Das neue Afrika | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Das neue Afrika

Von der Abhängigkeit zur Vernetzung

von Dominic Johnson

Wenn gegenwärtig Tag für Tag Boote mit afrikanischen Flüchtlingen an den Küsten Europas landen, ist das alte Bild wieder allgegenwärtig: das Bild eines Afrikas, das unfähig ist zu politischer Autonomie und ökonomischer Selbstversorgung. Dabei gibt es heute längst ein neues Afrika. Ein Afrika, das sein Schicksal selbst gestaltet. Dieses Afrika ist eine Herausforderung für das klassische Afrikabild sowohl im weißen Ausland als auch auf dem Kontinent selbst.

In der klassischen europäischen Sicht des Kolonialismus ist Afrika ein Kontinent ohne Geschichte. Afrika war nichts, bevor die Europäer kamen; es wurde von europäischen Forschern entdeckt, dann unter europäischen Kolonialmächten verteilt, und seitdem wartet es auf die Erschließung seiner unermesslichen Reichtümer, damit es endlich zu seiner eigentlichen Blüte und Bestimmung finden kann. Die Afrikaner sind dabei keine handelnden Personen ihrer eigenen Geschichte. Sie befinden sich im Dornröschenschlaf und warten, ohne es zu wissen, auf den Kuss des Prinzen oder der Prinzessin. Sie sind Teil der Fauna ihres Kontinents, Sehenswürdigkeiten oder auch Ungeziefer, aber nie Herr über ihr eigenes Schicksal, denn das verstehen sie nicht.

Die klassische Gegensicht des afrikanischen Nationalismus bekämpft dieses Bild des passiven, bewusstseinslosen Afrikas und übernimmt es zugleich. In den radikalen Analysen panafrikanischer Denker und Historiker aus den Zeiten der antikolonialen Befreiung war Afrika zum Zeitpunkt der europäischen Eroberung längst zugrunde gerichtet. Früher, ja, da war Afrika stolz und mächtig, aber Jahrhunderte des Sklavenhandels und des Imperialismus hatten den Kontinent ausgeblutet, entvölkert, ausgeplündert, seiner besten Elemente beraubt. Nur dadurch war die koloniale Inbesitznahme überhaupt möglich. Die Afrikaner sind auch in dieser Sichtweise keine handelnden Personen ihrer eigenen Geschichte. Sie sind, wie bei Frantz Fanon, die Verdammten dieser Erde, die Opfer von Entrechtung, Ausbeutung, Rassismus, Knechtung, Versklavung, Unterdrückung, Völkermord. Sie warten darauf, dass eine erleuchtete Avantgarde, die den Intellekt besitzt, die Unterdrückungsstrukturen des Kolonialismus zu durchschauen und zu verstehen, ihnen den Weg zur Freiheit weist.

Die erste dieser beiden Sichtweisen legitimiert die Kolonialherrschaft, die zweite die postkolonialen Diktaturen. Beide Perspektiven haben eines gemeinsam: Der Fortschritt kommt von außen. Aus sich selbst heraus hat Afrika demnach nie etwas entwickelt und wird es auch nie tun.

Afrikanische Modernisierer bis zum Ende des 19. Jahrhunderts

Dies verkennt, dass sich Afrika am Vorabend der kolonialen Landnahme Ende des 19. Jahrhunderts in einem Prozess stürmischer und tiefgreifender Umwälzung befand. Teils angestoßen durch die immer engeren Handelsverflechtungen mit Europa, aber auch verursacht durch innere Wirren und soziale Veränderungen, waren überall auf dem Kontinent neue aufstrebende Staaten im Entstehen, kriegerischer und zentralistischer als zuvor.

Im südlichen und östlichen Afrika unmittelbar vor der Kolonialzeit stechen das Zulu-Reich im heutigen Südafrika hervor, die Reiche der Chokwe und Luba im heutigen Kongo und Angola, das Sultanat Sansibar und das verbündete Handelsreich der Nyamwesi im heutigen Tansania, das Königreich Ruanda, die Königreiche Buganda und Bunyoro im heutigen Uganda, das alte äthiopische Kaiserreich. Am Nil herrschte Ägypten. Weiter westlich gab es die mächtigen Fulani-Sultanate der Sahelzone und ihre arabisch orientierten Pendants, die auf den Welthandel orientierten Stadtstaaten der westafrikanischen Küste, vor allem im Niger-Delta, und die neuen Binnenreiche wie das Königreich Ashanti im heutigen Ghana.

All dies waren keineswegs traditionalistische Inseln, in denen sich seit Jahrhunderten nichts geändert hätte. Sie waren Reaktionen auf die Veränderung Afrikas, sowohl im inneren sozialen Gefüge der betroffenen Gesellschaften als auch in den Beziehungen zum Rest der Welt. Das europäische Verbot des Sklavenhandels hatte im Laufe des 19. Jahrhunderts bewährte, jahrhundertealte Handelsbeziehungen der west- und zentralafrikanischen Atlantikküste mit Europa und Amerika zerstört; aber das Ergebnis war nicht Abschottung, sondern der Aufbau neuer Exportangebote beispielsweise im Agrarbereich und im Bergbau. In Ostafrika war dies die Zeit der Expansion des auf den arabischen und indischen Raum ausgerichteten Handelsreiches von Sansibar. Im südlichen Afrika bewirkte die gewaltsame Landnahme weißer Siedler eine Kettenreaktion sozialer und politischer Neugestaltungen. In Westafrika ersetzten Palmöl und andere agrarische Exportprodukte den Menschenhandel, und es entstanden ein einheimischer, auf den Außenhandel gegründeter afrikanischer Kapitalismus, eine Medienlandschaft und ein urbaner intellektueller Diskurs.

Diese vorkolonialen Akteure Afrikas gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren Modernisierer, sie durchbrachen althergebrachte ethnische und kulturelle Zusammenhänge und zerstörten sie vielerorts, sie schluckten ihre schwächeren und ärmeren Nachbarn und integrierten isolierte Bevölkerungen teils mit Gewalt, sie trieben Außenhandel mit anderen Kontinenten und unterhielten stehende Armeen. Äthiopiens Kaiser schlug sogar Italien militärisch in die Flucht und wehrte die Kolonisierung ab. Diese afrikanischen Herrscher waren der Zukunft und der Welt zugewandt, nicht der Geschichte und der Tradition. Nur leider wussten die Europäer davon nichts, als sie am grünen Tisch in Europa afrikanische Landkarten studierten und Herrschaftsansprüche absteckten; und wenn sie es erfuhren, respektierten sie es nicht.

