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Sonnenklar

Zum Tode von Hermann Scheer

von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Die Bedeutung Hermann Scheers für die Energiewende in Deutschland und der Welt lässt sich kaum übertreiben. Er hatte die Kühnheit, bereits für die Solarenergie einzutreten, als noch kaum jemand – auch nicht in Fachwelt und Politik – verstand, dass wir weg müssen von unserer Ölabhängigkeit. Hermann Scheer war schon in den 80er Jahren sonnenklar, dass wir auf alternative Energien setzen müssen und hier insbesondere auf die beständigste, unerschöpfliche Energiequelle der Sonne. Für seinen unermüdlichen Einsatz für die Solarenergie wurde er 1999 schließlich mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Elf Jahre zuvor hatte der „Solarpapst“ Eurosolar gegründet, die er – zusammen mit seiner Ehefrau – zur organisatorischen Basis seiner alternativen Energievision ausbaute. Diese „Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien“ verfügt heute über Sektionen in 13 europäischen Ländern; ihr Einfluss aber reicht, dank Scheer, inzwischen bis in die entlegensten Gegenden der Welt.

Die besondere Leistung Scheers erwuchs aus seinem Einsatz für die praktische Verwirklichung seiner Utopie im Hier und Jetzt. Denn der „Systemwechsel“, wie Scheer die Energiewende nannte, war ihm keine Zukunfts-, sondern eine dringliche Gegenwartsaufgabe. Dafür hat er gestritten – mit Erfolg.

Sein wohl größter institutioneller Erfolg war die Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im März 2000. Denn dieses wegweisende Gesetz wäre ohne Hermann Scheer gar nicht erst zustande gekommen. Nach dem Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung sperrte sich nämlich der zuständige Wirtschaftsminister Werner Müller, mit Rückendeckung von Kanzler Gerhard Schröder, gegen ein solches Gesetz. Daraufhin übernahm Scheer die Initiative. Sein an die Fraktionskollegen, darunter auch ich, aber auch an die grünen Abgeordneten gerichteter Vorschlag lautete: Wenn die Regierung nicht von sich aus aktiv wird, müssen wir das EEG eben als Fraktionsinitiative einbringen.

Scheer legte dann in der SPD-Fraktion einen Entwurf vor, den er wahrscheinlich schon in der Tasche gehabt hatte, und der diskutiert und mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Später haben sich dann auch Bundeskanzler Schröder und Wirtschaftminister Müller hinter das EEG gestellt.

Fraktions-Gesetzesinitiativen sind im Deutschen Bundestag selten, und wenn es sie gibt, sind sie noch seltener erfolgreich. Durch sein Vorgehen ist Hermann Scheer zur wichtigsten Person hinter einem der politisch und in der Wahrnehmung der Bevölkerung bedeutsamsten Projekte der rot-grünen Regierungszeit geworden.

Seit wir uns vor über 40 Jahren im Rahmen der SPD Baden-Württemberg kennenlernten – Scheer war damals Assistent beim Politologieprofessor Martin Greiffenhagen – haben wir immer wieder über Frieden, Außenpolitik und eben Energie- und Umweltpolitik diskutiert – immer freundschaftlich, aber wir waren nicht immer gleicher Meinung. Er behielt politisch mit seiner Einschätzung Recht, man müsse die erneuerbaren Energien in den Vordergrund stellen; ich hatte vielleicht ökonomisch Recht, dass Energieeffizienz mehr Klimaschutz fürs gleiche Geld bringt. Aber wegen solcher Ansichten haben wir uns nie zerstritten, weil wir grundsätzlich am selben Strang zogen und uns auch, wenn es nötig war, gegenseitig unterstützten.

Über Hermann Scheers friedenspolitische Seite der Außenpolitik wird heute kaum mehr gesprochen. Dabei war es damals im Kalten Krieg von größter Bedeutung, dass es Politiker wie ihn gab, die im Parlament (er saß seit 1980 im Bundestag) und in der SPD die Friedens- und Entspannungslinie gegenüber der damals immer lauter werdenden Konfrontationspolitik aus den USA hochhielten. Auch nach der Wende gab es noch viele Kontroversen, etwa über bewaffnete Auslandseinsätze der Bundeswehr. Wegen des Einsatzes im Kosovo hat sich Hermann Scheer scharf mit dem SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder angelegt.

Zwei große und meiner Meinung nach unverdiente Enttäuschungen musste Hermann Scheer in den letzten Jahren hinnehmen. Nachdem er sich jahrelang und gegen alle Widerstände für die Gründung einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) eingesetzt hatte, hätte es auf der Hand gelegen, dass Deutschland ihn als Gründungsdirektor vorschlägt. Dies geschah aber nicht.

Und wenig später, als er sich mit der hessischen SPD-SpitzenkandidatinAndrea Ypsilanti auf ein ehrgeiziges Wirtschaft- und Umweltprogramm geeinigt hatte, Ypsilantis Wahl zur Ministerpräsidentin und damit die Berufung Scheers zum Wirtschaftminister wie gesichert aussah, haben vier Neinsager aus der SPD-Fraktion die Wahl verhindert, und Scheer wurde in der Öffentlichkeit von manchem verspottet. Das hatte er wahrlich nicht verdient. Weil er aber langfristig weiterhin auf andere gesellschaftliche Mehrheiten hoffte, hat sich Scheer nach der Niederlage in Hessen dann am Aufbau des „Instituts Solidarische Moderne“ beteiligt.

Aufopferungsvoll ist er weiter durch die Lande gezogen, hielt mitreißende Reden im In- und Ausland, immer im Dienste der erneuerbaren Energien. Auch Gouverneur Arnold Schwarzenegger lud ihn ein, um in Kalifornien die dortigen Arbeitnehmervertreter endlich davon zu überzeugen, dass ein Festhalten an den alten Energiesystemen auch den Arbeitsplätzen schadet.

Als sich am 14. Oktober die Todesnachricht verbreitete, weilte ich auf einer asiatischen Umweltkonferenz in Kuala Lumpur, wo auch Hermann Scheer als Redner angekündigt war. In Windeseile wussten alle Teilnehmer, dass der große Held der Sonnenenergie gestorben war. Im Ausland war die Bewunderung für ihn noch größer als zu Hause. Das amerikanische „Time Magazin“ hatte ihn schon vor einigen Jahren zum „Hero for the Green Century“ gekürt.

Das Vermächtnis des herausragenden Politikers ist in eigenen Institutionen verankert, und es liegt auch schriftlich vor. Nach seinen bahnbrechenden, in zahlreiche Sprachen übersetzten Büchern „Sonnen-Strategie“ (1993), „Solare Weltwirtschaft“ (1999) und „Energieautonomie“ (2005) hatte Hermann Scheer unmittelbar vor seinem Tod einen Film fertig gestellt und ein neues Buch veröffentlicht – beide mit dem Titel „Der energethische Imperativ“. Der Untertitel: „100 Prozent jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“. Eben 100 Prozent Scheer – und aktueller denn je. 

(aus: »Blätter« 11/2010, Seite 39-40)
Themen: Ökologie, Parteien und Wirtschaft

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