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Weniger Wachstum = Mehr Glück

von Rudolf Hickel

Dass die Atomkatastrophe nach Einschätzung etlicher Ökonomen positive wirtschaftliche Effekte haben wird, da jede Zerstörung Wiederaufbau und damit Wachstum zeitigt, verweist auf den Irrsinn der herrschenden „Magie des Wachstums“ (Harald Welzer, „Blätter“, 6/2010). Die fehlgeleitete Messung von Wohlstand kritisiert Rudolf Hickel.

Die Atomkatastrophe in Japan wie auch die Revolutionen in Arabien haben unter anderem eine gewaltige ökonomische Konsequenz: den rasant steigenden Ölpreis. Zusammen mit der nahenden – oder bereits erfolgten – Überschreitung der Höchstfördermenge (Peak Oil) wird damit die Frage nach Alternativen zum herrschenden westlichen Lebens- und Wachstumsmodell immer drängender. Denn in diesem, auf bloße Expansion der Märkte ausgerichteten Modell wird der Einsatz von Öl prinzipiell als wohlstandssteigernd erfasst, ohne jede Rücksicht auf die daraus resultierenden Umweltprobleme.

Mit dieser und vielen anderen Paradoxien beschäftigt sich auch die Enquetekommission des Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zum nachhaltigen Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt in der sozialen Marktwirtschaft“, die am 17. Januar d. J. ihre Arbeit aufgenommen hat. Im Mittelpunkt ihrer Debatten steht die Entwicklung eines angemessenen Messkonzeptes für gesellschaftlichen Wohlstand. Nach wie vor wichtigster Wohlstandsindikator ist derzeit das Bruttoinlandsprodukt (BIP) als Messwert für die gesamtwirtschaftliche Produktionsleistung Deutschlands. Erfasst wird dabei der Wert der im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen. Nicht berücksichtigt werden die Waren, die als Vorleistungen für die Produktion genutzt werden. Beim BIP handelt es sich also um eine Nettoproduktionsgröße über die Warenproduktion, die zur Endverwendung zur Verfügung steht. Das sind alle privaten und öffentlichen Konsumausgaben sowie die privatwirtschaftlichen und öffentlichen Investitionen.

Die Mängel und Paradoxien dieses Indikators sind unübersehbar: Das BIP berücksichtigt im Prinzip nur preisbewertete Waren, also Güter und Dienstleistungen, die für Märkte produziert werden. Auf diese Weise werden Autounfälle, die mit viel menschlichem Elend verbunden sind, als Wohlstandsgewinn verrechnet: Denn Unfälle führen zu einem Zuwachs des BIPs: durch Neukauf, Reparaturen, medizinische Leistungen, ja sogar durch die Dienstleistungen, die die Bestattungsbranche erbringt. Dieser „Wohlstandszuwachs“ steht offensichtlich im Widerspruch zu den wohlstandsmindernden menschlichen Belastungen.

Hinzu kommt: Schattenwirtschaftliche Produktionen, die illegal ausgeübt werden, sind äußerst schwer zu erfassen. Zudem finden Dienstleistungen ohne Preise keine Berücksichtigung, wie etwa Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliche Tätigkeiten. „Preisfreie“ Hausarbeit, die nach wie vor insbesondere Frauen verrichten, wird ebenfalls nicht erfasst. Schließlich werden die auf die Umwelt abgeladenen ökologischen Kosten der privatwirtschaftlichen Produktion und Konsumtion systematisch ausgeblendet. Dagegen lassen Aufwendungen zur Reparatur der Umwelt die gesamtwirtschaftliche Produktion wachsen. Auch die Frage nach der Verteilung der Einkommen und Vermögen, die mit dem BIP entstehen, erfährt keine Berücksichtigung. Der BIP-Zuwachs der letzten Jahre konzentrierte sich eindeutig auf die ökonomisch Wohlhabenden, während beispielsweise Beschäftigte im Niedriglohnsektor Einkommenseinbußen hinnehmen mussten. Kurzum: Mit dem Aufstieg des Bruttoinlandsproduktes zum einzigen Wohlfahrtsmaß ist das Interesse an den realen Lebensbedingungen der Menschen verloren gegangen.

»Beim Bruttoinlandsprodukt erfährt die Einkommensverteilung keine Berücksichtigung«

Mit der Enquetekommission wird diesen Problemen jetzt endlich – wenigstens theoretisch – zu Leibe gerückt. Dabei kann die Politik auf eine lange Tradition der Kritik am BIP und der Suche nach anderen Wohlstandsindikatoren in der Wissenschaft zurückgreifen.