Wenn die Akteure dieser afrikanischen Modernisierung in Kontakt mit Europäern kamen, dann keineswegs mit einem Gefühl der eigenen Unterlegenheit – warum auch? Sie empfingen die weißen Gäste als Geschäftspartner, erkannten deren durchaus sichtbare technologische Überlegenheit und ihren Erfindungsreichtum an und begegneten ihnen mit der angebrachten Mischung aus Ver- und Misstrauen. Diese schlug naturgemäß in Feindschaft um, als die Europäer dann wenig später mit Kanonenbooten wiederkamen und die Unterwerfung per Schriftstück forderten, begleitet von Massakern an der Zivilbevölkerung, gezielter Tötung oder Inhaftierung politischer Führer, Inanspruchnahme der politischen Souveränität und gewaltsamer Durchsetzung des europäischen Monopols auf gewinnbringende Wirtschaftsaktivitäten.

Die große Tragödie

Es ist die große Tragödie der europäisch-afrikanischen Beziehungen, dass Europa damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der durchaus vorhandenen afrikanischen Aufgeschlossenheit nicht mit einer eigenen Offenheit begegnete. Gezielt und bewusst wurden die bestehenden afrikanischen Strukturen von den europäischen Besatzern zerschlagen, um dann hinterher die Parole auszugeben, Afrika habe ja nichts eigenes und daher müsse der weiße Mann das Licht der Zivilisation ins Dunkel tragen. Die europäische Eroberung und Kolonisierung Afrikas war ein immenser Rückschritt auch im Rahmen der bestehenden euro-afrikanischen Beziehungen, Reaktion eher auf den zunehmenden Nationalismus und Verdrängungswettbewerb in Europa selbst, der den weißen Kontinent im 20. Jahrhundert schließlich in die Katastrophe führen sollte. Aus der Rivalität der europäischen Mächte ergab sich die berühmt-berüchtigte Berliner Afrika-Konferenz 1884/85, die entgegen weit verbreiteter Mythen nicht die kolonialen Grenzen festlegte – dazu wussten die Europäer damals viel zu wenig über Afrikas Geographie –, sondern lediglich Regeln für die spätere koloniale Aufteilung.

Hätten Europas Regierungen damals ihre afrikanischen Partner als ebenbürtige Menschen ernst genommen, dann hätten sie sie selbstverständlich an solchen Verhandlungen beteiligen müssen. Das taten sie nicht. Afrikas Staaten wurden nicht einmal informiert. Sie spürten die Folge der Berliner Konferenz lediglich durch den Beginn gewaltsamer Eroberungsfeldzüge mit dem Ergebnis der gezielten Zerstörung afrikanischer staatlicher Strukturen und der Usurpation von Souveränität durch weiße Europäer.

Europas Kolonialmächte wähnten sich nun den Afrikanern in jeder Hinsicht uneinholbar voraus. Sie sahen Afrika als nach Gutdünken neu zu ordnende Wildnis an und die Bewohner als zu erziehende Wilde. Sie sprachen den Afrikanern nicht nur eine erreichte Entwicklung ab, sondern überhaupt jegliche Entwicklungsfähigkeit. Impulse zur Veränderung konnten aus ihrer Sicht nur von außen kommen. Afrika war in europäischen Augen Sinnbild reiner Stagnation.

Häufig kam es natürlich auch vor, dass einzelne Parteien in den komplexen multipolaren, regionalen Konflikten Afrikas die Europäer als taktische Alliierte begrüßten, die ihnen selbst zum Vorteil in den jeweiligen lokalen Machtspielen verhelfen könnten. Allzu oft erwies sich diese Hoffnung als Illusion, aber sie sorgte für Verschiebungen lokaler innerafrikanischer Kräfteverhältnisse und damit für neue Ärgernisse, die von Europäern weder wahrgenommen noch verstanden wurden. Aber niemals, außer vielleicht in einigen Selbstblendungen europäischer Kolonialpropaganda zur Erfreuung der Heimatfront, haben Afrikaner die europäischen Eroberer als ihre natürlichen Herren empfangen und sich ihnen widerstandslos als Untergebene ausgeliefert. Afrika begegnete Europa auf Augenhöhe. Umgekehrt galt das leider nicht. Es war die militärische Stärke Europas, unterfüttert von technologischer Überlegenheit, die den Ausschlag gab, wie afrikanische Zeitgenossen neidlos – oder auch neidvoll – anerkannten. Ein Gefühl inhärenter kultureller Minderwertigkeit war damit nicht verbunden, wohl aber die Überzeugung, dass fürs Erste Afrika den Kürzeren gezogen hatte und von Europa lernen sollte. Diese Überzeugung wurde den Afrikanern notfalls auch eingetrichtert, mit Gewalt und Gehirnwäsche. Am Ende blieb den Afrikanern gar nichts anderes mehr übrig, als das zu akzeptieren. Dass man ab Beginn der Kolonialzeit als Afrikaner europäische Sprachen sprechen, europäische Kleidung tragen und europäische Manieren beherrschen musste, um in der Welt voranzukommen, war ja nicht bloß ein koloniales kulturelles Konstrukt. Es war – und ist bis heute – einfach eine unumstößliche Tatsache des Überlebens in der modernen Welt, über die man im Alltag auch gar nicht mehr weiter nachdenkt.

1950/1960: Die antikoloniale Befreiung als Kopie des Kolonialismus

Der Grundgedanke der antikolonialen Befreier ab Mitte des 20. Jahrhunderts, und das war zugleich genial und beschränkt, war die Überzeugung, dass Afrikaner das, was Europäer können, genauso gut können. Europäisch organisierte Staatswesen regieren, europäische Wirtschafts- und Rechtsnormen anwenden, europäische Bildungs- und Religionssysteme internalisieren, Handel mit europäischen Währungen und Verfahren treiben, europäische Militärdoktrinen und Rüstungssysteme meistern – warum sollten dies nicht auch Afrikaner können? Europa hatte im 19. Jahrhundert Afrikanern die Freiheit genommen und ihnen fremde Systeme übergestülpt. Jetzt würde man sich diese Systeme aneignen und die Europäer überflüssig machen.

