkei nach „Golden Goal“ mit 0:1.

Der unaufhaltsame Aufstieg des afrikanischen Fußballs

Bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland gab es einen gewissen Rückschlag; nur Ghana gelang der Einzug in die Play-Offs. Der Aufstieg des afrikanischen Fußballs dürfte damit aber nicht an sein Ende gelangt sein.

Zweifelsohne haben viele afrikanische Nationalmannschaften gegenüber Europäern und Südamerikanern aufgeholt. Dafür sind jedoch weniger Entwicklungen in Afrika selbst verantwortlich. Denn hier dominieren nach wie vor oft schwache Verbandsstrukturen, unfähige Funktionäre und Korruption. Zudem ist die Nachwuchsarbeit völlig unterentwickelt.

Aber das Interesse europäischer Profiklubs an afrikanischen Talenten, von denen einige Fußballschulen auf dem schwarzen Kontinent unterhalten, und der Migrationswille vieler afrikanischer Kicker haben zur Folge, dass – wie bereits das Beispiel Senegals zeigte – viele Spieler in Europa und einige auch für die stärksten Clubs auflaufen. So waren beim London-Derby zwischen den europäischen Top-Clubs Chelsea und Arsenal im März 2008 13 der 28 eingesetzten Spieler afrikanischer Herkunft. Nur fünf Akteure waren Engländer. Dies zeigt: Während Afrikaner in der Vergangenheit nur als Stürmer oder offensive Mittelfeldspieler für tauglich befunden wurden und die Aufgaben, die „Zuverlässigkeit“, „Härte“ und „Führungsqualitäten“ erforderten, weißen Fußballern vorbehalten blieben, spielen sie heute auf allen Positionen.

Hiervon profitieren auch die afrikanischen Nationalmannschaften. So spielten bei der WM 2006 von den 115 vertretenen Nationalspielern Afrikas 85 für europäische Vereine. Afrikas spielstärkstes Team, die Elfenbeinküste, stand gar komplett in Europa unter Vertrag, unter anderem bei so herausragenden Adressen wie Chelsea, Arsenal, Olympique Marseille, Paris St. Germain und AJ Auxerre.

Allerdings haben sich bei den WM-Turnieren die hohen Erwartungen, die nach Kameruns Auftreten bei der WM 1990 gehegt wurden, bislang nicht erfüllt. Dennoch illustriert die jüngere Entwicklung, dass der afrikanische Fußball längst aus dem Schatten seiner kolonialen Ursprünge herausgetreten ist: Nachdem die Europäer einst den Kontinent eroberten, „erobern“ die afrikanischen Fußballstars nun die europäischen Fußballligen. Und wenn die Afrikaner dereinst den ehemaligen Kolonialherren auch den WM-Titel als begehrteste Trophäe in ihrem Lieblingssport abjagen, wird sich der afrikanische Fußball endgültig von seinen kolonialen Wurzeln emanzipiert haben.

(aus: »Blätter« 6/2010, Seite 113-120)
Themen: Afrika, Rassismus, Geschichte und Sport

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