Die erste wichtige Etappe setzte Anfang der 70er Jahre ein. Wie ein Paukenschlag wirkte dabei die 1972 vom Club of Rome vorgelegte Studie „Grenzen des Wachstums“. Die Wachstumsbegrenzung durch wachsende ökologische Belastungen und die drohende Gefahr knapp werdender natürlicher Ressourcen, insbesondere des Rohstoffs Öl, stand hier im Mittelpunkt. Im selben Jahr fand eine weithin Aufsehen erregende Konferenz von SPD und IG Metall unter der Leitung von Erhard Eppler und Otto Brenner in Oberhausen statt. In den fünf Konferenzbänden wurde erstmals der allerdings bis heute vage Leitbegriff „qualitatives Wachstum“ verwendet und eine ökologische Besteuerung gefordert.

1990 wurde der in der heutigen Debatte viel zu wenig berücksichtigte Index der humanen Entwicklung (Human Development Index, HDI) geschaffen. Dadurch sollte der „Mensch zum Maßstab“ der Entwicklung werden. Unter dem wissenschaftlichen Einfluss des Nobelpreisträgers Amartya Sen wurde der HDI zur offiziellen Meßgröße. Neben dem Teilindex zum materiellen Wohlstand (BIP pro Kopf) berücksichtigt dieser Indikator den Zugang zu Wissen (Alphabetisierung, Einschulungsquote) sowie die Chancen für ein langes und gesundes Leben.

Anlässlich des 20. Jubiläums ist dieser Index 2010 auf der Basis von methodischen Verbesserungen um ein Maß zu den ungleichen Chancen auf Einkommen, Bildung und Gesundheit erweitert worden. Infolge dieses modifizierten „Human Development Index“ rutschten die USA unter 169 Ländern gegenüber dem alten Index von Rang vier auf Rang dreizehn ab.

Die jüngste Etappe basiert auf der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission, dienach den Wissenschaftlern Joseph Stiglitz (USA), Amartya Sen (Indien) und Jean-Paul Fitoussi (Frankreich) benannt wurde. 2010 legte sie nach anderthalbjähriger Arbeit ein umfassendes Messsystem der ökonomischen Leistung, des sozialen Fortschritts sowie der ökologischen Nachhaltigkeit vor. An Stelle des BIP rückt die Kommission ein gesellschaftliches Nettoinlandsprodukt in den Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei werden die sozialen, menschlichen und ökologischen Verluste aus dem BIP herausgerechnet und die kostenlos angebotenen öffentlichen Dienstleistungen im Bereich der Bildung und der Gesundheitsleistungen mit einbezogen. Auch die Verteilung von Vermögen und Einkommen sowie die unterschiedliche Chancenverteilung zwischen den sozial-ökonomischen Gruppen werden berücksichtigt. Unentgeltliche Tätigkeiten wie Hausarbeit, Kindererziehung Pflege, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Arbeit werden zudem geldbewertet erfasst. Zum Indikator Lebensqualität werden Gesundheit, Lebenserwartung, Bildung, persönliche Verfügbarkeit und Nutzung von Zeit (Zeitbudgetierung), Umweltbedingungen und existenzielle Unsicherheiten als Kriterien herangezogen. Unter dem Stichwort „Nachhaltigkeit und Umwelt“ wird vor allem das Wohlfahrtsniveau heutiger und künftiger Generationen berücksichtigt. Um der Gefahr vorzubeugen, dass bei der Gewichtung der einzelnen Komponenten politisch-ideologische Erwartungen eine Rolle spielen, machte die Kommission einen unkonventionellen Vorschlag: Über die Homepage der statistischen Landesämter können die Bürger eine individuelle Wertung abgeben.

»Die Ökonomie des Glücks ist mehr als nur eine vage Idee«

Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission hat viele Initiativen zur Arbeit an einem „Glücksindikator“ ausgelöst. Die EU etwa verpflichtet sich zur Schaffung eines Messkonzepts unter dem Titel „BIP und mehr“. Die Bundeskanzlerin und der französische Staatspräsident haben ihre jeweiligen Räte für ökonomischen Sachverstand aufgefordert, gemeinsam ein handhabbares Wohlstandskonzept zu entwickeln. Und der britische Premierminister David Cameron fordert explizit die Entwicklung eines „Glücksindikators“. Dieser aber steht in eklatantem Widerspruch zu den herrschenden ökonomischen Glaubenssätzen.

Die traditionelle Wirtschaftswissenschaft lehrt den Grundsatz: Mit steigendem Einkommen und Vermögen wächst auch der Nutzen für eine Gesellschaft. Dahinter steht der nur auf die ökonomische Nutzenmaximierung ausgerichtete Mensch, der „homo oeconomicus“. Er definiert sein ökonomisches Glück ohne Blick auf die Mitmenschen und die Gesellschaft. Auf Basis dieser einzelwirtschaftlichen Betrachtung verfolgt die Gesamtwirtschaft das Ziel, das Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Ohne Rücksicht auf die negativen Folgen wird diese gesamtwirtschaftliche Produktion auf Basis der Summe aller Einzelinteressen zum einzigen Wohlstandsindikator.