Die Entkolonialisierung bedeutete keine Rückkehr Afrikas zu den vorkolonialen Zuständen, sondern eine afrikanische Inbesitznahme der kolonialen Strukturen. Dies war keinesfalls unumstritten. Zum Zeitpunkt der antikolonialen Kämpfe war die Erinnerung an Afrika vor der Eroberung durchaus noch lebendig, wenngleich eher in Erzählungen als in persönlichen Erfahrungen. Europas Eroberung Afrikas lag in den 1950er Jahren etwa so lange zurück wie heute in Europa der Zweite Weltkrieg und der Holocaust. Es war für Afrika Zeitgeschichte, keine verstaubte Vergangenheit.

Aber genauso wenig wie jemand in Europa heute ernsthaft zurück in die 1930er Jahre will, so wenig hielt Afrikas Elite vor 50 bis 60 Jahren die Wiedererrichtung der versunkenen, vorkolonialen Reiche für eine ernsthafte Option. Das hätte ja bedeutet, nicht nur die fremden Herren hinauszuwerfen, sondern auch alles, was sie in Afrika aufgebaut hatten: die Städte, die Eisenbahnen, die Bergwerke, die Kirchen, die Währungen, die Schulen, die Firmen, die Gerichte, die Bürokratien, die Sprachen, die Kultur. Afrika wollte das alles nicht abschütteln, sondern behalten und übernehmen. Man war gegen die Kolonialherrschaft, weil die Weißen die Schwarzen von ihren Errungenschaften ausschlossen, nicht weil man diese Errungenschaften ablehnte.

Die wichtigste Utopie der Befreier war ein Ende des allgegenwärtigen Rassismus, der alltäglichen Erniedrigung, der systematischen Benachteiligung, des anerzogenen Minderwertigkeitsgefühls, der weißen Arroganz und Ausschließlichkeit. Man muss diese permanente Schmach durchlebt haben, um sie in all ihren Dimensionen zu verstehen; heute kann man sich das selbst in Afrika gar nicht mehr richtig vorstellen, außer mittels einiger Überlieferungen aus der Apartheid oder als Subtext zur Bitterkeit Robert Mugabes. Aber damals, als Afrika frei wurde, war das Wichtigste einfach dies: erhobenen Hauptes dastehen zu können, wenn die Flagge gehisst wurde, und zwar eine eigene Flagge, nicht mehr die der Besatzer.

Zumeist folgte darauf allerdings lediglich ein schwacher, krisenanfälliger Abklatsch der kolonialen Vorgängersysteme. Die meisten nachkolonialen Staaten überlebten ihre Gründer und Führer nicht. Weil die Unabhängigkeit an bestimmte Personen übergeben wurde, nicht an Institutionen, waren die neuen Systeme personalisiert, nicht institutionalisiert, und damit war ihre Praxis das Gegenteil ihres eigenen Anspruchs. Daraus ergab sich entweder eine lang anhaltende Diktatur oder eine rasche Abfolge von Machtwechseln mit der Folge dauerhafter Instabilität. Nicht der Volkswille, sondern die Biographie des Herrschers war entscheidend. Noch heute ist es beispielsweise so, dass Robert Mugabe sein Recht auf Herrschaft daraus ableitet, dass er Simbabwe befreit hat; freie Wahlen dürfen dies höchstens bestätigen. Was heute im Falle Simbabwes, das seine Unabhängigkeit mit 20 Jahren Verspätung erhielt, als Kuriosität erscheint, war in den ersten Jahrzehnten des postkolonialen Afrikas in den meisten Staaten Normalität. Auch dies zeigt, welche riesigen Fortschritte Afrikas politische Kultur inzwischen gemacht hat.

Das süße Leben im Postkolonialismus

Und dennoch: Obwohl die postkoloniale Ordnung von innen hohl war, hatte Afrika damals eine blendende Zeit. Viele Länder erlebten in den 1960er und 1970er Jahren Wachstumsraten von jährlich zehn Prozent und dachten, sie hätten den Schlüssel zum Paradies gefunden. Zaire, Gabun und Kamerun wetteiferten miteinander um den Weltrekord im Pro-Kopf-Champagnerverbrauch. Die Bindungen zum alten kolonialen Mutterland blieben überall eng; es war einfacher, von jedem beliebigen Land Afrikas nach Europa zufliegen als zum afrikanischen Nachbarn.

Im Luxushotel Ivoire von Abidjan, wo man sich nicht nur in der einzigen Eiskunstlaufhalle Afrikas südlich der Sahara vergnügen konnte, sondern auch die druckfrische französische Tagespresse direkt vom Flugzeug geliefert bekam, konnte sich die Elite der Elfenbeinküste wahrlich der von Paris ebenbürtig fühlen. Politischen Pluralismus und offene Diskussion brauchte man im eigenen Land nicht, das gab es ja im „Mutterland“, ein paar Flugstunden entfernt. Nigerias Diktatoren und Gewaltherrscher studierten alle im liberalen England und brachten dort ihre Familien und Vermögen unter, um dann zu Hause die Schwachen zu unterdrücken. Mobutu Sese Seko in Zaire, Idi Amin in Uganda, Jean-Bedel Bokassa in der Zentralafrikanischen Republik predigten jeweils eine originelle Art von Rückkehr zu vermeintlich authentischen, in Wahrheit grotesk karikaturesken und peinlich plumpen Formen einer „afrikanischen“, ganz auf den „big man“ zentrierten politischen Kultur, die sich in einer pubertären Mischung von Ablehnung und Übertrumpfung an der Kolonialmacht abarbeitete, während das eigene Volk darbte.

Eine Gemeinsamkeit all dieser Staatswesen mit ihren kolonialen Vorgängern war die absolute Missachtung der Rechte des Einzelnen. Ebenso wie in der Kolonialzeit die staatlichen Strukturen vor allem dazu dienten, die möglichst effiziente Ausblutung zu organisieren, waren die postkolonialen Eliten vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht. Sie sahen sich ja auch als Avantgarde, die stellvertretend für das Volk gelitten hatte und daher nun ebenso stellvertretend für das Volk Macht und Reichtum genießen durfte. Trennung zwischen privaten Geschäften und staatlichen Hoheitsakten war rudimentär oder nicht existent.

Zaires Auslandsschuld wuchs im Rhythmus des Privatvermögens von Diktator Mobutu Sese Seko. Nigerias Militärherrscher stahlen Öleinnahmen, die zur Deckung sämtlicher Grundbedürfnisse ihrer Bevölkerung mehrfach ausgereicht hätten. Korrupte Eliten, die als einzige in ihren Gesellschaften über Reisepässe, Auslandskonten und Telefonanschlüsse verfügten, betrachteten die Exporteinnahmen ihrer Länder als ihr Privateigentum. Für diese Eliten war die Masse der Bevölkerung nach Belieben auszubeuten, und sie war höchstens lästig, wenn sie sich wehrte.

Das schleichende Ende der Ignoranz

Das Ende dieser Jahrzehnte von Arroganz und Ignoranz kam schleichend und unaufhaltsam, auf biologischem Wege, so wie alle sozialen Umwälzungen in Afrika. Die Herren wurden alt, die Jungen hatten andere Ideen. Die junge Generation der 1980er Jahre, aufgewachsen im Schatten der postkolonialen Diktatoren, sonnte sich nicht mehr im antikolonialen Minderwertigkeitskomplex, der ihre Väter dazu verführt hatte, teuren Limousinen, Champagner und anderen Manifestationen des europäischen Glamour nachzulaufen, nur um sich zu beweisen, dass man es genauso gut könnte wie die Weißen. Sie traten nicht mehr mit einer Mischung von Ehrfurcht und Neid vor den Pariser Triumphbogen und den Londoner Königspalast, sie ließen sich nicht mehr beeindrucken von Gloire, Pomp and Circumstance und blank geputzten Waffenarsenalen.

In dem Maße, in dem in Afrika die Erinnerung an koloniale Erniedrigung verblasste, schwand die Loyalität der Völker gegenüber ihren Diktatoren, deren Legitimität einzig auf der Vergangenheit des antikolonialen Widerstandes basierte, nicht auf irgendwelchen Leistungen der Gegenwart. Zugleich verloren die alternden Autokraten mit dem Ende des Kalten Krieges ihren geopolitischen Nutzen als Bauernfiguren der Großmächte auf dem Schachbrett der globalen Systemkonfrontation zwischen Ost und West. Die Außenwelt brauchte sie nicht mehr, die eigene Bevölkerung wollte sie nicht mehr. Ihre Tage waren gezählt.

In den 1990er Jahren fielen die Einparteienregime wie Kartenhäuser in sich zusammen. Eine Welle von Demokratisierungsrevolten, getragen von Bürgern mit der Forderung nach politischer Mitsprache, erschütterte die postkolonialen Staatswesen und zwang etablierte Militärdiktatoren reihenweise zur Häutung. So manche von ihnen endeten im Gefängnis, im Exil oder im Grab.

Es war eine instabile Zeit, die Afrika in die tiefste Krise seit der Kolonialzeit stürzte. Die alten Systeme verflüchtigten sich, etwas Neues wurde aber kaum geboren. Nicht alle Länder hielten dem Versuch stand, sich aus den Kostümen kolonialer Vergangenheit zu lösen und funktionierende politische Organisationsformen für die Realität afrikanischer Gesellschaften zu gründen. Manche überlebten es nicht. Ganz Zentralafrika endete in dieser Zeit als Schutthaufen zerstörter Staaten. Westafrika rings um Liberia versank im Krieg. Somalia am anderen Ende Afrikas verlor seine Staatlichkeit auf Dauer. Hätten sich diese Brandherde vereint, wäre daraus möglicherweise ein gesamtafrikanischer Umsturz der etablierten postkolonialen Gewaltordnung entstanden. Das hätte den gesamten Kontinent in eine beispiellose Zeit der Wirren verfrachtet, die wohl nur wenige afrikanische Staaten in ihrer bisherigen Form überstanden hätten.

Aufgehalten wurde diese Gefahr, als Afrika Mitte der 1990er Jahre am Rande des Abgrunds zu stehen schien, durch die gelungene Metamorphose vieler Autokraten. Aus Angst davor, hinweggefegt zu werden, fügten sie rechtzeitig die formalen Kriterien von Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus zu ihren politischen Systemen hinzu. Damit retteten sie ihre Staaten und ihre Macht über die Zeit. Dass in den meisten Fällen das Machtverständnis der alten Eliten dabei unverändert blieb, erschien da zumindest gegenüber der Außenwelt als das kleinere Übel im Vergleich zu immer neuen Bürgerkriegen und Massenmorden. Aber allein durch das Ende des verordneten Denkens und durch die Zulassung von Meinungsfreiheit und Pluralismus sah und sieht sich bis heute die Legitimität aller bestehenden Staaten ganz grundlegend und unwiederbringlich in Frage gestellt.

Das Ende der „big men“ und das Vorbild der Tigerstaaten

Die Generation der Staatsgründer, die ihre Länder als erste und bisher einzige regieren und die ihre Machtfülle selbst definieren, ist tot – bis auf zwei bezeichnende Ausnahmen der verspäteten Entkolonialisierung: Robert Mugabe in Simbabwe und Isaias Afeworki in Eritrea, die heute beide als zwei der schlimmsten Gewaltherrscher des Kontinents gelten, als Dinosaurier. Aber die Ära der „big men“ in Afrika gehört heute der Vergangenheit an, auch wenn so mancher Präsident das nicht gemerkt zu haben scheint. Afrikas zweite Befreiung ist im Entstehen: eine Befreiung von den Befreiern und von ihrer Fixierung auf den althergebrachten Widerpart des Kolonisatoren, eine Rückbesinnung auf Afrika selbst, seinen Erfindungsreichtum und seine gesellschaftliche Kraft. Fast jedes Land Afrikas hat inzwischen ehrgeizige Pläne zur Entwicklung und Industrialisierung: Kraftwerke hier, Straßen da, Finanz- und Handelsreformen zum Anwerben von Kapital und zur Erschließung natürlicher Reichtümer. Dabei schien der Kontinent noch vor wenigen Jahren – zumindest in der karikaturesken Vorstellung von Afrika als ewigem Opfer, als fünftes Rad am Wagen der Globalisierung – lediglich Objekt von Fremdbestimmung und Ausbeutung zu sein.