Gegen diese festgefügten Glaubenssätze wendet sich die seit Jahren boomende Glücksökonomie mit bahnbrechenden Erkenntnissen. So entdeckte der Glücksökonom Richard Easterlin von der University of Southern California das „Easterlin-Paradox“: Es beschreibt einen auffälligen Widerspruch zwischen Lebenszufriedenheit und Einkommensentwicklung. Obwohl das amerikanische BIP zwischen 1975 und 1995 real um 40 Prozent angestiegen ist, fühlten sich die Befragten im Vergleich zu ihren Eltern und Großeltern keineswegs glücklicher – trotz Plasmafernseher, Playstation und vielen anderen neuen Konsumgütern. Diese Ergebnisse werden durch Untersuchungen in anderen hoch industrialisierten Ländern bestätigt. Das Glück, das mit dem Indikator Lebenszufriedenheit gemessen wird, hängt offensichtlich auch noch von anderen Faktoren ab.

Eine mögliche Erklärung dafür lieferten Justin Wolfers und Betsy Stevenson: Demnach steigt nur in armen Ländern mit wachsendem Einkommen die allgemeine Lebenszufriedenheit. Ab einem gesicherten elementaren Existenzminimum löst sich dagegen dieser Zusammenhang auf. Über die Grundbedürfnisse hinaus stiftet zusätzliches Einkommen nur noch dann Nutzen, wenn die Nutznießer im Vergleich zu anderen besser dastehen. Steigt jedoch das Einkommen aller, dann macht dies nicht mehr, sondern sogar weniger zufrieden. Entscheidend ist also die relative Statusposition im Vergleich zu den anderen. Belegt wird dieses Muster durch das berühmt gewordene Experiment mit Studierenden der Harvard-Universität. Sie sollten auf die Frage antworten, in welcher Welt sie lieber leben würden: In einer Welt, in der sie selbst 50 000 Dollar, andere jedoch nur halb soviel verdienen, oder in einer Welt, in der sie 100 000 Dollar verdienen, die anderen jedoch doppelt soviel. Die Mehrheit entschied sich für das erste Szenario.

Eine andere Studie ergab, dass Arbeitslose in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit besser zurechtkommen als in Regionen mit niedriger Arbeitslosigkeit und einer größeren Chance, einen neuen Job zu finden. Entscheidend ist das Ausmaß der Ausgrenzung und die damit verbundene mangelnde Selbstachtung, die durch viele Leidensgenossen gelindert wird.

Der Glücksökonom Bruno S. Frey fügt eine weitere Erkenntnis hinzu: Mit wachsenden Einkommen steigen die Ansprüche und damit das Konsumbedürfnis. Die Lebenszufriedenheit stagniert nach wenigen Jahren stark, die eben noch gewachsene materielle Lebensqualität geht wieder verloren. Grund dafür sind die massive Einschränkung sozialer Beziehungen, das Scheitern von Ehen sowie die Zunahme psychischer Krankheiten, insbesondere der neuen Volkskrankheit Depression. Dieses Elend der eindimensionalen Leistungsgesellschaft wird am Ende zur Wachstumsbremse.

Besonders interessant ist ein Vergleich zwischen entwicklungsschwachen und hochentwickelten Ländern: In Kenia lässt sich trotz der vielen HIV-Infizierten eine höhere Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem feststellen als in den USA. Der Nobelpreisträger Armartya Sen führt das darauf zurück, dass für das gefühlte Glück der Vergleich zwischen den eigenen Lebensumständen und den Möglichkeiten in der Gesellschaft entscheidend ist. Die Erforschung der Lebenszufriedenheit zeigt außerdem, dass diese entscheidend vom sozialen Zusammenhalt und der ökologischen Verfasstheit einer Gesellschaft abhängt. Denn der Abbau von sozial-ökonomischer Ungleichheit erhöht die Akzeptanz der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Auch wenn die Ergebnisse der Glückökonomie nicht unumstritten sind, können sie wichtige Impulse für ein neues nachhaltiges Wohlstandsmaß geben. Für eine Politik im Dienst der Glücksökonomie gilt jedenfalls ein Satz des Aristoteles aus der „Nikomachischen Ethik“: Das „Zielgut der Staatskunst“ und „das höchste Gut im Gebiet des Handelns“ ist die Glückseligkeit. Diese kann aber nur dann erreicht werden, wenn die Menschen – und am besten alle Menschen – tatsächlich an ihr teilhaben. 

(aus: »Blätter« 4/2011, Seite 37-40)
Themen: Wirtschaft

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