Eine gängige Kritik gerade „linker“ westlicher Globalisierungskritiker ist, dass afrikanische Länder hoffnungslos am Tropf der mächtigen internationalen Geldgeber hängen, die arme Entwicklungsländer im Würgegriff ihres Neoliberalismus halten und mit gnadenlosen Strukturanpassungsprogrammen die Öffnung für den Weltmarkt auf Kosten der lokalen Bevölkerung erzwingen, um mit den daraus erwirtschafteten Einnahmen die fällige Bedienung der Auslandsschuldenlast zu gewährleisten. Ein komplettes Weltbild basiert auf diesen Annahmen. Es schlussfolgert, dass afrikanische Regierungen durch ihre Abhängigkeit von den Finanzinstitutionen gezwungen sind, eine Politik gegen die Interessen ihrer eigenen Bevölkerungen durchzuführen; dass Demokratie in Afrika also bedeutet, sich von den Forderungen der Geldgeber zu lösen, und dass die Mächtigen der Welt nicht davor zurückschrecken werden, in rohstoffreichen Ländern Marionettenstaaten zu installieren oder fortschrittliche Kräfte zu bekämpfen, um ihre Interessen und damit die des internationalen Finanzkapitals zu wahren und gegen die der afrikanischen Völker zu verteidigen.

In den 1980er Jahren, als zahlreiche Länder ihre postkolonialen Sozialprogramme zugunsten des Schuldendienstes einstellen und ihre Volkswirtschaften ausländischem Kapital und Dumpingimporten öffnen mussten, mag ein Körnchen Wahrheit in diesem Weltbild gesteckt haben. Aber mehr als ein Körnchen war es nie. Heute wissen wir: Die Zeit der Strukturanpassung war nur eine Übergangszeit. Die HIPC-Armutsbekämpfungsprogramme der in den USA angesiedelten internationalen Finanzinstitutionen für besonders arme Länder, für deren Umsetzung es als Belohnung Schuldenerlasse gibt, wirken heute wie Relikte einer vergangenen Ära, als Afrika noch wie ein Kind behandelt wurde. Kleinprojekte der europäischen Entwicklungshilfe, erhobene Zeigefinger zur Bewahrung der Umwelt, zur Respektierung von Frauenrechten, zum Schutz von Verfassungen, all diese Dinge werden von afrikanischen Politikern heute gnadenlos belächelt, wenngleich sie gezwungenermaßen weiter umgesetzt werden, weil die mächtigen Gebernationen es so wollen, solange man von diesen finanziell abhängig ist.

Aber die Führer Afrikas orientieren sich lieber an den Tigerstaaten Asiens. Die Löwenstaaten Afrikas sollen in deren Fußstapfen treten.[1] China ist dabei keineswegs das einzige Modell einer erfolgreichen Industrialisierung im Schnelldurchgang, dem afrikanische Staaten nacheifern. Südkorea und Singapur als Beispiele der gelungenen Hinwendung zur Hochtechnologie locken ebenfalls, im Falle Südkoreas auch wegen der Demokratisierung nach erfolgreicher Überwindung von Massenarmut, wovon China ja bis heute weit entfernt ist. Vorbilder sind diese Länder nicht so sehr wegen der Einzelheiten ihrer wirtschaftspolitischen Entscheidungen, sondern weil sie für Unabhängigkeit stehen: Sie zeigen, dass es möglich ist, ohne Anleitung des Westens den Sprung zur Industrienation zu schaffen.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Das asiatische Modell bedeutet für Afrika, sich direkt und unverblümt dem wirtschaftlichen Aufbau zu widmen, ohne sich mit Fragen der richtigen politischen Ideologie und Staatsform aufzuhalten. Für afrikanische Modernisierer sind das alles europäische Erfindungen, die nur dazu geeignet sind, die europäische Diskurshoheit zu wahren, den afrikanischen Fortschritt zu verzögern und nötige Entscheidungen für eine rasche Verbesserung der Lebensgrundlagen zu verschleppen. Vorrang hat, dass es den Kindern besser geht als ihren Eltern, in materieller Hinsicht. Dem ist alles andere unterzuordnen. Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Wenn das erstmal geklärt ist, geht es afrikanischen Regierungen vor allem darum, Lösungen für die konkreten Probleme ihrer Länder selbst zu erarbeiten und eigene Prioritäten zu setzen. Diese Prioritäten ähneln sich überall: Strom, fließendes Wasser, Bildung und Gesundheitsversorgung – in den meisten Gebieten Afrikas sind dies die wichtigsten Dinge für die Menschen. Wer zu diesen vier Grundbedürfnissen des täglichen Lebens keinen Zugang hat, ist und bleibt arm, benachteiligt und abgeschnitten von der Welt. Erst wer all dies zur Verfügung hat, kann sich am eigenen Schopf aus der Armut ziehen. In afrikanischen Wahlkämpfen geht es immer um diese Fragen, auf die es im Grunde nur technokratische Antworten gibt: mehr Kraftwerke bauen, mehr Haushalte an die Kanalisation und die Wasserversorgung anschließen, kostenlose Grundschulbildung einführen und dann allmählich erweitern, die Grundzüge einer Gesundheitsversicherung schaffen und dann ebenfalls allmählich ausbauen – dies sind die Herausforderungen, denen sich afrikanische Regierungen stellen müssen und um die sich nicht nur politischer Streit, sondern auch staatliche Haushaltsentscheidungen in fast allen afrikanischen Ländern heute drehen. Diese vier Herausforderungen zu meistern – Energie, Wasser, Bildung, Gesundheit – ähnelt einer Quadratur des Kreises. Die allermeisten Länder haben nicht die Kapazitäten und Ressourcen, das alles auf einmal zu schaffen. Den führende afrikanischen Ökonomen zufolge braucht Afrika 93 Mrd. US-Dollar pro Jahr, um seine Basisinfrastruktur so weit auszubauen, dass Infrastrukturmangel kein Wachstumshindernis mehr darstellt; von diesen 93 Mrd. stehen nur 45 Mrd. tatsächlich zur Verfügung.[2] Diese Lücke zwingt ständig zu schmerzhaften Entscheidungen.

Die ökonomischen Voraussetzungen dafür, die Herausforderungen einer beschleunigten Entwicklung zu meistern, sind dennoch in Afrika heute so gut wie seit einer Generation nicht mehr. In den 1980er und 90er Jahren sank das Pro-Kopf-Einkommen Afrikas noch, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stieg es erstmalig wieder. Lag die jährliche Wirtschaftswachstumsrate Afrikas im Fünfjahreszeitraum ab 1990 noch bei 1,3 Prozent – und war damit negativ pro Kopf –, stieg sie in den fünf Jahren ab 1995 auf 3,7 Prozent, in den fünf Jahren ab 2000 auf 4,1 Prozent und in den ersten drei Jahren nach 2005 auf 5,6 Prozent. Die Weltwirtschaftskrise ab Herbst 2008 versetzte Afrikas Boom einen herben Dämpfer, und 2009 lag Afrikas Wirtschaftswachstumsrate mit 1,9 Prozent sogar unter dem Bevölkerungswachstum, was eine gefühlte Rezession bedeutete. Aber bereits ab 2010 werden wieder deutliche Erholungen registriert bzw. prognostiziert: 4,3 bis 4,5 Prozent im Jahr 2010, über 5 Prozent im Jahr 2011.[3]

Natürlich sind die diesen Entwicklungen zugrunde liegenden Wirtschaftsdaten nicht einheitlich, sondern nach Ländern aufgeschlüsselt extrem unterschiedlich. Große Ölexporteure wie Angola und Algerien häufen gigantische Kapitalsummen an und boomen in politisch kaum beherrschbarem Ausmaß, manche rohstoffarme Länder sind so gut wie pleite und stagnieren sozusagen in stabiler Seitenlage. Wieder andere finden nicht aus dem endlosen Zyklus von Instabilität, Bürgerkrieg, Staatszerfall, Verarmung und ökonomischem Niedergang heraus. Investitionen aus dem Rest der Welt fließen vor allem in die Rohstoffausbeutung und die für deren kostengünstige Verwertung benötigte Infrastruktur, nicht so sehr in die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung.

Und natürlich reichen ein paar Jahre Wachstum nicht aus, um die Lebensverhältnisse der Menschen nachhaltig zu verändern. Nach den Erfahrungen Asiens ist eine jährliche Wachstumsrate von mindestens sieben Prozent nötig, und das über mindestens ein Jahrzehnt, um spürbaren Wohlstandszuwachs zu erzeugen – nur so kann sich mathematisch gesehen das Pro-Kopf-Einkommen in zehn Jahren verdoppeln und in 20 Jahren vervierfachen. Nur wenige afrikanische Länder sind in dieser Situation. Aber wichtig ist der Trend über die vergangenen 20 Jahre. Es hat lange gedauert, aber die Früchte von Reform und harter Arbeit werden erstmals allmählich sichtbar. Und wenn die nötigen Verbesserungen der Infrastruktur realisiert werden, könnte die Wachstumsrate sich endlich dauerhaft bei sieben Prozent einpendeln, schätzen Afrikas Ökonomen.

Magnet Afrika: Der Ausstieg aus der Schuldenfalle

Tatsächlich gibt es keinen Grund, warum dies nicht möglich sein sollte. Afrika ist heute nicht mehr wie noch vor kurzer Zeit ein Kontinent, der hoffnungslos in einer Falle aus zu niedrigen Exportpreisen und zu hohem Schuldendienst gefangen ist und all sein hart verdientes Geld sofort wieder den reichen Gläubigernationen in den Rachen schmeißen muss. Afrika verdient heute viel mehr als früher, und viel mehr davon bleibt in Afrika. Afrikas Auslandsschulden betrugen im Jahr 2000 63 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP), im Jahr 2010 noch 25 Prozent – damit sind Afrikas Staatsfinanzen in den meisten Ländern saniert, bei nur wenigen Ausnahmen wie Simbabwe, Kongo oder Guinea. Die durchschnittliche Sparquote in Afrika ist auf über 30 Prozent gestiegen, gegenüber weniger als 20 Prozent vor der Jahrtausendwende. Hauptsächlich liegt das an der Anhäufung von Devisenreserven in Öl exportierenden Ländern; damit bildet sich ein Kapitalstock, der langfristig Investitionen zum Aufbau Afrikas finanzieren könnte, sofern dafür die unternehmerische Initiative ergriffen und von den Regierungen auch gefördert wird.

Infolge der gestiegenen Rohstoffpreise fließen unglaubliche Mengen Geld nach Afrika. Nach Jahrzehnten der stetigen Verschlechterung der „Terms of Trade“, also der Verteuerung von Importen bei gleichzeitigem Preisverfall für die eigenen Exportprodukte, hat sich die Lage dank des asiatischen Rohstoffhungers umgekehrt: Die Verkaufspreise für Rohstoffe schießen in die Höhe, Afrika kann heute viel mehr Geld aus dem gleichen Exportvolumen gewinnen als früher; dies wiederum lockt Investoren an, die die Exporte erhöhen und damit die Einnahmen noch mehr. Afrikas drei größte Ölexporteure – Algerien, Angola und Nigeria – nahmen in den 1990er Jahren rund 300 Mrd. US-Dollar durch Ölexporte ein; im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende waren es rund eine Billion. Neue Ölförderer aus Afrika drängen auf den Weltmarkt: der Sudan, Äquatorialguinea, Ghana, Uganda. Exporte von Gold, Diamanten, Eisenerz, Bauxit und zahlreichen anderen Metallen und Erzen boomen.

Afrikas Investitionsquote steigt langsamer als die Exporteinnahmen, liegt aber bei über 20 Prozent des BIP und damit ungefähr auf dem Niveau von Asiens Tigerstaaten zu Beginn ihrer Industrialisierung. Zwei Drittel der Investitionen kommen aus dem Privatsektor. Die Devisenreserven Afrikas haben sich seit 2004 verdreifacht, die Investitionen aus dem Ausland ebenfalls, die Geldüberweisungen der afrikanischen Diaspora in die Heimat haben sich verdoppelt. Allein 2008 strömte aus dem Rest der Welt Kapital im Wert von 88 Mrd. US-Dollar nach Afrika; im Jahr 2000 waren es noch 15 Mrd. gewesen. Die größten Empfängerländer waren Nigeria (20 Mrd.), Angola (15 Mrd.) und dahinter mit je rund 9 Mrd. Ägypten und Südafrika. Neben diesen Ländern gibt es eine Reihe anderer Staaten, die in diesen Jahren erstmalig Zugang zu internationalen Kapitalmärkten finden, neben Ghana hauptsächlich der Boomstreifen Ostafrikas von Mosambik über Tansania und Kenia bis nach Uganda.

Investitionen werfen in Afrika höhere Renditen ab als irgendwo sonst, wie die deutsche Bundesregierung nicht müde wird zu betonen[4] – ein Zeichen dafür, dass afrikanische Länder noch immer mit größerer Zurückhaltung bewertet werden als asiatische oder lateinamerikanische mit vergleichbaren Wirtschaftsdaten und dass daher nur überdurchschnittlich rentable Projekte tatsächlich zur Realisierung kommen. Doch es gibt eben auch jede Menge überdurchschnittlich rentabel erscheinende Projekte, die auf Investoren warten: die Kupfer- und Kobaltminen des Kongo mit den reichsten Erzvorkommen der Welt; das Wasserkraftpotential des Kongo-Flusses und des Blauen Nils; die gigantischen Gold-, Öl- und Gasreserven unter der Saharawüste; die Ölvorkommen entlang der Atlantikküste zwischen der Elfenbeinküste und Angola sowie im Sudan, in Äthiopien und dem Afrika der Großen Seen; die Eisenerz- und Bauxitschätze von Liberia und Guinea; die schier unendlichen Möglichkeiten zur Nutzung von Wind- und Sonnenenergie in der gesamten Saharawüste; und nicht zuletzt die immensen Weiten unerschlossenen fruchtbaren Landes quer über die menschenleeren Savannen im Inneren des Kontinents.

Die Verkabelung des Kontinents

Zu den spannendsten und lukrativsten Investitionsprojekten Afrikas gehört die Verkabelung des Kontinents. Zahlreiche Unterwasserkabel von Europa oder Asien nach Afrika, die rings um den Kontinent führen und allen afrikanischen Ländern den Anschluss an die globalen Netze schneller Datenübertragung ermöglichen, sind in Planung, im Bau oder bereits in Dienst gestellt. Neu für Afrika: Die meisten Konsortien, die dies leisten, sind mehrheitlich in afrikanischem Besitz. So ging im Jahr 2009 das 17 000 Kilometer lange Kabel Seacom in Betrieb, das das südliche und östliche Afrika miteinander und mit Südasien verbindet; das Seacom-Konsortium, mit Basis in Mauritius, wird zwar vom US-Amerikaner Brian Herlihy geführt, sein Kapital ist aber zu 76 Prozent afrikanisch. Afrikas neue Unternehmerschicht beginnt, den Kontinent über alle Ländergrenzen hinweg zu verkabeln, und nutzt dafür das auf dem globalen Markt zur Verfügung stehende Fachwissen. Sie macht damit Riesenschritte zur gesamtafrikanischen Integration, viel schneller als die Politiker, die mit ihrem gesamtafrikanischen Staatenbund „Afrikanische Union“ (AU) ständig bei der Europäischen Union um Geld für ihre Aktivitäten betteln gehen müssen und ihre eigenen Beschlüsse kaum je umsetzen.

Wichtig dafür ist auch, dass die Kapitalströme innerhalb Afrikas stark zunehmen. Südafrikas Multis, Nigerias Banken, aber auch Libyens Investmentfonds – sie alle strecken ihre Fühler zu den afrikanischen Nachbarn aus und zunehmend auch darüber hinaus. Die libysch-südafrikanische Rivalität ist für die politischen Beratungen der Afrikanischen Union bestimmend und oft lähmend, und daneben verlangt immer wieder auch Nigeria als mit großem Abstand bevölkerungsreichstes Land des Kontinents eine Führungsrolle in Afrika, beispielsweise bei Ansprüchen auf einen ständigen afrikanischen Sitz im UN-Sicherheitsrat.

Diese afrikanischen Großmächte sind auf dem Kontinent nicht besonders beliebt, und daraus ergeben sich neue Gegensätze in Afrika, die anders als früher nicht mehr von äußeren Interessen wie dem Ost-West-Konflikt bestimmt werden, sondern einer eigenen Logik folgen. Die brisantesten Konkurrenzkämpfe in Afrika sind nicht mehr die zwischen politischen Lagern, sondern die zwischen knallharten Wirtschaftsinteressen in Afrika selbst: Südafrikanische Multis gegen lokale Konzerne, libysche Investmentfonds gegen Nachfolgeunternehmen ehemaliger Kolonialfirmen, aber auch zum Beispiel der Kampf um die gerechte Verteilung des Nilwassers zwischen Ägypten an der Mündung und den Oberlaufstaaten Äthiopien und Uganda, oder die Frage der panafrikanischen Nutzung des kongolesischen Wasserkraftpotentials aus dem möglichen Ausbau des Inga-Staudamms am Unterlauf des Kongo-Flusses.

Bei solchen Konflikten geht es vor allem darum, dass Länder mit großen unerschlossenen Rohstoffreserven unter Druck von Seiten anderer, weniger reich gesegneter Nachbarn geraten, ihre Ressourcen zu teilen. So beansprucht Ägypten bis heute aufgrund von Vereinbarungen aus der Kolonialzeit Anfang des 20. Jahrhunderts den Großteil des Nilwassers für sich, während flussaufwärts Äthiopien und Uganda dringend selbst das Wasserkraftpotential nutzen wollen. Diese Konfrontation prägt die ostafrikanische Geopolitik und könnte auch künftige Auseinandersetzungen beispielsweise über die Folgen der Aufteilung des Sudan mitbestimmen.

Politisch weniger brisant, dafür ökonomisch umso gewichtiger ist die Frage der Kontrolle über das enorme Wasserkraftpotential des Kongo-Flusses im Herzen des Kontinents. Wenn dieser Fluss nach tausenden Kilometern trägen und breiten Laufes quer durch das zentralafrikanische Regenwaldbecken mit seinen gewaltigen Wassermengen auf die Berge trifft, die das Kongo-Becken vom Atlantik trennen, und sich dort in einer atemberaubenden Serie von Schluchten und Wasserfällen seine letzten paar hundert Kilometer Weg durch zerklüftete Felsen zum Meer bahnt, verfügt er über eine Wucht und ein Energiepotential, das auf der Welt seinesgleichen sucht. Daraus könnte sich theoretisch ganz Afrika mit Elektrizität versorgen. Aber die Kongolesen sind misstrauisch gegenüber dem Ansinnen von Ländern wie Angola und Südafrika, die Kongo-Wasserkraft mit Milliardeninvestitionen auszubauen, um sie dann in den Süden zu exportieren, während Kongo selbst keinen Strom hat.

Südafrika, die leistungsfähigste Volkswirtschaft des Kontinents, ist seit 2005 ein Nettokapitalexporteur in den Rest Afrikas. Nach UN-Angaben kommen 70 Prozent aller innerafrikanischen Kapitalflüsse aus Südafrika, wobei das Land dabei auch Transitstation für außerafrikanisches Kapital beispielsweise aus Indien darstellt. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik[5] hat sich allein im Zeitraum 2003 bis 2007 der Wert des in anderen afrikanischen Ländern investierten südafrikanischen Kapitals vervierfacht, von rund 4 auf über 16 Mrd. US-Dollar. Größtes Investitionsziel bleibt nach wie vor Mauritius, aber in letzter Zeit schießen auch südafrikanische Investitionen in Nigeria in die Höhe. Im Zeitraum 2005 bis 2008 wurden 28 Prozent aller Firmenaufkäufe in Afrika von Afrikanern selbst getätigt, mit steigender Tendenz. Auch der innerafrikanische Handel nimmt beständig zu.

Von der Abhängigkeit zur Verflechtung

Die guten Daten heißen nicht, dass Afrikas Abhängigkeit von außen sich verringert. Sie verändert sich jedoch – sie wird mehr zu einer Verflechtung und Vernetzung. Afrika wird zum Akteur der Globalisierung, seine Integration in die Weltwirtschaft ist so gut wie vollzogen. Das bedeutet auch, dass man sich von außen keine Vorschriften mehr machen lassen will. Afrikas Politik hat sich in dieser Hinsicht tiefgreifend verändert seit der Zeit, als Diktatoren vor allem aus ihrem Klientenstatus Profit schlagen konnten und Militär- oder Finanzhilfen für geopolitische Bündnistreue kassierten.

Die zunehmende ökonomische Verflechtung Afrikas ist eine sichtbare Folge der raschen Urbanisierung und der Herausbildung einer äußerst selbstbewussten und zugleich kosmopolitischen afrikanischen Mittelklasse, die nur darauf wartet, die Geschicke ihrer Länder selbst in die Hände zu nehmen. Diese neue, konsumkräftige Schicht kann es in Afrika zusammengenommen zahlen- und kaufkraftmäßig durchaus mit jener in Indien oder China aufnehmen. Es bildet sich ein afrikanischer Kapitalismus heraus, der den eigenen Kontinent prägt und seine internen Machtverhältnisse nachhaltig verändert, weil zum ersten Mal mächtige afrikanische Geschäftsleute und nicht mehr wie früher bloß Unternehmer aus anderen Kontinenten an afrikanische Regierungen mit Forderungen herantreten, ökonomische Gestaltungsmacht beanspruchen und entsprechende politische Rahmenbedingungen verlangen.

Zum ersten Mal ist in Afrika heute nicht mehr der Staat der Hauptakteur der Modernisierung. Er setzt die Ziele und Rahmenbedingungen und treibt die Menschen an, aber er handelt nicht an ihrer Stelle. Afrikas Modernisierung beruht heute nicht mehr auf einer aufgeblähten, künstlichen Staatswirtschaft, sondern auf der Entstehung einer kapitalkräftigen einheimischen Mittelschicht, die in der Lage ist, auf Augenhöhe mit ausländischen Partnern und Investoren umzugehen, über den Tellerrand der nationalen Grenzen hinauszublicken und als gestaltender Akteur in der Globalisierung mitzuspielen.

Dies ist der entscheidende Unterschied zwischen der afrikanischen Modernisierung der Gegenwart und den idealistischen Aufbauplänen der unmittelbaren Nachkolonialzeit. Die neue afrikanische Bourgeoisie entsteht zumeist im engsten Umfeld der Regierenden; sie ist zwar gesellschaftlich und kulturell durchaus innovativ, politisch allerdings eher konventionell; ihr Einfluss ist oftmals vom Machterhalt der Regierungen abhängig. Die daraus entstehende Symbiose zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen einer neuen Elite ist der eigentliche Motor von Afrikas Aufschwung im 21. Jahrhundert.

 


[1]Die im afrikanischen Diskurs sehr einflussreiche McKinsey-Studie „Lions on the move. The progress and potential of African economies“ (Juni 2010) hat den Löwen-Begriff endgültig durchgesetzt.

[2]Achieving Strong, Sustained and Shared Growth in Africa in the Post-crisis Global Economy, Vorbereitungspapier der Afrikanischen Entwicklungsbank AfDB für den G 20-Gipfel in Seoul, November 2010.

[3]Diese und folgende Angaben aus UNECA/AU, Economic Report on Africa 2010; AfDB, „Africa & Glo-
bal Economic Trends Quarterly“, versch. Ausgaben 2010; AfDB-Papier, a.a.O.; McKinsey-Studie, a.a.O.

[4]Vor allem im Vorfeld des G 8-Gipfels von Heiligendamm 2007. 

[5]Peter Draper, Sheila Kiratu und Cézanne Samuel, The Role of South African FDI in Southern Africa, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Discussion Paper 8/2010, Bonn, Juli 2010.

(aus: »Blätter« 4/2011, Seite 55-68)
Themen: Afrika und Wirtschaft

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